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Full text of "Geschichte Der Christlichen Litteraturen Des Orientes"

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Geschichte der 
christlichen 
Litteraturen 
des Orients 



Carl Brockelmann, 
Franz Nikolaus 
Finck, Johannes .. 



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Cfje &!)eologtcal Sdjool in 
^arbart SSmbersitg 




ANDOVER-HARVARD THEOLOGICAL 
LIBRARY 

MDCCCCX 

CAMBRIDGE, MASSACHUSETTS 



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PROM THE LIBRARY OF 

PROFESSOR WILLIAM R. ARHOLi 

1930 



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Die 

Litteraturen des Ostens 

in Einzeldarstellungen, 



Bearbeitet 

TOD 

Dr. G. Alexici, Budapest; Prof. D. A. Bertholet, Basel; Prof. Dr. C. Brockel- 
mann, Königsberg; Prof. Dr. A. Brückner, Berlin; Prof. D. K. Budde, 
Marburg; Dr. K. Dieterich, Leipzig; Privatdozent Dr. F. N. Finck, Berlin; 
Prof. Dr. K. Florenz, Tokyo; Prof. Dr. W. Grube, Berlin; Prof. Dr. P. Hörn, 
Straßburg; Prof. Dr. J. Jakubec, Prag; Dr. I. Kont, Paris; Privatdozent Dr. 
Johs. Leipoldt, Halle; Prof. Dr. Enno Littmann, Straßburg i. E.; Prof. Dr. 
M. Murko, Graz; Prof. Dr. M. Winternitz, Prag. 



Siebenter Band. 

Zweite Abteilung: 



Die syrische und die christlich- 
arabische Litteratur. 

Von 

Professor Dr. C Brockelmann. 



Geschichte der armenischen 
Litteratur. 

Von 

Privatdozent Dr. Franz Nikolai» Finck. 



Geschichte der koptischen 
Litteratur. 



Von 



Privatdozent Dr. Johannes Leipoldt 



Geschichte der äthiopischen 
Litteratur. 

Von 

Professor Dr. Enno Littmann. 



Leipzig, 

C. F. Amelangs Verlag. 

1907. 



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Geschichte 



der 



christlichen Litteraturen 
des Orients 



von 



C. Brockelmann Johannes Leipoldt 

Franz Nikolaus Finck Enno Littmann. 




Leipzig, 

C. F. Amelangs Verlag. 

1907. 



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Amdovef-Haävard 

raEOLOGfCALLiBRAÄr 
CAMBRIDGE, MASS. 



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Alle Rechte vorbehalten 



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Vorwort. 



Dank dem bereitwilligen Entgegenkommen meiner Herren 
Mitarbeiter hat sich der Plan einer Geschichte der christlichen 
Litteraturen des Orients, den ich vor Jahren entworfen hatte, 
der aber, wie ich bald erkannte, die Kräfte eines Einzelnen weit 
überstieg, nunmehr ausführen lassen. Leider liefs sich für die 
georgische Litteratur kein sachkundiger und zugleich des Deut- 
schen mächtiger Bearbeiter gewinnen. 

Über die bisherigen Bearbeitungen der armenischen, kopti- 
schen und äthiopischen Litteratur ist in den Vorbemerkungen 
zu den einzelnen Abschnitten Bericht erstattet. Für die syrische 
Litteratur standen mir die ausgezeichneten, aber doch beide von 
anderen Gesichtspunkten ausgehenden Darstellungen von W. 
Wright (A short history of Syriac literature, London 1894) 
und R. D u v a 1 (La littärature syriaque. Bibliothfeque de Penseigne- 
ment de Phistoire eccl£siastique. Anciennes littöratures chrgtiennes. 
Vol. IL Paris 1899. 2. ed. 1901) zur Verfügung. Nöldekes 
Bearbeitung in Teil 1, Abt. VII von Hinnebergs »Die Kultur 
der Gegenwartc war mir leider noch nicht zugänglich. Für die 
christlich-arabische Litteratur, die sich freilich an Wichtigkeit 
mit den anderen nicht messen kann, kommt eigentlich nur 
G. Grafs Skizze (Strafsburger Theol. Studien VII, 1) in Betracht. 

C. Brockelmann. 



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Inhalt. 

Seite 

Brockelmann, Die syrische und die christlich-arabische 

Litteratur 1 

I. Die Anfänge der syrischen Litteratur in heidnischer Zeit 3 

II. Die Anfänge der christlichen Litteratur 7 

III. Die älteste Litteratur in Edessa 10 

IV. Die ältesten Klassiker: Aphraates und Ephraem, Balai 

und Cyrillonas 15 

V. Die Zeit der Kirchenspaltung 22 

VI. Die Anfänge der syrischen Geschichtschreibung 30 

VII. Übersetzungen und profane Wissenschaften 40 

VIII. Der Niedergang der syrischen Litteratur bis zur und unter 

der arabischen Herrschaft 45 

IX. Die syrische Litteratur unter der islamischen Herrschaft 

im 8. und 9. Jahrhundert 51 

X. Die syrische Litteratur im 10. und 11. Jahrhundert ... 55 

XI. Die syrische Litteratur im 12. und 13. Jahrhundert ... 58 

XII. Anfänge einer neusyrischen Volkslitteratur 65 

XIII. Die Litteratur der Christen in Palästina 66 

XIV. Die christlich-arabische Litteratur 67 



Finck, Geschichte der armenischen Litteratur . . 75 

Einleitung 77 

I. Das goldene Zeitalter (5. Jahrhundert) 82 

II. Die Zeit der Nachblüte (6.— 11. Jahrhundert) 99 

III. Die Zeit der Wiederbelebung des Klassizismus und der 
Anfänge eines volkstümlichen Schrifttums ( 1 2. Jahrhundert) 111 

IV. Die Zeit des Niederganges (13.-18. Jahrhundert) .... 122 



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— VIII — 

Seite 

Leipoldt, Geschichte der koptischen Litteratur . . 13 1 



Littmann, Geschichte der äthiopischen Litteratur . 185 

Vorbemerkung 187 

Historische Einleitung 189 

I. Geschichtlicher Überblick über die Entwicklung der äthiopi- 

schen Litteratur 202 

1. Die aksumitische Periode 203 

2. Die Periode des Wiedererwachens der weltlichen und 

geistlichen Macht 204 

3. Die Zeit des Königs Zar'a Yä'kob und seiner nächsten 

Nachfolger 208 

4. Die Zeit der grofsen Kriege gegen Muslimen und 

Galla und der ersten Religionsstreitigkeiten von 

1520-1600 215 

5. Die Zeit der Religionskämpfe im 17. Jahrhundert . 219 

II. Die einzelnen Litteraturzweige 223 

1. Die Bibel 223 

2. Theologische und kirchliche Litteratur 228 

3. Magische Litteratur 234 

4. Geschichtliche Litteratur 240 

5. Andere Profanlitteratur. Philosophie, Philologie, 

Rechtslitteratur 254 

6. Volkslitteratur 260 

Quellennachweise 270 

Register 271 



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Die syrische und die christlich -arabische 

Litteratur. 



Von 

C Brockelmann. 



Litteratnren des Ostens. VII, t. 



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I. Die Anfinge der syrischen Littcratur in heidnischer Zeit. 

Von den Semiten, die in vorchristlicher Zeit von Arabien 
aus die Kulturländer im Norden überflutet hatten, waren die 
Aramäer die letzten gewesen. Im Osten, in Babylonien und 
Assyrien, wuchsen sie in die dort seit alters heimische hoch- 
entwickelte Kultur hinein. Im Westen, dem später sogenannten 
Syrien, namentlich zu Damaskus, gelang es ihnen, in mehreren 
Kleinstaaten ihre politische Selbständigkeit zu bewahren. Im 
Norden endlich, in Mesopotamien, scheinen sie am längsten ihre 
ursprüngliche nomadische Lebensweise beibehalten zu haben. 

Eine bedeutende, selbständige Rolle in der politischen Ge- 
schichte Vorderasiens zu spielen war den Aramäern niemals ver- 
gönnt. Die grofsen Weltreiche, das assyrisch-babylonische, das 
persische, das hellenische und das römische, hielten sie nach- 
einander in Abhängigkeit. Als Erben der babylonischen Kultur 
aber bildeten sie ein sehr wirksames Ferment bei dem Ausgleich 
der nordsemitischen Nationalitäten in diesen Weltreichen. Ihre 
Sprache verdrängte schon im 8. Jahrhundert v. Chr. die 
babylonisch-assyrische aus dem Gebrauch des täglichen Lebens 
selbst an ihren ursprünglichen Heimstätten, und unter dem Perser- 
reich wurde sie die internationale Verkehrssprache des vorderen 
Orients. Diese ihre Verbreitung begünstigte auch ihre einfache 
und bequeme Schrift, eine Tochter des altsemitischen Alphabets. 
Unter der Herrschaft des Hellenismus und des Römerreichs wurde 
die Stellung des Aramäischen als offizieller Sprache allerdings 
stark durch das Griechische eingeschränkt. Trotzdem behauptete 
es sich als Schriftsprache noch weit über seine ursprünglichen 
Grenzen hinaus z. B. in fast ganz Nordarabien. 

Litterarische Bedeutung aber hatte das Aramäische in vor- 
christlicher Zeit nur erst in beschränktem Umfang erlangt. Bei 
den Juden trat es an die Stelle der altererbten hebräischen 
Sprache, und so gehören die ältesten Denkmäler des Aramäischen 

1* 



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— 4 — 

in das Gebiet der jüdischen Litteratur. Aber auch von den heid- 
nischen Aramäern dürfen wir vermuten, dafs sie im Besitz einer, 
wenn auch vielleicht nicht sehr ausgedehnten Litteratur gewesen 
sind. Im eigentlichen Babylonien wurde das Aramäische aller- 
dings noch lange als Literatursprache durch das von der Keil- 
schrift unzertrennliche Babylonisch, das wir bis in das 2. Jahr- 
hundert v. Chr. im litterarischen Gebrauche nachweisen können, 
in seiner Entwicklung zurückgehalten. Im Zentrum der heid- 
nischen Kultur Mesopotamiens aber, in Harrän, war das Ara- 
mäische auch in der religiösen und wissenschaftlichen Litteratur 
zur Herrschaft gelangt. Von diesen Schriften ist uns leider nichts 
erhalten, da die dortige Kultur von dem sie später von allen 
Seiten umgebenden Christentum völlig isoliert war; in dieser 
Isolierung hat sie sich freilich bis tief in die islamische Zeit 
hinein erhalten, ihr letzter Tempel ward erst im Jahre 1231 von 
den Mongolen zerstört. 

Nur ein litterarisches Denkmal des altmesopotamisch-aramäi- 
schen Heidentums hat sich, wie es scheint, uns noch erhalten. 
Das ist die Geschichte des weisen Ahiqar, die ihrer allgemein- 
moralischen Tendenzen halber auch später bei den christlichen 
Syrern noch Leser fand. Die Ahiqarsage gehört zu jenen inter- 
nationalen Erzählungen, die im Mittelalter in ganz Vorderasien 
und Europa verbreitet waren. Doch ist dieser Stoff bereits 
in erheblich früherer Zeit bezeugt als die meisten seiner Ver- 
wandten. Schon in dem jüdischen Buche Tobit finden sich deut- 
liche Anspielungen an diese Sage, sie mufs aber auch recht früh 
nach Westen gewandert sein, denn sie hat ihren Weg in die 
Äsopbiographie des Planudes gefunden. Die syrische Version, die 
ihrerseits den späteren orientalischen Versionen, der armenischen, 
arabischen und abessinischen , sowie durch Vermittelung der 
byzantinischen Übersetzung auch den slawischen Quellen zugrunde 
liegt, kann nun nicht, wie man früher wohl vermutet hat, erst 
aus den Anspielungen des Buches Tobit und aus dem Stoffe der 
Äsopbiographie hervorgewachsen sein. Sie ist vielmehr von diesen 
unabhängig und ihrem ganzen Charakter nach jedenfalls in 
Mesopotamien bodenständig, wenn auch in ihr zwei ursprünglich 
voneinander unabhängige Motive verflochten sein mögen. 

Die uns jetzt vorliegende Gestalt der Ahiqarsage zerfällt offenbar 
in zwei von Haus aus verschiedene Teile, und es scheint, dafs der Ver- 



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— 5 — 

fasser des Buches Tobit nur den ersten Teil allein gekannt hat. 
Dieser erzählt uns von Ahiqar als dem weisen Minister des Königs 
Sanherib von Assyrien, der, anfangs der Vielgötterei ergeben, sich 
dann zu dem einen Gotte bekehrte. Aber auch dieser versagte ihm 
die Erfüllung seiner Sehnsucht nach einem Leibeserben zur Strafe 
für seinen früheren Unglauben. Statt dessen adoptiert er seinen Neffen 
Nadan. Als auch der König diesen als seinen künftigen Nachfolger 
bestätigt hat, teilt er ihm die Summe seiner Lebenserfahrung in einer 
Sentenzensammlung mit, die dem Verfasser offenbar als der Kern seines 
Werkes galt. Dann setzt er seinen Neffen in sein Amt und sein Ver- 
mögen ein und zieht sich auf ein Altenteil zurück. Nadan aber täuscht 
die in ihn gesetzten Hoffnungen, indem er das Vermögen seines Oheims 
verschleudert und seine Ehre durch üble Nachrede antastet. Zur Strafe 
dafür entzieht ihm Ahiqar sein Erbe und übergibt es seinem jüngeren 
Bruder Nabuzaradan. Um sich zu rächen, spielt Nadan dem König 
zwei gefälschte Briefe Ahiqars an den König von Persien und den 
Pharao von Ägypten in die Hände, die ihn als Verräter erscheinen 
lassen. Ahiqar täuscht er durch einen untergeschobenen Brief des 
Königs, der ihn auffordert, bei einer Parade einen Scheinangriff auf ihn 
zu machen. Als Ahiqar diesen Befehl ausführt, sieht der König darin 
eine Bestätigung seines vermeintlichen Hochverrats, läfst ihn verhaften 
und verurteilt ihn zum Tode. Durch eine List seiner Frau wird Ahiqar 
gerettet und hält sich in einem Keller seines Hauses verborgen. 

Mit dieser Geschichte vom undankbaren Neffen ist ein zweites 
Motiv, das des gewandten und im Rätselraten erfahrenen Ministers, das 
in Indien in mehreren Gestalten selbständig auftritt und dort ein- 
heimisch zu sein scheint, verbunden. Nach Ahiqars Verschwinden wird 
Nadan sein Nachfolger. Da sich seine Unfähigkeit bald zeigt, sucht 
Pharao diese Notlage des Königs von Assyrien auszunutzen. Er stellt 
ihm die Alternative, eine Burg in der Luft zu erbauen und dafür drei 
Jahre hindurch Tribut von Ägypten zu empfangen oder diesen seiner- 
seits zu zahlen, wenn er dazu nicht imstande sei. Da Nadan diese 
Aufgabe nicht lösen kann, bereut der König, Ahiqar getötet zu haben, 
erfährt dann, dafs er noch am Leben sei, und läfst ihn voll Freude 
aus seinem Verstecke holen. Ahiqar begibt sich nach Ägypten, 
führt des Pharaos Verlangen ad absurdum und löst eine Reihe von 
Rätselfragen und Aufgaben. Reich beschenkt kehrt er dann nach 
Ninive zurück und bittet den König Sanherib, ihm zum Danke seinen 
Neffen Nadan auszuliefern. Er setzt ihn gefangen und führt ihm täg- 
lich in Gleichnisreden seine Bosheit zu Gemüte, bis Nadan stirbt 1 ). 



') The story of Ahikar from the syriac, arabic, armenian, ethiopic, greek 
and slavonic versions by F.C. Conybeare, J. Rendel Harris and A. Smith- 
Lewis, London 1898; vgl. Lidzbarski, Theol. Litztg. 1898, S. 608; P. Marc, 
Die Ahikarsage, ein Versuch zur Gruppierung der Quellen, Studien zur vergl. 
Litgesch. II, 393—411; W. Bousset, Zeitschr. für neutest. Wiss. 1905, 180—193. 



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Die Hellenisierung der Aramäer hatte im westlichen Syrien 
ohne Zweifel gröfsere Fortschritte gemacht als in Mesopotamien. 
Wenn aber auch in den Städten die Kenntnis des Griechischen 
weit verbreitet war, so war dies doch noch keineswegs als 
Sprache aller Gebildeten durchgedrungen. Als Litteratursprache 
freilich diente in diesen Gegenden auch noch mehrere Jahrhunderte 
nach der Christianisierung in erster Linie das Griechische. Nicht 
nur Lukian von Samosata, auch Eusebius von Cäsaräa, Titus von 
Bostra und Severus von Antiochia schrieben in griechischer Sprache, 
und ihre Werke mufsten später ihren Landsleuten erst wieder 
durch Übersetzungen in ihre Muttersprache zugänglich gemacht 
werden. Doch ist uns ein merkwürdiges Dokument erhalten, 
das jedenfalls beweist, dafs auch Westsyrer, die hellenische Bildung 
stark auf sich hatten wirken lassen, ihre Muttersprache zum Aus- 
druck hellenischer Gedanken zu verwenden nicht verschmähten. 
Es ist das ein Brief, den ein Mann aus Samosata, Mara bar 
Sarapion, an seinen in der Fremde studierenden Sohn richtete, 
und in dem er ihm auf Grund stoischer Popularphilosophie Ver- 
haltungsmafsregeln für sein Leben erteilt. Das Schriftchen scheint 
von Hause aus wirklich als Privatbrief abgefafst und um seines 
moralischen Irjjialts willen erst später in den allgemeinen litterari- 
schen Verkehr gekommen zu sein, in dem es sich dann auch noch 
in christlicher Zeit aus demselben Grunde erhielt. Dieser sein 
Charakter als Privatbrief bringt es mit sich, dafs sich Zeit und 
Umstände der ersten Niederschrift nicht mehr mit Sicherheit fest- 
stellen lassen. Es scheint, dafs der Briefschreiber in eine politische 
Bewegung unter der Bürgerschaft von Samosata verwickelt war, 
von der wir sonst nichts wissen, die aber von den römischen 
Machthabern durch eine Deportation der Rädelsführer nach Seleucia 
unterdrückt wurde. Wie es scheint, entzog sich der Schreiber der 
Katastrophe zunächst durch die Flucht, schlofs sich dann aber 
den Deportierten an. Der erste Herausgeber des Briefes, Cureton, 
hielt den Verfasser noch für einen Christen aus dem einfachen 
Grunde, weil damals eine syrische Litteratur ohne das Christen- 
tum noch für undenkbar galt. Nichts aber in dem Briefe deutet 
auf christliche Gesinnung des Autors, der sich ausschliefslich in 
den Gedankengängen und moralischen Maximen der späteren 
Stoa bewegt 1 ). 



') Fr. Schulthess, Der Brief des Mara bar Sarapion, ZDMQ LI, 365— 4M. 



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— 7 — 

Noch an einer dritten Stelle endlich können wir schon für 
die heidnische Zeit den litterarischen Gebrauch des Syrischen fest- 
stellen. In der Hauptstadt des nördlichen Mesopotamiens, in 
Edessa, der Wiege, wie wir sehen werden, der christlich-syrischen 
Litteratur, herrschte 132 v. bis 216 n. Chr. eine ursprünglich 
arabische Dynastie, die aber in hohem Mafse den Einflüssen der 
sie umgebenden alten, aramäischen Kultur zugänglich war. Wie 
an anderen grölseren und kleineren Höfen des vorderen Orients 
fühlte man auch in Edessa das Bedürfnis, wichtigere, die Dynastie 
und die Stadt betreffende Ereignisse der Nachwelt zu tiberliefern. 
Von diesen Aufzeichnungen ist uns noch ein Bericht über eine 
Wassersnot erhalten, die die Stadt im Jahre 201 n. Chr. heim- 
suchte und den König Abgar IX. zu allerlei baulichen Ver- 
änderungen veranlafste. Dieser Bericht ist nach Abschlufs der 
Bauten im Jahre 206 abgefafst; er ward in dem seit etwa 313 
bestehenden Archiv der christlichen Bischöfe der Stadt aufbewahrt 
und fand so in die gegen Ende des 6. Jahrhunderts entstandene 
edessenische Lokalchronik Eingang. 

II. Die Anfinge der christlichen Litteratur. 

Ihre eigentliche Bedeutung gewann die syrische Litteratur 
erst durch das Christentum. Leider sind wir über dessen älteste 
Ausbreitung in Mesopotamien sehr mangelhaft unterrichtet 
(vgl. Harnack, Mission, S. 440 ff.). Die Legende bringt frei- 
lich die christliche Gemeinde von Edessa schon mit dem Heiland 
selbst in unmittelbare Verbindung durch den angeblichen Brief- 
wechsel zwischen König Abgar und Jesu. Um das Jahr 190 
mag das Christentum in der Umgegend von Edessa schon ziem- 
lich verbreitet gewesen sein ; die Könige der Stadt aber scheinen 
bis zum Ende ihrer Herrschaft am Heidentum festgehalten zu 
haben (Gomperz, Arch. - epigraph. Mitt. aus Österr.-Ung. 19, 
S. 154—157). 

Wie es scheint, ist der Ursitz der syrischen Kirche überhaupt 
nicht in Edessa, sondern in der Adiabene zu suchen. Wie 
Marquart (Ostas. und osteurop. Streif züge, S. 292 ff.) gezeigt 
hat, gab es dort schon früh eine starke jüdische Kolonie, der es 
sogar gelang, die Herrscher des Landes zu ihrer Religion zu be- 
kehren. Diese jüdische Kolonie war wie überall eine wichtige 



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— 8 — 

Vorläuferin des Christentums. So erklärt es sich, dafs die christ- 
liche Kirche Syriens für das Alte Testament die schon lange in 
den Synagogen üblichen aramäischen Paraphrasen (Targume) 
übernahm, die später, allerdings in stark überarbeiteter Ge- 
stalt, auch in der Kirche kanonische Geltung erhielten. Von 
Assyrien ging auch wohl die älteste Bearbeitung des Neuen 
Testamentes aus. 

Deren Urheber war Tatian, ein Syrer, der in der ersten 
Hälfte des 2. Jahrhunderts in Mesopotamien geboren war und 
seine Ausbildung in Rom erhalten hatte. Von dort kehrte er, 
da seine Glaubensanschauungen immer mehr von der herrschenden 
Orthodoxie abwichen, um das Jahr 172 in die Heimat zurück und 
stellte seine Tätigkeit fortan ausschließlich in deren Dienst. 

Als erste Grundlage für die Missionstätigkeit brauchte die 
junge christliche Gemeinde eine Übersetzung der Evangelien in 
die Landessprache. Eine solche scheint es freilich schon vor 
Tatian gegeben zu haben, und diese älteste Übersetzung ist uns 
vielleicht in einer von Frau Smith -Lewis im Jahre 1892 
in der Klosterbibliothek auf dem Sinai entdeckten Handschrift 
erhalten. Auf Grund dieses Textes nun, den er an der Hand 
des griechischen Originals revidierte, entwarf Tatian in syrischer 
Sprache seine berühmte Evangelienharmonie, die meist mit 
griechischem Namen Diatessaron genannt wird. Diese Harmonie 
scheint im kirchlichen Gebrauche die- ältere vollständige Über- 
setzung lange Zeit ganz verdrängt zu haben. Noch der grofse 
syrische Kirchenlehrer Ephraem schrieb dazu einen Kommentar, 
der uns aber vollständig nur in einer armenischen Übersetzung 
erhalten ist. Auf Grund des tatianischen Werkes wurde dann 
auch die alte vollständige Evangelienübersetzung neu revidiert, 
und diese Revision ist uns vielleicht in dem sogenannten Cure- 
tonischen Syrer erhalten. 

Erst der edessenische Bischof Rabbula (gest. 435) eiferte 
gegen den Gebrauch der Evangelienharmonie, die in der 
Wiedergabe mancher Stellen eben doch die häretischen Ge- 
sinnungen ihres Urhebers nicht verleugnete. Es gelang ihm, 
das Diatessaron aus dem kirchlichen Gebrauche ganz zu ver- 
drängen, so dals es uns im syrischen Original überhaupt verloren 
und nur in einer arabischen Übersetzung erhalten ist. An seine 
Stelle trat eine von Tatians Einflufs befreite, auf erneuter Ver- 



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— 9 — 

gleichung des griechischen Originals beruhende Übersetzung, in 
der übrigens die vier Evangelien von verschiedenen Männern 
bearbeitet zu sein scheinen. Diese von den kirchlichen Autoritäten 
sanktionierte Übersetzung erhielt zusammen mit der etwas später 
abgeschlossenen vollständigen Übertragung des Alten Testamentes 
den Namen P e s c h i 1 1 a , d. h. die Einfache. Diese kanonische Bibel- 
übersetzung hat auf die ganze spätere Literatur einen sehr tief- 
gehenden Einflufs ausgeübt ähnlich dem der Lutherischen Bibel 
auf das deutsche Schrifttum. Freilich war das Syrische, wie wir 
sahen, schon lange vorher als Schriftsprache in Gebrauch ge- 
wesen, aber diese Übersetzung schaffte ihr als solcher Geltung 
weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus. Im Westen war 
seine Ausbreitung freilich durch das Griechische beschränkt, das 
in Antiochia einen festen Rückhalt hatte, und in Palästina konnte 
es nicht durchdringen, weil hier, wie wir noch sehen werden, in- 
folge eines kirchlich-politischen Gegensatzes gegen die mesopota- 
mische Kirche ein heimischer Dialekt von den Christen zur 
Schriftsprache erhoben ward. Schon seit alters her stand aber 
die edessenische Kirche in nahen Beziehungen zu den Gemeinden 
Südfrankreichs, wohin schon in der frühen Kaiserzeit zahlreiche 
Syrer ausgewandert waren; dadurch gewann die syrische Text- 
auffassung und -gestaltung erheblichen Einflufs auf die altlateini- 
schen Bibelübersetzungen. Unbegrenzt aber war der Verbreitungs- 
bezirk des Syrischen nach Osten hin. Soweit das Christentum 
hier vordrang, folgte ihm das Syrische als Kirchensprache. Schon 
in den ersten Jahrhunderten eroberte es nicht nur das ganze 
Euphrat- und Tigristal, soweit dessen Bewohner sich zum Glauben 
an den Messias bekehrten, sondern es drang sehr bald auch in 
das Innere Persiens ein. In späterer Zeit war ihm sogar eine 
noch weitere Ausbreitung beschieden. Die Nestorianer trugen 
das Syrische als Kirchensprache bis in die Steppen Turkistans, 
ja bis nach China und Indien. Dem Christentum folgte tiberall 
die »einfache« Bibelübersetzung, der somit eine nur mit der des 
Qor'än vergleichbare Verbreitung zuteil ward. Hinter der exten- 
siven stand aber ihre intensive Wirkung kaum zurück. Mehr 
noch als die Denk- und Anschauungsformen der durch die 
byzantinische Theologie vermittelten griechischen Philosophie hat 
durch diese Übersetzung die hebräisch-jüdische Litteratur auf die 
der Syrer eingewirkt. Da die Schriftsteller ausnahmslos dem 



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geistlichen Stande angehörten, so bewegte sich ihre ganze Rede- 
weise schon unbewulst im biblischen Fahrwasser. Ihre ganze 
Bildersprache ist der Bibel entlehnt; selbst Witz und Humor 
treten mit Vorliebe in biblischem Gewände auf. 

Die assyrische Kirche, die eigentliche Wiege der syrischen 
Litteratur, ward freilich sehr bald von ihrer jüngeren Schwester 
in Edessa so gewaltig tiberholt, dafs sogar, wie Marquart wahr- 
scheinlich gemacht hat, die ursprünglich zur Verherrlichimg des 
adiabenischen Königs Narses gedichtete Bekehrungsgeschichte 
auf seinen Zeitgenossen Abgar V. Ukkama von Edessa tiber- 
tragen werden konnte 1 ). 

III. Die älteste Litteratur in Edessa. 

Die Anfänge der christlichen Kirche in Edessa sind ebenso 
dunkel wie im Osten, doch ist es wahrscheinlich, dafs die Mission 
ihren Weg von Assyrien nach dem Westen genommen hat. Der 
erste Mann, der der neuen religiösen Bewegung in Edessa litte- 
rarischen Ausdruck verlieh, hat später dasselbe Schicksal wie 
Tatian erfahren, dafs seine Lehre von der allgemeinen Kirche 
für ketzerisch erklärt wurde. 

Bardaisan, gräzisiert Bardesanes, angeblich so benannt 
nach dem die Stadt Edessa durchschneidenden Flufs Daisan 
oder Skirtos, soll in Parthien geboren sein. Aber diese Nach- 
richt ist wie die ganze von späteren Historikern tiberlieferte Bio- 
graphie (s. Marquart , Streifz. 298 ff.) recht unglaubwürdig. 
Schon seine Eltern sollen nach Edessa gezogen sein, und dort 
soll Bardesanes seine Erziehung am Hofe zugleich mit Abgar, 
dem Sohne Ma'nüs, erhalten haben. Fest steht jedenfalls, dafs 
Bardesanes sich in seiner Jugend eingehend mit der Astrologie, 
der wichtigsten Wissenschaft des semitischen Heidentums, befafst 
hat, und dafs er auch durch seine Bekehrung zum Christentum 
sich nicht veranlafst sah, diese Studien zu verwerfen. Die da- 
mals in Syrien weitverbreitete gnostische Sekte der Valentinianer 
oder Marcioniten soll diese Wissenschaft aber energisch bekämpft 



*) Die vier kanonischen Evangelien nach ihrem ältesten bekannten Texte, 
Übersetzung und Erläuterung der syrischen im Sinaikloster gefundenen Palimpsest- 
handschrift von Adalbert Merx, 2 Bände, Berlin 1904/5; vgl F. C Burkitt, 
Die syrische Bibel in Urchristentnm im Orient, deutsch von E. Preuschen, 
Tübingen 1907, S. 25—51. 



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— 11 — 

haben, so dafs es jedenfalls nicht angeht, ihn selbst als Gnostiker 
zu bezeichnen. Nau nimmt mit Recht an, dafs die Liebe zu 
naturphilosophischen Spekulationen und zur Sterndeuterei allein 
schon gentigte, ihn und seine Schule der späteren Orthodoxie 
verdächtig zu machen. Von seinen Schriften selbst ist uns nichts 
erhalten, doch können wir uns seine Lehre und wohl auch die 
Art seiner Darstellung noch an der Hand des Dialogs über das 
Fatum vergegenwärtigen, in dem Bardesanes nach dem Vorbilde 
des Sokrates in den platonischen Dialogen redend eingeführt 
wird, und der jedenfalls von einem seiner Schüler herrührt, viel- 
leicht von dem Philippos, der in dem Dialog als Teilnehmer auf- 
tritt. Um zu erweisen, dafs ein von den Gestirnen abhängiges 
Schicksal nicht allein oder doch nicht vorwiegend die Handlungen 
der Menschen beeinflufet, schildert er die Sitten und Gesetze der 
verschiedenen Völker, daher die Schrift eigentlich den Titel »Buch 
der Gesetze der Länder« führt. Das Werk bekundet eine für 
seine Zeit gewifs ungewöhnliche Kenntnis geographischer und 
ethnographischer Tatsachen. Aus der Verschiedenheit der Lebens- 
gewohnheiten in den einzelnen Ländern, die ihrerseits wieder 
durch das Christentum ausgeglichen werden, schliefst er auf die 
Unabhängigkeit des Menschen von einem überall gleichmäfsig 
wirkenden Schicksal 1 ). 

Wichtiger noch als diese Ansätze zu einer wissenschaftlichen 
Litteratur, die wegen der feindlichen Stellungnahme der führenden 
Geister in der späteren Kirche keine Früchte tragen konnten, 
war die Tätigkeit des Bardaisan als Hymnendichter, die nach 
seinem im Jahre 222 erfolgten Tode sein Sohn Harmonios 
fortsetzte. Leider sind wir über seine poetische Produktion noch 
weniger gut unterrichtet als über seine wissenschaftliche Schrift- 
stellerei, da die spätere Orthodoxie die Ausrottung seiner popu- 
lären und eben deswegen für sie besonders gefährlichen Lieder 
mit gewaltigem Eifer und leider nur zu gutem Erfolge betrieben 
hat. Der eigentliche Begründer der syrischen Dichtkunst kann 
freilich Bardaisan nicht genannt werden. Schon die litterarischen 
Produkte seiner Zeit zeigen eine feste Gestalt, während die 
Orthographie zum Teil noch ältere Formen bewahrt hat, als sie 



') Bardesane l'astrologue. Le livre des lois des pays, texte syriaque et 
traduction par F. Nau, Paris 1899. 



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— 12 — 



der der lebenden Sprache angepafete Versbau zuläfst, so dafs wir 
auf eine damals schon seit längerer Zeit bestehende litterarische 
Gewöhnung schliefsen müssen. Ist uns auch von Bardaisans 
Dichtungen selbst nichts erhalten, so können wir uns doch immer- 
hin von ihrem Wesen ein Bild machen mit Hilfe eines Denk- 
mals, das seiner Schule jedenfalls nahe steht. Es ist das ein 
gnostisches Lied, das im Anschlufs an heidnisch-ägyptischen 
Zauberglauben in zum Teil recht dunkler Sprache und auf Grund 
geographischer Vorstellungen, die uns nicht mehr in allen Einzel- 
heiten verständlich sind, das Schicksal der Seele auf Erden 
schildert. Die vom Himmel zur Erde gesandte Seele vergifst 
dort, woher sie gekommen und wozu sie bestimmt ist, bis 
eine himmlische Offenbarung sie zu sich selbst zurückführt und 
ihr die ursprüngliche Herrlichkeit wieder zu teil werden läfst. 
Dieser gnostische Hymnus ist uns erhalten, da er in den Akten 
des Apostels Thomas Aufnahme fand, die sehr wahrscheinlich 
von Hause aus in syrischer Sprache abgefafst sind und zwar 
von einem Manne, der dem Kreise des Bardaisan nahe stand. 
Schon dies älteste Denkmal der syrischen Poesie zeigt die auch 
für die spätere Entwicklung mafsgebend gebliebene Form, einen 
sechssilbigen Vers, dessen Bau allein durch die Silbenzahl, nicht 
durch den Wortakzent oder die Silbenquantität bestimmt wird. 
Diese ziemlich rohe und primitive Form war beim Vortrage ge- 
wifs durch musikalische Mittel gehoben und veredelt, denn für 
den Gemeindegesang war die syrische Poesie in alter Zeit allein 
bestimmt. 



Als ich ein zarter Knabe 

In meinem Reiche wohnte, 

In meinem Vaterhause, 

Und in des Reichtums Fülle, 

Der Pracht des Elternhauses, 

Als Kind zufrieden lebte, 

Da rüsteten die Eltern, 

Mich aus dem Land zu senden 

Des Ostens, unserer Heimat, 

Und aus dem Schatzhaus nahmen 

Des Goldes sie in Fülle, 

Und banden eine Last mir, 

Die schwer und dennoch leicht war, 

Allein könnt' ich sie tragen. 

Gold wars vom Gelerlande, 



Silber vom grofsen Gasak, 
Von Indien Karchedonen, 
Von Quschan bunte Steine; 
Ein Gürtel von Demanten, 
Die Stahl und Eisen ritzen. 
Doch nahmen sie das Prachtkleid, 
Das sie in ihrer Liebe 
Mir einst verfertigt hatten, 
Und auch die Purpurtoga, 
Die meinem Wuchs entsprechend 
Gemessen und gewebt war. 
Sie nahmen mein Versprechen 
Und schrieben in mein Herz es, 
Dafs ich es nie vergäfse: 
»Wenn zum Ägypterlande 



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Du niedersteigst zu holen 
Die Perle, die im Meere 
Bei einer giftigen Schlange, 
Sollst anziehn du dein Pracht- 
kleid, 
Darüber deine Toga, 
Und sollst mit deinem Bruder, 
Mit unserem zweiten Sohne 
Dein Königreich ererben.« 
Des Ostens Land verliefs ich, 
Geführt von zwei Postboten; 
Gefährlich war und schwierig 
Der Weg, ich, all zu jung noch, 
Könnt 1 ihn allein nicht wandeln. 
Ich kam durch Maischans Grenzen, 
Den Sammelplatz der Händler 
Des Ostens, kam nach Babel, 
Trat ein in Sarbugs Mauern 1 ). 
Drauf zog ich talwärts nieder 
Zu der Ägypter Lande; 
Die mich begleitet, schieden. 
Grad zu der Schlange ging ich, 
An ihrem Hause weilt' ich, 
Bis dafs sie schlummernd schliefe, 
Und ich die Perle nähme. 
Ich war allein und einsam, 
War fremd im Haus der Gäste. 
Da sah ich aus dem Osten 
Ein Kind aus meinem Stamme, 
Aus freiem, edlem Hause, 
Ein Kind, schön, liebenswürdig, 
Den Sohn gesalbter Eltern. 
Er hing mir an, ich machte 
Ihn mir zum trauten Freunde, 
Ich machte ihn zu einem 
Genossen meines Handels, 
Und vor Ägyptens Volke 
Warnt* ich ihn, vor Gemeinschaft 
Mit den unreinen Leuten. 
Die Landeskleidung trug ich, 
Dafs sie Verdacht nicht fafsten, 
Ich sei von fern gekommen, 
Die Perle zu erwerben, 
Und mir die Schlange weckten. 



13 — 

Doch an gewissen Zeichen 
Sahn sie, dafs ihrem Lande 
Ich nicht entstammen konnte. 
Berückten mich mit Listen, 
Ich afs von ihrer Speise. 
Mein Königsblut vergessend, 
Fronte ich ihrem König, 
Und ich vergafs die Perle, 
Nach der ich ausgesandt war 
Aus meinem Vaterhause; 
Bedrückt von ihren Speisen, 
Lag ich in tiefem Schlafe. 
Und meine Eltern sahen 
Voll Schmerz der Leiden Fülle,. 
Die mich betroffen hatten. 
In unserem Reiche hiefs es, 
Dafs jeder an der Pforte 
Erscheine, Könige, Häupter 
Des Partherreiches, des Ostens 
Gesamte Würdenträger. 
Im Rate ward beschlossen: 
»Aus der Ägypterlande 
Soll er errettet werden!« 
Sie schrieben einen Brief mir, 
Und jeder Edle zeichnet 
Den Brief mit seinem Namen: 
»Vom Könige der Kön'ge, 
Vom Vater, von der Mutter, 
Der Herrscherin des Ostens, 
Vom Bruder, der als Zweiter 
Im Reich herrscht, unserm Sohne 
Im Land Ägypten Friede! 
Wach auf, vom Schlaf erheb Dich, 
Hör auf des Briefes Worte! 
Denk, dafs ein Königssohn Du, 
Sieh an den Schimpf der Knecht- 
schaft, 
Der Perle denk', um welche 
Ägypten Du besuchtest, 
Vergifs nicht jenes Prachtkleid 
Und Deine Feiertoga, 
Als Schmuck Dir anzulegen, 
Dafs in dem Buch der Helden 
Dein Name werd' gelesen, 



*) Wahrscheinlich ein mystischer Name von Babel. 



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- 14 — 



Und Du mit Deinem Bruder, 
Dem erstgebornen Prinzen, 
In unserem Reiche herrschest.« 
Es war mein Brief ein Schreiben, 
Von Königshand versiegelt 
Vor Babels bösen Söhnen, 
Vor Sarbugs Aufruhrgeistern. 
Er flog gleich wie der Adler, 
Der König aller Vögel, 
Er schwebt zu mir hernieder 
Und ward zu lauter Rede. 
Als seine Stimm' ich hörte, 
Die Stimme seines Rauschens, 
Erwacht' ich aus dem Schlafe; 
Ich hob ihn auf, ich küfst' ihn, 
Löste sein Siegel, las ihn. 
Der Nachhall seiner Worte 
War mir ins Herz geschrieben; 
Aus Königsstamm entsprossen, 
Trug ich des Adels Stempel. 
Ich dachte an die Perle, 
Um die ich nach Ägypten 
Gesandt war, und die Schlange, 
Das Schreckenstier, giftschnau- 
bend, 
Fing an ich zu bezaubern; 
Sie fiel in Schlaf und Schlummer, 
Ob meines Vaters Namen, 
Des Namens unseres Zweiten, 
Und meiner Mutter, welche 
Als Ostens Königin herrschet. 
Ich raubte ihr die Perle, 
Brach auf zum Vaterhause; 
Ihr Kleid, von Schmutz beflecket, 
Liefs ich in ihrem Lande; 
Ich lenkte meine Schritte 
Geraden Wegs nach Osten, 
Dem Lichte unsrer Heimat; 
Den Brief, der mich erweckte, 
Fand ich auf meinem Wege, 
Und wie sein Laut mich wachrief, 
Erhellten seine Züge, 
Auf Chinastoff mit Rötel 
Geschrieben, meine Pfade; 
Durch seine Führerstimme 
Trieb er mich an zur Eile, 
Zog mich durch seine Liebe. 



Zuerst durchzog ich Sarbug, 
Liefs Babel dann zur Linken, 
Ich kam zum grofsen Maischan, 
Dem Hafen der Kaufleute, 
Am Meeresnfer liegend. 
Den Glanzschmuck, den ich auszog, 
Ihm beigeschnürt die Toga, 
Ihn schickten meine Eltern 
Her von Hyrkaniens Höhen, 
Durch der Schatzmeister Hände, 
Auf deren Treu sie bauten. 
Sein Aussehn war vergessen, 
Da ich in meiner Jugend 
In meines Vaters Hause 
Ihn ausgezogen hatte. 
Als plötzlich ich ihn schaute, 
Schien das Gewand mir ähnlich, 
Als sah ich mich im Spiegel; 
Ich sah es in mir gänzlich, 
Und sah in ihm auch mich ganz, 
Wir waren zwei Getrennte 
Und eins in einer Gleichheit. 
Mein Haupt beugt' ich, verehrte 
Die Majestät des Vaters, 
Der mir den Schmuck gespendet, 
Gehorsam seinem Worte. 
Auch er hielt sein Versprechen; 
Am Tore seiner Prinzen 
Verkehrte ich, vereinigt 
Mit seinen Würdenträgern 
Er nahm mich auf voll Freude, 
Ich war in seinem Reiche, 
Den alle seine Diener 
Mit Orgelstimmen preisen, 
Zur Pforte, so verhiefs er 
Des Königes der Kön'ge 
Sollt' ich mit ihm hinziehen, 
Um dann mit meiner Gabe 
Mit meiner Perlenbeute 
Dem König mich zu zeigen. 
Auch sah ich die Schatzträger, 
Die mir es überbrachten, 
In gleicher Weise leuchten; 
Dasselbe Königssiegel 
War beiden aufgepräget 
Von dem, der durch die Boten 
Mein reiches Kleid mir sandte, 



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— 15 — 



Mein reich geschmücktes Pracht- »Ich bin des schnellsten Dieners, 



kleid 
Im Farbenschmucke prangend, 
In Gold und in Beryllen, 
Karchedonen und Achaten, 
Buntfarbigen Sardonen. 
Vollkommen wars verfertigt, 
Und alle Teile waren 
Mit Demantstein verbunden. 
In buntem Farbenschmelze 
War auf das ganze Prachtkleid 
Gestickt das Bild des Königs, 
Und gleich dem Sapphiersteine 
So spielten seine Farben. 
Dann sah ich in ihm leben 
Die Regungen der Weisheit, 
Und sah, wie es sich rüstet, 
Als ob es sprechen wollte. 
Den leisen Sang vernahm ich, 
Wies bei der Ankunft flüstert: 



Für den vor meinem Vater 
Man mich hat aufgezogen, 
Ich fühlte selbst mich wachsen 
Entsprechend meinem Wirken.« 
Mit königlichem Anstand 
Schmiegt es sich meinem Wüchse, 
Und von der Hand der Träger 
Eilte es mir entgegen. 
Und auch mich trieb die Liebe, 
Mit ihm mich zu vereinen, 
Voran eilt' ich und nahm es, 
Mit seiner Farbenschönheit 
Schmückt ich mich, fest um- 
schmiegte 
In buntem Farbenschmelze 
Die Toga meinen Körper. 
Mit ihr bekleidet stieg ich 
Hinauf zum Tor des Grusses, 
Zum Tore der Anbetung 1 ). 



IV. Die ältesten Klassiker: Aphraates und Ephraem, Balai und 

Cyrillonas. 

Aus dem 3. Jahrhundert ist uns kein Denkmal der eben erst 
erblühten syrischen Litteratur erhalten. Die Missionsarbeit, die 
auf dem Boden des römischen, später auch auf dem des persi- 
schen Reiches durch schwere Verfolgungen gehemmt wurde, 
nahm offenbar die geistigen Kräfte der jungen Gemeinden ganz 
in Anspruch. 

Erst im 4. Jahrhundert erwacht von neuem das Bedürfnis 
nach litterarischer Betätigung, und wieder ist es der Osten des 
syrischen Sprachgebiets, der vorangeht. Ein Perser Afrahat, 
der erst selbst zum Christentum übergetreten war, sich dem 
geistlichen Stande widmete und zur Würde eines Bischofs empor- 
stieg, war der erste grofse syrische Prosaist. Die Stoffe, die ihn 
zum Schreiben anregten, konnten unter diesen Umständen nur 
theologische sein. Ein vielleicht fingierter Brief eines gewissen 
Gregor stellte ihm eine Anzahl theologischer Fragen, die er nun 
in seinem Werke beantworten will. Der Name des Absenders 



l ) Übersetzung von C. Macke, Hymnen aus dem Zweiströmelande, Mainz 
1882, S. 246—257; revidiert nach O. Hoffmann, Zeit sehr, für neutestamentl. 
Wiss. IV, S. 273 ff.; vgl. Burkitt, Urchristentum, S. 106 ff., 134 ff. 



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— 16 — 

ist freilich zugleich mit dem Anfange des Briefes selbst in der 
einzigen syrischen Handschrift des Werkes verloren gegangen. 
Da aber die armenische Übersetzung diesen Brief dem berühmten 
armenischen Bischof Gregor dem Erleuchter zuschreibt, so darf 
man vielleicht mit Duval vermuten, dafs wenigstens der Name 
des Briefschreibers zu dieser Identifikation den Anlafs bot. Das 
Werk zerfällt in 22 nach dem Alphabet der Anfangsbuchstaben 
geordnete Abhandlungen, die zwar den syrischen Titel Memre 
führen, d. h. Predigten, aber das für die geistliche Rede charak- 
teristische, rhetorische Element vermissen lassen. Die zehn ersten 
Abhandlungen sind im Jahre 337 geschrieben, die anderen im 
Jahre 344/5. Sie handeln vom Glauben, Almosen, Fasten, Ge- 
bet, Bufse, Demut, vom Mönchsleben, von der Geistlichkeit usw., 
einige sind gegen die Juden gerichtet. Es ist also fast der ganze 
Gedankenkreis der altchristlichen Weltanschauung in diesem 
Werke ausgemessen. Für unsere Kenntnis der Sprech- und Denk- 
weise der altsyrischen Kirche sind diese Abhandlungen, so wenig 
anziehend auch ihr Inhalt genannt werden mufs, von hohem 
Werte, da sie von dem Einflufs des griechischen Geistes, der in 
den folgenden Jahrhunderten auch in der syrischen Kirche immer 
mehr überhand nahm, noch fast ganz frei sind. Am Schlufs 
ist noch eine kleine 23. Rede über die Weintraube (Jes. 45, 8) 
angefügt. Als Christ scheint der Verfasser den Namen Jakob 
geführt zu haben, was spätere Autoren, z. B. Gennadius von 
Marseille, dazu verleitete, ihn mit seinem älteren Zeitgenossen, 
dem berühmten Bischof Jakob von Nisibis, zu verwechseln 1 ). 

Gleichfalls im Osten stand die Wiege des fruchtbarsten 
Dichters, den die syrische Litteratur hervorbrachte, des heiligen 
Ephraem (Afremj. Er war im Jahre 306 in Nisibis geboren, 
angeblich als Sohn eines Götzenpriesters und einer christlichen 
Mutter. Seine Jugend verlebte er als Schüler und Gehilfe des 
eben erwähnten Bischofs Jakob von Nisibis. Die Legende, die 
überhaupt sein Leben mit mancherlei wunderbaren Zügen aus- 
gestattet hat, schreibt ihm einen hervorragenden Anteil an der 
Befreiung dieser Stadt von der Belagerung durch den persischen 
König Saporzu, den er durch die Kraft seines Gebets im Jahre 338 



') Die Homilien des Aphraates, deutsch von Q. Bert in Qebhardt und 
Hamack, Texte und Unters. III. Burkitt, Urchristentum, S. 53 ff. 



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— 17 — 

zum Abzug genötigt haben soll. In Nisibis entstanden auch 
seine ersten poetischen Produktionen. Nach der nicht unglaub- 
würdigen Angabe seines Biographen ward er dazu durch die 
damals sehr beliebten Hymnen des Bardesanes und seines Sohnes 
Harmonius angeregt Während diese eine von ihm verdammte 
Irrlehre verbreiteten, stellte er seine Kunst in den Dienst des 
wahren Glaubens. In der Tat zeigt seine Poesie denn auch im 
wesentlichen dieselben Formen wie die uns noch erhaltene Probe 
gnostischer Dichtung. Ephraems in Nisibis entstandene Lieder sind 
für uns auch von erheblichem historischen Interesse ; sie handeln von 
den Leiden, die die Stadt im Verlaufe des Perserkrieges zu erdulden 
hatte, ferner von den Taten der Bischöfe Jakob, Babu und Volo- 
geses sowie von den Schicksalen der Kirchengemeinden in der 
Umgegend. Als in Nisibis entstanden sind wohl mit Sicherheit 
auch die fünf Hymnen über Julianus Apostata anzusehen, in denen 
er in schwungvoller Sprache die Not der Kirche beim Rückfall 
des Kaisers ins Heidentum schildert. 

Nachdem die Stadt Nisibis im Jahre 363 von Julians Nach- 
folger Jovian in einem in der Zwangslage geschlossenen Frieden 
an die Perser abgetreten worden war, wandte Ephraem sich nach 
vorübergehendem Aufenthalt in Bethgarbeja und Amid nach 
Edessa, der geistigen Hauptstadt der unter römischer Herrschaft 
lebenden Syrer. Dort sammelte er zunächst, wie es scheint, die 
in Nisibis entstandenen 21 Gesänge zum Lobe der nun von ihm 
verlassenen Gemeinde, vermehrte sie um 56 neue Stücke und 
scheint sie selbst mit diesen zusammen als die cNisibenischen 
Hymnen» herausgegeben zu haben. Die übrigen noch sehr zahl- 
reichen Werke, die er in Edessa schrieb, tragen schon recht 
deutlich den Stempel des Alters. Er scheint in dieser Stadt zu- 
nächst eine nicht unerhebliche Lehrtätigkeit entwickelt zu haben, 
wahrscheinlich an derselben Schule, die später als die der Perser 
bekannt war, und in der wir vielleicht sogar eine Stiftung 
Ephraems und der mit ihm aus Nisibis geflohenen Syrer sehen 
dürfen. Durch seine Lehrtätigkeit sind jedenfalls seine Kom- 
mentare zum Alten und zum Neuen Testament, die wichtigsten 
unter seinen Prosaschriften, hervorgerufen. Leider besitzen wir 
diese nicht mehr in ihrer ursprünglichen Gestalt. Die Erklärung 
des alten Testaments ist uns nur in einem Auszug erhalten, den 
der edessenische Mönch Severus im Jahre 861 veranstaltet hat. 

Literaturen des Ostens. VIT, 2. 2 



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— 18 — 

Den Kommentar zum Neuen Testament besitzen wir zwar voll- 
ständig, aber nicht mehr im Urtext, sondern nur noch in einer 
armenischen Übersetzung. Bemerkenswert ist, dafs er das Leben 
Jesu nicht nach den vier Evangelien selbst, sondern nach der 
Harmonie des Tatian, die also damals im kirchlichen Gebrauch 
noch die Hauptrolle gespielt haben muß, auslegte. Von den 
sonstigen neutestamentlichen Schriften erkannte die syrische Kirche 
damals nur die paulinischen Briefe als kanonisch an, und so hat 
auch Ephraem diese allein kommentiert. 

Umfangreicher als seine Prosawerke sind seine metrischen 
Erzeugnisse aus der edessenischen Zeit. Da er sich als Ver- 
treter der reinen Kirchenlehre fühlte, so fand er in Edessa, wo 
die Anfänge des Christentums ja unter dem Zeichen der Häresie 
gestanden hatten, ein des Umbauens nur zu sehr bedürftiges 
Feld. In den wahrscheinlich in Edessa entstandenen Streit- 
gedichten gegen die Grübler und Ketzer schlägt er oft einen 
leidenschaftlichen Ton ^n, der selbst öde theologische Erörterungen 
noch mit einem gewissen ästhetischen Reize belebt. Auch in den 
Klageliedern auf den Tod einzelner Gemeindeglieder klingen uns 
zuweilen wärmere und tiefere Töne entgegen. Seine metrischen 
Erzählungen aber sind meist recht weitschweifig und ermüden 
durch ihre formelhaften Erläuterungen kirchlichen Lebens und 
kirchlicher Lehre. Volkstümliche Gedanken klingen nur selten 
bei ihm durch, wie in jenem Gebet um Regen (ed. Lamy III, 
S. 85 ff.), in dem altheidnische, auch heute im Orient noch nicht 
erstorbene Vorstellungen von der Macht des Analogiezaubers 
unter der christlichen Form hell durchscheinen. (Arch. f. Rel. IX, 
S. 518.) 

Übrigens ist es bei den Erzeugnissen seiner edessenischen 
Periode aufserordentlich schwer, in jedem einzelnen Falle die 
Frage zu entscheiden, ob Ephraem wirklich der Autor ist, oder 
ob nicht ein Werk eines Schülers unter seinem Namen geht. 
Nicht immer ist uns die Kritik so leicht gemacht wie bei dem 
ihm zugeschriebenen Gedicht, das den im Juli 396 erfolgten 
Hunneneinfall erwähnt, oder jenem auf die Verbannung des 
edessenischen Bischofs Barses während der Verfolgung durch 
Valens im September 373, drei Monate nach Ephraems Tode, 
oder bei dem Klagelied auf den erst nach ihm gestorbenen 
Bischof Basilius von Cäsarea. Auch sind wir nicht sicher, ob 



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- 19 — 

nicht so umfangreiche Zusätze und Erweiterungen, wie sie Duval 
in dem sogenannten Testament Ephraems nachgewiesen hat, auch 
in manchen anderen seiner Schriften erfolgt sind. 

Zweifelhaft ist auch Ephraems Autorschaft bei einem Werke, 
das sonst seinem litterarischen Ruhmeskranze ein nicht un- 
bedeutendes Blatt anfügen würde. Unter Ephraems Namen geht 
eine Darstellung der Geschichte Josephs in zwölf Gesängen, die 
durch die Gestaltung des Stoffes eine nicht geringe poetische 
Kraft verrät; daher fand dies Gedicht denn auch in späterer Zeit 
noch Bewunderer und Nachahmer. Aber schon die Überlieferung 
ist sich über den Autor nicht einig; eine Handschrift nennt als 
Verfasser nicht Ephraem, sondern seinen Schüler Balai — ob 
mit besserem Recht, läfst sich freilich auch nicht entscheiden. 

An Formenreichtum steht Ephraems Dichtung in der syri- 
schen Litteratur unerreicht da. Während die späteren Dichter 
sich durchweg an ein oder zwei Versmafse halten, hat er nicht 
nur die 5- und 6 silbigen Metra beliebig gehandhabt, sondern 
auch kunstreichere von 8, 9 und 10 Silben ausgebildet. In noch 
höherem Mafse aber zeigt sich seine Formkunst in der Hand- 
habung des Strophenbaues, in dem er eine später nie wieder er- 
reichte Mannigfaltigkeit aufweist. Er selbst teilt in seinem 
Testament schon seine Dichtungen in zwei Klassen, Memra und 
Medrascha, die aber beide, wie H. Grimme (Collectanea Fri- 
burgensia II, 1893) nachgewiesen hat, strophisch gebaut sind. 
Während die Memra zur blotsen Rezitation und sicher auch schon 
zu stiller Lektüre bestimmt sind, sollen die Madrasche als Chor- 
gesänge in Musikbegleitung vorgetragen werden. 

Ein grof ses Fest hielt jetzt der Tod, Der Tod stand wie ein König mitten 

Berief und lud die Nationen In der Behausung aller Toten, 

Und Völker aller Sprachen ein; Umringt von seinen Kriegesheeren 

Berief die Könige und Fürsten, Und Myriaden ohne Zahl, 

Die Mächtigen und die Gebieter, Der Menschheit dichtgedrängten 

Berief den ganzen Erdenkreis, Scharen, 

Und brachte Stämme und Ge- Die er berief, um ihn zu kennen. 

schlechter, Zu Boden stürzte er die Mensch- 

Die Inseln auch und die drauf heit 

wohnen Und warf sie in der Toten Dunkel ; 

Von jedem End' der Welt daher, Zu ganzen Hügeln häuft er unter 

Tat auf das gier'ge Totenreich, Den Stummen auf die Redenden. 

Den Schlund, der jegliches ver- Der Gräber Rachen ist nun offen, 

schlingt. Geschlossen der Paläste Tor; 

2* 



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— 20 — 



Von Leichen strotzen jetzt die 

Gräber, 
Die Häuser stehen menschenleer. 
Betreten ist der Weg zur Gruft, 
Und öde der zum Haus des Lebens. 
Nie satt sind Grab und Totenreich, 
Die Grüfte sagen nie: »Genug!« 
Schon hat ein jeder sein Geschäft 
Und alle Arbeit aufgegeben, 
Gebäud' und Eigentum verlassen, 
Und jedermann gräbt sich ein Grab. 
Sie graben Tage sich und Nächte 
Die Gräber und entkommen nicht. 
Da sorgt ein jeder, seiner Leiche 
Bald eine Grube zu bereiten; 
Die ist ihm lieber als die Betten, 
Mit reichen Decken überzogen. 
Ein jeder strebt so viele Gräber, 
Als Leute zählt sein Haus, zu 

graben, 
Verkaufet alles, was er hat, 
Um sich die Werkzeug* zu ver- 
schaffen. 
Verachtet ist das Gold und Silber, 
Und nur die Gräber sind geschätzt. 
Gleich einem Quell, der nie ver- 
siegt, 
Strömt fort der Weg ins Totenhaus ; 
Der Leichen Zahl gebrechen 

Gräber, 
Und jeder sorgt für's seinige, 
Um erst für seine Leich 1 ein Grab 
Zu haben, andere dann zu bringen. 
Für Gräber ist zu wenig Erde; 
Man gräbt sie auf und wirft sie weg. 
So modern Leichen ohne Gräber, 
Verwesen ohne Totenträger. 
Der Menschheit Hoffnung ist da- 
hin, 
Des Sterbens Tag ist angebrochen, 
Und jeder zieht dem Leben jetzt 
Ein Grab als seine Wohnung vor, 
Voll Furcht, er möchte sterben und 
Sein Leichnam keinen Platz mehr 

finden. 
Die leben, preisen jene glücklich, 
Die da zuerst gestorben sind; 



Denn ihnen ward die schuldige Ehre 
Und die Bestattung nach Gebrauch. 
Der Boden, der die Toten trägt, 
Verfault und stinkt, von Leichen 

voll. 
Die höchste Schönheit ist zerstöret 
Und liegt als Moder z wischenToten. 
Die reizendsten und schönsten 

Körper 
Sind nun Gewürme in der Gruft. 
Ein grofsesFestist bei den Gräbern, 
Dort sind nun Lebende und Tote ; 
Die Toten liegen in der Erde, 
Und jene weinen bei den Gräbern. 
Zerstöret ganz sind die Gestalten, 
Wie auch die Bildungen der Men- 
schen, 
Den Knecht erkennt man nicht vom 

Herrn, 
Den Häf suchen vom Schönen nicht. 
Der Tod zog aus gleich einem 

Schnitter 
Und mähte ab die ganze Mensch- 
heit, 
Rifs Säuglinge vom Mutterschof se, 
Nahm aus den Betten weg die 

Kinder, 
Nahm fort die Jünglinge vom Felde, 
Die Mädchen aus der Häuser 

Innerm, 
Die Bräutigame von der Hochzeit, 
InKlag' undTrauer diese wandelnd, 
Und warf die Bräute tot dahin, 
Zerstörend ihre Brautgemächer. 
Gesang und Tanz macht' er ver- 
stummen, 
Und stimmte Klaggesänge an. 
Der eilte aus der Stadt, da traf 
Der Tod ihn, und er fiel dahin; 
Und jener klopft an eine Pforte, 
Der Tod antwortet ihm heraus. 
Die wandeln auf der Straf se hin, 
Da unterbricht der Tod den Gang, 
Und andere sind zum Gehen fertig, 
Der Tod kommt ihnen schon ent- 
gegen. 
Der rüstet eine Hochzeit zu, 



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— 21 — 



Doch läfst der Tod ihm nicht die 

Freude ; 
Und jener flieht vor seinem Herrn, 
Der Tod trifft ihn und macht ihn 

frei ; 
Und wo er jeden überfällt, 
Da richtet der sein Grab sich zu. 
Leer sind die Häuser und verödet, 
Die Gräber voll und überdeckt, 
Sie stehen alle offen, doch 
DerHäuserTüren sind geschlossen. 
Der Scherz ist von derErd' entf lohn, 
Und jede Freude ist dahin; 
Nur Weinen herrschet rings und 

Seufzen, 
Und Klag 1 und Gram nimmt über- 
hand. 
Die Erde schreit von grofsem 

Schmerze 
Und flehet heifs zu Gott empor: 
»Gebiet, o Herr, dem gier'gen 

Tode, 
Die Hand vom Schwerte abzuziehn ! 
Ich bin wie eine Witwe nun, 
Von Todesängsten rings umgeben. 
Die Wege sind von Menschen leer, 
Die Häuser öde von Bewohnern, 
Und einsam trauern alle Strafsen, 
Der Menschenmenge ganz beraubt. 
Nimm an, o Herr, nach deiner Milde 
Der Tiere Schreien und Gebrüll! 
Die Tenne weint um ihren Herrn, 
Der Landmann läfst die Arbeit 

stehn, 
Die Herde weinet um den Hirten, 
Zerstreuet auf dem Berg umher. 
Das Pferd fühlt Wehmut und be- 
weint 
Den Herrn mit kläglichem Ge- 
wieher. 
Sieh, unsere Felder gehn zugrunde, 
Weil ihre Bauern Leichen sind. 



Die Weinberg' klagen und die 

Triften, 
Der Rinderherden Weide einst. 
Verschliefs, o Herr, des Abgrunds 

Pforte 
Und stopf des Todes Rachen zu; 
Versperre aller Gräber Schlund, 
Die in der Wut der Tod geöffnet, 
Verödung herrschet in den Häu- 
sern, 
Und Totenstille in den Gassen. 
Die Häuser stinken von Ge- 
schwüren, 
Die Strafsen von der Leichen 

Menge. 
Von aufsen, innen, hier und dort 
Regieret nun der Moderduft. 
Der Tod macht eine Kelter uns, 
Wovon die ganze Erde spricht, 
Warf ihre Völker dort hinein 
Und trat sie wie die Trauben dann.« 
O Brüder, lafst uns nie vergessen, 
Welch Fest der Tod bei uns ge- 
feiert ! 
Ach, war auch unser Herz von 

Stein, 
Wir müfsten fühlen unser Elend. 
Drum still vielmehr mit Tränen 

jetzt, 
Und trocknen wir der Waisen 

Tränen ! 
Lafst uns nicht heute Mitleid fühlen 
Und morgen bittere Hasser sein! 
Lafst insgesamt uns immer flehen 
Zu Gott mit unbeflecktem Herzen, 
Dafs er die Pest von uns entferne 
Und gnädiglich die Strafe hemme, 
Und dafs wir, wann am End' er 

kommt 
In Herrlichkeit mit ihm einziehn 
Ins Brautgemach (des Himmel- 
reichs) 1 ). 



Ephraem starb auf der Höhe seines Ruhmes am 9. Juni 373. 
Seine Werke wurden sehr früh ins Griechische und Armenische, 



J ) Necrosima LXIH, übersetzt von Zingerle, Ausgewählte Schriften des 
heiligen Kirchenvaters Ephräm IV (Innsbruck 1830—1838), S. 110—115. 



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— 22 — 

später auch ins Arabische und vereinzelt ins Abessinische tiber- 
setzt, so dafs er auf die gesamte christliche Litteratur des 
Orients einen Einflufs ausgeübt hat, wie kein zweiter syrischer 
Schriftsteller. 

Gegen Ende des 4. Jahrhunderts blühten im westlichen 
Syrien noch zwei Dichter, deren Werke uns wenigstens teilweise 
erhalten sind. B a 1 a i scheint Chorbischof von Aleppo gewesen zu 
sein. In fünf Gedichten feierte er den Bischof von Aleppo Acacius, 
der im Jahre 432 in hohem Alter starb. Aufserdem besitzen 
wir noch von ihm verschiedene Gedichte auf kirchliche Feste 
und Gedenktage und auf einzelne Heilige. 

Vielleicht noch etwas früher ist die Blütezeit des Cyrillonas 
anzusetzen, über dessen Heimat und Lebensverhältnisse wir nichts 
Sicheres wissen. Die Hypothese, dafs er mit Absamja, dem 
Schwestersohn Ephraems identisch sei, stützt sich nur darauf, 
dafs beide über den Hunneneinfall des Jahres 396 gedichtet 
haben, kann also nicht als begründet angesehen werden. Aufser 
diesem Liede besitzen wir von ihm noch Dichtungen über die 
Kreuzigung Christi, über Ostern und Weihnachten 1 ). 

V. Die Zeit der Kirchenspaltung. 

Bisher war die Entwicklung der syrischen Litteratur mit der 
freien Ausbreitimg des Christentums Hand in Hand gegangen. 
Die von den weltlichen Mächten ausgehenden Verfolgungen hatten 
die innere Kraft der Kirche nicht brechen können. Nachdem 
diese aber ihre Stellung nach aufsen gesichert hatte, wandte sie 
sich dem Ausbau der Dogmatik zu. Die Streitigkeiten über die 
Natur Christi führten zu einer Reihe gewaltsamer innerer Krisen, 
erschütterten die ganze Kirche des Ostens aufs heftigste und 
spalteten die bis dahin wenigstens im Geiste geeinte syrische 
Nation in zwei feindliche Lager. Die Lehre des Nestorius fand 
im Osten des syrischen Sprachgebiets im persischen Reich be- 
geisterte Anhänger, während die Untertanen der Oströmer sich 
zum Monophysitismus bekannten. In und um Edessa gerieten 
die Vertreter der beiden Lehrmeinungen in heifse Kämpfe, die 
nach dem Brauche der Zeit nicht nur mit geistigen Waffen ge- 



') Übersetzungen von Bickell in Thalhof ers Bibliothek der Kirchenväter 
S. 41, 9—63. 



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— 23 — 

führt wurden. Im Jahre 489 ward durch ein Edikt des Kaisers 
Zeno die blühende Schule der Perser in Edessa geschlossen. 
Das wichtigste geistige Band zwischen Ost- und Westsyrern war 
damit zerschnitten. Die beiden Hälften der Nation schlössen sich 
im Laufe der Zeit immer mehr gegeneinander ab, bis sie endlich, 
als sie unter der Herrschaft der Muhammedaner wieder politisch 
geeint waren, sich kaum noch den gemeinsamen Feinden ihres 
Glaubens gegenüber verbunden fühlten. 

Unter den Stürmen dieser Glaubenskämpfe erstand noch ein 
wenigstens an Fruchtbarkeit sehr bedeutender Dichter, Isaak 
vonAntiochien. Über sein Leben, das sich aus den gewöhn- 
lichen Bahnen geistlicher Bildung und Tätigkeit kaum entfernt 
haben wird , sind wir nur mangelhaft unterrichtet. Zur chrono- 
logischen Fixierung überliefern spätere Autoren zwei Daten, 
die schwer miteinander in Einklang zu bringen sind. Nach der 
Angabe eines syrischen Chronisten soll er die Stadt Rom besucht 
und die Säkularspiele des Jahres 404 sowie die Einnahme der 
Stadt durch Alarich im Jahre 410 besungen haben. Gennadius 
von Marseille aber berichtet, dafs er ein Gedicht auf das Erd- 
beben von Antiochia im Jahre 459 verfafst habe. Die Annahme 
läfst sich kaum umgehen, dafs hier zwei Personen gleichen 
Namens gemeint sind. Schon Jakob von Edessa unterscheidet 
denn auch beide von einander und von einem dritten Träger 
dieses Namens, einem Schüler Ephraems. In der Tat werden 
vier Dichtungen, die die allgemeine Tradition Isaak von 
Antiochien zuschreibt, in einer Handschrift als Eigentum 
Ephraems bezeichnet, sind also wohl aus dessen Schule hervor- 
gegangen. Was wir sonst unter diesem Namen besitzen, scheint 
in der Hauptsache von einem im letzten Viertel des 5. Jahr- 
hunderts unter Kaiser Zeno in Edessa lebenden Priester ge- 
schrieben zu sein. Das war jedenfalls ein ungewöhnlich frucht- 
barer Schriftsteller, dem daher irrtümlich auch Werke anderer 
Autoren zugewiesen sein mögen. Für seine Fruchtbarkeit be- 
zeichnend sind namentlich zwei Gedichte, eins über einen Papagei, 
der in den Strafsen von Antiochia dfyios 6 fte6c gerufen hatte, in 
2137 Versen, und ein anderes über die Reue in 1929 Versen. 

Vielleicht wird eine eingehende Untersuchung der in den 
Gedichten vertretenen dogmatischen Ansichten noch einmal zu 
einer Sichtung von Isaaks poetischem Nachlafs führen. Freilich 



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— 24 — 

ist sein Interesse an der Dogmatik nicht sehr grofs. Er fühlt 
sich in erster Linie als Sittenprediger, berufen der Welt- und 
Klostergeistlichkeit seiner Zeit den Spiegel vorzuhalten. Die 
Schilderungen, die er von ihrem Treiben entwirft, sind nicht 
immer sehr erbaulich, daher denn der neueste Herausgeber 
Bedjan, selbst ein Syrer, der mit seinen Drucken in erster Linie 
seelsorgerische Zwecke verfolgt, seine Sprache als oft zu scharf 
tadeln mufs. Vom rein litterarischen Standpunkt aus verdient 
Isaak eine relativ hohe Schätzung. Zwar ist er kein so grofser 
Meister der metrischen Form wie Ephraem, er bedient sich immer 
nur des siebensilbigen Verses. Aber in der Herrschaft über 
die Sprache ist er ihm fast noch überlegen. Naturgemäfs ist 
auch seine Rede stark biblisch gefärbt, aber seine Ausdrucks- 
weise ist dabei oft so originell, dats man vermuten darf, er habe 
aus dem Wortschatz seines heimatlichen Dialekts geschöpft. 

Noch bevor die Nestorianer aus Edessa vertrieben wurden, 
blühte dort ein Dichter, den sie vorzugsweise als den ihrigen in 
Anspruch nahmen, und der sich um die kirchliche Poesie der 
Ostsyrer grofse Verdienste erwarb, Narses aus Ma c alletha, »die 
Harfe des heiligen Geistes», wie sein Ehrentitel lautet. Er wirkte 
in Edessa in Gemeinschaft mit Barsauma, dem eifrigsten Verfechter 
der nestorianischen Lehre, bis dieser vor der Wut des Pöbels 
fliehen und sich in Nisibis einen neuen Wirkungskreis suchen 
mufste. Als dann im Jahre 489 die persische Schule geschlossen 
wurde, verliefs auch Narses die Stadt und ging nach Nisibis, wo 
er zu Anfang des 6. Jahrhunderts gestorben ist. 

Während seine Prosaschriften , die zumeist der Auslegung 
der heiligen Schrift dienten, bis auf geringe Reste verloren sind, 
haben sich seine Dichtungen bei den Nestorianern bis heute im 
gottesdienstlichen Gebrauch erhalten. Er pflegte aber nicht nur die 
religiöse Lyrik, sondern versuchte sich auch an epischen Stoffen. 
Nach dem Vorbilde der aus Ephraems Schule hervorgegangenen 
Josephsdichtung behandelte er die gleiche biblische Geschichte, 
aber in engerem Anschlufs an die alttestamentliche Vorlage und 
ohne die weitschweifige Ausführlichkeit jener älteren Dichtung. 

Während der aus dem römischen Reiche vertriebene Nestoria- 
nismus bei dessen Rivalen in Persien Schutz fand und sich ruhig 
entwickeln konnte, erstand der offiziell anerkannten Orthodoxie 
im westlichen Syrien ein neuer sektirerischer Gegner in der 



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— 25 — 

monophysitischen Lehre des Eutychius. Nachdem das Konzil von 
Chalcedon dessen Anhänger in den Bann getan, hatten sie 
namentlich in den Hauptstädten des Reiches, in Konstantinopel, 
Antiochia und Alexandria, in den Jahren 518—21 unter heftigen 
Verfolgungen zu leiden. Aber weder durch diese Heimsuchimg 
unter dem Kaiser Justin, noch durch die unter seinem Nachfolger 
Justinian seit 535 liefsen sich die Westsyrer zum Abfall von der 
einmal angenommenen Lehre bewegen. Während die aramäischen 
Anhänger der offiziellen Orthodoxie dem Geistesleben ihrer Volks- 
genossen, wie wir noch sehen werden, immer mehr entfremdet 
wurden, entwickelten die von Konstantinopel unterdrückten und 
verfolgten monophysitischen Ketzer eine litterarische Tätigkeit, 
welche die ihrer Brüder im Osten noch erheblich tibertraf. 

Zu ihnen bekannte sich der gröfste Dichter, den Syrien nach 
Ephraem hervorgebracht hat, Jakob von Sarug, »die Flöte 
des heiligen Geistes und die Harfe der gläubigen Kirchec , wie 
er im Gegensatz zu Narses genannt wird. Er war im Jahre 451 
als Sohn eines Priesters zu Kurtam am Euphrat, wahrscheinlich 
einem Dorf im Bezirke von Sarug, geboren. Seine Erziehung 
genofs er zu Edessa und stieg dann in der geistlichen Laufbahn 
zunächst zur Würde eines Periodeutes (Inspektors) von Haura 
auf. Im Alter von 68 Jahren ward er im Jahre 519 zum Bischof 
von Batnan, der Hauptstadt des Distriktes Sarug, gewählt. Nicht 
lange darauf, am 29. November 521, starb er. 

Seine Tätigkeit als Prosaschriftsteller beschränkte sich im 
wesentlichen auf Gelegenheitsarbeiten. Einige Predigten, wie der 
geistliche Beruf sie mit sich brachte, sind uns erhalten ; dahin ge- 
hören auch einige liturgische Texte. Bedeutender sind seine 
Briefe, von denen eine ansehnliche Sammlung in zwei Hand- 
schriften des Britischen Museums auf uns gekommen ist. Es sind 
zumeist Sendschreiben, zu denen ihm besondere, die Kirche be- 
wegende Kalamitäten und Spaltungen den Anlafs gaben, wie z. B. 
an die himjarischen Christen in der stidarabischen Stadt Nagran, 
die von dem zum Judentum übergetretenen König verfolgt waren, 
und an die von den Persern bedrohte Stadt Edessa. 

Jakobs eigentliche Bedeutung aber beruht auf seiner poeti- 
schen Produktion. Nicht weniger als 763 metrische Homilien 
von ihm kannte noch Jakob von Edessa. Ungefähr die Hälfte 
davon, gegen 300 Gedichte, sind uns erhalten; bis vor kurzem 



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— 26 — 

waren erst wenige davon zugänglich, nun aber hat der uner- 
müdliche P. Bedjan auch diese Lücke unserer Kenntnis aus- 
gefüllt. Die Stoffe, die Jakob behandelt, sind natürlich durch 
die Grenzen seiner theologischen Bildung beschränkt. Er schöpft 
sie aus der Bibel, mit Vorliebe aber auch aus der Legende und 
der Kirchengeschichte, wie die Gedichte über die Taufe Kon- 
stantins, den Palast, den der Apostel Thomas dem König von 
Indien im Himmel erbaute, den Fall der Idole, die edessenischen 
Märtyrer und Simeon den Säulenheiligen, eine Hauptstütze des 
Monophysitismus *). 

An metrischem Formenreichtum kann Jakob sich mit Ephraem 
nicht vergleichen. Sein Lieblingsmafs ist ein ziemlich langer, 
zwölfsilbiger Vers, der aber dank seiner stets geschmackvollen 
Ausdrucksweise nie ermüdend wirkt. An Frische und Klarheit 
des Stiles steht Jakob in der syrischen Litteratur unübertroffen da. 

Auch Jakobs Werken war eine ähnlich weite Verbreitung 
wie denen Ephraems beschieden; durch Vermittelung der Araber 
sind einige seiner Dichtungen sogar zu den Abessiniern gelangt. 

Ein geistliches Morgenlied. 

1. Geh auf, o unser Herr, in 3. Mit jedem Tag, der neu er- 

mir, wacht, 

Und Tageslicht mir bringe, Soll uns dein Licht erscheinen 

Dafs ich erhellt und staunend dir, Und jedes Irrtums Schatten Nacht 

Gott, Loblieder singe! Verscheuchen von den Deinen. 

2 . Des Morgens Stimme wecke 4 . Hell wird die Schöpfung ; laf s 

mich, mit ihr 

Dein göttlich Sein zu ehren, Das Licht ins Herz uns dringen, 

Dann will den Tag durchwandeln Dafs wir mit Tagen und Nächten 

ich dir 

Betrachtend deine Lehren. Des Lobes Opfer bringen! 



') Sicher nicht von ihm stammt die einzige Bearbeitung eines welt- 
lichen Stoffes, die unter seinem Namen geht, der Alexandersage (vgl. 
A. Weber, Des Mar Yakub Oedicht über den gläubigen König Aleksandrus, 
Berlin 1862), wie O. Hunnius, Das syrische Alexanderlied, Diss., Göttingen 
1904, endgültig nachgewiesen hat. Wie bei den Dichtungen Ephraems erhebt 
sich übrigens auch hier regelmässig die Frage, wie weit den Handschriften in 
der Überlieferung der Autornamen Qlauben geschenkt werden darf. Schon unter 
den bisher bekannten Stücken sind einige dringend verdächtig, seinen Namen mit 
Unrecht zu tragen. 



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— 27 — 

5. Ein reines Opfer weihet 6. Sieh, du gebotst, der Schlaf 

dir der Nacht 

Der Morgen, mit ihm wollen Ist schnell von uns entschwunden, 

Die schuldige Verehrung wir Entfern' auch so der Sünde Macht, 

Nach Kräften, Herr, dir zollen. Die uns bedeckt mit Wunden! 

7. Es preise jeder Morgen dich 
Und Abend! Stifs erheben 
Zu dir empor die Düfte sich, 
Die sie als Opfer geben. 

Klage einer gefallenen Seele. 

1. Wer gibt mir wieder 2. Mein schönes Wesen, 

Die schönen Zierden, Das herrlich strahlte 

Womit ich prangte, Gleich hellem Tage, 

Eh 1 ich gesündigt? Das dann verfinstert 

Wenn Gott auch gnädig, Erlosch, wer macht es 

Der Allerbarmer mich wieder auf- Schön wieder schimmern? 

w , „. o um^T 1, 3 - Wenn durch Erbarmung 

Wer kann die Schönheit, Auch rdn kh werde 

Die ich verloren, Von meinen Schuldeili 

Zurück mir stellen? Wer heM ^ ^^ 

Auf jene Höhe, 
Der ich entsunken? 1 ) 

Unter den Kämpfen um das christologische Dogma blühte 
das Talent eines der gröfsten syrischen Prosaisten, des Aksenaja 
oder Philoxenos von Mabbug. Er stammte aus Tahal in der 
Kirchenprovinz Beth Garmai zwischen dem Tigris und dem kleinen 
Zab. Als er in Edessa studierte, wurde dort noch die Lehre des 
Nestorius, namentlich von Ibas an der Schule der Perser vor- 
getragen. Doch liefs er sich damals nicht für diese Anschauungen 
gewinnen. Er wandte sich vielmehr nach Westen, um in den 
Dienst der monophysitischen Bewegung zu treten. Im Jahre 485 
ward er in Antiochia von dem Patriarchen Petrus dem Walker 
zum Bischof von Hierapolis-Mabbug geweiht. Unermüdlich und 
unerschrocken trat er seitdem als Verteidiger seiner Konfession 
auf, und zweimal machte er die Reise nach Konstantinopel, um 
in der Hauptstadt die Sache seiner Glaubensgenossen zu verfechten. 
Nicht nur der Erzbischof von Konstantinopel, Macedonius, sondern 



! ) Aus dem Breviarium feriale Syriacum, Rom 1787, übersetzt von Zingerle r 
ZMDO, S. 12, 120, 126. 



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— 28 — 

auch der Nachfolger Peters auf dem Patriarchenstuhl zu Antiochia, 
Flavian, verfolgten ihn mit grimmem Hasse und suchten die mono- 
physi tische Lehre mit Gewalt auszurotten. Im Jahre 512 gelang 
es ihm aber im Bunde mit dem Bischof von Cäsaräa in Kappa- 
dokien, den Flavian in die Verbannung zu treiben und an seiner 
Stelle seinen Freund Severus auf den Thron zu erheben. Als 
aber im Jahre 519 der Kaiser Anastasius starb, nahm dessen 
Nachfolger Justin den Kampf gegen die Monophysiten wieder 
auf. Nicht weniger als 54 Bischöfe, die sich weigerten, die Be- 
schlüsse des Konzils von Chalkedon zu unterschreiben, wurden 
ihres Amtes entsetzt und verbannt, unter ihnen auch Philoxenos 
und sein Freund Severus. Ersterer ward zunächst nach Philippo- 
polis in Thracien (Bulgarien), dann nach Gangra in Paphlagonien 
geschickt. In dieser Stadt fiel er im Jahre 523 durch Mörder- 
hand. 

Die Stürme seines bewegten Lebens spiegeln sich in seinen 
Briefen wieder, in denen er oft in leidenschaftlichen Ergiefsungen 
die Sache seiner Konfession verficht. Die dogmatischen Streitig- 
keiten gaben ihm auch zu zahlreichen, rein theologischen Er- 
örterungen Anlafs, in denen wir weniger den scharfen und origi- 
nellen Denker als den überzeugten Anhänger einer Schulmeinung 
hören. Mit seinen dogmatischen Interessen in engstem Zusammen- 
hange stand auch seine Revision der Bibelübersetzung, in der er 
das Griechisch der LXX und des N. T. aufs genaueste nach- 
zubilden suchte. Seine Übersetzung wurde später für das A. T. 
von Paul von Telia de Mauzelath im Jahre 616/7 in einem 
Kloster bei Alexandria, für das N. T. von Thomas von Heraclea, 
Bischof von Mabbug um dieselbe Zeit und in derselben Gegend 
revidiert. Mehr aber noch als diesen Arbeiten verdankt Philo- 
xenos seinen Predigten einen Platz in der Literaturgeschichte 
seines Volkes. Natürlich ist auch deren Inhalt an sich nicht 
immer anziehend, wenn es auch wohltuend berührt, dafs er hier 
mehr der ethischen Seite der Religion ihr Recht werden läfst. 
Der litterarische Wert dieser Reden beruht aber vor allem auf 
ihrer Sprache. Wenn wir in der Dichtimg schon zwischen den 
beiden Klassikern Ephraem und Jakob einen gewaltigen Fort- 
schritt in der Leichtigkeit und Eleganz der Diktion konstatieren 
können, so bei Philoxenos im Vergleich mit Aphraates. Aber 
in Philoxenos' Stil tritt der griechische Einflufs deutlich zutage. 



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— 29 — 

Das ist ja nur natürlich bei einem Manne, der mit griechischer 
Denkweise in viel innigere Berührung gekommen war als jener 
mesopotamische Landgeistliche. Wie sein Freund Severus nur 
Griechisch schrieb, so muls auch Philoxenos diese Sprache voll- 
kommen beherrscht haben. 

Während der Verfechter der dyo- und der monophysitischen 
Lehre über die Herrschaft in der Kirche stritten, erblühte unter 
den Stillen im Lande Syrien eine geistige Bewegung, die ihre 
Jünger über die Nichtigkeiten dieser Zeit erheben und sie be- 
fähigen wollte, die göttlichen Dinge selbst zu schauen. Schon 
in der alten Kirche hatte es eine sehr starke Unterströmung ge- 
geben, die das Heil der Seele in der Vertiefung in die himm- 
lischen Mysterien gesehen hatte. Diese pantheistische Richtimg 
fand namentlich in Palästina und Ägypten zahlreiche Anhänger, 
und ihre Ideen wurden um die Wende des 6. Jahrhunderts litte- 
rarisch vertreten in den " griechischen Schriften , die unter dem 
Namen eines Schülers des Apostels Paulus, des Atheners Dionysius 
Areopagita, umliefen und bald auch in Übersetzung den Syrern 
zugänglich wurden. Nun unternahm es auch ein Syrer, diese 
Gedanken seinen Landsleuten in ihrer eigenen Sprache zu ver- 
künden. 

Stephan bar Sudaili war in der ersten Hälfte des 
5. Jahrhunderts in Edessa geboren und soll in seiner Jugend in 
Ägypten gewesen sein, wo ein Mönch namens Johannes ihn in 
die pantheistische Geheimlehre eingeführt hätte. Er trat dann 
in seiner Vaterstadt als Lehrer und Schriftsteller auf. Da er sich 
durch manche seiner Behauptungen, z. B. indem er die Ewigkeit 
der Höllenstrafen leugnete ', mit der monophysitischen Lehre in 
Widerspruch setzte, wandten sich Jakob von Sarug und Philo- 
xenos in zwei Sendschreiben gegen ihn. Er mufste dann seine 
Heimat verlassen und in Palästina, wie es scheint in einem 
Kloster zu Jerusalem, Zuflucht suchen, wo die Gedanken jenes 
Pseudo-Dionysius, die mit den seinen sich vielfach berührten, von 
den Mönchen in Ehren gehalten wurden. 

Wie jener unbekannte griechische Vertreter des Pantheismus 
sein Werk dem Träger eines berühmten Namens untergeschoben 
hatte, so trat auch Stephan als Schriftsteller nicht in [seinem 
eigenen Namen, sondern in dem eines gewissen Hierotheos auf. 
Demgemäfs wollte er sein Werk auch als eine Übersetzung aus 



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— 30 — 

dem Griechischen angesehen wissen, aber das überaus elegante 
Syrisch, das der Zeitgenosse des Jakob und Philoxenos schrieb, 
war dieser Fiktion wenig günstig. Während die Dogmatik der 
Staatskirche auf den aristotelischen Gedanken fortbaute, fanden 
durch Stephan die neuplatonischen Ideen des späteren Hellenismus 
Eingang in die Litteratur der Syrer. Eine öffentliche Wirksam- 
keit konnte diese Gedankenwelt natürlich nicht finden, und 
Stephans Schriften sind nie über einen engen Kreis von Ein- 
geweihten hinausgekommen. Aber noch zwei grofse mono- 
physitische Lehrer der späteren Zeit, Theodosius von Antiochia 
(887—986) und der letzte bedeutende Schriftsteller der Syrer, 
Barhebräus, haben es der Mühe wert gehalten, seine Schrift aus- 
zulegen und ihre Widersprüche gegen die monophysitische Lehre 
zu vertuschen, da sie den Wert seiner Gedanken für die persön- 
liche Frömmigkeit wohl zu schätzen wufsten. Aber auch über 
den Kreis der syrischen Kirche hinaus hat sein Wirken Frucht 
getragen. Merx (Idee und Grundlinien einer allgemeinen Ge- 
schichte der Mystik, Rektoratsrede, Heidelberg 1893) hat gezeigt, 
dafs nicht nur die mittelalterliche Mystik des Abendlandes, 
sondern auch die grofse sufische Bewegung im Islam (s. Bd. VI, 
1, 145; 2, 133) ihre fruchtbarstem Gedanken diesem syrischen 
Autor verdankten. 

VI. Die Anfänge der syrischen Geschichtschreibung. 

In diese erste stürmische, aber fruchtbare Periode der syri- 
schen Litteratur fällt auch die erste Blüte der Geschichtschreibung, 
auf der die allgemeine Bedeutung dieses Schrifttums in hohem 
Mafse beruht. Während aber mit den kirchlichen Dichtungen 
und den theologischen Streitschriften meist auch die Namen ihrer 
Urheber auf die Nachwelt gekommen sind, wurden die ältesten 
historischen Aufzeichnungen durchweg anonym überliefert. Der 
Schriftsteller tritt in diesen Arbeiten so vollständig hinter seinem 
Stoffe zurück, dafs die Leser sich nur für diesen interessieren 
und nach dem Sammler oder Redaktor nicht fragen. 

Die Anfänge der Geschichtschreibung reichten, wie wir 
sahen, noch in die heidnische Zeit des edessenischen Fürsten- 
hauses hinauf. In Edessa stand auch die Wiege der christlichen 
Historiographie, die sich naturgemäfs zuerst den Anfängen der 



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— 31 — 

christlichen Mission zuwandte. Da aber keine feste Überlieferung 
davon berichtete, so traten Legenden an deren Stelle. Während 
in Wahrheit noch keiner der in Edessa selbständig regierenden 
Fürsten sich zum Christentum bekehrte, läfst die Legende schon 
den Zeitgenossen Christi auf dem Throne der Stadt sich zum 
Glauben an den Messias bekennen. Dieser soll sogar selbst mit 
dem Heiland in Verbindung getreten und ihn in einem Briefe 
um Heilung von der Podagra gebeten haben. In Erfüllung eines 
von Jesus gegebenen Versprechens hätten dann die Apostel ihren 
Schüler Addai nach Edessa gesandt, dem die Bekehrung der 
ganzen Osrhoene zu verdanken sei. Wir sahen schon, dafs diese 
Legende ihren eigentlichen Ursprung vielleicht in der Adiabene 
hatte und erst später auf Edessa tibertragen wurde. Jedenfalls 
aber dürfen wir die sogenannte Lehre des Addai, die um die 
Wende des 4./5. Jahrhunderts ihre jetzige litterarische Gestalt er- 
halten haben dürfte, als den Vorläufer der gesamten syrischen 
Legendenlitteratur ansehen *). 

An die Missionslegenden schliefsen sich alsbald die Martyro- 
logien an. Wie die westliche Kirche, so besafs auch die des 
Ostens gewifs schon früh Aufzeichnungen über die Helden der 
Verfolgimgszeit; da aber diese Aufzeichnungen dem praktischen 
Zwecke, der Feier der den Märtyrern gewidmeten Gedenk- 
tage dienten, so werden sie zunächst durchweg nur aus 
kurzen Notizen bestanden haben. Ein solches Dokument etwa 
aus der Mitte des 3. Jahrhunderts ist das von W. Wright 
(Journ. of sacr. lit. 1865/6, VIII, S. 45, 423) herausgegebene 
Martyrologium. Diese kurzen Notizen wurden aber später er- 
weitert. Die Feier der Gedenktage selbst gab den Anlafs, da 
sich die Sitte einbürgerte, sie durch Verlesung eines Berichtes 
über die Leiden der Glaubenszeugen zu verherrlichen. Da man 
solche Berichte nicht aus authentischer Überlieferung schöpfen 
konnte, so trat die Phantasie in ihre Rechte ein. Zwar kleiden 
sie sich mit Vorliebe in die Form gleichzeitiger Aufzeichnungen 
oder gar offizieller Protokolle und spielen dabei mit angeblich ge- 
nauen Kenntnissen über die politischen und administrativen Ein- 
richtungen des römischen Reiches. Noch sorgloser als mit den 
mehr dekorativen Andeutungen eines gewissen Lokal- und Zeit- 



') Lipsius, Die edessenische Abgarsage, Braunschweig 1880. 



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— 32 — 

kolorits verfuhren die Legendendichter mit der Chronologie, ob- 
wohl sie auch hier den Anschein zuverlässiger Überlieferung zu 
erwecken suchten. Aber all diese Dinge sind für die Verfasser 
wie für die Leser im Grunde nur unwesentliche Zutaten. Dafür 
schwelgen sie in weit ausgesponnenen Dialogen zwischen den die 
Untersuchung führenden Beamten und den Märtyrern, die ihnen 
Gelegenheit geben, ihren theologischen Standpunkt genau zu ent- 
wickeln. So schildern sie die Martyrien des Scharbil, eines zum 
Christentum bekehrten heidnischen Priesters, des Barsamja, des 
ersten Bischofs von Edessa, des Diakons Habib, des Gurja und 
des Schammona. 

Diese Litteratur blieb nun keineswegs auf Edessa be- 
schränkt, sie blühte ebenso in fast allen Kirchensprengeln des 
aramäischen Sprachgebietes auf; wir besitzen aber nur noch eine 
Geschichte der Märtyrer der Stadt Samosata aus der Verfolgung 
des Maximinus Galerius. 

Noch gröfsere Bedeutung gewann diese Litteratur im Osten, 
im persischen Reiche. Zwar sind die Legenden, die den Apostel 
des Ostens Mari an den Edessener Addai und damit an die Ur- 
sprünge der christlichen Kirche selbst anknüpfen, offenbar ganz 
spät. Aber schon im 4. Jahrhundert mögen die meisten Er- 
zählungen aus der ersten grofsen Verfolgung unter Sapor II. 
(309 — 379) entstanden sein, wenn auch die Angabe, dafs ein 
Augenzeuge selbst, der Ritter Jesajas von Arzun, Sohn des 
Hadabu, sie niedergeschrieben habe, schwerlich Glauben verdient. 
Zuverlässiger aber scheint die Nachricht, dafs die Hauptmasse 
dieser Geschichten von Marutha vonMaiperkat gesammelt 
sei. Dieser Bischof, der um die Wende des 4. und 5. Jahr- 
hunderts blühte, war zweimal von Theodosius II. als Gesandter 
an den Perserkönig Jazdegerd I. geschickt, um zugunsten der 
verfolgten Christen zu intervenieren, und führte zurzeit der 
Katholici Isaak und Jaballaha den Vorsitz auf den Konzilien zu 
Seleukia und Ktesiphon. Diese mannigfachen Beziehungen zur 
östlichen Kirche veranlafsten ihn, deren Dokumente zu sammeln. 
An den Anfang seines Werkes stellte er zwei apologetische Ho- 
milien, im übrigen wird er die Märtyrergeschichten wohl im 
wesentlichen unverändert aus seinen Quellen übernommen haben. 
Was uns diese Geschichten besonders wertvoll macht, ist, dafs 
sie mehr als die edessenischen auf eine Schilderung des Milieus 



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— 33 — 

eingehen und uns so manche in anderen Quellen nicht erhaltene 
Angaben über Geographie und Staatsverwaltung des Sasaniden- 
reichs tiberliefern. Neben dem stärker aufgetragenen Lokal- 
kolorit ist für diese Geschichten die Ausmalung der grausamen 
Leiden der Glaubenszeugen charakteristisch.. Während sich die 
Edessener dabei in mafsvollen Grenzen halten, schwelgen diese 
persischen Akten manchmal geradezu in Marterszenen. Man ge- 
winnt fast den Eindruck, dafs diese Erzählungen nicht nur als 
erbauliche Lektüre für fromme Seelen bestimmt waren, sondern 
auch starken Naturen Unterhaltung bieten sollten. Mit der 
Sammlung des Marutha war übrigens diese Litteratur im Osten 
nicht abgeschlossen. Manche Akten persischer Märtyrer, wie 
z. B. die des Mar Qardag, tragen deutlich die Züge einer viel 
späteren Zeit. So ist auch die Geschichte der Märtyrer von 
Karcha de Beth Seloch schwerlich vor dem 6. Jahrhundert auf- 
gezeichnet worden 1 ). 

Aber auch, als das Zeitalter der Verfolgungen vorüber war, 
und die Kirche in die Bahnen ruhiger innerer Entwicklung ein- 
lenken konnte, war sie noch reich an Helden des Geistes, 
deren Leben den Zeitgenossen Anregung zu biographischen Dar- 
stellungen bot. Natürlich verfolgen auch diese Biographien in 
erster Linie erbauliche Zwecke, was oft deutlich genug hervor- 
tritt. Die individuellen Charaktere übermalen sie gerne mit ge- 
wissen typisch-phantastischen Zügen, die als notwendige Erforder- 
nisse eines idealen Glaubenshelden angesehen wurden. Das beste 
Muster einer solchen Biographie bietet das Leben des Bischofs 
Rabbula von Edessa (gest. 435), das bald nach seinem Tode 
von einem ungenannten Schüler vertatst sein mufs. Diese von 
warmer Liebe zu ihrem Helden getragene, von Übertreibungen 
freilich nicht ganz freie Lebensbeschreibung verdient schon als 
eins der glänzendsten Muster syrischen Prosastils einen Ehren- 
platz in der Literaturgeschichte. Rabbula war als der Sohn 
eines Götzenpriesters zu Qenneschrin bei Aleppo geboren. Seiner 
Mutter aber, die sich heimlich zum Christentum bekannte, ge- 



*) O. Hoffmann, Auszüge aus syrischen Akten persischer Märtyrer, über- 
setzt und durch Untersuchungen zur historischen Topographie erläutert, Abb. für 
die Kunde des Morgenlandes VII, 3, Leipzig 1880. 

Literaturen des Ostens. VII, a. 3 



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— 34 — 

lang es, ihren Sohn, obwohl er eine durchaus heidnische Er- 
ziehung genossen hatte, dem neuen Glauben zuzuführen. In 
wörtlicher Erfüllung der bekannten evangelischen Vorschrift ent- 
äufserte er sich aller seiner Habe und wandte sich gleich seiner 
Mutter dem Mönchsleben zu, das ihn freilich auf die Dauer nicht 
zu befriedigen vermochte. Als der Bischofsitz von Edessa durch 
den Tod des Diogenes erledigt wurde, berief ihn Akakios von 
Aleppo, der ihn getauft hatte, dorthin. In diesem Amte entfaltete 
Rabbula eine sehr segensreiche Tätigkeit. Sowohl die noch aus 
alter Zeit dort üppig wuchernden Sekten als auch die neue Irr- 
lehre des Nestorius fanden in ihm einen eifrigfen Gegner. Über 
dem Kampfe aber vernachlässigte er keineswegs die friedlichen 
Pflichten des Kirchenfürsten. Wie er sich um die Bibelübersetzung 
verdient machte, haben wir schon (s. o. S. 8) erwähnt. Mit 
gleichem Eifer wandte er sich der christlichen Liebestätigkeit zu, 
und sein Biograph kann sich nicht genug tun, seine Erfolge auf 
diesem Gebiete zu rühmen. 

Diese Biographie eines Kirchenfürsten mufste eben, weil das 
Bild ihres Helden noch frisch in der Erinnerung der Leser lebte, 
in der legendenhaften Ausschmückung ein gewisses Mafs innehalten. 
Um so reiner treten die typischen Züge in der Legende vom 
»Manne Gottesc hervor, die denn auch ihrer allgemeinen Be- 
deutung wegen in die Weltlitteratur Aufnahme fand. Ein vor- 
nehmer junger Römer verläfst am Hochzeitstage seine Gemahlin 
und seine Eltern und wandert nach Edessa, um dort sein Leben 
in demütiger Entsagung und unablässigem Gebet zu verbringen. 
Als er dort gestorben, will der Bischof Rabbula, dem seine un- 
gewöhnliche Frömmigkeit zu Ohren gekommen, wenigstens der 
Leiche des Heiligen die ihr gebührende Verehrung zuteil werden 
lassen. Als man aber sein Grab öffnet, findet man nur die 
Lumpen, mit denen er bekleidet war. In ihrer späteren Entwick- 
lung erzählt die Legende, wie der Heilige aus dem Grabe in 
Edessa aufersteht und nach Rom zurückkehrt. Dort lebt er im 
Hause seiner Eltern unter den Sklaven und wird erst nach seinem 
endgültigen Tode von seinem Vater erkannt. Diese zweite 
Schicht der Legendenbildung fand auch im Abendlande, wo 
der Heilige den Namen Alexis führt, Eingang, und ihr 
Grundzug, die Verherrlichung des asketischen Lebensideals, 
weckte auch im Islam in der Legende von dem weltentsagenden 



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— 35 — 

Sohne des Weltherrschers Harun al- Raschid einen Wider- 
hall 1 ). 

Das 6. Jahrhundert brachte einen gewissen Abschlufs dieser 
Litteratur in der Kirchengeschichte des Johannes von 
Ephesus. Dieser stammte aus Amid und mufs dort um das 
Jahr 515 geboren sein. Im Jahre 529 erhielt er im Johannes- 
kloster daselbst die Priesterweihe. Seine monophysitischen Glaubens- 
genossen hatten nun, seit im Jahre 534 der Kaiser Justinian zur 
Regierung gekommen war, von der sie verfolgenden Staatskirche 
fast mehr zu leiden als einst die Christen von den Heiden. In 
dieser Not floh Johannes nach Palästina. Im Jahre 535 ging er 
nach Konstantinopel, um dort für seine Glaubensgenossen zu 
wirken. Es gelang ihm in der Tat, das Vertrauen des Kaisers 
zu gewinnen, und dieser ernannte ihn schon im folgenden Jahre 
zum Bischof der Monophysiten an Stelle des abgesetzten Anthi- 
mus. Er erhielt dann vom Kaiser den Auftrag, die in den welt- 
entlegenen Gegenden Kleinasiens sich noch findenden Reste des 
Heidentums zu beseitigen. Dieser Aufgabe widmete er sich mit 
solchem Eifer, dafs er den Titel eines Götzenzerstörers erwarb. 
Im Jahre 546 berief ihn der Kaiser in die Hauptstadt zurück, 
damit er die dort und in der Umgegend noch blühenden Reste 
heidnischer Bräuche ausrotte. Nach dem Tode seines Gönners 
erfolgte alsbald wieder ein Umschwung in der Kirchenpolitik. 
Im Jahre 571 brach eine neue Verfolgung der Monophysiten aus, 
in der Johannes sogar ins Gefängnis wandern mufste. Diese 
Stürme, die seinen Lebensabend trübten, sind denn auch bis zu 
seinem im Jahre 585 erfolgten Tode nicht wieder zur Ruhe ge- 
kommen. 

Obwohl Johannes durch den Gang seines Lebens seiner 
syrischen Heimat stark entfremdet war, so wurde er doch durch 
seine Anhänglichkeit an sein monophysitisches Bekenntnis, das im 
Osten die Wurzel seiner Kraft hatte, im Geiste immer wieder 
dorthin zurückgeführt. Daher übte er auch seine litterarische 
Tätigkeit in der Sprache seiner Heimat aus. Freilich konnte er 
dabei nicht verbergen, wie sehr er schon dem Boden der Mutter- 
sprache entwachsen war. Sein Wortschatz ist weit mehr als der 



l ) Th. Nöldeke, Zur Alexiuslegende , Zeitschr. d. Deutsch. Morgenland. 
Gesellschaft 53, S. 256-258. 

3* 



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— 36 — 

seiner im Mutterlande schreibenden Zeitgenossen von griechi- 
schen Fremdlingen durchsetzt, und auch sein Stil ist schwerfällig 
und unbeholfen, da er in der fremden Umgebung verlernt hatte, 
sich der einfachen Ausdruckmittel semitischen Denkens zu be- 
dienen. Allerdings ist bei der Beurteilung seines Werkes auch 
in Betracht zu ziehen, dafs er nicht mehr die Mufse fand, es 
stilistisch zu überarbeiten, da es ihm sozusagen unter der Feder 
weggenommen wurde, um unter den Glaubensgenossen verbreitet 
zu werden. Denn auch seine litterarische Tätigkeit war durch- 
aus auf praktische Ziele gerichtet. Zur Verteidigung und Recht- 
fertigung des Monophysitismus schrieb er eine allgemeine Ge- 
schichte der christlichen Kirche. In drei Teilen zu je sechs Büchern 
umfafste sein Werk die Zeit von Julius Cäsar bis zum Jahre 585* 
Der erste Teil ist uns leider ganz verloren ; vom zweiten besitzen 
wir noch erhebliche Auszüge in der später noch zu besprechenden 
Chronik des Pseudo-Dionys von Tellmachre, unabhängig davon, 
aber kürzer und weniger sorgfältig in zwei Handschriften des 
Britischen Museums, aus denen sie Land (Anekdota Syriaca II) 
herausgegeben hat. Als Ganzes, wenn auch nicht ohne Lücken, 
ist uns der letzte Teil erhalten, der leider gerade die Mängel der 
Komposition am deutlichsten zeigt. Dafs ihn deswegen Vorwürfe 
treffen würden, hat der Verfasser selbst vorausgesehen und sich 
im 50. Kapitel des zweiten Buches dagegen zu verwahren ge- 
sucht. »Vielleicht werden wohlunterrichtete Leser, wenn sie 
diese Geschichte lesen, den Verfasser tadeln, dafs er dasselbe Er- 
eignis manchmal an mehreren Stellen nacheinander behandelt hat. 
Dabei bitte ich zu berücksichtigen, dafs viele dieser Kapitel in 
der harten Not der Verfolgung geschrieben sind. Seine Papiere 
und mit ihnen die ersten Aufzeichnungen zu diesem Werke waren 
zwei bis drei Jahre an verschiedenen Orten versteckt. Wenn der 
Verfasser sich gedrungen fühlte, eine Geschichte niederzuschreiben, 
so war er meist nicht in der Lage nachzusehen, ob er sie schon 
früher behandelt habe. So erklärt es sich, dafs manchmal eine 
Geschichte von neuem dargestellt wurde. Zum Schlufs hatte ich 
nicht die Zeit, das Ganze noch einmal zu revidieren und aus- 
zugleichen. € 

Eine geschlossenere Komposition zeigt ein anderes Werk des 
Johannes, das er selbst als eine Ergänzung zur Kirchengeschichte 
angesehen wissen wollte. Während diese den Gang der Ereig- 



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— 37 — ' 

nisse auf der grofsen Weltblihne darstellt, wünschte er das innere 
Leben der syrischen Kirche, wie es sich in Klöstern und Eremi- 
tagen abspielte, besonders zu schildern. So entstanden die 
Heiligenbilder des Ostens, die er im Jahre 569 sammelte und in 
ihre jetzige Form brachte 1 ). 

Die Blütezeit der syrischen Litteratur im 6. Jahrhundert kam 
aber nun nicht nur den geistlichen Interessen zugute, in deren 
Dienst sie entstanden und herangereift war. Schon in heid- 
nischer Zeit waren, wie wir sahen, die ersten Anfänge zu einer 
profanen, edessenischen Lokalchronik entstanden. Im Archiv 
der Bischöfe von Edessa, das uns jenen Überschwemmungsbericht 
erhalten hat, setzte man diese Arbeit fort, freilich nicht in so 
lebendiger, ausführlicher Schilderung, sondern in dürrer, chronisti- 
scher Form, nicht aus litterarischem Interesse, sondern zu prak- 
tischen Zwecken. 

Die grofsen weltgeschichtlichen Ereignisse aber, in deren 
Mittelpunkt Edessa um die Wende des 6. Jahrhunderts stand, die 
in Syrien und Mesopotamien von 495 — 506 zwischen Anastasius I. 
von Byzanz und Kawad von Persien geführten Kriege, fanden 
in Edessa selbst einen aufmerksamen Beobachter und fleifsigen 
und gewissenhaften Schilderer, der so eins der wichtigsten Quellen- 
werke für diese Zeit schuf. Der Name dieses Schriftstellers ist 
uns nicht überliefert, wie denn auch sein Werk uns nur im 
Rahmen einer gröfseren Kompilation, der schon erwähnten pseudo- 
dionysianischen Chronik, erhalten ist. Auf Grund irriger Auf- 
fassung einer allerdings zweideutigen Notiz in dieser Kompilation 
schrieb man das Werk lange einem Priester Josua Stylites 
aus dem Kloster Zuqnin zu. Wir wissen aber nur, dafs das Werk 
von einem Priester Aba Sergius angeregt ist, wie es denn in 
der Form eines an diesen gerichteten Briefes auftritt. 

Auf Grund dieser edessenischen Quellen, eines uns jetzt ver- 
lorenen Werkes über die Perserkriege und einer antiochenischen 
Stadt- und Kirchenchronik, entstand in der zweiten Hälfte des 
6. Jahrhunderts die sogenannte Edessenische Chronik. Der 
Name des Verfassers ist uns wieder nicht bekannt. Seine theo- 
logische Richtung, wie sie sich in seiner Auffassung der kirchen- 

l ) Die Kirchengeschichte des Johannes von Ephesus, aus dem Syrischen fiber- 
setzt von Dr. J. M. Schönfelder, München 1862. 



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— 38 - 

politischen Ereignisse äufsert, ist eine milde, ein wenig zum 
Nestorianismus neigende Orthodoxie. Die Schrift beginnt mit 
dem mehrfach erwähnten Überschwemmungsbericht und führt in 
meist kurzen, aber für die Chronologie wichtigen Eintragungen 
bis zum Jahre 513, von da bis zum Jahre 540 wird der Verfasser 
etwas ausführlicher in der Geschichte seiner eigenen Zeit 1 ). 

Auf primitiveren Kulturstufen sind die Grenzen zwischen 
einer nach Objektivität strebenden Geschichtsdarstellung und dem 
die Vergangenheit mit Hilfe der Phantasie wieder belebenden 
historischen Roman noch durchaus im Flufs. Die erste aus- 
führliche syrische Darstellung aus der Profangeschichte, das 
Leben des Kaisers Julianus, ist ganz romanhaft gehalten, und doch 
ist sie von späteren Autoren für eine ebenso glaubwürdige Quelle 
gehalten worden wie die bisher besprochenen Werke. Die Ge- 
stalt des Juli an us Apostata, des Begründers einer kurzlebigen 
heidnischen Renaissance, mufste auf die Phantasie eines Christen 
einen sehr starken Reiz ausüben, da sie ihm die beste Gelegen- 
heit gab, die siegreiche Kraft seines Glaubens auf Kosten des 
absterbenden Heidentums zu verherrlichen. Den Anschauungen 
seiner Zeit gemäfs, mufste der uns seinem Namen nach wieder 
unbekannte Verfasser in Julian ein Werkzeug des Teufels er- 
blicken. Ihm stellte er den Knecht Gottes in der Person des 
Feldherrn Jovian gegenüber, den er stets Jovinian nennt. Ur- 
sprünglich zerfiel der Roman in zwei Teile ; der erste, die Jugend 
Julians behandelnde Teil ist aber fast ganz verloren, der zweite 
erzählt den Perserkrieg des Kaisers bis zu seinem Tode und die 
Taten seines Nachfolgers Jovian. Da dieser durch die Rolle, 
die er schon zu Julians Lebzeiten spielt, allerdings stark in den 
Vordergrund tritt, so hat man später in ihm die Hauptperson 
gesehen und den Roman nach ihm benannt, schwerlich im Sinne 
des Verfassers selbst. Von dessen Persönlichkeit ist uns wieder 
nichts tiberliefert. Nöldeke (ZDMG 28, 263) folgert aus seinen 
Milieuschilderungen, dafs er in den Jahren 502—532 in Edessa 
geschrieben habe. Nach einem in derartigen Schriften beliebten 
Verfahren wird die Erzählung, um ihre Autorität zu erhöhen, 
einem Beamten des Kaisers Julian, namens Apollinarius, in den 



!) L. Hallier, Untersuchungen ober die Quellen usw. der Edessenischen 
Chronik (mit Text und Übersetzung), Texte und Unters, zur Gesch. der altchristl. 
Litt. hsg. von O. v. Oebhardt und A. Harnack IX, 1, Leipzig 1892. 



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— 39 — 

Mund gelegt, der sie auf Bitten des Abdel, Abtes von Sndrun, 
als ein Mittel zur Heidenbekehrung niedergeschrieben habe. Da 
diese Geschichte, auch abgesehen von ihrem erbaulichen Charakter, 
wegen ihrer lebendigen Erzählungsweise in der an profanen 
Stoffen nicht gerade reichen syrischen Litteratur einen hervor- 
ragenden Platz einnahm, mufs sie sich einer ziemlichen Ver- 
breitung erfreut haben. So hat sich denn noch ein späterer 
Autor bewogen gefühlt, denselben Stoff in eine neue Form zu 
giefsen, aber ohne geschichtlichen Sinn und ohne die Gestaltungs- 
kraft des ersten Bearbeiters; von dieser zweiter! Fassung sind 
uns nur einige Bruchstücke erhalten geblieben. Das Buch mufe 
auch schon früh ins Arabische übersetzt oder wenigstens durch 
Auszüge den Arabern zugänglich geworden sein, die schon von 
Tabari (s. Bd. VI, 2, S. 108) als ernsthafte Geschichtsquelle ver- 
wertet wurden 1 ). 

Um die Weilde des 6. und 7. Jahrhunderts entstand in 
Syrien ein grofses Geschichtswerk, das zwar an litterarischer 
Bedeutung den bisher besprochenen Schriften nachsteht, dafür 
aber durch den Wert der in ihm enthaltenen Stoffe entschädigt. 
Den Grundstock dieses Werkes bildet die griechisch geschriebene 
Kirchengeschichte des Zacharias Rhetor oder Scholastikus, 
Bischofs von Mytilene, die im Original im Jahre 518 beendet 
und um das Jahr 569 ins Syrische übersetzt wurde. Um dies 
Werk herum lagerte nun ein monophysitischer Kompilator 
mancherlei andere Stoffe, meist kirchengeschichtliche, aber auch 
biblische, wie die Geschichte von Joseph und seiner Frau Asenath, 
die Moses von Aggel um 550 — 570 vertatst hatte, die Legende 
von den Siebenschläfern, die Akten der himjaritischen Märtyrer 
nach dem Berichte des Simeon von Beth Arscham, eine Be- 
schreibung der Stadt Rom im Anschlufs an den Bericht von der 
Eroberung durch den Ostgothenkönig Totilas, die Schilderung 
des Weltkreises nach Ptolemäus mit einem Exkurs über die Aus- 
breitung des Christentums in den Ländern nördlich vom Schwarzen 
und vom Kaspischen Meere. Da das Werk schon in sich sehr 
wenig geschlossen war, so sind die späteren Abschreiber sehr 



») Th. Nöldeke, Zeitschr. der Deutsch. Morgenlind. Gesellschaft 28, 
S. 263—292, 660—674. 



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— 40 — 

willkürlich mit ihm verfahren und habe» es nach persönlichem 
Geschmack und ihren eigenen Interessen gekürzt und zu- 
gestutzt *). 

VII. Übersetzungen and profane Wissenschaften. 

Schon in den vorangehenden Abschnitten ist öfter von Über- 
setzungen aus dem Griechischen die Rede gewesen. Nächst der 
Bibel hat die griechische Litteratur auf die syrische den gröfsten 
Einflufs ausgeübt. Es kann hier nicht näher ausgeführt werden, 
wie die gesamte Theologie der Syrer nur ein Wiederschein 
griechischen Denkens ist. Wir sahen ja schon, dafs jene Dogmen, 
die sie in zwei feindliche Nationen gespalten haben, griechischem 
Geiste entsprungen waren. 

Unter den Übersetzern theologischer Werke verdienen der 
Nestorianer Ma'na in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts 
und der Monophysit Paulus, Bischof von Kallinikos (Raqqa), 
der im Jahre 519 abgesetzt wurde, besondere Erwähnung. Ersterer 
hatte sich namentlich um die Werke des Theodor von Mopsuestia 
verdient gemacht, letzterer widmete seine Tätigkeit den Schriften 
des grofsen Monophysiten Severus von Antiochia. 

Um dieselbe Zeit wurden auch die wichtigsten Quellen des 
kanonischen Rechts ins Syrische übertragen, so vor allem von 
einem monophysitischen Mönch aus Mabbug-Hierapolis das so- 
genannte »Buch der Gesetze» der Kaiser Konstantin, Theo- 
dosius und Leo, dessen griechisches Original unter der Regierung 
des monophysitisch gesinnten Kaisers Basilicus 475 — 477 ent- 
standen zu sein scheint. Das Buch ward dann später mehrfach 
lokalen Bedürfnissen angepafst; wir besitzen noch eine im 9. oder 
10. Jahrhundert in Bagdad entstandene nestorianische Rezension. 
Das Werk ward dann weiter auch ins Arabische, Armenische 
und Georgische tibertragen. Da die christlichen Kirchen im 
Orient auch unter islamischer Herrschaft ihre eigene Jurisdiktion 
behielten, so dienten diese Werke nicht nur theoretischen, sondern 
durchaus praktischen Interessen 2 ). 

*) Die sogenannte Kirchengeschichte des Zacharias Rhetor, in deutscher 
Obers, hrsg. von K. Ahrens und H. Krüger. Script, sacri et profani sem. 
phil. Ien. fs. III, Leipzig 1899. 

*) Syrisch - römisches Rechtsbuch aus dem 5. Jahrh., hrsg., übers, und er- 
läutert von K. O. B r u n s und E. S a c h a u , Leipzig 1 880. Syrische Rechtsbücher, hrsg. 
und übers, von E. Sacha u, 1. Bd.: Leges Constantini Theodosii, Leonis; Berlin 1907. 



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— 41 — 

Die Nestorianer fühlten nun zuerst auch das Bedürfnis, sich 
das Verständnis der theologischen Litteratur der Griechen durch 
das Studium ihres profanen Schrifttums zu erschlielsen. Denn 
in formaler Hinsicht bewegte sich die griechische Theologie in 
den Gedankengängen der aristotelischen Philosophie, deren 
Kenntnis daher auch den Syrern als unbedingt erforderlich sich 
aufdrängen mufste. Der Nestorianer Probus, angeblich Archi- 
diakonus und Archiater in Antiochia, war der erste, der diesem 
Bedürfnis entgegenkam. Er lebte vermutlich in der ersten Hälfte 
des 5. Jahrhunderts. Von ihm rühren Übersetzungen einzelner 
Teile des aristotelischen Organons sowie der Isagoge des Por- 
phyrius her. Das Syrische liefs sich nun allerdings nicht ohne 
weiteres philosophischen Gedankengängen anpassen. Die 
griechische Terminologie mufste fast ganz übernommen werden. 
Aber auch sonst hielten sich die syrischen Übersetzer manchmal 
so sklavisch an ihre Vorlagen, dafs ihre Werke ohne Kenntnis 
des Originals unverständlich bleiben. 

Die Arbeit des Probus fand aber bei beiden Konfessionen 
und auch im Osten des syrischen Sprachgebietes lebhaften Beifall. 
Hier war es namentlich Theodor, seit 540 Bischof von Marw, 
der sich die Verbreitung seiner Arbeiten sowie der der Mono- 
physiten angelegen sein liefs. Einen begeisterten Verfechter fand 
die griechische Wissenschaft in den letzten Jahren des 6. Jahr- 
hunderts in dem Perser Paulus von Derschahr, der am Hofe 
des Königs Chosrau I. Anoscharwan lebte. Sein Interesse für 
weltliche Wissenschaften trat so in den Vordergrund, dafs später 
die Behauptung Glauben fand, er habe, als ihm sein Streben nach 
der Würde des Metropoliten von Persien fehlgeschlagen sei, das 
Christentum verleugnet und sich zur zoroastrischen Religion be- 
kehrt. Dafs er dem Christentum immerhin etwas entfremdet 
war, zeigt die Vorrede seiner dem genannten König gewidmeten 
Logik, in der er den Wert des Wissens auf Kosten des Glaubens 
erhebt, weil es von den Zweifeln, denen der Glaube doch stets 
unterworfen bleibe, frei sei. 

Gebührt den Nestorianern der Ruhm, zuerst in gröfserem 
Umfang profan wissenschaftliche Studien getrieben zu haben, so 
konnten dafür ihre Rivalen, die Monophysiten den gröfsten und 
erfolgreichsten Übersetzer zu den Ihren zählen; der Nestorianer 
Abdischo nahm ihn freilich später für seine Sekte in Anspruch, 



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— 42 — 

weil er zu bedeutend war, als dafs er ihm aus seinem litterari- 
schen Kanon hätte ausschlielsen können. Sergius, Priester und 
Archiater in Ras'ain (Reschaina) war allerdings kein fanatischer 
Parteigänger der Monophysiten. Seine Studien soll er in Alexandrien 
gemacht haben, wo er auch seine griechischen Kenntnisse erwarb. 
Im Jahre 535 hören wir von ihm, dafs er sich mit dem Bischof 
Asylos von Reschaina überworfen hatte und sich beschwerde- 
führend an den orthodoxen Patriarchen Ephraem in Antiochia 
wandte. Bei der damaligen kirchenpolitischen Lage mufste dies 
Vorgehen von seinen Konfessionsgenossen als Verrat angesehen 
werden, um so mehr, da er sich später geradezu im Dienste der 
Orthodoxie gegen die Monophysiten gebrauchen liefs. Die 
Häupter dieser Partei, Severus von Antiochia und Theodosius 
von Alexandria, lebten damals als Verbannte in Konstantinopel 
und erfreuten sich des Schutzes der Kaiserin Theodora. Um nun 
einer etwa von dieser Seite drohenden Gefahr vorzubeugen, schickte 
Ephraem den Sergius als seinen Gesandten an den Papst Agapetus 
nach Rom. Dieser liefs sich denn auch von ihm bewegen, im 
Frühjahr 536 mit ihm nach Konstantinopel zu reisen, wo es ihm 
gelang, die Verbannung der beiden Monophysiten von dort 
durchzusetzen. Sergius aber starb noch im selben Jahre zu Kon- 
stantinopel. 

Die Verdienste des Sergius als Übersetzer lassen sich in 
ihrem ganzen Umfang nicht mehr mit voller Sicherheit würdigen. 
De* Begriff eines Rechts am geistigen Eigentum ist bekanntlich 
erst eine Errungenschaft der modernen Kultur. Nahmen es schon 
bei den Arabern selbst Schriftsteller, die eine sehr bedeutende 
Rolle spielten, in diesem Punkte nicht sehr genau, so verfuhren 
die Syrer mit noch gröfserer Sorglosigkeit. Nur wenn der Name 
eines Schriftstellers so klangvoll war, dafs er die Autorität eines 
Buches zu verstärken geeignet schien, legten die Abschreiber auf 
die Angabe des Verfassers Gewicht. Schon unter den syrischen 
Originalwerken sind uns viele Anonyma und Pseudepigrapha be- 
gegnet; man darf sich also nicht wundern, dafs man in späterer 
Zeit nach dem Namen des Urhebers von Übersetzungen aus dem 
Griechischen nicht viel fragte, zumal seine Zeit- und Konfessions- 
genossen den Namen des Verräters manchmal absichtlich unter- 
drückt haben mögen. So sind denn nur wenige Übersetzungen 
direkt unter dem Namen des Sergius tiberliefert, vor allem die 



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— 43 — 

Alexander gewidmete Schrift des Aristoteles über das Weltall 
und dessen Kategorien, die Isagoge des Porphyrius und eine 
anonyme Schrift über die Seele. Doch läfst sich mit ziemlicher 
Sicherheit vermuten, dafs Sergius aufserdem den gröfsten Teil 
der uns anonym überlieferten syrischen Übersetzungen aus dem 
Griechischen angefertigt hat, wenn auch seine Arbeiten zum Teil 
von späteren nachgefeilt sein mögen. Da Sergius ja auch prak- 
tischer Arzt war, wie denn auf niedrigeren Kulturstufen der ärzt- 
liche Beruf stets als Gipfel und eigentliches Ziel aller philosophisch- 
naturwissenschaftlichen Studien gegolten hat, so wandte er seine 
Tätigkeit als Übersetzer natürlich auch der griechischen Medizin 
zu. Von seiner Galenübersetzung sind uns Buch VI— VIII der 
Schrift über die einfachen Heilmittel sowie Bruchstücke der Ars 
Medica und der Schrift über die Nahrungsmittel erhalten. 

Sergius beschränkte sich aber nicht auf die Übersetzertätig- 
keit, sondern suchte auch durch selbständige Schriften für die 
Verbreitung griechischer Wissenschaft zu wirken. Dem schon 
erwähnten Bischof Theodor von Merw widmete er seine Bücher 
über Logik und über das Universum, dem er im Anschlufs an 
Aristoteles Kreisgestalt zuschrieb, sowie eine Schrift über den 
Einflufs des Mondes, die an Galens Buch über die kritischen 
Tage anknüpfte. Endlich besitzen wir von ihm noch eine logische 
Untersuchung über die Begriffe Genus, Spezies und Individuum. 

Die Beschäftigung mit der rein formalen Seite der aristote- 
lischen Philosophie vertrug sich aufs beste mit der christlichen 
Weltanschauung, die ja von den griechischen Theologen eben 
mit Hilfe dieser Philosophie gestaltet worden war, da eine Polemik 
gegen die polytheistische Seite der antiken Kultur gegenstands- 
los geworden war. Nur der Kampf gegen die im sasanidischen 
Reiche herrschende zoroastrische Religion gab noch Gelegenheit, 
die Apologie des Christentums gegen heidnisches Wesen wieder 
zu beleben. Auf dieser Polemik beruhte die Bedeutung der 
Schriften des Achudemmeh, die uns leider grösstenteils verloren 
sind. Achudemmeh war Bischof der Monophysiten im persischen 
Reiche mit dem Sitz in Tekrit, wo ihn im Jahre 559 der Neu- 
begründer des Monophysitismus Jakob Burdeana geweiht hatte. 
In dieser Stellung gelang es ihm, einen Prinzen des königlichen 
Hauses zum Christentum zu bekehren. Zur Strafe dafür ward 
er von Chosrau I. Anoscharwan gefangen gesetzt, und er starb 



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— 44 — 

im Jahre 575 im Kerker. Sein für uns interessantestes Werk 
gegen die persischen Priester und die griechischen Philosophen 
ist uns nicht erhalten, da es nach dem Untergang der zoroastri- 
schen Staatsreligion keine Leser mehr fand. Von seinen philo- 
sophischen Schriften sind nur Bruchstücke einer Abhandlung 
über die Zusammensetzung des Menschen aus Leib und Seele 
auf uns gekommen. 

Neben den philosophischen Studien spielten die gleichfalls von 
Aristoteles begründeten exakten Naturwissenschaften in Syrien eine 
untergeordnete Rolle, da die Naturbeobachtung andere Lebens- 
bedingungen voraussetzt als die von Priestern und Mönchen. 
Deren Interesse für die Natur beschränkte sich auf die Lektüre 
des sogenannten Physiologus, eines Buches, das allerei antike 
Fabeln und Tiersagen mit biblischen Daten verbindet. Von diesem 
Buche sind uns eine kürzere und eine längere syrische Bearbeitung 
erhalten. Auf Grund des Physiologus und des HexaSmeron des 
Basilius schrieb dann ein unbekannter Autor vielleicht um die 
Wende des 7. Jahrhunderts, jedenfalls aber vor dem Jahre 1000, 
das »Buch der Naturgegenstände« 

Im 6. Jahrhundert ward die syrische Litteratur auch durch 
Übersetzungen aus dem Mittelpersischen oder dem Pehlewi be- 
reichert. Persische Originalwerke waren allerdings als Vertreter 
des Zoroastertums für syrische Leser nicht zu verwerten. Aber 
im Pehlewi kursierte damals die Übersetzung eines indisch-buddhi- 
stischen Werkes, das in Gestalt eines Fabelbuches einen Fürsten- 
spiegel darbot. Während in Indien selbst, wo der Buddhismus 
durch den Brahmanismus wieder völlig unterdrückt und aus- 
gerottet wurde, das Original verloren ging und nur Auszüge im 
Pantschatantra und im Mahabharata die für brahmanische Leser 
unanstöfsigen Partien bewahrten, blieb das Werk vollständig in 
einer Pehlewiübersetzung erhalten. Aus dieser ward es im 
6. Jahrhundert von einem Periodeutes Bud ins Syrische über- 
tragen unter dem Titel Buch der Nabeln von Kali lag und 
Damnag, nach den beiden die Hauptrolle in der Rahmen- 
erzählung spielenden Schakalen. Diese syrische Übersetzung 
war aber, wie es scheint, nur wenig verbreitet. Jedenfalls ward 
das Buch etwa im 10. Jahrhundert noch einmal aus der arabischen 
Version, die direkt aus dem Pehlewi geflossen war, und die das 
Buch der Weltlitteratur vermittelte, noch einmal ins Syrische 



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/ 



• - 45 — 

tibertragen. Erst neuerdings ist dann wieder ein Exemplar jener 
älteren syrischen Übersetzung aufgefunden worden 1 ). 

Aus dem Persischen ist endlich auch die syrische Version 
des Alexanderromans geflossen, wie Nöldeke nachgewiesen hat. 
Das fälschlich dem Kallisthenes zugeschriebene Buch, das in 
Ägypten entstanden war, schilderte den griechischen Welt- 
eroberer im Sinne seiner orientalischen Untertanen und fand 
daher bei ihnen eine besonders günstige Aufnahme, so dafs selbst 
die durch Zerstörung ihres Reiches in ihrem Nationalstolz am 
tiefsten gekränkten Perser daran Gefallen finden konnten. Diese 
Nationalisierung Alexanders hat dann im Orient immer weitere 
Fortschritte gemacht, so dafs der Welteroberer heute in den Er- 
zählungen der aramäischen Bauern des Tur Abdin zu einem 
mädchenraubenden Kurdenhelden geworden ist, an dessen Urbild 
nur noch der Name Kandar und das aus dem Koran stammende, 
aber nicht mehr verstandene Beiwort »der Zweigehörnte c er- 
innert. 

VIII. Der Niedergang der syrischen Litteratar bis zur and anter 
der arabischen Herrschaft 

Mit dem Ende des 6. Jahrhunderts hatte die syrische Litteratur 
ihren Höhepunkt tiberschritten. Die beiden Reiche, unter deren 
Herrschaft Syrien geteilt war, gerieten zu Beginn des 7. Jahr- 
hunderts noch einmal in blutigen Kämpfen aneinander. Zwanzig 
Jahre lang suchte Chosrau IL die asiatischen Besitzungen des 
oströmischen Reiches mit verheerenden Kriegszügen heim. Im 
Jahre 609 ward Edessa erobert, und ein grofser Teil seiner Be- 
wohner nach den östlichen Provinzen des persischen Reiches, 
nach Segistan und Chorasan deportiert. Auf den Fall der Haupt- 
stadt Mesopotamiens folgte der von Damaskus und Jerusalem und 
endlich die Eroberung Ägyptens. Erst 622 konnte Kaiser Heraklius 
die Ehre der römischen Waffen wieder herstellen und die Perser 
aus den eroberten Gebieten hinausdrängen. Für die Syrer aber 
bedeuteten diese Erfolge kein Glück. Hatten sie bisher unter 
den Bedrückungen einer fremden Soldateska geseufzt, so stürzte 

') Kali lag und Dam nag, alte syrische Obers, des indischen Fürsten- 
spiegels, Text und deutsche Obersetzung von O. B ick eil, mit einer Einleitung 
von Th. Benfey, Leipzig 1876. 



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— 46 — 

sich jetzt im Gefolge ihrer Befreier von der Fremdherrschaft die 
byzantinische Geistlichkeit auf sie, mit einem letzten energischen 
und doch erfolglos gebliebenen Versuche, ihre Nationalkirche aus- 
zurotten und sie der Herrschaft der Orthodoxie zu unterwerfen. 

So waren denn die bedeutendsten jakobitischen Schriftsteller 
in den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts nicht in der Heimat, 
sondern im Exil tätig. Paulus von Telia und Thomas 
von Harqel-Heraklea arbeiteten damals in Alexandria an 
der Revision der syrischen Bibelübersetzung. Cypern war die 
Zuflucht des Abtes Paul, der die Werke des Gregor von Nazianz 
und den Oktogchos des Severus ins Syrische übersetzte. 

Günstiger war die Lage der Nestorianer im persischen Reiche. 
Ihre Litteratur war damals denn auch erheblich reicher, doch ist 
uns nicht viel davon erhalten, weil jene Werke meist in den 
Kompilationen der nächsten Jahrhunderte aufgingen. Besondere 
Beachtung verdient aber ein Vertreter griechischer Wissenschaft, 
Severus Sebocht aus Nisibis, Bischof des Klosters in Qenne- 
schrin, der in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts blühte. Er 
beschäftigte sich hauptsächlich mit der formalen Seite der Philo- 
sophie und mit den mathematischen Wissenschaften; so schrieb 
er Abhandlungen über den Gebrauch des Astrolabs, über die 
Gestalt des Himmels, über die bewohnten und die unbewohnten 
Teile der Erde. 

Das 4. Jahrzehnt des 7. Jahrhundert brachte dann über die 
schon so schwer geprüften Syrer noch einmal die Schrecken einer 
Umwälzung des politischen Systems. Im Laufe weniger Jahre 
wurden ihre römischen und persischen Herren aus ihrem Besitz 
verjagt von den arabischen Beduinen, auf die man bis dahin als 
auf unzuverlässige, aber nicht ernstlich gefährliche Barbaren 
herabgeblickt hatte. Diese gewaltigen Ereignisse haben in der 
syrischen Litteratur eine merkwürdige Spur hinterlassen. Es 
sind das kurze Aufzeichnungen, die syrische Mönche über die 
Eroberung ihres Landes gemacht haben, und die uns namentlich 
durch genaue und zuverlässige Datierungen von Wert sind. 

Nachdem der Kriegssturm vortibergebraust und wieder leid- 
liche Ruhe im Lande hergestellt war, übten die neuen Verhält- 
nisse auch auf die syrische Litteratur tiefere Wirkungen aus. 
In ihren nationalen Eigentümlichkeiten wurden die Syrer durch 
die Eroberer nicht gestört. In religiöser Hinsicht ging es ihnen 



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— 47 — 

unter den neuen Herren sogar besser als unter den Byzantinern, 
die immer wieder versucht hatten, ihnen ihre offizielle Dogmatik 
aufzudrängen; die Araber liefsen sie in ihrem kirchlichen Leben 
ganz ungestört. Als Anhänger einer offenbarten Religion nahmen 
sie zwar keine den Herren ebenbürtige Stellung ein, aber man 
liefs ihnen in allen inneren Angelegenheiten ihrer Konfession 
freie Hand. Da im semitischen Orient Nationalität und Religion 
untrennbare Begriffe sind, so war die Gefahr, ihr V r olkstum durch 
die Eroberung zu verlieren, für die Syrer nicht grofs. 

Verhängnisvoll aber ward die arabische Invasion für die 
Existenz der syrischen Sprache. Die herrschende Stellung, die 
das Aramäische der vorderasiatischen Kultur und dem Christen- 
tum Jahrhunderte lang zu verdanken gehabt hatte, erlitt nun 
einen jähen Stofs. Durch das Arabische ward es sehr bald aus 
dem Gebrauche des täglichen Lebens verdrängt. Griechisch und 
Persisch, die Sprachen ihrer bisherigen Herren, hatten das nicht 
vermocht, da sie als Glieder eines anderen Sprachstammes dem 
Volke allzu fremd gegenüberstanden. Anders war es mit dem 
stammverwandten Idiom der Araber, das in verhältnismäfsig 
kurzer Zeit in den Städten und bald auch auf dem Lande das 
Aramäische aufsog. Nur in den abgelegenen Bergregionen des 
Tur Abdin und Kurdistans im Osten und des Libanon im Westen 
hielt sich das Aramäische als Volkssprache bis auf diesen Tag. 
Überall , wo die Aramäer am Christentum festhielten , be- 
hauptete das Syrische auch seine Stellung als Sprache des Kultus 
und der kirchlichen Litteratur. Aber auch hier ward die Stetig- 
keit der Tradition durch das Arabische bedroht, da man bald 
nicht mehr aus lebendigem Sprachgefühl schöpfen konnte, sondern 
auf schulmäfsige Überlieferung angewiesen war. So fühlte man 
denn das Bedürfnis, die Sprache, deren Leben dahinschwand, 
genau zu fixieren, um sie den Nachkommen ungetrübt überliefern 
zu können. 

Ein grofses Verdienst um die Erhaltung der Sprache in 
dieser für ihre Existenz bedrohlichen Zeit erwarb sich Jakob 
von Edessa. Er war bald nach Abschlufs der arabischen Er- 
oberung um das Jahr 640 in Endeba in der Diözese Antiochia 
geboren. Seine Erziehimg genofs er unter dem gröfsten Ge- 
lehrten seiner Zeit, dem Severus Sebocht, zu Qenneschrin. Die 
schon unter dessen Leitung begonnenen griechischen Studien 



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- 48 — 

vollendete er zu Alexandria. Nach seiner Rückkehr in die Heimat 
ward er, wahrscheinlich bald nach 684, von seinem Freunde, 
dem Patriarchen Athanasius IL, zum Bischof von Edessa geweiht. 
Sein glühender Eifer brachte ihn bald in Konflikt mit der ihm 
untergebenen Geistlichkeit, die schon lange gewöhnt war, sich 
über die strengen kanonischen Lebensregeln läfslich hinweg- 
zusetzen. Da er bei keinem seiner Kollegen und nicht einmal 
bei dem neu ernannten Patriarchen Julianus Romaja einen Rück- 
halt fand, gab er den vergeblichen Kampf bald auf. Nachdem 
er die kanonischen Regeln am Tore von Julians Kloster ver- 
brannt hatte, legte er sein Amt nieder und zog sich in das 
Kloster Qaisum in der Nähe von Samosata zurück. Von dort 
siedelte er bald in das des Eusebona über, dessen Mönche ihn 
als Lehrer der hl. Schrift und der griechischen Litteratur be- 
riefen. Nachdem er hier elf Jahre gewirkt hatte, geriet er mit 
einigen Brüdern in Streit, denen sein Eifer für das Griechische 
unbequem war. Er ging dann in das grofse Kloster von Teil 
Adda, wo er neun Jahre an der Revision der Übersetzimg des 
Neuen Testaments arbeitete. Inzwischen war Habib, sein Nach- 
folger auf dem edessenischen Bischofsstuhl, gestorben, und wieder 
berief man ihn, dem seine litterarischen Arbeiten inzwischen den 
Ruhm der gröfsten Zierde seiner Kirche eingetragen hatten, in 
sein altes Amt. Es war ihm aber nicht mehr lange vergönnt, 
dort zu wirken. Nachdem er vier Monate in Edessa gewesen 
war, kehrte er nach Teil Adda zurück, um seine Bücher zu 
holen, und bei diesem Besuch starb er am 5. Juni 708. 

Den Mittelpunkt seiner litterarischen Arbeiten bildete die 
hl. Schrift, zu der er einen vollständigen Kommentar schrieb. 
Im Anschlufs an die Bibel gab er eine ausführliche Darstellung 
des Schöpfungswerkes, die nach seinem Tode sein Freund, der 
Araberbischof Georg, vollendete. Einen breiten Raum nahm 
auch die praktische Theologie in seinem Wirken ein. Er be- 
gnügte sich nicht mit einer Erläuterung der bestehenden Liturgie, 
sondern trug durch Neuschöpfung liturgischer Formeln zur Be- 
lebung des Gottesdienstes bei. Eifrig war er auch um die 
Kirchenzucht bemüht, für die er neue Kanones entwarf, un- 
bekümmert um den Widerstand, den seine Zeitgenossen seinen 
Bestrebungen entgegensetzten. 

Die Hauptfrucht seiner profan-wissenschaftlichen Studien war 



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— 49 — 

eine grofse, leider nicht erhaltene Chronik, in der er im An- 
schlufs an das Werk des Eusebius die Zeit vom 20. Jahre des 
Konstantin bis auf das Jahr 692 darstellte. In der Einleitung 
verbreitete er sich über das chronologische System des Eusebius 
und den von ihm begangenen Rechenfehler von drei Jahren. 
Dann handelte er über die von Eusebius ausgelassenen, dem 
römischen Reiche gleichzeitigen Dynastien. Das Werk ist von 
späteren syrischen Historikern ausgiebig benutzt und uns so, 
wenn auch als Ganzes verloren, doch noch in manchen Aus- 
zügen und Reflexen zugänglich. 

Das gröfste Verdienst aber erwarb sich Jakob durch seine 
Bemühungen um die Erhaltung seiner Muttersprache. Alle 
semitischen Alphabete sind ursprünglich mit dem Mangel be- 
haftet, dafs sie nur die Konsonanten und höchstens noch die 
langen Vokale zum Ausdruck bringen. Genügt ein solches 
Schriftsystem auch vollständig, solange die Sprache noch am 
Leben ist, so dafs der Leser die Andeutungen der Schrift sofort 
aus seinem lebendigen Sprachgefühl zu ergänzen vermag, so ver- 
sagt es* doch, sobald das Sprachgefühl anfängt, unsicher zu 
werden. Um Zweifel und Irrtum bei der gottesdienstlichen Re- 
zitation der hl. Schrift auszuschliefsen, hatten schon die Nestorianer, 
wie Narses und seine Schüler, namentlich Joseph Huzaja, die 
korrekte Aussprache in einem vollständigen Vokalsystem fest- 
gelegt. Ihre Bestrebungen verpflanzte Jakob nun nach dem 
Westen. Da die sehr wenig übersichtliche nestorianische Vokal- 
bezeichnung sehr leicht zu Irrtümern Anlafs gab, ersetzte er sie 
durch die Vokalzeichen der griechischen Schrift, die er einfach 
über den syrischen Buchstaben anbrachte. Später versuchte er 
noch eine radikale Umgestaltung der syrischen Schrift, indem er 
die griechischen Vokale zwischen die syrischen Konsonanten ein- 
schob. Vielleicht ward er dazu durch das Vorbild der Mandäer 
in Babylonien angeregt , die schon lange , unabhängig von den 
Griechen, diese einfache Methode, die Buchstaben auszudrücken, 
erfunden hatten. Aber die nun einmal seit Jahrhunderten ein- 
gebürgerten Schreibgewobnheiten vermochte sein System nicht 
zu tiberwinden. Nachhaltigeren Einflufs übte sein Versuch aus, 
nach dem Vorbilde der Griechen auch für die syrische Sprache 
feste Regeln aufzustellen. Seine Grammatik ist uns allerdings 

Litteraturcn des Ostens. VH, 2. 4 



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- 50 — 

auch nicht vollständig erhalten, da sie den praktischen Bedürf- 
nissen der Späteren nicht mehr genügte. 

Seine ausgebreitete Tätigkeit als Lehrer und Schriftsteller 
liefs Jakob immerhin noch Zeit zu einem weitverzweigten Brief- 
wechsel, in dem er gleichfalls wissenschaftliche Fragen ver- 
handelte. Allerdings tragen diese Briefe nicht sowohl den 
Charakter einer persönlichen Mitteilung als den der Belehrung, 
sie sind eben im Grunde kaum etwas anderes als eine besondere 
litterarische Form, wie sie die griechische Litteratur ja auch kennt. 

Ein Schüler Jakobs und des schon erwähnten Patriarchen 
Athanasius war der Araberbischof Georg, der im Jahre 740 
starb. Seine Diözese umfafste die schon seit Jahrhunderten 
zum Christentum bekehrten arabischen Nomadenstämme in 
Mesopotamien, die auch unter islamischer Herrschaft ihrem 
alten ' Glauben treu blieben; sein Amtssitz war in Aqula bei 
Kufa. Gleich seinen Lehrern widmete er seine Hauptarbeit dem 
Studium der Griechen. Er lieferte eine neue Übersetzung von 
Aristoteles' Organon, die uns wenigstens teilweise erhalten ist. 
Ferner schrieb er einen Kommentar zur hl. Schrift und zu den 
Predigten des Gregor von Nazianz. Endlich knüpfte er auch 
wieder an die älteren Traditionen der syrischen Litteratur an, 
indem er mancherlei Gegenstände des kirchlichen Lebens in 
metrischer Form behandelte. 

Fruchtbarer als bei den Jakobiten war im 7. Jahrhundert 
die litterarische Tätigkeit der Nestorianer, deren Werke freilich 
meist für uns verloren sind. Noch unter persischer Herrschaft 
drohte dem Bestände ihrer Sekte eine gefährliche Abfallbewegung. 
Im Jahre 630 ging der Kathoükos Ischojabh IL als Gesandter 
zum Kaiser Heraklius nach Aleppo. In seinem Gefolge befand 
sich der Mönch Sahdona aus dem Kloster Beth Abhe, der 
sich schon vorher durch ein weitläufiges Werk über das Mönchs- 
leben einen Namen gemacht hatte. Auf dieser Reise liefsen sich 
die Nestorianer in Apamäa auf eine Disputation mit den katholi- 
schen Insassen eines Klosters ein. Statt diese zu bekehren, wie 
sie gehofft hatten, mufsten sie mit Schmerz sehen, wie ihr Be- 
gleiter Sahdona viel mehr durch die Argumente der Gegenpartei 
sich überzeugen liefs. Er verteidigte seinen neuen Glauben dann 
in einer Reihe von Schriften, fand aber in einem anderen Teil- 
nehmer an dieser Reise, Ischojabh von Kuflana, einen energischen 



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- 51 - 

Gegner, der namentlich als Apologet der nationalen Tradition 
gegen ihn auftrat 1 ). 

Damals ward den Nestorianern auch eine wichtige Quelle 
für das asketische Lebensideal der alten Kirche neu erschlossen, 
das Paradisus Patrum des Palladius, das Ananischo aus 
Hedaijab-Adiabene übersetzte. Dieser hatte als Mönch im Kloster 
auf dem Berge Izla gelebt und war dann nach Ägypten ge- 
wandert, um in der sketischen Wüste die Ideale des Mönchs- 
lebens an der Urquelle zu studieren. Nach seiner Rückkehr von 
dort konnte er sich mit seinen bisherigen Klosterbrüdern nicht 
mehr vertragen und trat in Beth Abhe ein, um sich dort ganz 
seinen litterarischen Arbeiten zu widmen. Aufser seinem schon 
genannten Hauptwerk schrieb er noch eine philosophische Ab- 
handlung und beschäftigte sich auch mit der damals neuen 
Sprachwissenschaft. So besitzen wir von ihm noch einen Aufsatz 
über die im Syrischen ziemlich zahlreichen, gleichgeschriebenen, 
aber verschieden auszusprechenden Wörter. 

Von der, wie wir aus den zahlreichen Zitaten in späteren 
Werken wissen, gerade damals sehr fruchtbaren historischen 
Litteratur der Nestorianer ist uns nur eine anonyme Chronik 
erhalten, die die Geschichte des persischen Reiches vom Tode 
Hormizd IV. bis zu seinem Falle darstellt und nach Nöldekes 
Untersuchungen (Sitzungsber. der Wiener Akademie Bd.CXXVIII, 
1893) in den Jahren 670 — 680 geschrieben sein mufs. 

IX. Die syrische Litteratur unter der islamischen Herrschaft im 
8. und 9. Jahrhundert . 

Mit dem Sturze des nationalarabischen Reiches und dem 
Emporkommen der Abbasiden trat auch für die aramäischen 
Christen ein fühlbarer Umschwung ein. An die Stelle eines 
patriarchalischen Stammesfürstentums, das sich nur in den 
Städten etwas den Bedürfnissen der Kultur angepafst hatte, trat 
nun eine Fortsetzung des altasiatischen Grofskönigtums. In 
Babylonien, dem neuen Mittelpunkt des Reiches, entwickelte sich 
eine Kultur, in der alle bis dahin ruhenden Keime älterer 



*) H. Oousscn, Martyrius Sahdonas Leben und Werke nach einer syr. 
Hds. in Strafsburg. Beiträge zur Geschichte des Katholizismus unter den 
Nestorianern. Leipzig 1897. 

4* 



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— 52 — 

Perioden zur Blüte gelangten. Diese neue Kultur verdrängte 
die arabische Sprache nicht aus ihrer herrschenden Stellung, ob- 
wohl die reinen Araber an ihrer Ausbildung keinen hervor- 
ragenden Anteil mehr hatten. In diese Bewegung wurden nun 
auch die Syrer hineingezogen, und die bisher nur in den Kloster- 
schulen gepflegten Wissenschaften wurden der neuen Kultur 
dienstbar gemacht. Die Folge war allerdings eine persönliche 
Hebung einzelner Syrer, aber zugleich ein Verfall ihrer Litteratun 
deren nationale Sprache sich neben dem nun auch in der Wissen- 
schaft nach dem Vorrang strebenden Arabisch auf die Dauer 
nicht behaupten konnte. 

Aus dem 8. Jahrhundert kennen wir freilich noch einen 
syrischen Schriftsteller, der, obwohl er mit dem Hofe in Ver- 
bindung trat, doch an der Muttersprache festhielt. Theophilus, 
Sohn des Thomas aus Edessa, maronitischer Konfession, war 
durch seine astronomischen Studien, deren astrologische An- 
wendung von jeher an orientalischen Höfen besonders geschätzt 
worden war, mit dem Bagdader Hofe in Verbindimg gekommen. 
Er soll mit dem Kalifen al-Mahdi über solche Fragen korre- 
spondiert haben. Auch seine Schriftstellerei bewegte sich in 
profanen Bahnen, wie seine uns leider verlorene Weltchronik 
zeigt. Besondere Erwähnimg verdient sein Versuch, die homeri- 
schen Epen, Ilias und Odyssee, seinen Landsleuten zugänglich 
zu machen und ihnen so nach der Wissenschaft auch die Kunst 
der Griechen zu erschliefsen. Leider sind von dieser merk- 
würdigen Übersetzung nur einige wenige Zitate auf uns ge- 
kommen. 

Auf jakobitischer Seite ist aus dem 8. Jahrhundert noch ein 
uns dem Namen nach unbekannter Historiker anzuführen, der 
um das Jahr 775 im Kloster Zuqnin schrieb. Sein in einer 
einzigen vatikanischen Handschrift erhaltenes Werk, das Assemani 
irrtümlich für das des ca. 50 Jahre späteren Dionys von Tell- 
machre hielt, zerfällt in vier Teile. Der erste Teil reicht bis 
zu Konstantin dem Grofsen und schöpft hauptsächlich aus den 
chronologischen Kanones des Eusebius und aus der syrischen 
Legendenlitteratur, namentlich der Schatzhöhle, einer anonymen 
Bearbeitimg der biblischen Geschichte, aus dem Alexanderroman 
und ähnlichen Quellen. Der zweite Teil, der die Geschichte bis 
auf Theodosius IL führt, ist ein Auszug aus den Werken des 



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— 53 — 

byzantinischen Historikers Sokrates; der dritte Teil reicht bis 
Justin tl. und schöpft hauptsächlich aus Johannes von Ephesus; 
in ihm ist auch die Chronik des sogenannten Josua Stylites er- 
halten. Der vierte und letzte Teil stellt die Zeitgeschichte des 
Verfassers dar. Für den Historiker ist zwar dieser letzte Teil 
nicht ohne Wert als eine ausführliche Schilderung der arabischen 
Herrschaft von christlicher Seite. Der litterarische Wert des 
Buches ist aber recht gering, da die Darstellung des Verfassers 
überall einen bedenklichen Mangel an Schärfe und Klarheit des 
Denkens verrät. Er wirft die Tatsachen bunt durcheinander 
und verfällt in dem Bestreben, auf seine Leser erbaulich zu 
wirken, oft in unerquicklichen Schwulst. 

Unter den jakobitischen Schriftstellern des 9. Jahrhunderts 
nahm der schon erwähnte Dionysius von Tellmachre die 
erste Stelle ein. Er hatte zu Qenneschrin und im Kloster des 
Mar Jakob zu Qaisum bei Samosata studiert. Nachdem er bis 
zum Jahre 818 in Ruhe seinen wissenschaftlichen Arbeiten gelebt 
hatte, ward er auf der Synode von Kallinikos zum Patriarchen 
gewählt als Nachfolger des Kyriakos, der wegen dogmatischer 
Streitigkeiten schon bei Lebzeiten einen Gegenpatriarchen in der 
Person des Abraham von Qartamin neben sich hatte dulden 
müssen. So ward er in die kirchenpolitischen Stürme seiner Zeit 
hineingezogen. Die Bedrückungen seiner Gemeinden durch den 
Statthalter Muhammed ibn Tahir veranlafsten ihn im Jahre 828 
zu einer Reise nach Ägypten, wo er dessen Bruder und Vor- 
gänger Abdallah um seine Fürsprache ersuchte. Von dort ging 
er nach Bagdad, um am Kalifenhofe selbst die Sache seiner 
Kirche zu vertreten. Im Jahre 835 mufste er dort zum zweiten 
Male erscheinen und sich dem Kalifen al-Mutasim vorstellen. 
Nach einem an Aufregungen reichen Leben starb er am 22. August 
845. Sein Hauptwerk waren seine Annalen, die der Bischof 
Johannes von Dara bis zum Jahre 835 fortsetzte. Leider ist uns 
nur ein kleines Bruchstück davon erhalten. 

Ein Zeitgenosse des Dionys war Antonius Rhetor zu 
Tagrit. Er versuchte eine für die Syrer neue Wissenschaft, die 
Rhetorik, unter ihnen heimisch zu machen. Allerdings hatte 
schon Honain ibn Ishaq die Rhetorik des Aristoteles übersetzt, 
aber Antonius versuchte zuerst die griechischen Lehren den Be- 
dürfnissen der Syrer anzupassen. 



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— 54 — 

Der fruchtbarste Schriftsteller dieser Epoche, Moses bar 
Kefa bewegte sich ganz in den ausgefahrenen Geleisen der 
Theologie. Er war um 813 in Balad geboren und als Mönch 
in das Kloster des Mar Sergius auf dem Tura Sahja eingetreten. 
Im Jahre 863 ward er Bischof von Mosul und nahm als solcher 
den Namen Severus an. Zehn Jahre war er Periodeutes der 
Superintendentur Tagrit, und er starb im Jahre 903. In seinen 
Schriften befafste er sich mit Bibelexegese, Homilie und Liturgie. 
Am interessantesten ist sein Buch über die Seele, das seinen 
Gegenstand aber natürlich ganz im Sinne der dogmatischen 
Psychologie seiner Kirche behandelt 1 ). - 

Unter den Nestorianern des 9. Jahrhunderts ist der Arzt Abu 
Zaid Hunain ibn Ishaq al-Ibadi aus Hira an erster Stelle zu 
nennen. Seine Tätigkeit kam allerdings hauptsächlich der 
arabischen Litteratur zugute und ist deshalb von uns schon 
Bd. VI, S. 130 gewürdigt worden. Durch seine Übersetzungen 
aus dem Syrischen ins Arabische ward Hunain zum ersten Lexiko- 
graphen der Syrer. Die Bibelstudien hatten freilich schon früher, 
wie wir sahen, zu lexikalischen Arbeiten angeregt, und Hunains 
Buch über die Synonyma hatte schon Vorgänger. Neu aber war 
sein Versuch, den gesamten Sprachstoff mit besonderer Berück- 
sichtigung der griechischen Fremdwörter , zusammenzufassen. 
Dies Werk selbst ist uns nicht erhalten, sein Stoff aber ist in 
spätere Arbeiten tibergegangen, namentlich in die seines Schülers 
Ischo bar Ali. 

An die ältesten Traditionen der syrischen Kirche knüpfte die 
litterarische Tätigkeit des Thomas von Margaan. Er war 
im Jahre 832 in das Kloster Beth Abbe eingetreten, und im 
Jahre 837 wurde er Sekretär des Patriarchen Abraham, der ihn 
später zum Bischof von Marga beförderte. Auch in dieser Stellung 
blieb er mit seinen früheren Klosterbrüdern in Verbindimg, und 
auf Wunsch des Mönches Abdischo schrieb er das Buch der 
Statthalter, eine ausführliche Geschichte des Mönchlebens mit 
besonderer Berücksichtigung der historischen Überlieferungen des 
Klosters Beth Abhe 2 ). 



*) O. Braun, Moses bar Kcpha und sein Buch von der Seele, Frei- 
burg i. B. 1891. 

f ) The book of governors, the historia monastica of Thomas, bishop of 
Marga a. d. 740 ed. and translated by E. W. Budge, 2 vol, London 1893. 



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— 55 — 

Eine Fülle theologischer Gelehrsamkeit enthalten die Werke 
des TheodorbarChoni (Kewanai ?), den sein Onkel Johann IV. 
im Jahre 893 zum Bischof von Laschom machte. Das elfte Buch 
seines Hauptwerks, das er einfach Scholion nannte, beschäftigt 
sich mit einer für einen Theologen seiner Zeit auffallenden Vor- 
urteilslosigkeit auch mit verschiedenen nichtchristlichen Religionen. 

X. Die syrische Litteratur im 10. and 11. Jahrhundert 

Als im 10. Jahrhundert die Macht des Kalifats sank und 
die Statthalter in den Provinzen sich als Fürsten von Kleinstaaten 
selbständig machten, brach mit dem allgemeinen Verfall der Kultur 
auch für die christlichen Untertanen eine schlimme Zeit herein. 
Dafs unter diesen Umständen die Syrer nur wenig Neigung 
zeigten, die nationale Litteratur zu pflegen, ist sehr begreiflich. 
Wer Begabung zu litterarischer Produktion in sich fühlte, der 
bediente sich durchweg des Arabischen, da die weltlichen Macht- 
haber allein solchen Arbeiten die äufsere Anerkennung zu gewähren 
vermochten. Aber auch in die kirchliche Litteratur drang das 
Arabische ein, da die Kenntnis des Syrischen mehr und mehr 
zurückging. 

So finden wir denn auf Seiten der Jakobiten nur noch sehr 
wenige Schriftsteller, die sich der Muttersprache bedienten. 
Jeschu bar Schuschan, der als Patriarch den Namen 
Johann X. führte und von 1064 — 1073 regierte, suchte das 
Interesse für die nationale Litteratur wieder zu beleben, indem 
er die Werke Ephraems und des Isaak von Antiochia neu heraus- 
gab. Er trat auch selbst als Dichter auf. So besang er das 
traurige Schicksal, das die Stadt Melitene im Jahre 1058 bei 
einer Erstürmung und Plünderung durch die Türken erlitt, in 
vier Gedichten. 

Etwas zahlreicher waren in dieser Epoche die nestorianischen 
Schriftsteller, die sich namentlich um die Pflege und um die Er- 
haltung der altererbten Literaturdenkmäler bemühten. Die lexi- 
kalischen Studien des Bar Ali setzte im 10. Jahrhundert Hanan- 
ischo bar Seroschewai fort. Sein Lexikon ist uns zwar 
nicht selbständig erhalten, aber sehr oft zitiert in dem Werke 
des Ischo bar Bahlul, das den Abschlufs der syrischen 
Lexikographie bedeutete. Die Wirkimg dieser Glossensammlungen 



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— 56 - 

ging weit über ihren nächsten Zweck hinaus. Sie diente den 
Späteren nicht nur beim Studium älterer Schriften, namentlich 
Übersetzungen aus dem Griechischen, sie wurden besonders von 
nestorianischen Schriftstellern auch dazu mifsbraucht, um ihre 
»Gedichte« mit fremden, aus diesen Glossen aufgelesenen und oft 
mifsverstandenen Wörtern aufzuputzen. Diesen »Dichtern« waren 
Sprachgefühl und Geschmack manchmal schon soweit abhanden 
gekommen, dafs sie biblische Eigennamen an Stelle der Wörter 
anwandten, durch die sie in den Glossaren erläutert wurden. 
Auch die grammatischen Studien fanden bei den Nestorianern 
noch einen tüchtigen Vertreter in Elias von Tirhan, der 
von 1028—1049 Patriarch war. 

Der berühmteste nestorianische Schriftsteller dieser Epoche 
war aber der im Jahre 975 geborene Elias bar Schinaja. 
Er ward im Michaelskloster zu Mosul erzogen und später zum 
Bischof von Schenna gewählt. Von dort ging er 1002 nach 
einem kurzen Klosteraufenthalt in gleicher Eigenschaft nach 
Nuhadra. Sechs Jahre später stieg er zur Würde des Metro- 
politen von Nisibis auf. Er starb nach dem Jahre 1050. Seine 
litterarische Tätigkeit umspannte so ziemlich den ganzen Kreis 
der Bildung seiner Zeit. An den sprachlichen Arbeiten seiner 
Konfessionsgenossen beteiligte er sich mit einem syrisch-arabischen 
Glossar und einer Grammatik. Sein Hauptwerk aber war seine 
Chronik, die er 1018/19 abschlofe. Leider ist uns dies Werk nur in 
einer einzigen, noch dazu unvollständigen Handschrift erhalten. 
Sein geistliches Amt regte ihn auch zu Hymnendichtungen und zu 
apologetischen Werken an. So besitzen wir noch eine arabische 
Disputation, die er im Jahre 1026 vor dem Wezir Abul-Qasim 
Husain ibn Ali al Maghrebi hielt und im Jahre darauf veröffent- 
lichte. Arabisch war auch sein Buch vom Beweis der Wahrheit 
des Glaubens (Übersetzung von Horst, Kolmar 1886) abgefafst. 

Mit Unrecht schrieb man Jakob von Edessa eine Zeit lang 
auch ein philosophisches Werk zu, das von einem uns unbekannten, 
vielleicht etwas älteren Zeitgenossen von ihm herrühren mag. 
Es nennt sich »das Buch von der Erkenntnis der Wahrheit und 
der Ursache aller Ursachen« und behandelt, obwohl von einem 
Geistlichen verfafst, doch in sehr liberalem Sinne alle metaphysi- 
schen Fragen, die in den Gesichtskreis jener Zeit fielen. Der 
Verfasser zeigt das für einen syrischen Kleriker gewifs an- 



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— 57 — 

erkennenswerte Streben, die Gefühle anderer christlicher Kon- 
fessionen zu schonen; ja er nimmt sogar auf Juden und Muslime 
Rücksicht, indem er einen allgemein menschlichen Standpunkt 
vertreten will. Er steht in der Tat nicht mehr auf ausschliefs- 
lich christlichem Boden-, er ist beeinflufst von den Ideen islami- 
scher Mystiker, die so wieder befruchtend auf die syrische Litteratur 
zurückwirkten, der sie in dem Buche des Stephan bar Sudaili 
einen mächtigen Anstofs zu danken hatten. In dem die äufsere Welt 
behandelnden Abschnitt stützt sich der Verfasser auf die Natur- 
wissenschaft seiner Zeit. Das Werk ist übrigens nicht fertig ge- 
worden, sondern nur bis zum zweiten Kapitel des siebenten Buches 
gediehen, während es nach der Vorrede auf neun Bücher be- 
rechnet war 1 ). 

Im 10. und 11. Jahrhundert kam neben dem kirchlichen 
Schrifttum auch die weltliche Unterhaltungslitteratur, wenn auch 
in bescheidenem Mafse, noch zu ihrem Rechte. Freilich handelt 
es sich dabei nur um Übersetzungen. So wurde der indische Fürsten- 
spiegel Kaiila und Dimna, der schon in einer älteren Übersetzung 
aus dem Pehlewi (s. o. S. 44) vor Jahrhunderten zur Unter- 
haltung für Kleriker gedient hatte, damals noch einmal aus dem 
Arabischen übertragen. Schon die Sprache dieser Übersetzung 
verrät deutlich, dafs sie damals eigentlich nicht mehr lebendig 
war. Der Übersetzer liebt es, die Synonyma nebeneinander zu 
häufen, offenbar um den Lesern das Verständnis zu erleichtern. 
Dabei verwendet er aber oft ganz seltene und entlegene Wörter, 
die er nicht aus lebendigem Sprachgefühl, sondern aus gelehrter 
Lektüre schöpft. 

Ungefähr um dieselbe Zeit ward noch ein Werk der all- 
gemeinen mittelalterlichen Weltlitteratur ins Syrische übersetzt, 
das Buch von Sindban oder den sieben Weisen, das aus dem 
Indischen ins Pehlewi und dann ins Arabische übertragen war. 
Hier lief es in zwei Rezensionen um, einer längeren und einer 
kürzeren, von denen die letztere ins Syrische überging. Aus 
dem Syrischen ward das Werk dann für den Fürsten Gabriel 
von Melitene (1086 — 1100) von Michael Andreopulos ins Griechische 
übertragen 2 ). 

') Das Buch von der Erkenntnis der Wahrheit, fibersetzt von K. Kayser, 
Strafsburg 1893. 

*) Sindban oder die sieben weisen Meister, syrisch und deutsch von 
F. Bäthgen, Leipzig 1879. 



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— 58 — 

Aus dem Griechischen wurden im 10. oder 11. Jahrhundert 
eine Anzahl von Fabeln übernommen. Es liegt in der Natur 
dieses Stoffes, dafs er in der Überlieferung starken Umformungen 
ausgesetzt ist. Daher läfst sich auch für die erhaltene syrische 
Fabelsammlung die direkt benutzte griechische Quelle nicht mehr 
nachweisen. Eine syrische Sammlung derart fiel einem palästini- 
schen Juden in die Hände, der sie in jüdischem Dialekt über- 
arbeitete, ähnlich wie es mit der Peschitaübersetzung zu den Pro- 
verbien geschehen war 1 ). 

XI. Die syrische Litteratur im 12. und 13. Jahrhundert. 

Das 12. Jahrhundert bedeutet für Jakobiten und Nestorianer 
eine Zeit geistigen Vegetierens, in der sie keine neuen An- 
regungen empfingen, sondern sich mit der Bewahrung der er- 
erbten Geistesgüter begnügten. 

Der fruchtbarste unter den jakobitischen Autoren dieser Zeit 
war Dionysius bar Salibi. Er war in Malatia (Melitene) 
geboren und biefs ursprünglich Jakob. Im Jahre 1145 ward er 
zum Bischof von Marasch geweiht und nahm den Namen Dionysius 
an. Später ward ihm auch noch die Diözese Mabbug unterstellt. 
Von dem Patriarchen Michael I. (1166—1199) ward er nach Amid 
versetzt, wo er im Jahre 1171 starb. In seiner Jugend war er 
als Dichter aufgetreten. Die traurige Lage der syrischen Christen 
während der Kämpfe der Kreuzfahrer mit den Türken gab ihm 
Stoff zu elegischen Dichtungen. So besang er den Fall von 
Edessa im Jahre 1144 und den von Marasch im Jahre 1156. In 
späteren Jahren wandte er sich ausschliefslich theologischer Schrift- 
stellerei zu. Sein Hauptwerk war ein sehr ausführlicher Kommentar 
zur hl. Schrift. 

Wichtiger noch war die Tätigkeit des eben erwähnten 
Michael, der gleichfalls aus Melitene stammte und in dem be- 
nachbarten Kloster des Barsauma Abt wurde. Im Jahre 1166 
stieg er zur Würde eines Patriarchen empor und blieb bis zu 
seinem Tode im Jahre 1199 im Amte. Sein Hauptwerk war 
eine Chronik von Erschaffung der Welt bis zum Jahre 1196, in 
der er eine Reihe uns jetzt verlorener Geschichtsquellen verarbeitet 



*) S. Hochfeld, Beiträge zur syrischen Fabellitteratur, Berlin 1893. 



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- 59 — 

hat. Das syrische Original galt lange für verschwunden, doch 
ist vor kurzem wieder eine Handschrift aufgetaucht. Schon 
vorher war uns das Werk durch eine armenische Übersetzung 
bekannt; auch eine arabische Version hat sich erhalten. Aufser 
dieser Weltgeschichte verfafste Michael auch eine Kirchen- 
geschichte, die uns aber nur aus Zitaten im Werke des Bar- 
hebräus (s. u. S. 60) bekannt ist 1 ). 

Unter den Nestorianern des 12. Jahrhunderts verdienen nur 
zwei, Simeon Schanqelawaja und sein Schüler Johannes Bar 
Z u c b i , genannt zu werden. Ersterer schrieb einen Katechismus der 
Chronologie und eine Glossensammlung, letzterer eine ausführ- 
liche syrische Grammatik und einen Auszug daraus in Versen. 

Das 13. Jahrhundert führte noch einmal einen Aufschwung 
der syrischen Litteratur herbei, der freilich nicht lange währte. 
Auf nestorianischer wie auf jakobitischer Seite erstand noch ein- 
mal eine im Vergleich zum vorangebenden Jahrhundert stattlich 
zu nennende Reihe von Schriftstellern, die der Litteratur freilich 
auch keine neuen Bahnen wiesen, aber doch noch einige wert- 
volle Werke schufen. 

Ein Schüler des eben genannten Bar Zu'bi, der dessen Unter- 
richt im Kloster Beth Kuka bei Hedaijab genossen hatte, war 
Jakob bar Schakko oder Isa bar Markus. Später studierte 
er in Mosul unter der Leitung des muslimischen Gelehrten 
Kamäladdln Müsa bar Jünus, wie sich denn das 13. Jahrhundert 
überhaupt durch die Unbefangenheit des Verkehrs zwischen Christen 
und Muslimen auszeichnete. Er trat dann als Mönch in das be- 
rühmte Matthäuskloster zu Mosul ein. Später wurde er Bischof 
und führte als solcher den Namen Severus. Er starb im Jahre 
1241 auf der Reise , als er dem Patriarchen Ignatius II. seine 
Aufwartung machen wollte. Seine beiden Hauptwerke sind das 
Buch des Schatzes und das Buch der Dialoge, von denen das 
erstere mehr geistlichen, das zweite mehr weltlichen Wissen- 
schaften gewidmet ist. Das Buch des Schatzes, das er im Jahre 
1231 vollendete, handelt in vier Büchern von dem dreieinigen 
Gotte, von der Menschwerdung des Sohnes Gottes, von der gött- 
lichen Vorsehung, von Engeln und Menschen, von der Auf- 



! ) Michel le Syrien, Chronique ecUte* pour le premiere, fois et traduit 
par J. B. Chabre\ Paris 1899 ff. 



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- 60 — 

-erstehung und dem jüngsten Gericht. Die Dialoge zerfallen in 
zwei Bücher. Das erste handelt von Grammatik, Rhetorik und 
Poetik und preist den Reichtum der syrischen Sprache. Das 
zweite Buch handelt über Logik und Philosophie. 

Als geistlicher Dichter entwickelte der Mafrian Johannes, 
der vorher unter dem Namen Aharon bar Ma'dani Bischof 
von Mardin gewesen war, eine grofse Fruchtbarkeit. Er war 
im Jahre 1232 Mafrian geworden und ward im Jahre 1252 zum 
Patriarchen gewählt-, seine Gegner aber stellten einen Gegen- 
patriarchen in der Person des Dionysius auf. Nachdem dieser 
im Jahre 1261 im Kloster des Barsauma bei Melitene ermordet 
worden war, regierte er allein noch zwei Jahre. Nicht weniger als 
60 Gedichte sind uns von ihm erhalten; sie beziehen sich meist 
auf theologische Dinge, doch findet sich darunter auch ein Klage- 
lied auf die Einnahme von Edessa durch die Seldschuken im 
Jahre 1235. 

Die Verdienste aller dieser Männer werden aber weit in 
den Schatten gestellt durch den letzten grofsen syrischen Schrift- 
steller, der zugleich der universalste Geist seiner Nation genannt 
zu werden verdient, durch Barhebräus. Er war im Jahre 
1225/6 zu Melitene als Sohn eines Arztes Aharon geboren. Sein 
Vater war ein getaufter Jude oder jedenfalls jüdischer Herkunft, 
daher sein Beiname Bar Ebhraia d. h. Hebräersohn, der ihm 
nach seinem eigenen Zeugnis gar nicht sehr angenehm war. 
Seine Erziehung war von Anfang an auf das geistliche Amt ge- 
richtet, das eben damals allein einem Christen Aussicht auf eine 
den Ehrgeiz befriedigende Laufbahn bot. Der Beruf seines Vaters 
brachte es aber mit sich, dafs er auch profanen Studien sich zu- 
wandte, die nur mit Hilfe arabischer Kenntnisse betrieben werden 
konnten. Im Sommer 1243 wurden seine Studien durch den Einfall 
der Mongolen unterbrochen. Sein Vater mufste den Führer der 
Feinde, der sich durch ihn bewegen liefs, die Stadt zu schonen, 
als Arzt nach Charput begleiten. Seinen Sohn sandte er nach 
Antiochia, das damals noch in den Händen der Franken war und 
daher gröfsere Sicherheit bot. Dort nahm Barhebräus die Kutte ; 
denn für jede höhere geistliche Laufbahn war bei den Syrern 
das Mönchtum die unerläfsliche Vorbedingung. Er setzte dann 
seine Studien in Tripolis fort, das gleichfalls fränkischer Besitz 
war. Erst 20 Jahre alt, wurde er am 12. September 1245 zum 



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- 61 — 

Bischof von Gubos bei Melitene geweiht. Als solcher ward er 
in die Streitigkeiten der beiden Gegenpatriarchen Dionysius und 
Johannes verwickelt, indem er naturgemäls auf der Seite seines 
Landsmannes Dionysius stand. Zum Danke für die Dienste, die 
er diesem leistete, erhielt er die wichtigere Diözese Aleppo. Nach 
der Ermordung des Dionysius söhnte er sich mit dessen Gegner 
Johannes aus und beklagte später dessen Tod in einer Elegie* 
Auf derselben Synode, die im Jahre 1264 die Wahl eines neuen 
Patriarchen Ignatius vornahm, ward Barhebräus zum Mafrian 
oder Katholikos von Tagrit und damit zum Oberhaupt der 
Jakobiten im ehemaligen persischen Reiche ernannt. In dieser 
einflufsreichen Stellung mufste Barhebräus eine sehr grofse 
praktische Tätigkeit entfalten, da die Mongolenstürme die Ge- 
meinden seines Bezirkes stark mitgenommen hatten. Sein Amt. 
nötigte ihn, den Rest seines Lebens zumeist auf Reisen zu- 
zubringen. Er starb in der Nacht vom 29. zum 30. Juli 1286 
zu Maragha in Adharbaidschan. Trotz seiner aufreibenden amt- 
lichen Tätigkeit fand Barhebräus noch die Muse zu einer um- 
fangreichen litterarischen Wirksamkeit, die alle Zweige des 
geistigen Lebens seiner Zeit umfafste. Die profanen Wissen- 
schaften, die einst der syrischen Litteratur ihre Bedeutung für die 
Geistesgeschichte des vorderen Orients gesichert hatten, suchte 
er im Anschlufs an die Werke arabischer Gelehrter, namentlich 
des Ibn Sina (Avicenna) neu zu beleben. Der aristotelischen 
Philosophie sind seine Werke »Buch der Augenc und »Buch der 
Weisheit c gewidmet. Er übersetzte ferner das philosophische 
Hauptwerk des Ibn Sina, sowie eine Schrift seines älteren Zeit- 
genossen Athir addln al-Abhari (gest. 1262) aus dem Arabischen 
ins Syrische. Mathematik und Astronomie behandelte er im 
Jahre 1279 in seinem Werke »Aufstieg des Geistes«. Eine 
praktische Ergänzung dazu bilden seine Sterntafeln. Eingehend 
befafste er sich auch mit der Medizin. Er lieferte eine ab- 
gekürzte Übersetzung von Dioskorides' Traktat über die ein- 
fachen Heilmittel sowie verschiedene andere Übersetzungen und 
Kommentare. Von grofser Bedeutung waren seine Arbeiten auf 
dem Gebiete der syrischen Grammatik, auf die er die von den 
arabischen Sprachforschern gefundenen Methoden und Begriffe 
anwandte. Aufser seinem Hauptwerke, dem »Buche der Strahlenc , 
verfafste er noch einen Auszug daraus mit einem Anhang über 



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— 62 — 

homonyme Wörter. Unter seinen theologischen Werken ist sein 
»Schatzhaus der Geheimnissec, ein grofser Bibelkommentar, an 
erster Stelle zu nennen, in dem er die exegetische Tradition der 
Jakobiten und Nestorianer, sowie die in ihr erhaltenen Reflexe 
der griechischen Theologie sammelte, gelegentlich auch auf die 
Überlieferung der koptischen und der armenischen Schwester- 
kirchen Rücksicht nahm. Gleich wichtig sind seine grofsen 
Werke über Ethik und über Kirchenrecht. Für unsere Kenntnis 
am wertvollsten sind aber seine historischen Arbeiten, seine Chronik 
und seine Kirchengeschichte. Die erstere stellt die politische Ge- 
schichte von Erschaffung der Welt bis auf seine Zeit dar und 
stützt sich nicht nur auf syrische, sondern für die spätere Zeit 
auch auf arabische und persische Quellen. Die Kirchengeschichte 
beginnt mit einer Geschichte des Priestertums seit Aharon und 
stellt dann in zwei Teilen die Schicksale der Jakobiten und der 
Nestorianer bis zum Jahre 1285 und 1286 dar, sein Bruder 
Barsauma hat sie noch um zwei Jahre fortgesetzt, und ein 
Späterer hat sie mit einem bis zum Jahre 1495 reichenden An- 
hang versehen. Die politische Geschichte bearbeitete er noch in 
seinen letzten Lebenstagen in Maragha auf Bitten seiner muslimi- 
schen Freunde auch in arabischer Sprache. Dabei nahm er auf 
die Interessen der Muslime Rücksicht und ging auch auf die 
Litteraturgeschichte der Araber näher ein. Barhebräus wäre kein 
vollendeter Litterat im Sinne seiner Zeit gewesen, wenn er sich 
nicht auch poetisch versucht hätte. Ein originaler Dichter war 
er nicht, doch beherrschte er die Sprache wie kein anderer unter 
seinen Landsleuten. Immerhin bemerkenswert ist es endlich, dafe 
sein hohes geistliches Amt ihn nicht abhielt, ein »Buch der 
lächerlichen Geschichten c zu schreiben, in das er selbst manche 
dem europäischen Geschmack anstöfsige Anekdoten aufzunehmen 
kein Bedenken trug. Dabei mufs man berücksichtigen, dafs man 
im Orient in dieser Hinsicht niemals sehr zartfühlend war, liefs 
sich doch einst ein abbasidischer Kalif ein Buch widmen, das 
man kaum anders denn als eine Zotensammlung bezeichnen kann *). 
Die Reihe der nestorianischen Schriftsteller des 13. Jahr- 
hunderts eröffnet Salomo von Basra, der aus Chilat am 



') Oriental wit and humour, being the laughable stories collect ed by Mar 
Gregory John Bar-Hebräus, transl. from the Syriac by E. A. Wallis Budge, 
London 1899. 



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— 63 — 

Wansee stammte und als Bischof von Basra oder Perath de 
Maischan im Jahre 1232 an der Wahl des Patriarchen Sabrischo 
teilnahm. Sein Hauptwerk ist das »Buch der Biene«, eine Samm- 
lung von Legenden, historischen Notizen und theologischen Er- 
örterungen. 

Verhältnismäfsig reich waren die Nestorianer in diesem 
Jahrhundert an Kirchenliederdichtern. Dafs wir diese Poesie aus 
jener Zeit so genau kennen, liegt allerdings vielleicht mit daran, 
dals die noch heute in der nestorianischen Kirche gebrauchten 
Hymnensammlungen eben damals zusammengestellt werden und 
daher naturgemäfs die zeitgenössischen Dichter vorzugsweise be- 
rücksichtigten. Unter diesen Hymnensammlungen trägt die gröfste 
und berühmteste den Namen des Giwargis Warda von Arbel, der 
in den Jahren 1220 — 1240 geblüht haben mufs. Wie viele der in 
diese Sammlung aufgenommenen Lieder wirklich von ihm selbst 
herrühren, läfst sich nicht feststellen. Doch zeigen immerhin 
recht viele einen einheitlichen Charakter. Die Mongolennot gibt 
diesem Dichter sehr oft zu beweglichen Klagen Veranlassung. 
Mehrfach hat er auch legendarische Stoffe verarbeitet, so in 
mehreren Liedern die Geschichte des hl. Georg und die der 
Märtyrer von Karcha de beth Seloch. Im ganzen zeigt er eine 
erfreuliche Beherrschung der Sprache und ist noch frei von den bei 
den Späteren so beliebten Anleihen bei den Glossensammlungen *). 

An Vielseitigkeit wetteiferte auf nestorianischer Seite mit 
Barhebräus nur Abdischo (Ebedjeschu), der sich aber an Be- 
deutung nicht im entferntesten mit dem grofsen Jakobiten ver- 
gleichen läfst. Er ward um 1285 Bischof von Singar und Beth 
Arbaje, rückte im Jahre 1291 zur Würde eines Metropoliten von 
Nisibis auf und starb im Jahre 1318. Sein für uns wertvollstes 
Werk ist ein Verzeichnis der syrischen Litteratur in Versen, in 
dem er leider auf die Chronologie keine Rücksicht nimmt. Am 
Schlüsse gibt er eine ziemlich umfangreiche Liste seiner eigenen 
Schriften, von denen allerdings nur noch wenige erhalten sind. 
Ein theologisches Kompendium ist sein »Buch der Perle c, das 
er selbst auch ins Arabische übersetzte. Wichtiger ist seine 
Sammlung der syrischen Kanones und Synodalbeschlüsse. Seine 

*) Giwargis Warda von Arbel, Ausgewählte Gesinge, syrischer Text mit 
Übersetzung, Einleitung und Erklärungen von H. Hilgenfeld, Leipzig 1904. 



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- 64 — 

dichterischen Arbeiten tragen nur zu deutlich den Stempel des 
Verfalls. Am berühmtesten ist sein > Paradies von Edent, in dem 
er die Makamen des Hariri (s. Bd. VI 2, S. 154) nachzuahmen 
suchte. Aber während das Wortgeklingel bei seinem geistreichen 
Vorbilde immer graziös bleibt, wird es bei dem Nachahmer, 
der die Glossensammlungen plündern mufs, um mit dem 
Synonymenreichtum des Arabischen wetteifern zu können, zu un- 
erträglicher, steifer Manier. 

Diese Dichtung, die bei den Nestorianern bewundernde An- 
erkennung fand, bedeutete den Tod ihrer nationalen Litteratur. 
Sie war ja schon in den letzten Jahrhunderten nichts als ein 
Kunstprodukt gewesen, das nur noch in den Klöstern und bei 
den Geistlichen dürftige Pflege fand. Als trauriges Beispiel des 
gänzlichen Verfalls sei hier nur noch die Schrift des Sergius 
Wahban aus Adharbaidschan genannt, die im Laufe des 
16. Jahrhunderts entstanden sein mag. Sie schildert das Leben 
des Rabban Hormizd, Gründers des Klosters Alkosch, auf Grund 
alter Vorlagen. Die Sprache wimmelt von den gröbsten Ver- 
stöfsen gegen die Grammatik, sie schwelgt in griechischen Glossen 
und biblischen Eigennamen, die sie im Sinne der in den Glossen- 
sammlungen gegebenen Erklärungen als Wörter verwendet. 

Unter den letzten Ausläufern der syrischen Litteratur ver- 
dient nur noch eine Biographie genannt zu werden. Der nestori- 
anischen Kirche war es schon seit dem 8. Jahrhundert gelungen, 
von Ostpersien aus bis tief in das innere Zentralasien vorzudringen. 
Bei der Stadt Singanfu bezeugt eine chinesisch-syrische Inschrift 
die Erfolge der nestorianischen Kirche in China selbst. Im 
13. Jahrhundert ward nun ein Christ aus Zentralasien, Ja- 
ballah, zur Würde eines Katholikos (1281— 1317) erhoben, weil 
er durch seine Herkunft die Kirche bei den mongolischen Macht- 
habern der Zeit mit Glück zu vertreten berufen schien. Dieser 
Prälat fand einen Biographen, der es vortrefflich verstand, in 
verhältnismäfsig reinem Syrisch und in einfachem Stil die Ver- 
dienste seines Helden darzustellen, der im sicheren Gottvertrauen 
die weite Reise aus dem inneren China angetreten hatte, um 
Jerusalem zu besuchen, und auf dem Wege dahin die höchste 
Würde seiner Kirche gewann 1 ). 



') Histoire de Mar Jabalaha, trad. par F. B. Chabot, Rev. de Tor. 
lat. Bd. XI, XII. 



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— 65 — 

XII. Anfänge einer neusyrischen Volkslittemtur. 

Als die geistliche Dichtung der Nestorianer mit dem Aus- 
sterben ihrer alten Sprache den Boden unter den Füfsen ver- 
loren hatte, mufste sich der Geistlichkeit von selbst der Versuch 
aufdrängen, in der Sprache des Volkes Ersatz für das Verlorene 
zu gewinnen. Da die Volkssprache, soweit sie nicht durch das 
Arabische ganz verdrängt war, sich nur in einzelnen Inseln ge- 
halten hatte, die allen Zusammenhang miteinander verloren hatten, 
so waren mehrere stark voneinander abweichende Dialekte ent- 
standen, aus denen sich eine neue einheitliche Schriftsprache nicht 
mehr schaffen liefs. 

Am frühesten scheint der Dialekt der Bauern von Mosul, 
das Fellichi, zu litterarischen Zwecken verwandt worden zu 
sein. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts versuchte sich der 
Priester Jausip, Sohn des Gamaladdin aus Tellkef (1590 bis 
1666) darin, geistliche Lieder in diesem Dialekt zu dichten. Wir 
kennen von ihm ein Gedicht über das Weltgericht in 112 Strophen, 
andere über die Gleichnisse in den Evangelien, über Reue und 
Bufse, über Christi Leben auf Erden u. a. Ähnliche Themen 
behandelten seine Zeitgenossen Israel aus Alkosch (1611 bis 
1632) und Mar Johannes, Bischof von Mawana um 1662. 
Aus dem 18. Jahrhundert sind uns keine Dichtungen in neu- 
syrischer Sprache bekannt; doch liegt das vielleicht nur an 
unserer mangelhaften Überlieferung. Denn solche Gedichte waren 
naturgemäfs nicht weit verbreitet. In der ersten Hälfte des 
19. Jahrhunderts finden wir wieder zwei Dichter, Damianus 
bar Johannan Gundira aus Alkosch und Thomas Singari aus 
Tellkef. Besonders beliebt war bei diesen Neusyrern die schon 
dem Narses bekannte Form des Streitgedichtes (Tenzone), z. B. 
zwischen Gold und Weizen, zwischen Christus und den Räubern 
und ähnliche Themen 1 ). 

Aber im syrischen Volke dürfte die Kunst, zu singen und zu 
sagen, nie ganz erloschen sein. Bei Hochzeiten und anderen 
Festen wufste die Jugend auch in Syrien ihrer gehobenen 
Stimmung in Worten Ausdruck zu geben. So entstand eine an 



] ) E. Sachau, Über die Volkspoesie der Nestorianer, Sitzungsber. Berl. 
Akad. vom 27. Februar 1896. 

Litteratnren des Ostens. VII, 2. 5 



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— 66 — 

ästhetischem Werte die geistliche Litteratur weit tiberragende 
Volkspoesie, die freilich im Lande selbst von den berufenen 
Vertretern geistiger Bildung nicht der Beachtung für wert ge- 
halten wurde. Erst zwei deutschen Reisenden war es vor- 
behalten, diese Poesie zu entdecken und zu sammeln 1 ). 

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kamen aus Amerika 
Missionare zu den Nestorianern , um deren ganz entartetes 
Christentum wieder neu zu beleben. Diese Männer versuchten 
auch die neuen Dialekte wieder zur Schriftsprache zu erheben. 
Sie übersetzten die Bibel ins Neusyrische und boten dem Volke 
in Büchern und Zeitschriften eine nicht nur ihre religiöse, sondern 
auch ihre allgemeine Bildung hebende Litteratur, die aber als 
ein nicht bodenständiges Erzeugnis für uns nicht mehr in Be- 
tracht kommt. 

XIII. Die Litteratur der Christen in Palästina. 

In Nordsyrien und Mesopotamien hatte der edessenische 
Dialekt als Kirchensprache die anderen Lokaldialekte an einer 
eigenen litterarischen Entwicklung gehindert. Nur in Palästina 
führte der Gegensatz der zum Katholizismus sich bekennenden 
melkitischen Christen gegen die monophysitische Nationalkirche 
der Syrer zur Ausbildung einer eigenen aramäischen Schrift- 
sprache. Im 5. oder 6. Jahrhundert wurde die Bibel in den 
judäischen Dialekt Palästinas übersetzt, der allerdings gegenüber 
dem in jüdischer Litteratur allerlei Besonderheiten aufweist, wie 
denn überall im Orient verschiedene Religionsgemeinden in 
derselben Landschaft verschiedene Dialekte ausgebildet haben. 
Später wurden auch allerlei Heiligenleben, Hymnen und Liturgien 
aus dem Griechischen in diesen Dialekt übertragen. Vor dem 
Arabischen scheint nun aber dieser Dialekt noch schneller zurück- 
gewichen zu sein als der edessenische. Aber auch, nachdem er aus 
dem Leben geschwunden, diente er noch lange Zeit als Kirchen- 
sprache, in der auch noch mancherlei Neues produziert wurde, 
sogar aufserhalb Palästinas; bei einer ägyptischen Gemeinde ent- 
stand so eine Nilliturgie in diesem Dialekt 2 ). 



*) Prym und So ein, Neuaramäische Dialekte, Tübingen 1882. 
*) F. C Burkitt, Christian Palestinian literature in The Journal of theol. 
studies, 1901, 2, 173 ff. 



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— 67 — 

XIV. Die christlich-arabische Literatur. 

Vor der mit dem Islam siegreich vordringenden arabischen 
Sprache wichen nicht nur in Palästina und Syrien, sondern auch 
in Ägypten die alten Landessprachen sehr bald zurück. Mögen 
sie auch im Kreise der Geistlichen noch jahrhundertelang ge- 
pflegt sein und sich in abgelegenen Gegenden Syriens zum Teil 
bis auf den heutigen Tag erhalten haben, im täglichen Leben 
behauptete das Arabische gar bald die Alleinherrschaft. Als 
nun das Volk immer mehr auf den Gebrauch der Muttersprache 
verzichtete, sah sich auch die Geistlichkeit zu Konzessionen ge- 
nötigt. Man mufste den Laien, sobald man kein Verständnis 
für die Sprache der Liturgie und der heiligen Litteratur mehr 
bei ihnen voraussetzen konnte, beide in der neuen arabischen 
Umgangssprache darbieten, da es im Orient nur Landeskirchen 
gab, keine internationale Weltkirche wie die römische in Europa, 
die bei romanischen wie bei germanischen Völkern an ihrem 
Latein festhalten konnte. Da aber die christlich-arabische Litteratur 
gewissermafsen nur ein Produkt der Not war, so ist sie auch 
stets auf sehr niederer Stufe stehen geblieben, auf einer noch 
tieferen als die syrische und die koptische, die sie abgelöst hatte. 
Denn alles, was von Christen auf allgemein litterarischem und 
wissenschaftlichem Gebiet geleistet wurde, ging ganz im Geiste 
der islamischen Litteratur auf und ist daher von uns auch schon 
im Zusammenhange mit dieser dargestellt worden. 

Das erste Bedürfnis Arabisch redender Christen war natürlich 
eine Bibeltibersetzung. Solche entstanden denn auch ziemlich 
früh an verschiedenen Stellen des arabischen Sprachgebietes, 
doch drang keine einzige von ihnen zu kanonischem Ansehen 
durch. Sehr merkwürdig ist eine von B. Violet in Damaskus 
entdeckte Psalmentibersetzung, wohl aus dem 8. Jahrhundert, in 
der die Sprache der Eroberer noch in griechischer Schrift er- 
scheint. Die meisten der späteren Bibelübersetzungen schliefsen 
sich dagegen an den syrischen Text, sei es den der Peschita 
oder den der Hexapla, an. Als einziges spezifisch - christliches 
litterarisches Denkmal der spanisch -arabischen Christenheit ist 
uns gleichfalls eine Evangelienübersetzung erhalten. 

An die Bibelübersetzung schlössen sich dann allerlei Über- 
setzungen von Legenden und Apokryphen an. Als Pflegestätten 



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— 68 — 

dieser ältesten arabischen Litteratur sind namentlich das Sabas- 
kloster in Palästina, drei Stunden südlich von Jerusalem, sowie 
das Kloster auf dem Sinai zu nennen. 

Seit dem 9. Jahrhundert war aber das Arabische in Syrien 
schon soweit durchgedrungen, dafs Geistliche dort auch ihre eigenen 
litterarischen Produkte arabisch abzufassen begannen. Der erste 
uns dem Namen nach bekannte Autor, der so verfuhr, war der 
aus dem eben genannten Sabaskloster hervorgegangene Theodor 
Abu Qurra, der später Bischof von Harran wurde und auch mit 
dem Kalifen Mamun, dem Freunde griechischer Wissenschaft, 
in Verkehr trat. Dieser soll ihn zu einer Disputation mit 
mohammedanischen Gelehrten veranlafst haben, deren angeb- 
liches Protokoll wir noch besitzen. Aufser einigen kleineren 
theologischen Abhandlungen sind uns ferner eine Apologie des 
Christentums sowie eine solche der Bilderverehrung erhalten 1 ). 

Unter den jakobitischen Autoren, die sich des Arabischen 
bedienten, ist Jahja ibn Adi anderster Stelle zu nennen, der, zu 
Tekrit in Mesopotamien um das Jahr 893 geboren, in Bagdad 
studierte und den Unterricht des gröfsten islamischen Philosophen 
seiner Zeit, des Farabi (s. Bd. VI, 2, S. 136), genols. Er be- 
teiligte sich dann selbst sehr lebhaft an der litterarischen Be- 
wegung, die den Arabern durch Übersetzungen aus dem Syrischen 
die Kenntnis der griechischen Wissenschaft vermittelte ; doch sind 
uns seine Übersetzungen bis auf wenige Bruchstücke verloren. 
Grofsen Ansehens erfreuten sich aber bei seinen Konfessions- 
genossen seine theologischen Schriften in arabischer Sprache. 
Viel gelesen war namentlich seine Verteidigung des Christen- 
tums in der Form eines Briefes an den muslimischen Theologen 
Abu Isa Muhammad ibn Harun al-Warraq. Gleichfalls polemischen 
Inhalts ist seine zweite gröfsere Schrift, eine Verteidigung der 
jakobitischen Auffassimg von der Menschwerdimg Christi gegen 
die Nestorianer. 

Von seinen Schülern ist Abu Ali Isa ibn Ishaq ibn Zura, 
der gleichfalls als Übersetzer profan -wissenschaftlicher Werke 
sich verdient machte, hervorzuheben. Auch von ihm besitzen 



*) Theodori Abu Kurra de cultu imaginum libcllus, arabice et latine ed. 
J. Arendzen, Bonnae 1895. 



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wir eine Reihe kleiner theologischer Abhandlungen meist apolo- 
getischen Inhalts zur Abwehr nestorianischer Angriffe gegen 
seine Konfession, wie solcher von Muslimen und Juden gegen 
das Christentum überhaupt. Um die Mitte des 10. Jahrhunderts 
blühte auch schon, wie Vasiljew nachgewiesen, der erste christ- 
lich-arabische Historiker, Agapius-Mahbub aus Manlig, der 
eine Geschichte der Weltbegebenheiten von Christi Geburt bis 
auf seine Zeit, mit besonderer Berücksichtigung der Kirchen- 
geschichte, darstellte. \ 

Unter den jakobitischen Autoren endlich der bedeutendste 
war auch auf dem Felde der arabischen Litteratur der schon 
oben S. 60 besprochene Mafrian Barhebräus. Aufser seiner 
arabischen Bearbeitung seiner Chronik (s. Bd. VI, 2, S. 165) 
schrieb er auch manche kleine theologische Werke in arabischer 
Sprache. 

Mehr noch als die Jakobiten waren die Nestorianer an der 
arabischen Übersetzungslitteratur beteiligt. Unter diesen Über- 
setzern machte sich Abulfaradsch Abdallah ibn al-Taijib, gest. 
1043, auch um die christlich-theologische Litteratur in arabischer 
Sprache verdient. Ob freilich die grofse unter seinem Namen 
gehende Kanonessammlung wirklich von ihm herrührt, ist noch 
fraglich. Dagegen schrieb er sicher aufser einigen dogmatischen 
Abhandlungen Kommentare zu den vier Evangelien und zu den 
Psalmen. 

Der schon oben S. 56 besprochene Metropolit von Nisibis, 
Elias bar Schinaja, gest. nach 1049, bediente sich gleichfalls in 
mehreren seiner Schriften des Arabischen. Seine ursprünglich 
syrisch abgefafste Chronik versah er selbst mit einer arabischen 
Übersetzung, die er in parallelen Kolumnen mit dem Grundtext 
verbreitet wissen wollte. Sein dogmatisches Werk vom Beweis 
des Glaubens ist schon genannt. Besondere Erwähnimg verdient 
noch seine Apologie des Christentums, die ihrer vielleicht nicht 
fingierten Einkleidimg wegen merkwürdig ist. Sie will auf Ver- 
anlassung des auch als Schriftsteller bekannten Wesirs al-Magribi 
Abu'l Qasim Husain ibn Ali verfafst sein, der auf einer Reise 
erkrankte und im Kloster des Mar Marin von einem Mönche ge- 
heilt worden sei. Diese Heilung habe ihm den Glauben nahe- 
gelegt, dafs dem Christentum ein gewisses Wahrheitsmoment 



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— 70 — 

innewohnen müsse, und er habe sich deshalb im Jahre 1026 bei 
einem Besuch in Nisibis an- den Autor gewandt und ihn um 
nähere Aufklärung über die christliche Lehre ersucht. Nicht 
mit Sicherheit ist Elias als Verfasser einer Schrift über die Hilfs- 
mittel zur Vertreibung der Traurigkeit anzusehen, da diese 
von Barsauma, dem Bruder des Barhebräus, unter dessen Schriften 
genannt wird. Vielleicht hat dieser einen Entwurf des Elias neu- 
bearbeitet oder ausgeführt. Die Hilfsmittel, die der Verfasser zu 
empfehlen weifs, sind moralische Betrachtungen über Tugenden 
und Laster. 

Im 12. Jahrhundert ward nun auch schon in kirchengeschicht- 
lichen Darstellungen das Syrische durch das Arabische ersetzt. 
Um die Mitte dieses Jahrhunderts schrieb der Nestorianer Mari 
ibn Sulaiman eine Chronik der Patriarchen seiner Kirche bis auf 
den am 25. November 1147 verstorbenen Abdischo III. Die- 
selben Quellen wie Mari und zwar wahrscheinlich wie dieser 
noch in syrischer Fassung benutzte dann zwei Jahrhunderte 
später Amr ibn Mattai aus Tirhan für sein grofses Werk, das 
er al-Magdal, den Turm, nannte, weil es den Streitern der 
christlichen Kirche Gelegenheit geben sollte, nach ihren Feinden 
auszuspähen. Während Mari sich bemüht hatte, alles ihm zur 
Verfügung stehende Material möglichst gewissenhaft zu sammeln, 
ohne nach einem strengen Pragmatismus zu streben, so schwelgt 
sein Nachfolger in statistischen Angaben. Er liebt es, mit chrono- 
logischem Wissen zu prunken, ohne auf die Genauigkeit seiner 
Angaben besondere Sorgfalt zu verwenden. In der Lebens- 
beschreibung jedes einzelnen Patriarchen befolgt er ein festes 
Schema, in dem die Angaben über dessen Äufseres und über 
die ihm untergebene Geistlichkeit einen sehr breiten Raum ein- 
nehmen. Dafs beide Autoren den für jede Heiligenbiographie 
typischen Wundergeschichten gegenüber sich sehr empfänglich 
zeigen, darf uns bei dem Bildungsstande ihrer Zeit natürlich 
nicht wundernehmen. Amrs Werk ist später noch das Opfer 
eines Plagiators geworden, der mit einer selbst für den Orient, 
dessen Achtung vor geistigem Eigentum niemals sehr grofs war, 
fast unerhörten Unverfrorenheit zu Werke ging. Ein gewisser 
Saliba bar Johannan, der sein Werk im Jahre 1332 begonnen 
haben will, übernahm das Werk Amrs, oder vielleicht nur einen 
ersten Entwurf desselben, und gab das Buch, nachdem er es 



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— 71 — 

oberflächlich überarbeitet und mit einigen Zusätzen versehen 
hatte, für seine eigene Arbeit aus 1 ). 

In Ägypten begann die arabische Literatur der koptischen 
Christen mit einer Darstellung zur Profangeschichte. Deren 
Autor war bezeichnenderweise ein Mann, der sich als Arzt ein- 
gehend mit der Litteratur der Muslimen hatte befassen müssen. 
Eutychius oder, wie er mit arabischem Namen hiefs, Said ibn 
al-Batriq, hatte seine Laufbahn als Mediziner begonnen, gelangte 
aber am 7. Februar 933 auf den melkitischen Patriarchensitz 
von Alexandrien und starb in dieser Würde am 11. Mai 940. 
Seine Chronik beruht ganz auf byzantinischen Quellen und teilt 
daher alle Vorzüge, aber auch alle Fehler dieser Litteratur, zu 
denen er persönlich noch eine erhebliche Sorglosigkeit hinzu- 
brachte. Sein Werk wurde ein Jahrhundert später von dem 
Antiochener Jahja ibn Said fortgesetzt, der in seiner Geschichts- 
erzählung nicht nur das byzantinische Reich, sondern auch die 
muslimischen Staaten und namentlich die orientalischen Kirchen 
berücksichtigte. 

Das von ihm gegebene Beispiel regte nun auch die mono- 
physitischen Kopten zur Nachahmung an. Sein etwas jüngerer 
Zeitgenosse Severus, mit arabischem Namen Abu'l-Baschar ibn 
al-Muqaffa, der uns aus dem Jahre 987 als Bischof von Asch- 
munain bezeugt wird, verteidigte seine Konfession eben gegen 
die Angriffe des Eutychius in einer arabischen Geschichte der 
vier ersten Konzilien. Derselbe schrieb dann auch eine Ge- 
schichte der Patriarchen von Alexandria, hauptsächlich nach kop- 
tischen Quellen, die der Diakon Michael ibn Budair und andere 
übersetzt hatten und die er etwas gekürzt und geglättet in sein 
Werk aufnahm. Auch das von diesen Kopten geschriebene 
Arabisch ist stark mit Lehrwörtern aus dem Syrischen durch- 
setzt, die sonst nur in den Werken der Arabisch schreibenden Syrer, 
nicht aber in den von Muslimen vorkommen; ein Zeichen, dafs 
die Kopten erst von Syrern angeregt wurden, Arabisch zu 
schreiben, wie ja auch heute noch die christlichen Syrer im 
litterarischen Leben des vorderen Ägyptens den Ton angeben. 



] ) O. Westphal, Untersuchungen über die Quellen und die Glaubwürdig- 
keit der Patriarchenchroniken des Mari ibn Sulaiman, Amr ibn Mattai und Saliba 
ibn Johannan, I. Abschnitt: Bis zum Beginn des nestorianischen Streites, Strafs- 
burger Diss., Kirchhain N.-L. 1901. 



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Die christlichen Geschichtschreiber Ägyptens im 13. Jahr- 
hundert, al-Makin ibn al-Amid und Butrus ibn ar-Rahib, sind 
schon in Bd. VI, 2, S. 164/5 erwähnt. Von den Arabisch schreiben- 
den Kopten sind nur noch Ibn Salah al-Armeni, der eine Ge- 
schichte der ägyptischen Klöster verfafste, Abu'l-Barakat ibn 
Kibr, der Autor einer vielgelesenen theologischen Enzyklopädie, 
und endlich Ibn al-Assal zu nennen, der eine grolse Sammlung 
von Kirchenrechtsquellen veranstaltete. Sein Werk ist besonders 
dadurch merkwürdig geworden, dafs es in der abessinischen 
Kirche zu kanonischem Ansehen gelangte. 

Die geistige Stagnation, die nach den Mongolensttirmen 
Vorderasien heimsuchte, verödete die christliche Litteratur in 
noch höherem Malse als die der Muslimen. Während bei diesen 
zwar keine neuen Gedanken mehr produziert, aber doch das 
geistige Erbe der Vorfahren mit einer gewissen Sorgfalt gehütet 
wurde, hörte bei den Christen jede geistige Betätigung auf. Das 
14. bis 16. Jahrhundert bedeutet daher für die christlich-arabische 
Litteratur nichts als eine grofse Lücke. Erst im 17. Jahrhundert 
beginnen wieder neue Ansätze geistigen Lebens sich zu regen. 
Der Patriarch Macarius al-Zaim von Antiochien, der in der 
Kirchenpolitik eine so bedeutende Rolle spielte, dafs ihn der Zar 
Alexius im Jahre 1670 nach Rufsland berief, um sich an dem 
Gericht über den Patriarchen Nikon zu beteiligen, nachdem er 
zehn Jahre vorher schon eine Bettelreise durch Rufsland gemacht 
hatte, ward durch diese seine Reisen auch zu litterarischer Be- 
tätigung angeregt. Wir besitzen von ihm noch einen Bericht 
über seine Reise durch Georgien mit sehr merkwürdigen Schilde- 
rungen des geistigen Tiefetandes, in dem die georgische Kirche 
damals versunken war. Eine ausführliche Darstellung seiner 
Reisen schrieb aber sein Neffe, der Archidiakonus Paul von 
Aleppo, der ihn begleitet hatte 1 ). 

Aus etwas späterer Zeit, wahrscheinlich um die Wende des 
18. Jahrhunderts, stammen die Reiseschilderungen eines un- 
bekannten Christen, der sich besonders eingehend mit Jerusalem 



*) Codex 689 du Vatican. Histoire de la conversion des Georgiens au 
Christianisme par le patriarche Macaire d'Antioche. Traduction de I'arabe par Olga 
de Lebedew, Roma 1905. — Paul of Aleppo, The travels of Macarius, 
Patriarch of Antioch, transl. from the Arabic by F. C. Belfour, 2 voll., London 
1829—1836. 



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— 73 — 

und den anderen heiligen Stätten Palästinas, ferner mit Kon- 
stantinopel, Rom, Alexandrien und Antiochien befafst 1 ). 

Im 18. Jahrhundert kam dann die arabische Litteratur durch 
die Bemühungen der Maroniten, die durch ihre Beziehungen zur 
römischen Kirche geistig etwas mehr angeregt waren als ihre 
monophysitischen Volksgenossen, wieder ein wenig in Flor. Der 
maronitische Mönch Gabriel Farhat, geb. 1670, der von 1725—1732 
als Germanos Farhat den Stuhl des Erzbischofs von Aleppo inne- 
hatte, suchte nicht nur durch theologische und grammatische 
Arbeiten die Bildung seiner Konfessionsgenossen zu heben, sondern 
trat auch selbst als Dichter auf. Seine Poesie bewegt sich aller- 
dings, wie nicht anders zu erwarten, ganz in geistlichen Ge- 
dankengängen, seine Sprache sucht den Mustern der spät- 
klassischen arabischen Dichter nachzueifern. Es gelang ihm 
denn auch wenigstens bei zweien seiner Zeitgenossen, den 
Mönchen Nikolaus Saig und Mikirditsch al-Qasih, die beide 
fremder Herkunft waren, ersterer ein Grieche, letzterer ein Ar- 
menier, Unterstützung seiner Bestrebungen zu finden. 

Im 19. Jahrhundert ist dann wie den Syrern im Osten, so 
auch den Maroniten an der Küste Palästinas neue geistige An- 
regung von aufsen zugeführt worden. Auch hier waren es 
Amerikaner, die den Anfang machten. Seit Anfang der dreilsiger 
Jahre eröffneten amerikanische Missionäre ihre Tätigkeit in Bairut, 
und es gelang ihnen, mehrere der geistig regsamsten Maroniten 
zum Protestantismus zu bekehren und sie zu eigener litterarischer 
Tätigkeit anzuregen. Die beiden bedeutendsten unter diesen 
waren Nasif al-Jazidschi und Butrus al-Bistani. Ersterer, geb. 
1880, gest. 1871, war ein gründlicher Kenner der klassisch- 
arabischen Sprache und bewährte sich als solcher auch in einer 
Kritik der Werke des grofsen französischen Orientalisten de Sacy. 
Seine Sprachkenntnis zeigte er ferner in einer Sammlung von 
Gedichten, die sich durchaus an klassische Muster anlehnt, 
namentlich aber in einer Nachdichtung der Haririschen Maqamen 
(s. Bd. VI, 2, S. 154). Sein etwas jüngerer Freund, Butrus al- 
Bustani, geb. 1819, gest. 1883, ergänzte seine Tätigkeit durch 
ein grofses arabisches Wörterbuch, suchte später aber seinen 



l ) Codex 286 du Vatican. Redts de voyages d'un Arabe, traduction de 
l'arabe par Olga de Lebedew, St. Petersbourg 1902. 



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- 74 — 

Ruhm mehr darin, seinen Landsleuten europäische Bildung zu 
vermitteln. Er gründete im Jahre 1870 eine Zeitung, die später 
durch eine Halbmonatsschrift ersetzt wurde, und schuf ein grofses, 
freilich recht oberflächliches Konversationslexikon. 

Die Bestrebungen der Amerikaner wurden aber weit in den 
Schatten gestellt durch die Väter der Gesellschaft Jesu, die zu 
Bairut* eine St. Josephs-Universität gründeten und sich nicht nur 
durch Verbreitung von Übersetzungen um die Volksbildung be- 
mühten, sondern auch eine Anzahl einheimischer Geistlichen zu 
tüchtigen Gelehrten, denen die Erforschung der arabischen Litte- 
ratur manches zu verdanken hat, heranbildeten. 



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Geschichte der armenischen Litteratur. 



Von 

Franz Nikolaus Finck. 



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Meinem Neffen Qurgen Qjandschezian 
als Patengeschenk. 



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Einleitung. 

Die Anfänge eines im Wort verkörperten Geisteslebens, das 
sich merklich über die Alltagsrede erhebt und als eine nicht 
jedem vergönnte Kunst gilt, reichen bei den Armeniern ohne 
Zweifel bis in die heidnische Zeit zurück. Genaueres über Alter 
und Umfang dieser Art schöpferischer Tätigkeit entzieht sich 
jedoch der unermüdlich regsamen Forschung zum Trotz unserer 
Kenntnis, und von einer auch nur halbwegs gerechten Würdigung 
derselben kann bei der Spärlichkeit der uns erhaltenen Proben 
nun schon ganz und gar nicht die Rede sein. Die gesamte 
Überlieferung dieser alten Dichtungen besteht nämlich in einigen 
wenigen, ein, zwei Seiten füllenden Bruchstücken götter- und 
heldengeschichtlicher Poesie, die durch Einverleibung in das Ge- 
schichtswerk des Moses von Chorene vom Untergange gerettet 
worden sind, sich aber allem Anschein nach auch nicht völlig 
unversehrt erhalten haben. So vermag das der Vernichtung 
Entronnene denn begreiflicherweise nicht die Grundlage zu einem 
geistigen Wiederaufbau des einst Vorhandenen zu werden. Den 
efeutiberwucherten Ruinentrümmern gleich kann es nur zum 
Fluge einer freischaffenden Phantasie Anstofs geben. In diesem 
Sinne mögen zwei besonders interessante Stücke in möglichst 
wortgetreuer Übertragung vorgeführt werden. Das erste ist ein 
mythisches Lied von anscheinend hoher Alterttimlichkeit, das die 
Geburt des Wahagn, des armenischen Herakles, schildert: 

»In Geburtswehen lag Himmel und Erde. 
In Geburtswehen lag auch das purpurne Meer. 
Die Wehen im Meer brachten das schönrote Schilfrohr hervor. 
Durch des Rohres Schaft drang Rauch heraus. 
Durch des Rohres Schaft drang die Flamme heraus. 
Und aus der Flamme ein Knäblein sprang, 
Das Feuerhaare hatte. 
Dann wie eine Flamme hatte es einen Bart, 
Und seine Äuglein waren Sonnen.« 



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Mehr an die alten Heldensagen erinnert dagegen das Bruch- 
stück der Dichtung, die uns erzählt, wie König Artasches die 
alanische Prinzessin Sathinik ein wenig reckenhaft handfest in 
die Ehe führt: 

»Es stieg der mannhafte König Artasches 
Auf einem Rappen schön. 
Und herauslangend die goldberingte, 
Rotgurtige Fangschlinge 
Und hinüberjagend — wie der Aar, 
Der scharfbeflügelte — über den Flufs 
Und schleudernd die goldberingte, 
Rotgurtige Fangschlinge, 
Warf er sie um den Leib 
Der Prinzessin der Alanen. 
Und heftigen Schmerz tat er an 
Dem Leib der zarten Maid, 
Schnell sie fortschleppend 
In sein Lager.« 

Dafs sich von dem ganzen, vielleicht reichen Schatze an 
Mythen und Sagen, auf den diese und ähnliche Trümmer deuten, 
so wenig erhalten hat, ist nun wohl kaum nur dem Walten eines 
bösen Zufalls zur Last zu legen. Man wird vielmehr annehmen 
müssen, dafs ein grofser Teil, ja das meiste einer zielbewufsten 
Ausrottungstätigkeit zum Opfer gefallen ist. Das Christentum 
hatte in Armenien schon frühzeitig tiefe Wurzel geschlagen, und 
die Männer, die dem frühbekehrten Volke eine eigene Litteratur 
zu verschaffen trachteten, waren zudem ausschliefslich Angehörige 
des geistlichen Standes. Kein Wunder also, dafs alles, was an 
die Tage des Heidentums erinnerte, mindestens bei den führen- 
den Geistern nicht gerade in besonderer Gunst stand. Die An- 
schauungen dieses führenden geistlichen Standes scheinen aber 
mit mehr als gewöhnlicher Stärke auf das gesamte Volk ein- 
gewirkt und so den Geist des Heidentums bei diesem gründ- 
licher ausgerottet zu haben, als es in manchem anderen Lande 
möglich war. Die armenische Kirche war eben nach dem Ver- 
lust des letzten bescheidenen Restes staatlicher Selbständigkeit 
der einzige unentbehrliche Halt für das wohl zu allen Zeiten 
gleich mächtige vaterländische Gefühl jenes Volkes geworden 
und so in jeder Beziehung zu einer vorbildlichen Macht an- 
gewachsen, die sich bei gröfserer politischer Stärke wohl kaum 
in gleicher Weise hätte entwickeln können. Die beiden Ereig- 



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— 79 — 

nisse, die den um den Schwund der Macht trauernden Armenier 
Unglücksfälle dünken, die Teilung des Reiches im Jahre 387, 
derzufolge das westliche Gebiet einem griechischen Statthalter 
untergeordnet wurde, und die Entthronung des letzten Arsakiden 
Artasches im Jahre 428, durch die auch das östliche Gebiet 
seines einheimischen Verwalters verlustig ging : diese beiden Ge- 
schehnisse haben doch auch einen nicht zu unterschätzenden An- 
teil an der Vorherrschaft des geistlichen Standes, ohne den eine 
der vorhandenen Litteratur gleichartige bestimmt nicht zustande 
gekommen wäre und sich vielleicht überhaupt kein Schrifttum 
von irgendwelcher Bedeutung herausgebildet haben würde. Denn 
das ist wohl mehr als zweifelhaft, ob das armenische Volk damals 
schon zu einer von der christlichen Kirche wesentlich unab- 
hängigen Geistesentwicklung hätte gelangen können. Und auch 
ein Ereignis wie der Einbruch der Araber um die Mitte des 
7. Jahrhunderts und deren Herrschaft über das Land hat aufser 
der Erweiterung des Gesichtskreises auch ganz besonders durch 
seine gegensätzlich herausfordernde Kultur den Nutzen gestiftet, 
den christlichen Glauben zu immer neuer Betätigung zu ent- 
fachen und insbesondere zu geistiger Verarbeitung anzuregen. 
Der Beginn dieser durch und durch christlichen Litteratur 
fällt in die erste Zeit des 5. Jahrhunderts, und dieses Jahrhundert 
der Begründung wurde zugleich die Zeit einer in ihrer Art nach- 
her nicht wieder erreichten Blüte. Was sich an diese goldene 
Epoche armenischen Schrifttums anschliefst, bleibt, wenn es auch 
nicht an beachtenswerten Leistungen fehlt, alles in allem doch 
eine Reihe von Jahrhunderten hindurch ein Zehren am Alten, 
weit mehr ein Nachschaffen im Banne des Klassizismus als ein 
Weiterbauen auf einmal gelegtem Grund, und wenn man dafür 
nicht gerade den harten Ausdruck Verfall gebrauchen will, was 
im Hinblick auf die immerhin anzuerkennende stoffliche Er- 
weiterung des Gesichtskreises vielleicht ungerecht wäre, so mag 
man den langen Zeitraum vom Beginn des 6. Jahrhunderts bis 
ungefähr zum Ende des 11. als die Zeit der Nachblüte bezeichnen. 
Der Geist aber, der diese ganze Periode beherrschte, war christlich- 
griechisch trotz dem Bruch, der im Jahre 451 durch die Ab- 
lehnung der Satzungen des Konzils zu Chalzedon zwischen Byzanz 
und Armenien eingetreten war. An tapferen und derben Streit- 
schriften war kein Mangel. Aber die Waffen waren auf beiden 



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— 80 — 

Seiten dieselben, entstammten alle dem Lager der anfänglichen 
Kulturvermittler, der Griechen. 

Einen in mancher Hinsicht überraschenden Aufschwung 
nahm das armenische Geistesleben erst wieder, als gegen Ende 
des 11. Jahrhunderts fern vom alten Stammlande, in Kilikien, 
ein neues, zu fast dreihundertjähriger Dauer bestimmtes Reich 
entstand, und zwar vollzog sich diese geistige Erhebung 'nach 
zwei grundverschiedenen Richtungen. Einmal lebte der Geist 
des 5. Jahrhunderts, von hochgebildeten Würdenträgern der 
Kirche übernommen und genährt, von neuem auf, in einer Litte- 
ratur Gestalt gewinnend, die schon der dem Volke längst un- 
verständlich gewordenen Sprache wegen nur einem eng be- 
grenzten Kreise von Gebildeten zugänglich war. Dann aber 
machte sich zum ersten Male der Versuch eines weltlichen, 
gemeinverständlichen, wesentlich volkstümlichen Schrifttums 
geltend, und wenn auch damit nicht im entferntesten die Höhe 
erreicht wurde, zu der man sich schon im 5. Jahrhundert empor- 
geschwungen hatte, so ist doch bei der Wertung dieser Periode 
des armenischen Geisteslebens diese Befreiung vom Bann einer 
selbst in weltlichen Fragen immer geistlichen Anschauung als 
ein wichtiges, viel aufwägendes Moment in Anschlag zu bringen. 

Der wie mit einem Zauberschlage wiederbelebte Geist der 
zeitlich schon so fern liegenden Blüteperiode ging, nachdem er 
wie eine jäh entfachte Flamme hell aufgelodert, gleich schnell, 
schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts, wieder dem Erlöschen 
entgegen. Die volkstümlich naturwüchsige Kunst aber fafste 
festeren Fufs, nahm einen bescheiden aussehenden, aber ruhigen 
Fortgang und erreichte namentlich in der Schöpfung des Liedes 
um die Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts eine im Vergleich zur 
Vorzeit beachtenswerte Höhe. So ist es nicht gerade leicht, für 
die Periode vom 13. bis zum 18. Jahrhundert einen treffenden 
Namen zu finden. Kunst im Sinne einer reinen, auf nichts be- 
zogenen Anschauung hatte Armenien bisher fast ganz gefehlt. 
Die manchem Schriftsteller wohl eigene formende Kraft, die es 
vielleicht vermocht hätte, ein Stück Welt als eine abgeschlossene 
Einheit darzustellen, ein Kunstwerk ersten Ranges zu schaffen, 
war dazu angehalten worden, vaterländischen und kirchlichen 
Anschauungen Frondienste zu leisten und hatte so eine freie, 
durch und durch eigenartige Entwicklung nirgend erlebt. Da 



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— 81 — 

erscheint nun die volkstümlich gesunde Lyrik des 15. und 16. Jahr- 
hunderts bei allen Schwächen, die ihr anhaften mögen, dem die 
Gesamtheit armenischer Geistesgeschichte Überschauenden natur- 
gemäls in einem ganz besonders günstigen Licht, und man könnte 
geneigt sein, von einem Aufschwung der Litteratur überhaupt 
zu reden. Sieht man aber, wie auch in dieser langen Zeit vom 
Beginn des 13. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts immer und 
immer wieder versucht wird, nach dem Vorbilde der Blütezeit 
zu schaffen, wie Geschichtschreibung und Theologie nach wie 
vor den ersten Platz zu behaupten versuchen, für die würdigste 
Art litterarischer Tätigkeit erachtet werden, dann erscheint die 
ihrer Natur nach leicht bestechende Lyrik dieser Zeit doch wohl 
als ein zu geringfügiger Bestandteil der gesamten litterarischen 
Arbeit, als dafe nach ihr allein das Ganze abgeschätzt werden 
dürfte, und die schriftstellerische Tätigkeit dieser Epoche macht 
dann in ihrer Gesamtheit doch mehr den Eindruck des Nieder- 
ganges, dem im 18. Jahrhundert, wo die litterarische Wirksam- 
keit der eben gegründeten Mechitharistenkongregation beginnt, 
ein zweites Wiederaufleben des Klassizismus folgt. 

Unabhängig von dieser dem Volke durchaus unverständ- 
lichen, in der Sprache des 5. Jahrhunderts zum Ausdruck ge- 
langten Geistesbetätigung entwickelte sich dann endlich im 19. Jahr- 
hundert eine vom europäischen Geist befruchtete, dem Kirchen- 
tum durchaus frei gegenüberstehende Litteratur, die schon manche 
mehr als beachtenswerte Frucht gezeitigt hat und vielleicht einer 
noch besseren Zukunft entgegengeht. Im Rahmen der Dar- 
stellungen, deren Objekt das wesentlich Christliche in der litte- 
rarischen Betätigung des Ostens sein soll, ist jedoch von dieser 
jüngsten Entwicklung ebenso abzusehen wie von den Bruch- 
stücken aus den Tagen des Heidentums. Und auch die Litte- 
ratur der Mechitharisten darf von der folgenden Darstellung 
# ausgeschlossen werden, da sie im wesentlichen in einer Re- 
produktion besteht, in einer umfassenden philologischen Vermitt- 
lung der alten Geistesschätze, und demgemäfs kein neues Bild 
armenischen Geisteslebens aufweist. So gliedert sich nun der zu 
behandelnde Stoff passend in folgende vier Abschnitte: 

1. das goldene Zeitalter (5. Jahrhundert); 

2. die Zeit der Nachblüte (6.— 11. Jahrhundert); 

Litterataren det Ostens. VIT, 2. 6 



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— 82 — 

3. die Zeit der Wiederbelebung des Klassizismus und der 
Anfänge eines volkstümlichen Schrifttums (12. Jahrhundert) ; 

4. die Zeit des Niederganges (13.— 18. Jahrhundert). 

I. Das goldene Zeitalter (5. Jahrhundert). 

Wie die ganze christlich-armenische Litteratur mehr von 
zielbewufster Schriftstellertätigkeit zeugt als von eigentlich künst- 
lerischem, unhemmbarem Drang zur Darstellung, so erscheint 
namentlich ihre Begründung als ein unverkennbar deutliches Werk 
entschlossenen Willens, als eine bewufste christlich-vaterländische 
Tat. Dem seiner staatlichen Macht fast ganz beraubten Volke 
wenigstens durch einen Gottesdienst in eigener Sprache eine von 
anderen Nationen absondernde Eigenart zu verleihen, das war 
der Zweck des Unternehmens, an das drei der angesehensten 
Männer ihrer Zeit zu Anfang des 5. Jahrhunderts mit weit- 
blickendem Vorsatz herantraten, Sahak der Grofse, seit dem Jahre 
397 das Oberhaupt der armenischen Kirche, König Wramschapuh, 
sein weltlicher Herr, und — die Seele des Ganzen — Mesrop 
aus dem Dorfe Hazik in Taron, ein Schüler des im Jahre 374 
verstorbenen Katholikos Nerses L, unter König Chosrow könig- 
licher Sekretär, dann, des Weltlebens überdrüssig, Kloster- 
vorsteher und Missionar, ein unermüdlicher Lehrer seines Volkes 
und insbesondere, was ihn unsterblich gemacht, der Schöpfer 
einer nationalen, eine armenische Litteratur ermöglichenden 
Schrift. Diesen Männern scheint jedoch die Herausbildung eines 
eigenartigen Geisteslebens zunächst weit weniger am Herzen ge- 
legen zu haben als die Befreiung von allen den Gedanken einer 
Nationalkirche beeinträchtigenden Hemmnissen, gegen die man 
Stellung nehmen mufste, als deren gefährlichstes wohl mit Recht 
der damals in dem der persischen Oberherrschaft unterstehenden 
Teil beim Gottesdienst herrschende Gebrauch der syrischen Sprache 
angesehen wurde. Denn diese baute nicht nur wie jedes fremde 
Idiom eine Scheidewand zwischen dem Volk und der Lehre des 
Christentums auf, sie entfremdete auch den führenden geistlichen 
Stand mehr und mehr der griechischen Mutterkirche, der man 
bei aller Sehnsucht nach Selbständigkeit doch nicht ganz ent- 
raten konnte, der man sich auf jeden Fall näher fühlen mufste 
als der syrischen. So ward denn die Begründung der armenischen 



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— 83 — 

Litteratur zugleich eine Befreiung von der syrischen Kultur, eine 
Lossagung, die man um so lieber unternahm, als diese syrische 
Kultur der armenischen Geistlichkeit in letzter Zeit gewisser- 
mafsen aufgedrängt worden war. Begreiflicherweise hatte es 
immer im Interesse der Sassaniden gelegen, eine Annäherung 
ihrer christlichen Untertanen an Byzanz nach Möglichkeit zu ver- 
hüten, und das von ihnen erlassene Verbot des Gebrauches der 
griechischen Sprache war nur eine Konsequenz dieser staats- 
männischen Erwägungen. Die damit Hand in Hand gehende Be- 
günstigung des Syrischen mufste aber um so notwendiger er- 
scheinen, als infolge der Teilung des armenischen Landes zwischen 
Persien und Byzanz im Jahre 387 der Klerus des allerdings 
kleineren westlichen Gebietes geradezu zum Gebrauch des 
Griechischen als Kultsprache gezwungen worden war und so die 
Gefahr des Wiederauflebens des nur gewaltsam unterdrückten 
hellenischen Geistes auch in dem östlichen Teile des Landes mehr 
als je drohte. Und so hatte man es denn zu erzwingen gewufst, 
dafs im ganzen dem Perserreiche unterstellten Teile des armeni- 
schen Landes beim Gottesdienste nur die syrische Sprache in Ver- 
wendung kam. Als nun die Zusammenstellung eines der armeni- 
schen Sprache angepafsten Alphabetes nach mehrfachen nur 
halb geglückten Versuchen zur Zufriedenheit gelungen war, da 
stand man vor der Möglichkeit, mit dem herrschenden Brauch 
zu brechen, und entschlossen schritt man zum Werk. In Ge- 
meinschaft mit seinem Freunde und Herrn Sahak machte sich 
Mesrop an eine planmäfsige, vielumfassende Übersetzertätigkeit, 
neben eigener angestrengter Arbeit an diesem Werk auch durch 
Heranbildung einer tauglichen Schülerschar wirkend, und ihrem 
ganzen Streben entsprechend, begannen die beiden Männer damit, 
ihrem Volke eine allgemein verständliche heilige Schrift und 
Liturgie zu verschaffen. Dabei aber trat es klar zutage, dafs 
man nicht nur darauf ausging, die der Gemeinde unverständliche 
Sprache aus dem Gottesdienste zu bannen, dafs man vielmehr mit 
vollem Bewufstsein auch das Wiedereindringen des griechischen 
Geistes zu befördern strebte. Denn es wurde nicht etwa die 
syrische Liturgie ins Armenische übertragen, sondern eine Be- 
arbeitung der dem heiligen Basilius zugeschriebenen griechischen 
an ihre Stelle gesetzt. Und auch der Übersetzung der Heiligen 
Schrift wurde nur vorläufig, in Ermangelung einer griechischen 



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— 84 — 

Handschrift, die syrische Version, die sogenannte Peschito, zu- 
grunde gelegt und diese Arbeit durch eine neue Übertragung 
aus dem Griechischen ersetzt, sobald es gelang, ein dies ermög- 
lichendes Exemplar zu bekommen, was freilich erst drei Jahr- 
zehnte später geschah. Die so begründete Übersetzungslitteratur 
nahm im Laufe des Jahrhunderts einen allem Anschein nach 
schon recht bedeutenden Umfang an und erreichte auf jeden Fall 
so viel, dafe den Gebildeten des armenischen Volkes die Hauptwerke 
des klassischen Zeitalters der griechisch -christlichen Litteratur 
vertraut werden konnten. Der scharfsinnige Glaubenskämpfer 
Athanasios aus Alexandria, der liebenswürdige Katechet Kyrillos 
von Jerusalem, der imposante Kirchenfürst Basilios von Caesarea, 
sein philosophisch gebildeter Bruder Gregor von Nyssa, der rede- 
gewandte Gregor von Nazianz und Johannes mit dem ehrenden 
Beinamen Chrysostomos, Goldmund: sie, die Ersten ihrer Zeit 
und vielleicht noch manche andere aus ihrem Kreise wurden 
auch in Armenien heimisch, wie eigene angesehen. Freilich 
wurde auch die syrische Litteratur trotz der prinzipiellen Ab- 
weisung nicht vernachlässigt, und Ephraim vor allem, ihr 
Gröfeter, wurde so armenisch wie nur einer der genannten 
Griechen. Aber alles in allem läfst sich doch nicht in Abrede 
stellen, dafe der Einflufs der syrischen Kultur mindestens mit dem 
Ende des 5. Jahrhunderts auch ihren Abschlufs erreicht, dafs 
die Einwirkimg der griechischen dagegen noch Jahrhunderte 
andauert, und dafs diese Überflutung und Verdrängung des 
syrischen Geistes durch den griechischen schon im goldenen 
Zeitalter der armenischen Litteratur unverkennbar ist. 

Auch das freier dastehende, von fremden Vorbildern nur in 
beschränktem Mafse abhängige Schrifttum dieser Zeit legt davon 
Zeugnis ab, dafs es der Geist des Griechentums ist, der in 
fast nur äufserlicher Anpassung an die Auffassungsfähigkeit 
armenischer Leser im klassischen Schrifttum dieses Volkes lebt. 
Damit soll nicht gesagt sein, dafs es nicht zur Herausbildung 
eigenartiger Persönlichkeiten unter den Schriftstellern jener Zeit 
gekommen sei, und dafs die Litteratur jener Periode in ihrer 
Gesamtheit eines nationalen Gepräges entbehrt habe. Nur so viel 
soll behauptet werden, dafs auch die Bedeutendsten ihrer Zeit 
nicht deshalb von der Alltagsrede des Volkes abwichen, weil sie 
dies der Gewalt ihrer Persönlichkeit gemäfs tun mufsten, sondern 



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— 85 - 

weil sie nach anerkannten Vorbildern arbeiten wollten, und da£s 
ihre Schöpfungen, so fest sie auch im Dienste des Vaterlandes 
standen, doch eine Form annahmen, die nur dem vom Geist des 
Griechentums schon Erfüllten nicht fremd vorkommen konnte, 
an die der von fremder Bildung ganz Unbeeinflufste sich sicher- 
lich erst gewöhnen mufste. 

Die meisten dieser Originalarbeiten des goldenen Zeitalters 
der armenischen Litteratur sind Geschichtswerke. Daneben macht 
sich eine an Umfang allerdings geringere, aber durchaus be- 
achtenswerte theologische und philosophische Schriftstellertätig- 
keit geltend. Eine eigentliche Poesie dagegen hat allem An- 
schein nach fast ganz gefehlt, und das Wenige, das jenem Zeit- 
alter davon zugeschrieben wird, ist für den Gottesdienst bestimmte 
Dichtung, die naturgemäfs nur zu einer begrenzten Entwicklung 
gelangen kann. 

Der litterarische Nachlafs der Begründer Sahak und Mesrop 
selbst scheint, wenn man von ihrer Übersetzertätigkeit absieht 
und alles nicht gut Verbürgte aus dem Spiele läfst, nicht gerade 
von bedeutendem Umfange zu sein. Es kann jedoch kaum be- 
zweifelt werden, dafs beide neben ihrer Wirksamkeit im münd- 
lichen Vortrag und Gedankenaustausch auch eine umfassende schrift- 
stellerische Tätigkeit entwickelt haben, deren gerechte Würdigung 
uns vor der Hand noch versagt ist und vielleicht für immer unmög- 
lich bleiben wird. Aber wenn auch nichts von ihrer Hand erhalten 
wäre, so würde doch fast die gesamte litterarische Leistung des 
5. Jahrhunderts, deren Armenien sich rühmen kann, als ein Denk- 
mal ihres Geistes erscheinen. Denn fast alles, was sich aus jenen 
fernliegenden Tagen bis auf unsere Zeit erhalten hat, entstammt 
dem Kreise ihrer Schüler. 

Einer der ältesten unter diesen und wohl der bedeutendste 
von allen war Esnik aus dem Dorfe Kolb in der Provinz Taikh, 
einem Nebental des bei Batum ins Schwarze Meer mündenden 
Tschoroch. Was man von seinem Leben weifs, ist nicht viel, 
aber gerade genug, um zu erkennen, dafs er, das volle Vertrauen 
seiner Lehrer Sahak und Mesrop geniefsend, an deren grund- 
legender Kulturarbeit tätigen Anteil genommen hat Esnik war 
einer von den beiden, die kurze Zeit nach der Vollendung der 
ersten, vorläufigen Bibelübersetzung nach Edessa geschickt wurden, 
um dort Übertragungen von Schriften der Kirchenväter vor- 



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— 86 — 

zunehmen, sich bald darauf aber nach Byzanz begaben und dort 
dem Studium des Griechischen eifrigst oblagen. Erst nach dem 
Konzil von Ephesus (431) kehrte Esnik zusammen mit seinem 
gleichzeitig ausgesandten Studiengenossen und den ihnen nach 
Byzanz nachgereisten Mitarbeitern zu seinen Lehrern zurück und 
übergab ihnen neben anderen wichtigen Schriftstücken die lang- 
ersehnte griechische Bibelhandschrift, nach der nun eine neue 
Übersetzung vorgenommen wurde. Allerdings heilst es in den 
Berichten über diese Ereignisse nicht ausdrücklich, dafs gerade 
er diese Schriften tiberbrachte. Es wird vielmehr nur von den 
heimkehrenden Übersetzern überhaupt geredet. Dafs aber Esnik 
der angesehenste unter diesen war, worauf es ja allein ankommt, 
darauf deutet doch wohl die Angabe des auch mit ihm heim- 
gekehrten Koriun, dafs der Katholikos Sahak in Gemeinschaft 
mit ihm die frühere rasch angefertigte Bibelübertragung nach 
dem nun vorhandenen griechischen Exemplare berichtigt habe. 
Weitere bestimmte Nachrichten über Esniks Leben liegen nicht 
vor. Es darf jedoch wohl als wahrscheinlich erachtet werden, 
dafs der von zwei jüngeren Schriftstellern des 5. Jahrhunderts 
erwähnte gleichnamige Bischof von Bagrewand, der im Jahre 
449 an der Synode von Artaschat teilgenommen, mit dem Über- 
setzer Esnik identisch ist. 

Was ihn unsterblich gemacht hat, ist jedoch nicht sein Wirken 
als Übersetzer, das er wie auch den ehrenden Beinamen mit 
anderen teilt. Unsterblich gemacht hat ihn vielmehr eine trotz 
mancher Entlehnung aus griechischen Vorlagen im ganzen doch 
durchaus originale, eigenartige Arbeit, eine scharfsinnige, stilistisch 
vollendete Verteidigung der christlichen Lehre unter der Auf- 
schrift: »Wider die Sektenc, eine Schrift, zu der die von allen 
Seiten drohenden Gefahren für die religiöse Entwicklung geradezu 
herausforderten. Die Zeit der Entstehung des Werkes ist nicht 
überliefert. Man darf jedoch im Hinblick auf den Inhalt der Schrift 
im allgemeinen und verschiedene gleichzeitige Ereignisse berührende 
Stellen desselben vermuten, dafs das Buch nicht vor Mesrops Tod 
(441) und nicht nach der Synode zu Artaschat (449) zum Abschlufs 
gebracht worden, dafs es also eine Arbeit des reifen Mannes- 
alters ist. Das Werk gliedert sich in vier Abschnitte. Im ersten 
wendet sich Esnik gegen die Anschauungen der Heiden und bekämpft 
insbesondere in beredten Worten die Lehre von der Ewigkeit der 



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— 87 — 

Materie und der substanziellen Wesenheit des Bösen. Der 
zweite Abschnitt richtet sich gegen die Religion der Perser, im 
besonderen die Lehre der Zervaniten, befehdet mit Energie und 
zuweilen nicht ohne Anwendung von Spott den Dualismus ihrer 
Lehre und handelt dann in stellenweise überraschend rationalisti- 
scher Weise über die Dämonologie, den Fatalismus und die 
chaldäische Astrologie. Kurze Erwähnung, leider nicht mehr, 
findet dabei auch der Manichäismus. Im dritten Abschnitte ver- 
sucht er die Lehren der griechischen Philosophen, namentlich der 
Pythagoräer, Platoniker, Peripatetiker, Stoiker und Epikuräer zu 
widerlegen, wobei übrigens mehr der bibelfeste und bibelgläubige 
Christ als der scharfe Denker zutage tritt. Denn im wesent- 
lichen begnügt er sich damit, die Unvereinbarkeit der bekämpften 
Anschauungen mit den Aussprüchen der Heiligen Schrift dar- 
zulegen, wobei er sich weit mehr an den Buchstaben hält, als 
es sonst seine Art ist. Im vierten Abschnitte endlich wendet er 
sich gegen die Lehre des Gnostikers Marcion, mit einer ge- 
drängten, meisterhaften Skizze des Tatbestandes den Kampf er- 
öffnend. 

Dafs sich das Werk eines christlichen Apologeten aus dem 
5. Jahrhundert nicht wie ein Roman liest, kann nicht gerade 
wundernehmen. Und dafs die Persönlichkeit des Verfassers mit 
ihrer ganzen Eigenart nicht so greifbar vor uns steht, wie es 
bei den in ihren Werken sich offenbarenden Künstlern im engeren 
Sinne zuweilen der Fall ist, versteht sich auch von selbst. Ist 
es doch einfach die Folge jeder wissenschaftüfchen Arbeit. Inner- 
halb der Grenzen der Möglichkeit aber tritt Esnik so scharf um- 
rissen hervor, noch heute nach fast fünfzehn Jahrhunderten, dafs 
ein wenig belebende Phantasie ihn vor sich zu sehen glauben 
könnte, den mit der ganzen Gelehrsamkeit seiner Zeit aus- 
gerüsteten und doch nicht von seinem Wissen bedrückten Mann, 
den Gelehrten, dem auch die Form des aristokratischen Verkehrs 
nicht abgeht, der in der Polemik Mals zu halten, seiner Über- 
legenheit bewufst, mit feinem Spott abzufertigen versteht, wo 
andere plump stürmisch in den Kampf ziehen möchten, fromm, 
aber nicht am Buchstaben der Heiligen Schrift hangend, sie viel- 
mehr mit nicht unbedenklichem Rationalismus deutend. Bei seinem 
Versuch, die Körperlosigkeit der Dämonen zu beweisen, erinnert 
er selbst daran , dafs man ihm da doch die Heilige Schrift ent- 



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— 88 — 

gegenhalten könne, in der auch von Zentauren, Feen und Sirenen 
die Rede sei. Aber er schwankt keinen Augenblick darüber, 
wie dieser Einwand aus dem Wege zu räumen ist. Wenn es in 
den heiligen Schriften so heilst, so liegt eben eine Anpassung 
an die Sprechweise der Menschen vor, weiter nichts. Man darf 
aber nicht auf den Buchstaben schwören, mufs vielmehr den Sinn 
im Einklang mit den Forderungen des gesunden Menschen- 
verstandes zu deuten verstehen. So setzt auch der geschulte 
Philosophe Esnik dem Marcioniten nicht übel zu, die bei ihrer 
Annahme von drei Himmeln darauf hinweisen, dafs die Heilige 
Schrift das Wort im Plural gebrauche. Die Sache ist, wie er 
mit klaren Worten auseinandersetzt, einfach die, dafs das hebräi- 
sche Wort für Himmel überhaupt nicht in der Einzahl gebraucht 
wird, wie man auch im Syrischen nicht »das Wassere, »der 
HimmeU, sondern nur »die Wassere, »die Himmele sagen kann. 
Die griechische Übersetzung, bei der ein derartiger sprachlicher 
Zwang nicht vorlag, hat denn auch richtig den Singular ein- 
gesetzt, und dafs dieser allein am Platz ist, zeigt sogar die 
syrische Version trotz der Unfähigkeit, das Wort »Himmele als 
Singular zu gebrauchen, und zwar durch die Vorsetzung des 
singularandeutenden Wortes jat, »Element«, indem sie sagt: »Im 
Anfange schuf Gott das Element Himmele. Es mag sein, dafs 
diese nüchterne, kritische Art der Schriftauslegung auf den Einflufs 
der Syrer, im besonderen auf die Schule des Diodor von Tarsos und 
den Theodor von Mopsuestia zurückgeht. Aber .dieser Einflufs allein 
genügt doch wohl kaum zur Erklärung. Es mufs, wie es bei solchen 
Angelegenheiten übrigens wohl immer der Fall ist, eine den Ein- 
wirkungen geneigte, entgegenkommende Persönlichkeit vorhanden 
gewesen sein, und wenn diese auch nicht im strengsten Sinne 
abgeschlossen einheitlich erscheint, wenn Esnik auch zuweilen 
seinen Grundsätzen untreu wird und manches mit allzu kurzem 
Hinweis auf den Wortlaut der heiligen Schriften abzufertigen ver- 
sucht, so zeigt das eben nur, dafs auch er ein Sohn seiner Zeit 
war. Das war er und nicht ein die kommenden Jahrtausende im 
Geist schon überflügelnder Weiser, aber unter den Söhnen seiner 
Zeit war er der besten einer. 

Einen ganz anderen Eindruck hinterläfst das Werk seines 
etwas jüngeren Studiengenossen Koriun, des späteren Bischöfe 
von Georgien, die Lebensbeschreibung des hl. Mesrop, des Be- 



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— 89 — 

gründers der armenischen Litteratur. Esniks Buch ist ein durch 
und durch persönliches Werk. Seine stark ausgeprägte Indivi- 
dualität drängt sich überall vor, wenn auch wider des Verfassers 
Wollen und Wissen. Durch und durch eigene Meinungen sind 
es, die er vorbringt, trotz stellenweiser Entlehnung aus früheren 
Schriften, in einem Mafse eigene, dafs es ihm sogar widerfahren 
kann, in Widerspruch mit der doch gerade von ihm energisch 
verteidigten Lehre Jesu zu treten, wie mit der Behauptung: 
»Wenn einer den beim Ehebruch Ertappten tötet, ihn wegen der 
Frechheit bestrafend, so tut er nichts Böses.« Und diese seine 
Überzeugungen trägt er in vollendeter Klarheit und Deutlichkeit 
vor, mit der Herrschaft über den Stoff volle Gewalt über den 
Ausdruck paarend. Ganz anders erscheint Koriun. Obwohl es 
ihm nicht an Anlässen fehlt, seine Persönlichkeit in den Vorder- 
grund treten zu lassen, ihm, der als Augen- und Ohrenzeuge 
seines verehrten Meisters Leben und Wirken schildert, tritt er 
doch nirgends auffällig hervor. Selbst da, wo er geradezu ge- 
nötigt ist, auch von sich zu reden, tut er dies mit einer Objektivität, 
als wenn jener Koriun, von dem er da gerade erzählt, ein ganz 
anderer wäre als der Berichterstatter. Und wie er sich hinsicht- 
lich der Verhältnisse der schriftstellerischen Persönlichkeit zum 
Werk merklich von Esnik unterscheidet, so weicht auch sein 
Stil beträchtlich ab. Esniks glänzender Entfaltung der Dar- 
stellungskunst steht seine fast überkurze, hier und da bis zur 
Schwerverständlichkeit gedrängte Erzählung gegenüber. Nicht 
sich, nicht einmal seine Meinungen will er zur Geltung bringen. 
Nur seines Meisters Bild soll der Nachwelt erhalten bleiben, und 
auch dabei kommt's ihm, wie er ausdrücklich hervorhebt, nur auf 
die Ausführung der Züge an, denen er eine vorbildliche Be- 
deutung zuschreibt. Dieser sittliche Ernst, der das kleine Buch 
des bescheidenen Mannes durchweht, bildet den Kern seines 
Wertes. Ein Hauch des Geistes der Ehrfurcht, der des Buches 
Anlafc war, geht auch auf den Leser unserer Zeit noch über, um 
auch seiner zu gedenken, der in diesem Geiste seinen Lehrer zu 
verewigen gedachte. 

In die Zeit der schriftstellerischen Wirksamkeit Esniks und 
Koriuns fällt auch wohl die Ausarbeitung zweier bedeutender 
Geschichtswerke, die der Überlieferung zufolge schon dem 4. Jahr- 
hundert angehören, eines angeblich von Agathangelos , dem 



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— 90 — 

Sekretär des Königs Trdat, verfafsten Geschichtswerkes, dessen 
Hauptzweck die Darstellung des Lebens und Wirkens Gregors 
des Erleuchters, des ersten Bischofs Armeniens, ist, sowie einer 
Geschichte Armeniens vom Jahre 344 bis zum Jahre 392, die 
unter dem Namen eines gewissen Faustus von Byzanz überliefert 
ist. Stilistisch klingt das erstgenannte Werk in auffälliger Weise 
an Koriuns Buch an, während das letztere trotz mancher Ähn- 
lichkeit in Einzelheiten des Ausdrucks alles in allem doch ganz 
einzigartig dasteht, ganz einzigartig in seiner schwülstigen, über- 
ladenen, von Wiederholungen strotzenden Redeweise. Der tiber- 
lieferte Text beider Werke verrät so viel Überarbeitung und Um- 
gestaltung, dafs es nicht leicht ist, eine gerechte Würdigung vor- 
zunehmen, geschweige die Persönlichkeiten der Schriftsteller deut- 
lich zu erfassen. Nur soviel darf man wohl behaupten : während 
die dem Agathangelos zugeschriebene Erzählung wesentlich 
Heiligengeschichte ist, vielleicht übrigens erst im Laufe der Zeit 
geworden ist, gekennzeichnet durch die Fülle der mit derartigen 
Berichten in der Regel verbundenen legendenhaften Zutaten, ein 
Werk liebevollen Versenkens in die zu feiernde Persönlichkeit 
mit ungehemmter Phantasie, erscheint die Geschichte des Faustus 
als eine wesentlich auf dem Boden des Tatsächlichen verharrende 
Darstellung, die, anscheinend unbekümmert um Lob und Tadel, 
oft mit schonungsloser Offenheit Bericht erstattet, eine Arbeit, 
die fraglos nicht frei von Fehlern ist, aber doch entschieden nach 
dem Wahren strebt, das Werk eines Mannes, der aufserhalb der 
herrschenden Schulen und Parteien gestanden zu haben scheint, 
aber auf festen eigenen Füfsen. 

Die Schriftsteller der zweiten, etwa mit dem Jahre 460 be- 
ginnenden Periode des goldenen Zeitalters gehören dem Kreise 
der Männer an, die man im Gegensatz zu Esnik und Koriun und 
verschiedenen anderen mit diesen gleichzeitig wirkenden An- 
hängern Mesrops und Sahaks als die jüngeren Schüler oder Über- 
setzer bezeichnet. Jünger waren sie nun wohl allerdings wenigstens 
nicht alle dem Lebensalter nach, wohl aber — worauf es hier an- 
kommt — hinsichtlich der Zeit ihrer schriftstellerischen Wirk- 
samkeit. Der älteste unter ihnen ist zugleich auch der, dessen 
Name — wenn auch erst Jahrhunderte nach seinem Tode — der 
berühmteste geworden ist, einer der wenigen, die man auch fern 
seiner Heimat noch kennt, Moses von Chorene, der Verfasser 



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— 91 — 

eines einst wohl über Gebühr gefeierten, dann aber auch über 
Gebühr benörgelten Geschichtswerkes und verschiedener anderer 
Schriften. Dieses sein bedeutendstes Buch gliedert sich in drei 
Teile. Im ersten wird die Geschichte Armeniens von der ältesten, 
begreiflicherweise durch manch sagenhaftes Gewebe verschleierten 
Zeit bis zur Gründung der Arsaciden - Dynastie im Jahre 149 
v. Chr. geschildert. Im zweiten Teil kommt die Geschichte der 
armenischen Arsaciden bis zum Tode des heiligen Gregor und 
des Königs Trdat zur Darstellung. Der dritte Teil endlich be- 
handelt die Ereignisse vom Tode der Trdats bis zum Sturze der 
Arsaciden-Dynastie im Jahre 428 und berichtet auch noch kurz 
über den mehr als ein Jahrzehnt später erfolgten Tod Sahaks 
und Mesrops. Die genaue Zeit der Abfassung dieses Werkes 
ist nicht bekannt. Dem einleitenden Kapitel zufolge, das sich an 
den Auftraggeber, den Fürsten Sahak aus dem Hause der 
Bagratiden, wie an einen Lebenden wendet, könnte es jedoch 
nicht später als im Jahre 482 abgeschlossen sein, wo der er- 
wähnte Besteller auf dem Schlachtfelde gefallen ist. Nun kann 
aber der uns vorliegende Text nicht aus jener Zeit stammen. 
Sind auch Bedenken, die man früher geltendmachte, namentlich 
die verdächtigen Anklänge an das Leben des hl. Sylvester und 
die Kirchengeschichte des Sokrates so ziemlich hinfällig geworden, 
nachdem die aus dem 7. Jahrhundert stammende armenische 
Übersetzung dieser Schriften bekannt geworden ist und einen 
klaren Einblick in die Sachlage ermöglicht hat, so bleibt doch 
noch als ein Zeugnis gegen die Tradition der Umstand bestehen, 
dafs der erst im Jahre 536 von Justinian geschaffene Name 
> Viertes Armenien c als Bezeichnung einer Provinz mehrmals in 
dem nach Ausweis der Einleitung vor 482 abgefafsten Geschichts- 
werke vorkommt. So erhebt sich die Frage, ob das berühmte 
Werk doch eine Fälschung ist, oder ob vielleicht die der Über- 
lieferung widersprechenden Stellen später eingeschoben sind und 
demnach für das Buch im grofsen und ganzen nicht in Betracht 
kommen. Die Beantwortung ist nicht ganz leicht. Die Annahme 
von Interpolationen ist ein so bequemes, billiges Mittel zur Be- 
seitigung von Schwierigkeiten aus alten Texten, dafs man eben 
deshalb gern von ihm absehen möchte, befürchtend, dadurch nicht 
in Wahrheit Hindernisse aus dem Weg zu räumen, sondern nur 
den Schein einer Lösung schwierigerer Rätsel vorzutäuschen. Be- 



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— 92 - 

denkt man aber, wozu im vorliegenden Falle die Annahme einer 
Fälschung führt, so muls auch diese Konsequenz stutzig machen. 
Ein Fälscher, der langentschwundene Tage wieder lebendig werden 
lälst, sich ausklügelnd und dichtend in die Vergangenheit ver- 
senkt, dals keiner seines Betruges gewahr wird, der von all den 
seine Zeit bewegenden Fragen abzusehen vermag, als wenn er 
blutleer und seelenlos den Ereignissen seines Jahrhunderts gegen- 
übergestanden, der aber in den Tagen der Vergangenheit lebt, 
dals ihm auch das Herz erzittert wie einem, der dem Sturme 
noch nahegestanden, ein Fälscher mit allen Einzelheiten des 
Lebens der Vorzeit vertraut, nur nicht darüber unterrichtet, dals 
der Name »Viertes Armenienc von einem Kaiser geprägt ist: 
sollte ein solcher Fälscher nicht in das Reich der Märchen ge- 
hören? So ist es vielleicht doch geraten, der Überlieferung bis 
auf weiteres noch Vertrauen zu schenken und die mit ihr un- 
vereinbaren Bestandteile des Werkes für spätere Zutaten zu 
halten, die bei einem so aufserordentlich verbreiteten Buche 
leichter als bei jedem anderen eingeschmuggelt werden konnten. 
Moses scheint sein Geschichtswerk in hohem Alter geschrieben 
zu haben, zu einer Zeit, wo der Mund ziemlich oft des überläuft, 
wes das Herz voll ist, wo den Menschen eine Neigung zu er- 
fassen pflegt, der Jugend mit etwas schulmeisterlichem Be- 
hagen die Erfahrung und Weisheit des Alters zuteil werden zu 
lassen. Moses* Stil widerspricht dieser Überlieferung wenigstens 
nicht. Ein etwas breitspuriges Pathos durchzieht die ganze Er- 
zählung, das auch da nicht weicht, wo es dem Darsteller ans 
Herz zu gehen scheint, wie namentlich bei der Klage, in die das 
Buch ausklingt, die als eine Probe seiner Redeweise hier vor- 
geführt sei: 

•Ich beklage dich, der Armenier Land, ich beklage dich, das allen 
des Nordens überlegene. Denn entrissen ward dir König und Priester, 
Berater und Lehrer. Gestört ward der Friede, und Wurzel ge- 
schlagen hat die Unordnung. Erschüttert ward die Rechtgläubigkeit, 
Halt gewonnen hat durch Unwissenheit die Ketzerei. 

Ich bemitleide dich, Kirche der Armenier, die du ins Dunkel ge- 
raten aus dem Schmuck des Heiligtums, beraubt wardst des trefflichen 
Hirten und seines Mithirten. Nicht mehr sehe ich deine geistliche 
Herde auf dem Weideplatz und bei den Wassern der Ruhe genährt, 
und nicht in die Hürde gesammelt zum Schutz vor den Wölfen, sondern 
zerstreut über Wüsten und Abgründe. 



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— 93 — 

Heil dem ersten und zweiten Wechselfall! Denn es war eine 
Zeit der Abwesenheit des Gatten und Bräutigamsführers, und du, die 
Gattin, geduldetest dich, in Keuschheit die Ehe bewahrend, wie einer 
vor uns weise gesagt. Hinwiederum, als einer nach Liebhaberart sich 
erfrechend sich auf dein unverletztes Ehebett stürzte, da hast du, die 
Gattin, dich nicht befleckt, obwohl die Gewalt den Gatten entfernt hatte, 
wobei die stolz gewordenen Söhne den Erzeuger verachteten wie die 
Stiefkinder nach Gebühr den fremden Vater und neu angekommenen 
Stiefvater. Jedoch du zeigtest dich auch dann nicht von allen ver- 
lassen, von neuem die Wiederkehr der Deinigen samt dem Mithirten 
erhoffend. Nicht wie mit einem Gattenbruder, sondern wie mit einem 
Pflegevater für denselben Nachwuchs liebkostest du die Kinder. Aber 
bei deiner dritten Abwesenheit ist keine Erwartung der Wiederkehr, 
da er von diesem Leibesleben gelöst ward samt dem Gefährten und 
Arbeitsgenossen. 

Für sie ist es besser, bei Christus zu weilen und in Abrahams 
Schofs zu ruhen und der Engel Reigen zu schauen. Aber ohne Bei- 
stand du in deiner Witwenschaft, und unglücklich wir, die wir beraubt 
worden der väterlichen Aufsicht! Denn nicht wie jenes Volk im alten 
Bund, sondern gröfser ist unser Elend. Denn Moses ist entrückt, und 
Josua folgt nicht nach, in das Land der Verheifsung zu führen. Re- 
habeam wurde verjagt von seinem Volke, und an seine Stelle trat der 
Sohn Nebats. Und den Mann Gottes verschlang nicht ein Löwe, 
sondern die Vollendung der Zeit. Elias stieg empor, und Elisäus blieb 
nicht, mit zwiefältigem Geiste den Jehu zu salben, aber Harael ward 
berufen, Israel zu vernichten. In Gefangenschaft wurde Zedekias ge- 
führt, und nirgends ist ein Serubabel, der seine Herrschaft erneut. 
Antiochus zwingt uns, die heimischen Glaubensgesetze aufzugeben, 
und kein Matathias widersetzt sich. Krieg hat uns umringt, und kein 
Makkabäer befreit uns. Jetzt sind Kämpfe von innen und Schrecken 
von aufsen; Schrecken von den Heiden her und Kämpfe von den 
Ketzern, und der Berater ist nicht inmitten, der Anweisung gab und 
bereit machte zum Kriege. 

Weh der Vergewaltigung, weh der jammervollen Geschichte! 
Wie soll ich meinen Schmerz zu tragen erdulden? Wie soll ich meinen 
Sinn und meine Zunge festigen und den Vätern die Worte zuteilen für 
Erzeugung und Pflege? Denn sie haben mir durch ihre Lehre Leben 
und Pflege gegeben, mich zu anderen sendend, um mich grofs werden 
zu lassen. Und nachdem sie meine Rückkehr erhofft, sowohl an meiner 
hochweisen Kunst wie an meiner vollendeten Harmonie ihren Ehrgeiz 
befriedigt zu sehen, und wir gleichfalls in Hast herbeigeeilt von 
Byzanz, gehofft, zur Hochzeit zu tanzen, mit nichts befürchtender 
Schnelligkeit uns einrichtend, und Hochzeitslieder zu singen, seufze 
ich nun bedauernswert, statt der Festfreude über einem Grabe Klagen 
sagend, wo ich nicht einmal sie noch zu sehen angelangt bin, ihnen 
die Augen zu schliefsen, und das letzte Wort zu hören und den Segen. 



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— 94 — 

Durch solche Bedrängnis beklemmt bin ich in Gefahr bei der Ent- 
behrung unseres Vaters. Wo ist die süfse Stille des Blicks auf. Ge- 
rechte und seine Furchtbarkeit wider Verdorbene? Wo ist der Lippen 
heiteres Lächeln bei der Begegnung mit guten Schülern? Wo das 
freudige Herz, das sich der Diener annimmt? Wo ist die lange, 
Reisen erleichternde, Mühsalen ruhegebende Hoffnung? Zugrunde 
gegangen ist der Zufluchtgewährende, geschwunden der Hafen, ver- 
lassen hat uns der Helfer, verstummt ist die ermunternde Stimme. 

Wer wird hinfort unser Studium schätzen? Wer wird sich über 
meinen, des Schülers, Fortschritt freuen? Wer wird die väterliche 
Freude zum Ausdruck bringen, zum Teil übertroffen durch mich, den 
Sohn? Wer wird die Verwegenheit derer zum Schweigen bringen, 
die sich feindlich gegen die gesunde Lehre erhoben, die in allen Fällen 
unbeständig und zerstreut, manche Lehrer und viele Bücher wechseln, 
wie einer von den Vätern gesagt hat? Gegen jedes Wort sind sie in 
gleicher Weise aufgebracht, und als ein schlechtes Vorbild schreiben 
sie das für sich selbst, dafs sie über uns lachen und Verachtung äufsern 
wie über Unbeständige und solche, die nichts von einer nutzbringenden 
Kunst besitzen. Wer wird denen durch Tadel den Mund verschliefsen 
und uns durch Lob Erleichterung verschaffen, und setzt ein Mafs für 
Reden und Schweigen? 

Bei diesen Gedanken beginnen in mir im Innern Seufzen und 
Tränen ihren Lauf, und machen mich gewillt, ein trübes und trauerndes 
Wort zu reden. Und nicht weifs ich, wie ich meinen Klagesang ein- 
richten, oder auch, wen ich beweinen soll. Meinen unglücklichen 
Jüngling und König, der durch niederträchtigen Beschluls samt seinem 
Geschlecht vertrieben ward und vor dem Tode — ein Sterben in 
Ruhmlosigkeit — vom Throne herabgestürzt ward, oder mich selbst, 
da sie von meinem Haupte gehoben ward, die reichmachende Krone 
schön und lebensnützlich? Meinen Vater und Oberpriester mit den 
erhabenen Gedanken, der das vollendete Wort hinaustragen ging, durch 
das er führte und ordnete und, die Zügel in die Faust nehmend, 
Richtung gab und die zwieträchtigen Zungen aufzäumte, oder mich, 
der ich leer geblieben von des Geistes Enthusiasmus und bedürftig? 
Meinen Erzeuger, den Lehrquell, der die Gerechtigkeit bewässert und 
als Sturzbach die Gottlosigkeit ausscheidet, oder mich, der ich verdorrt 
und verwelkt bin vor Durst nach Tränkungen der Belehrung? Die 
über unser Land schon gekommenen Mifsgeschicke oder die Erwartung 
der zukünftigen? 

Wer wird uns hierbei Miterzähler sein in Teilnahme an unserer 
Trübsal und als Leidensgenosse helfen an dem von uns Gesagten oder 
in Denksteine einmeifseln? Erwache, Jeremia, erwache und beklage 
mit deiner Weissagung, was alles wir erlitten, und was alles wir zu 
erleiden haben. Weissage das Erstehen unwissender Hirten, wie einst 
Zacharias in Israel! 

Die Lehrer dumm und dabei selbstgefällig, selbst Ehre nehmend 
und nicht von Gott berufen, vom Geld erwählt und nicht vom Geist, 



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- 95 — 

goldliebend, neidisch, die Sanftmut aufgebend, in der Gott weilt, und 
Wölfe geworden, die ihre Herden zerre ifsen. 

Die Mönche heuchlerisch, prahlerisch, eitel, ehrliebend mehr als 
gottliebend. 

Die geistlichen Würdenträger hochmütig, absprecherisch, schwätze- 
risch, träge, Hasser der Künste und Lehrworte, Liebhaber der Handels- 
geschäfte und Komödien. 

Die Schüler nachlässig beim Lernen und eifrig beim Lehren, solche, 
die vor der theoretischen Bildung Theologen. 

Die aus dem Volk stolz, widerspenstig, grofssprecherisch, arbeits- 
scheu, boshaft, gemeingefährlich, vor dem Klerus fliehend. 

Die Krieger unbillig, prahlerisch, der Waffen überdrüssig, faul, 
leichtlebig, unmäfsig, Plünderer, die mit den Räubern wetteifern. 

Die Fürsten aufrührerisch, der Diebe Stehlgenossen, raubgierig, 
knauserig, geizig, habgierig, räuberisch, landverwüstend, unflätig, der 
Sklaven Geistesgenossen. 

Die Richter unmenschlich, verlogen, betrügerisch, bestechlich, die 
Rechte nicht wählend, unbeständig, streitsüchtig. 

Und im allgemeinen ein Schwinden der Liebe und Scham bei 
allen. 

Und was ist dann die Vergeltung für alles dies, wenn nicht die, 
dafs Gott uns verläfst und die Natur der Elemente sich ändert? Der 
Frühling trocken, der Sommer regnerisch, der Herbst winterlich, der 
Winter gewaltig eisig, stürmisch, verlängert ! Die Winde schneesturm- 
gleich, hitzebringend, schmerz verursachend; die Wolken feuersprühend, 
nagelnd; die Regen unzeitig und unnütz; die Lüfte wildwehend, reif- 
werfend ; der Wasser Vermehrung nutzlos und die Verminderung über- 
mäfsig; Unfruchtbarkeit der Erde und kein Gedeihen der Tiere, aber 
auch Erdstöfse und Erdbeben. Und über alles dies Aufruhr von allen 
Seiten nach dem Wort: Den Gottlosen soll kein Friede sein. 

Denn die Könige werden harte und böse Herrscher sein, die 
schwere und drückende Lasten auferlegen, unerträgliche Befehle geben ; 
die Vorgesetzten unbillig und erbarmungslos; die Freunde verräterisch 
und die Feinde bestärkt; der Glaube verkauft für dieses nichtige 
Leben; Räuber, zahllos von allen Seiten gekommen, Verwüstung der 
Häuser und Raub der Besitztümer, Fesselung der Oberhäupter und 
Kerker den Angesehenen, Verbannung der Adligen in die Fremde 
und ungezählte Bedrängnisse den Leuten niederen Standes, Eroberung 
der Städte und Zerstörung der Festungen, Verwüstung der Flecken 
und Verbrennung der Gebäude, endlose Hungersnöte und Krankheiten 
und vielgestaltige Todesfälle, der Gottesdienst vergessen und Erwartung 
der Hölle. Wovor Christus der Gott uns bewahre und alle, die ihn 
in Wahrheit anbeten. Und Preis ihm von uns Geschöpfen allen ! Amen.« 

Dem Verfasser dieses Geschichtswerkes schreibt die Über- 
lieferung aufserdem noch verschiedene andere Arbeiten zu, deren 



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— 96 — 

umfangreichste eine Rhetorik, deren bekannteste eine Geographie 
ist. Die Rhetorik, ein nicht gerade kurzweiliges Werk für den, der 
Unterhaltungslektüre sucht, ist als Ausdruck der Persönlichkeit 
des Verfassers vielleicht von nicht zu unterschätzendem Wert. 
Das überall für Moses charakteristische 'übervoll tönende Pathos 
im Verein mit gezierten Redeschnörkeln, schon in dem Geschichts- 
werke unverkennbar, war hier durch die griechischen Vorlagen, 
die offenbar stark eingewirkt haben, geradezu hervorgerufen 
worden. Die Geographie dagegen, interessant als eine Quelle der 
Belehrung, läfst bei ihrer ziemlich trockenen Aufzählung von 
Namen, die den gröfsten Teil ausmacht, fast nichts von einer 
Individualität des Autors erkennen. Es kommt noch hinzu, dafs 
bei diesem Werke, das die vorliegende Gestalt nicht vor dem 
Ende des 7. Jahrhunderts erhalten haben kann, der Grundbestand- 
teil durch übermäfsige Zutaten und Umänderungen sehr verhüllt 
wird, falls das Ganze nicht gar die Arbeit eines ganz anderen 
Mannes ist. 

Auch der jüngere Bruder des Moses von Chorene, Mambre 
mit Namen, ist — wenn man dem Zeugnis seiner ihm zeitlich 
noch nahestehenden Landsleute trauen darf — eine schrift- 
stellerisch nicht unbedeutende Persönlichkeit gewesen. Leider 
haben sich jedoch von den verschiedenen ihm zugeschriebenen 
Werken nur drei Reden erhalten, deren beste die auf die Auf- 
erstehung des Lazarus ist, ein Muster einfacher, allen leeren 
Wortprunk meidender Erzählung und Gedankendarlegung. 

Berühmter als Mambre ist ein anderer, entfernterer Ver- 
wandter des Moses von Chorene geworden, sein Vetter David 
mit dem Beinamen »der Unbesiegtec Seine schriftstellerische 
Tätigkeit bewegt sich zwar nicht ausschliefslich, aber doch ganz 
überwiegend auf philosophischem Gebiet, auf dem er, abgesehen von 
seinen Übersetzungen und Erläuterungen aristotelischer und neu- 
platonischer Schriften, feste Stellung gegen den Skeptizismus der 
Anhänger des Pyrrho von Elis nimmt und entschieden für die 
Erkennbarkeit der Dinge eintritt. So bedeutend David der Un- 
besiegte aber auch als Gelehrter gewesen sein mag, ja wohl 
sicherlich gewesen ist, so wenig hat er es verstanden, seinen Ge- 
danken einen auch nur den bescheidensten künstlerischen An- 
forderungen genügenden Ausdruck zu verleihen. Seine Be- 
herrschung des Griechischen, die ihm in den Augen gelehrter 



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— 97 — 

Zeitgenossen so hohes Ansehen verschafft, ist seinem Stil zu einem 
argen Verhängnis geworden, hat ihn verführt, seine Muttersprache 
in geradezu verletzender Weise zu vergewaltigen. 

Annähernd gleichzeitig mit dem Philosophen David, ein wenig 
später vielleicht, hat auch wohl Johannes aus dem altedlen Ge- 
schlecht der Mandakunier seine schriftstellerische Tätigkeit ent- 
faltet. Denn sicherlich stammt das Beste seiner litterarischen 
Arbeit, wenn nicht sogar diese ganz aus der Zeit, wo er als 
Katholikos an der Spitze der armenischen Kirche stand, d. h. aus 
der Zeit vom Jahre 480 bis 487. Als ftinfundsiebzigjähriger Greis 
war er hauptsächlich auf Betreiben des späteren Statthalters Wahan 
zu diesem hohen Amte berufen worden, allem Anschein nach 
aber als ein noch jugendfrischer Greis. Diesen Eindruck machen 
auch die von ihm erhaltenen Reden voll eindringlicher Kraft, 
und wenn er auch hier und da vielleicht ein entbehrliches Wort 
einschaltet, dann und wann ein wenig übertreibt, so ist dies beim 
Amt des Predigers, der belehren, warnen, überreden, abschrecken 
und erschüttern soll, so natürlich, dafs man auch nicht ohne 
weiteres die dem Alter oft zugeschriebene Geschwätzigkeit ver- 
antwortlich machen darf. Fehlt den Reden des Johannes Manda- 
kuni auch die wunderbar schöne Einfachheit, mit der Mambre 
von der Auf erweckung des Lazarus erzählt, so weifs er doch 
besser als dieser die Gewalt des Wortes zur Einwirkung auf das 
Herz zu verwerten, und nicht ohne eine gewisse Berechtigung 
hat man ihn einen zweiten Johannes Chrysostomus, einen zweiten 
Johannes Goldmund genannt. 

Und doch war einer unter seinen Zeitgenossen, dessen Worte 
weit tiefer in das Herz der Nachwelt eingedrungen sind, ein Mann, 
dem nicht im entferntesten Esniks Fähigkeit zur klaren Gedanken- 
darlegung eigen war, der nicht Koriuns becheidene Objektivität 
erreichte, nicht Mambres schlichte Einfachheit, nicht Mandakunis 
ausdrucksreiche Redekunst, der aber diesen allen und noch in er- 
höhtem Mafse den nicht erwähnten Schriftstellern seines Jahr- 
hunderts in einer Hinsicht weit überlegen war, und zwar in jener 
erhöhten Wahrnehmungsfähigkeit, die zum Künstler stempelt. 
Dieser Mann war Elisäus, vermutlich identisch mit dem Bischöfe 
gleichen Namens, der unter den Teilnehmern an der Synode zu 
Artaschat im Jahre 449 erwähnt wird, ein Mann, der unter dem 

Literaturen des Ostens. VII, 2. 7 



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— 98 — 

Feldherrn Wardan dem Vaterlande seine Dienste treu geleistet 
und dann, dem Weltleben entsagend, als Einsiedler dahingegangen 
ist. Das fraglos bedeutendste unter seinen uns erhaltenen Werken 
ist eine auf immittelbarer Anschauung beruhende Beschreibung 
des heldenhaften Glaubenskrieges, den die Armenier in den Jahren 
449 bis 451 unter dem Feldherrn Wardan gegen Jesdegerd II. 
geführt haben, eines Feldzuges, der trotz dem unglücklichen Aus- 
gange ein ehrenvolles Denkmal nationaler Kraft ist. Wie schon 
angedeutet, ist es ein Dichter, der diese Ereignisse beschreibt, 
allerdings einer, der keineswegs .darauf ausgeht, ein jenseits von 
Wahr und Falsch stehendes Kunstwerk zu schaffen, der aber 
eben seine Künstlernatur nicht verleugnen kann, auch da nicht, 
wo er sich um peinlich genaue Scheidung des Tatsächlichen vom 
Legendenhaften bemüht oder sich in allgemeinen lehrhaften Be- 
trachtungen ergeht. Begreiflicherweise tritt seine eigentliche Be- 
gabung am deutlichsten zutage, wo er die Helden seiner Geschichte 
greifbar vor Augen zu stellen unternimmt, wo die ihm verliehene 
plastische Gestaltungskraft sich vielleicht sogar ein wenig auf 
Kosten der Gerechtigkeit betätigt. Scharf umrissen heben sich 
die Hauptgestalten von ihrer Umgebung ab, der in der Wahl 
seiner Mittel gewissenlose, vor keinem Betrug zurückschreckende 
Perserkönig und sein zielbewufster Grofs-Vezir Mihr-Nerseh, die 
ehrenhafte, glaubensfeste Soldatennatur des armenischen Feld- 
herrn Wardan, der seinem Gott und seinem Vaterlande gleich 
ergebene Patriarch, vor allem aber der glaubensabtrtinnige, ver- 
räterische Markgraf Wassag von Siunikh, dessen schmachvolles 
Ende wie das Werk einer höheren rächenden Gewalt erscheint, 
und wenn die Wirklichkeit hier und da ein wenig vergewaltigt 
zu sein scheint, so ist gerade dies als ein charakteristischer Zug 
künstlerischer Kraft besonderer Beachtung wert. Dafs es diesem 
dichterisch veranlagten Darsteller aber auch nicht an lyrischem 
Vermögen fehlte, zeigt ganz besonders deutlich das an seelen- 
voller Stimmung so reiche Martyrologium , das den deutlichen 
Worten der Einleitung des Geschichtswerkes entgegen in den 
Ausgaben diesen als ein achtes Kapitel angefügt erscheint, dessen 
wehmutsvoller Ausklang, die Schilderung der tun die gefallenen 
Gatten trauernden Frauen, als eine Probe dieser seiner Stimmung 
erweckenden Kunst in möglichst getreuer Nachbildung hier folgen 
möge. 



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— 99 — 

•Vieler Winter Eis zerschmolz. Der Frühling traf ein, und es 
kamen neu angelangte Schwalben. Es sahen's und freuten sich welt- 
liebende Menschen, und sie vermochten nie mehr ihre Ersehnten zu 
schauen. Die Frühlingsblumen brachten ihre ehekranztreuen Gatten 
in Erinnerung, und ihre Augen sehnten sich vergebens danach, die er- 
wünschte Schönheit ihres Antlitzes zu schauen. Die Jagdbracken 
starben aus, und die Streif züge der Jäger verschwanden. Auf In- 
schriften wurden sie erwähnt, aber kein Jahresfest brachte sie aus der 
Ferne. Man blickte auf ihre Tafelplätze und weinte, und in allen Ver- 
sammlungen gedachte man ihrer Namen. Viele Denkmäler waren 
ihnen zu Ehren errichtet und jeglicher Name auf ihnen verzeichnet. 

Und obwohl so ihre Gedanken von allen Seiten bewegt waren, 
so erschlafften sie doch keineswegs, von der himmlischen Tugend 
lassend. Fremden erschienen sie wie trauernde und gequälte Witwen, 
aber in ihrem Geiste geschmückt und getröstet durch himmlische Liebe. 

Nicht mehr pflegten sie einen aus der Ferne Gekommenen zu 
fragen: Wann wird es uns vergönnt sein, unsere Geliebten zu sehen? 
Das waren vielmehr die Wünsche ihrer Gebete zu Gott, dafs sie, wie 
sie begonnen, es darin auch tapfer zu Ende führten voll der göttlichen 
Liebe. 

Und mögen wir und sie zusammen die Mutterstadt der Güter erben 
und erreichen, was Gott den Geliebten verheifsen in Christo Jesu in 
unserem Herrn.« 

Der jüngste aus dem Kreise der Schüler Sahaks und Mesrops 
endlich, der nicht unerwähnt bleiben darf, ist Lazar von Pharpi, 
dessen Hauptwerk eine Geschichte Armeniens von 388 bis 485 
ist, ein Zeugnis geraden Sinnes und selbständiger Auffassung, 
ein würdiger Abschlufs der Leistungen des goldenen Zeitalters. 



IL Die Zeit der Nachblute (6.— II. Jahrhundert). 

Schnell wie die christlich-armenische Litteratur erblüht war, 
schien sie auch wieder vergehen zu sollen. Dem Jahrhundert hoher 
Blüte folgt ein anderes, das fast aller litterarischen Tätigkeit er- 
mangelt. Erst im 7. Jahrhundert beginnt wieder eine schrift- 
stellerische Arbeit, die zwar ebensowenig wie die der folgenden 
Zeit den Leistungen der Schüler Sahaks und Mesrops gewachsen 
ist, aber doch zeigt, dafs der im 5. Jahrhundert gelegte Grund 
nicht umsonst gelegt worden war, dafs man nur vorübergehend, 
vielleicht infolge der Ungunst äufserer Verhältnisse, davon ab- 
gesehen hatte, auf dem wohlbereiteteji Felde weiterzubauen. 



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— 100 — 

Den Reigen eröffnet der Katholikos Komitas. Im zweiten 
Jahre seines von 617 bis 625 währenden Patriarchats erbaute er 
eine Kirche zu Ehren der hl. Rhipsime, der fürstlichen Jungfrau, 
die, wie erzählt wird, mit ihren Genossinnen vor dem sie zur 
Frau begehrenden Kaiser Diokletian nach Armenien floh und 
dort unter dem damals noch heidnischen Könige Trdat, dessen 
Anträgen sie imbeugsamen Widerstand entgegengesetzt, mitsamt 
ihren Begleiterinnen den Märtyrertod erlitt. Kurze Zeit nach 
Errichtung dieses Denkmals aus Stein setzte Komitas den heiligen 
Jungfrauen dann noch ein anderes, dauernderes : er dichtete einen 
Hymnus zum Andenken an die für ihren Glauben dahingegangenen 
Jungfrauen, der noch heute zum Fest dieser Heiligen gesungen 
wird, eine Dichtung, die, als die beste seiner übrigens nicht zahl- 
reichen Arbeiten, hier verdeutscht vorgeführt werden mag. Man 
vergesse jedoch nicht, dafs es nur ein Stück des Hauptwerkes 
ist, das hier gezeigt werden kann, dafs ihm die begleitende Ge- 
walt der Musik hier abgeht. 

»Seelen geweiht der Liebe Christi, himmlische Kämpfer und weise 
Jungfrauen ! In eurem Ruhm erhöht begeht ein Fest die Mutter Zion 
mit ihren Töchtern. 

Himmlische Klänge haben die Erde erfüllt, da ihr süfsen Duft 
ausgehaucht in Christo, geistige Brandopfer und Opfer der Erlösung 
und unbefleckte, Gott dargebrachte Lämmer! 

Die Schönheit eures leiblichen Glanzes betörte den König, und 
es erstaunten die Heiden. In die bewunderungswürdige Schönheit der 
gottgegebenen Jungfrauen verliebt, feierten die Engel mit den 
Menschen. 

Wieder von neuem schmückt sich schöpferische Kraft, und wieder 
Eden, das gottgepflanzte. Denn der Baum des Lebens ward im 
Paradies gepflanzt, als Frucht uns bringend die selige Rhipsime. 

Todbringende Schmerzen aus Verfluchungen wurden entflammt, 
und Adam wähnt sich von neuem gottgestaltet: statt Eva ihre Töchter, 
Märtyrerinnen und Gott dargebrachte Jungfrauen. 

Die Heerscharen der Engel haben mit den Menschen gefeiert, 
und Frauen sind im Himmel als Krieger eingeschrieben worden. In 
Jungfräulichkeit mit dem Tode Krieg führend haben sie gesiegt, Kreuz- 
genossen geworden des jungfraugeborenen Schöpfers. 

O Überraschung und mehr als Wunder der Gedanken und Worte 
der Engel und Menschen. Denn das Sein, Gott allmächtig an Kraft, 
betrachtete sich herablassend das Schauspiel der Jungfrauen. 

Einmütige Genossinnen dieses leiblichen Lebens, gleichwertige 
und im Geiste vereinte Kämpferinnen, einig geeilt zum Platz der 



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— 101 — 

Schlachtreihe haben sie sich mit dem Glauben gewappnet und ent- 
gegengestellt. 

Erschlafft sind Nervige straff gespannter Bogen, und schwache 
Frauen haben die Waffe geführt. Der König stolz auf Macht und 
Ruhm, zum Knaben von der Jungfrau gebändigt, schämte sich. 

Versammelt ward eine Menge von Stämmen und Sippen, aber 
nichts vermochten sie wider eine Kämpferin. Denn eine unsichtbare 
Hilfe, zum Schutz gekommen, vernichtete offen den heimlichen Krieg. 

Um eine einzige kostbare Perle sprangen jauchzend alle Heiden. 
Das Abendland erreichte im Lauf das Morgenland, offen zu ver- 
kündigen das seltene Schauspiel. 

Es hörten's die Könige und wurden erfüllt von Freude. Zu er- 
beuten nahmen sie sich vor die seltene Pracht. Sie einander zu 
schenken versprachen sie mit Worten, und in geheimen Listen sie ein- 
ander zu stehlen. 

Das Geheimnis der geistigen Empfängnisse ward offenbar, und 
die Mühen der Erlösung der Welt beeiferten sich. Denn der Wille 
höheren Befehls ltefs besänftigt von oben die Gaben der Erlösung 
herabsteigen. 

Jungfrauen gebaren viele Stämme und junge Mütter Massen von 
Greisen. Im Schofs der Heiligkeit von Gebet und Fasten gediehen sie 
durch den Glauben, wachsend in Christo. 

Frauen edel nach Stadt und Stamm, freigebige Verkäuferinnen der 
unbekannten Perle haben sich selbst vielen als Pfand gegeben und sind 
Erlöserinnen eines ihnen unbekannten Landes geworden. 

Rhipsime, grofses Geheimnis und begehrenswerter Name, aus- 
erlesen auf der Erde und gereiht unter die Engel! Du wardst ein 
Vorbild für die Reinheit der Jungfrauen und eine Lehre für gerechte 
Männer. 

Dir zu gleichen, ersehnen sich alle Seelen, die vereint durch Rein- 
heit und die Liebe Christi. Denn durch euren Tod habt ihr uns den 
Weg gewiesen, auf dem jeder Mensch zu Gott zu gelangen vermag. 

Geschickte Steuerführerinnen mit geistiger Erfahrung, mit leicht- 
belastetem Leib und Geist hineilend über weite Räume meerflutgleichen 
Lebens seid ihr schadlos dahingeschifft und zu Christo gelangt 

Christi wahrer Rebe Schöfslinge und Trauben, geprefst vom himm- 
lischen Winzer, wurdet ihr hart ausgetreten in eurer Kelter, auf dafs 
ihr froh werdet des unsterblichen Kelches. 

Abgestofsen haben sie die Leidenschaften dieses leiblichen Lebens; 
denn sie erkannten, dafs es ein Traum ist und falscher Schmuck. 
Nicht ergötzt haben sie sich an den Verweichlichungen der Wollust. 
Sie begriffen, dafs sie nichtig ist, diese vergängliche Gröfse. 

In den geistigen Gefilden der Gebete und Fasten bei der Arbeit 
zu allen Zeiten, Dulderinnen von Versuchungen und mannigfachen 
Leiden geworden und Erben des unverwelklichen Kranzes. 

Beneidenswert haben sie das Bett der Jungfräulichkeit gemacht, 
neugebettet durch Blut und Feuer. Dargeboten haben sie sich den 



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— 102 — 

Schwestern und Fackeln, und von unauslöschlichen Lampen begleitet 
sind sie eingetreten in das Brautgemach. 

Himmlische Gebäude auf Erden errichtet und leuchtende Denk- 
säulen zum Himmel erhoben sind sie selbst gegangen und haben sie 
anderen gezeigt die begehrenswerten Wege des höchsten Jerusalem. 

O Klugheit der weisen Jungfrauen, die nicht Trägheit, nicht Schlaf 
besiegte, die vielmehr wachsam geblieben und bereit für die himm- 
lische Hochzeit, auf dafs sie eingingen in das Bett des unsterblichen 
Bräutigams. 

Nicht eine unter ihnen hat den Ruf der Schlechtigkeit, nicht eine 
die Schande, töricht genannt zu werden: weil sie mit derselben Festigkeit 
im Geist der Tapferkeit einig ihren Mut entfaltet haben, werden sie 
zusammen jubeln. 

Zusammengeschart durch wohlbewaffnete Gewalt sind sie von der 
Erde in den Himmel ausgewandert als Flüchtlinge. Selbst sind sie 
ausgezogen, und uns haben sie gelehrt, durch viele Bedrängnis ein- 
zutreten in jene Ruhestätte. 

In heifsen Gebeten und in der Liebe zu Gott haben sie die Mittel 
der Erlösung geheischt, aus der Welt schaffend die Finsternis der 
dämonenverehrenden Verirrungen, verklärt vom Licht, das vom Vater 
ausgegangen. 

Zahlreiche Wege der Tugend haben sie den Söhnen der Menschen 
gewiesen, sich von der Welt aufzuschwingen, durch eine unfehlbare 
geistige Lebensführung hinauszuziehen in die Wohnstätten der himm- 
lischen leiblosen Engel. 

Sie sind die heiligen Steine, auf der Erde errichtet, die der 
Prophet im voraus sehend weissagte. Aus demselben Material ward 
die allgemeine Kirche erbaut, erhöht in Ruhm zur Ehre des Kreuzes. 

Um euretwillen, selige Vorkämpferinnen, haben sich die Heer- 
scharen der Engel, der leiblosen Himmelswächter aus dem Himmel 
über die Erde verbreitet, und die Menschen sich in die Scharen der 
Krieger Christi, Gottes, gemengt. 

Lafst uns feiern in Wahrheit in ihren Keltern, damit wir ge- 
tränkt werden durch den unsterblichen Kelch. Denn sie verleihen 
Heilung den Seelen und Leibern und himmlische Gaben ihren Lieben. 

Auf des Meisters Befehl, auf unsichtbare Einwirkung sind sie 
vom Abendland zum Morgenland gelangt Denn durch das Licht, 
durch ihr engelhaftes Leben der Jungfräulichkeit haben sie die 
Finsternis der dämonenverehrenden Verirrungen zerstreut. 

Mit Jubel lafst uns ihr Andenken feiern, auf dafs wir teilnehmen 
an ihrer Erlösung, vom Schöpfer die himmlischen Gaben erbittend, 
und dafs wir unter sie eingereiht werden in den lichten Wohnstätten. 

Sich verzehrend sind vergangen, die auf Gröfse gehofft, und 
Frauen edlen Geschlechts haben glänzend gesiegt. Goldene Rauch- 
gefäfse sind sie im Feuer des Geistes entbrannt, entflammt in Christo 
und eingereiht unter die Engel. 



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— 103 — 

Zu des Ruhmes Ruhm erhöht preisen sie sich in Ehre und Ruhm: 
die siebenunddreifsig. Dies nämlich ist die Zahl der seligen Jung- 
frauen, die unvergänglich gekrönt wurden für unendliche Jahrhunderte. 

Mögen dir, der du der Jubel bist, Christus, Gott, und die Freude 
aller Gerechten, süfs werden um unseretwillen die Bitten der Heiligen* 
dafs du uns Vergebung gewährest für die vielen Missetaten.« 

Von den jüngeren Schriftstellern des 7. Jahrhunderts ist 
nach dem Katholikos Komitas zuerst und auch wohl in erster Linie 
Ananias von Schirak zu nennen, kein Dichter wie der besprochene 
Kirchenfürst, vielmehr eine ausgeprägte Gelehrtennatur, vor allem 
ein von seinen Landsleuten hochgeschätzter Mathematiker und 
Astronom. Seiner Neigung zu wesentlich abstraktem, hauptsäch- 
lich auf das Formale gerichtetem Denken entspricht denn auch 
sein Stil: leichtverständliche Darlegung eines klaren und deut- 
lichen Gedankenganges bei fast gänzlichem Verzicht auf die Er- 
weckung eines anschaulichen Bildes. Das bedeutendste unter 
seinen uns erhaltenen Werken ist wohl eine Astronomie, eine 
Arbeit, die trotz ihrem leicht begreiflichen, kompilatorischen 
Charakter des eigenen Urteils doch keineswegs ermangelt, die 
von echt wissenschaftlichem Streben zeugt, zu deren gerechter 
Würdigung es aber selbstverständlich einiger vergangener Zeiten 
mit ihren Anschauungen heraufbeschwörender Phantasie bedarf. 
Daneben mag noch seine kleine Schrift über die in der Heiligen 
Schrift angeführten Mafse und Gewichte erwähnt werden, eine 
im engen Anschlufs an die gleichnamige Arbeit des hl. Epiphanios 
von Konstantia auf Cypern (315 — 403) ausgeführte Darlegung, 
und endlich eine noch nicht veröffentlichte Chronik, die in den 
sie enthaltenden Handschriften mit zwei anderen Texten ziemlich 
äulserlich zu einer Einheit verbunden ist, und zwar mit einem 
den Anfang bildenden Abschnitt aus dem Geschichtswerke des 
Moses von Chorene und einer sich daran schliefsenden Schrift, 
die in den Manuskripten einem gewissen Andreas zugeschrieben 
wird, d. h. wahrscheinlich dem von armenischen Historikern als 
Kalenderkundigen gerühmten Chronologen aus dem 4. Jahr- 
hundert, einer Schrift, die jedoch fast wörtlich mit dem Liber 
generationis, der Übersetzung oder Bearbeitung einer von Hippo- 
lytus von Rom (gest 236 oder 237) verfafsten Chronik, tiberein- 
stimmt, also keine durchaus eigene Schöpfung des Andreas ist. 
Bis zu welchem Grade nun der dem Ananias von Schirak zu- 



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— 104 — 

geschriebene Teil der ganzen chronographischen Kompilation 
wirklich sein eigen ist, wieweit auch er vielleicht nur als Über- 
setzer erscheint, bedarf noch besonderer Untersuchung. 

Von den übrigen Schriftstellern des 7. Jahrhunderts mögen 
endlich wenigstens noch zwei Historiker kurz besprochen werden, 
Sebeos und Moses von Kalankatukh. 

Das Werk des Bischofs Sebeos behandelt einen Zeitraum 
von rund zwei Jahrhunderten. Es beginnt mit der Schilderung 
der Verhältnisse unter dem Sassaniden Peros (459—484) und 
endigt mit der Erwähnung der Thronbesteigung des Kalifen 
Muawija im Jahre 661, mit einer Fülle bemerkenswerter An- 
gaben den Kern seiner Erzählung, die Schilderung der Kriege 
des Kaisers Herakleios mit ChosrowIL, umhüllend. Was sein Werk 
namentlich uns zeitlich so fern Stehenden besonders wertvoll 
macht, ist der Umstand, dafs es zum grofsen Teil ein Augen- 
zeuge denkwürdiger Ereignisse ist, der zu uns redet, was ganz 
besonders seinen kurzen, anschaulichen Bericht über den Ein- 
bruch der Araber in Persien, Armenien und das byzantihische 
Reich und den damit verbundenen Sturz der Sassaniden aus- 
zeichnet. Und doch ist es nicht der Stoff allein, was des Bischofs 
Sebeos Werk der Beachtimg wert erscheinen läfst. Die Form 
der Darstellung, den Vorbildern der klassischen Zeit nicht allzu 
fern stehend, würde allein schon gentigen, dem Buche eine ge- 
wisse Bedeutung zu sichern» 

Ähnliches gilt für das Werk des Moses von Kalankatukh, 
einem Dorfe der Provinz Uti. Wenn auch der Verfasser von 
früheren Aufzeichnungen reichen Gebrauch macht, so giefst er 
doch das hier und da Gesammelte in eine eigene Form, zu- 
weilen sogar da ziemlich gewaltsam ändernd, wo dies, wie bei 
der Anführung |von Briefen, nicht recht angebracht erscheint. 
Ein flotter Erzähler, der zwar hier und da ein wenig an Deut- 
lichkeit zu wünschen übrig läfst, anderseits auch wieder einmal 
ein paar Worte zuviel gebraucht, alles in allem aber doch ge- 
wandt und sicher schreibt, weifs er viel Selbsterlebtes mit nicht 
geringer Anschaulichkeit darzustellen. Und diese Anschaulichkeit 
erhält für uns noch dadurch einen ganz besonderen Wert, dafs 
die geschilderten Persönlichkeiten und Ereignisse nur zum ge- 
ringen Teile aus anderen Berichten bekannt sind. Das Volk, 
dessen Geschichte Moses von Kalankatukh erzählt, dem er aller 



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— 105 — 

Wahrscheinlichkeit nach auch entstammt, ist das albanische, das 
auf dem Gebiete des heutigen Schirwan und südlichen Daghestan 
ansässig war und später wohl in einem der verwandten kaukasischen 
Stämme aufgegangen ist, der Forschung damit leider ganz ent- 
schwindend. Was Moses nun allerdings über die älteste Ge- 
schichte des Landes vorbringt, ist fast ganz aus bekannten 
armenischen Quellen entlehnt. Um so reicher an Berichten über 
sonst nicht Überliefertes ist dagegen der zweite Teil seines Werkes, 
aus dem namentlich die Erzählungen von den Hunnen, Chasaren und 
dem albanischen Herrscherhause Mihrakan den Wissensdurstigen 
erquicken. In den Handschriften und Ausgaben ist mit diesen 
beiden Teilen der Geschichte der Albanier noch ein dritter ver- 
bunden, der wegen der in ihm erwähnten Ereignisse jedoch nicht 
vor dem 10. Jahrhundert verfafst sein kann, sich dabei in der 
Ausdrucksweise so scharf von den vorausgehenden Abschnitten 
abhebt, dafs sein Verfasser kaum mit dem der beiden ersten 
Bücher identisch sein kann. Die Annahme, Moses von Kalan- 
katukh habe erst im 10. Jahrhundert gelebt und die offenkundig 
von Augenzeugen gelieferten Berichte des zweiten Buches un- 
verändert übernommen, unverändert bis auf Redewendungen wie 
»wir haben sie gesehene usw. ohne Hinzufügung der Namen 
derer, die er gesehen, — diese Annahme dürfte aber in Anbetracht 
der sonst nicht geringen Umgestaltungen älterer Texte wohl nicht 
am Platze sein, so dafs es richtiger zu sein scheint, das dritte 
Buch als eine später angehängte Fortsetzung des dem 7. Jahr- 
hundert angehörenden Werkes anzusehen. 

Das 8. Jahrhundert scheint nicht gerade besonders reich an 
Schriftstellern gewesen zu sein, weist aber unter den wenigen 
Werken, die sich uns erhalten haben, verhältnismäfsig viel von 
dauerndem Werte auf. Die bedeutendste Persönlichkeit ist wohl 
Johannes aus Odsun gewesen, der vom Jahre 717 bis zu seinem 
zwölf Jahre später erfolgten Tode als Katholikos an der Spitze 
der armenischen Kirche gestanden hat, ein fraglos hochgebildeter 
Mann, der die seine Zeit bewegenden Fragen mit Leichtigkeit 
in der Sprache der Klassiker seines Volkes zu behandeln weifs. 
Als Dichter hat er sich im Hymnus versucht, wovon einige 
Stücke der später zusammengestellten Sammlung Zeugnis geben. 
Geschätzter sind jedoch seine wesentlich theologischen Schriften, 
vor allem drei, eine Synodalrede, die er im zweiten Jahre seines 



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— 106 — 

Patriarchats auf dem Konzil zu Dvin gehalten, eine Abhandlung 
über die Menschwerdung Christi, in der er sich gegen die auf 
Julian von Halikarnass zurückgehende Lehre der sogenannten 
Aphthartodoketen oder Phantasiasten wendet, und eine Streit- 
schrift gegen die Sekte der Paulikianer. Erwähnung verdient 
jedoch auch seine Sammlung kirchenrechtlicher Kanones, durch 
die er für eine spätere erweiternde Bearbeitung festen Grund 
gelegt hat. 

Interessanter als die Schriften dieses Kirchenfürsten ist 
wenigstens für uns, die wir den dogmatischen Streitfragen jener 
Zeit doch wohl ein wenig entfremdet sind, das Werk eines viel- 
leicht kaum hervorragenden, aber achtenswerten Mannes, die Ge- 
schichte der arabischen Eroberungen in Armenien bis zum Jahre 
788 von einem Presbyter Leontius. In erster Linie ist es freilich 
nur der Stoff, der sein Buch besonders wertvoll erscheinen lälst. 
Eine wichtige Ergänzung zu dem Werke seines schon erwähnten 
Vorgängers Sebeos ist seine Arbeit für die Zeit vom Jahre 662 
an die einzige armenische Quelle, Aber auch die Art der Be- 
handlung des Stoffes verdient Anerkennung. Nicht gerade ein 
Meister des Stiles, weifs Leontius doch wenigstens kurz und 
bündig zu sagen, was er zu berichten hat, und der die Er- 
zählung durchschimmernde Anteil des Herzens an den ge- 
schilderten Ereignissen verleiht der Darstellung eine wohltuende 
Wärme. 

Diesem Jahrhundert politischer Wirren, in der das Land 
durch langanhaltende Anarchie fast zerrüttet worden war, einem 
Jahrhundert, in dem nur vereinzelte Persönlichkeiten die Mufse 
zu litterarischer Tätigkeit finden konnten, folgte nun dank dem 
Schutz der Fürsten aus dem Hause der Bagratiden eine den 
Wissenschaften und Künsten verhältnismäfsig günstige Zeit. So 
mehrt sich denn auch die Zahl der schriftstellerisch Tätigen, 
wenn auch vielleicht ihrer keiner die Bedeutung der wenigen aus 
der vorausgehenden Epoche erreicht oder gar tibertrifft. Die- 
jenigen unter ihnen, die in erster Linie der Erwähnung wert 
sind, sind zwei Historiker, deren litterarische Tätigkeit schon in 
das 10. Jahrhundert hineinreicht, Thomas der Artsrunier und 
der Katholikos Johann VI. Beide stellen ihr Werk als eine Art 
Weltgeschichte hin, die Erzählung schon mit der Sintflut be- 
ginnend, eine Weltgeschichte, in der allerdings wie auch bei dem 



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— 107 — 

von beiden fleifsig benutzten Moses von Chorene Armenien im 
Vordergrunde des Interesses steht. In beiden Fällen bildet aber 
ganz deutlich die Schilderung einer verhältnismäfsig kurzen 
Periode selbsterlebter oder der unmittelbaren Erfahrung leicht 
zugänglicher Ereignisse den Kern der Arbeit, die durch das aus 
früheren Historikern Entlehnte in ziemlich auf serlicher , ja fast 
ungeschickter Weise erweitert wird. Bei Thomas dem Artsrunier 
ist es die Geschichte der Fürsten dieses Geschlechts etwa von 
der Mitte des 9. Jahrhunderts bis kurz vor der 908 erfolgten Er- 
hebung Gagiks I. auf den Königsthron von Waspurakan. Beim 
Katholikos Johann VI. sind es die Ereignisse unter den ersten 
drei Bagratiden Aschot I. (885—889), Smbat I. (892—914) und 
Aschot II. (915—928). Und auch stilistisch haben beide das 
freilich fast allen Schriftstellern ihrer Zeit Eigene gemeinsam, 
dafs sie, offenkundig unter arabischem Einflufs, einen auffälligen 
Mangel an Einheitlichkeit im Gegensatz zu der strengen Ge- 
schlossenheit des Klassizismus aufweisen. 

Nicht lange nachdem erwacht nun, gefördert durch die 
Gründung des Klosters Narek in der Provinz Waspurakan, eine 
nicht unbedeutende theologische Litteratur, die ihren Höhepunkt 
in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts erreicht und im 
besonderen bei dem nach dieser Pflegestätte der Bildung be- 
nannten Mönche Gregor von Narek (951—1003). Er war der 
jüngste Sohn des im Jahre 972 verstorbenen Bischofs Chosrow 
mit dem Beinamen der Grofse, der selbst ein in seiner Art vor- 
züglicher Schriftsteller war, von dessen Werken sich zwei sach- 
lich und stilistisch durch Klarheit ausgezeichnete exegetische 
Arbeiten erhalten haben, ein Kommentar zum Brevier und ein 
solcher zur Liturgie, Werke, die gewifs auch auf des Sohnes 
litterarische Tätigkeit vorbildlich eingewirkt haben. Seinen ersten 
Unterricht erhielt Gregor im väterlichen Hause, um dann in Ge- 
meinschaft mit seinem älteren Bruder Johannes in dem Kloster, 
dessen Namen er zu verewigen bestimmt war, weiter ausgebildet 
zu werden. Zur Zeit seines Eintrittes war Ananias, sein Ur- 
grofsvater mütterlicherseits, dort Vorsteher, und nach dessen 
Tod wurde Gregors älterer, ihn jedoch überlebender Bruder 
Johannes der Nachfolger in diesem Amt. So blieb er, dem das 
Kloster Narek eine Heimat geworden , zugleich im .Kreise und 
unter der Obhut verwandtschaftlich Nahestehender, allem An- 



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— 108 — 

schein nach nichts anderes begehrend, als was das stille Leben 
des Mönches bieten kann, eine inbrünstig fromme Natur, »ein 
Engel in Menschengestalt c, wie Nerses von Lambron, ein Schrift- 
steller des 12. Jahrhunderts, ihn genannt hat. 

Die Zahl der uns erhaltenen Werke Gregors ist ziemlich 
beträchtlich, auch dann noch, wenn man von den ihm wahrschein- 
lich fälschlich zugeschriebenen absieht. Es bleiben als ihm un- 
bedingt zustehendes Eigentum dann immer noch mehrere Lob- 
reden — auf das hL Kreuz, die hl. Jungfrau, die Apostel und 
den hl. Jakob von Nisibis — , zwei Kommentare, einer zum Hohen- 
liede und einer zum 38. Kapitel des Buches Hiob, eine Reihe 
kirchlicher Lieder und eine von seinen Landsleuten mehr als alles 
dies geschätzte Sammlung von 95 Gebeten, die der schon be- 
jahrte # Mönch seinen Ordensbrüdern zuliebe verfafst oder, man 
könnte auch sagen, gedichtet hat. Denn wenn es auch äufserlich 
Prosa ist, so ist doch das Ganze in Wahrheit in weit höherem 
Mafse Poesie als das meiste, was im alten Armenien mit Reim 
und Metrum ausgestattet worden. Ein wundersames Schwelgen 
in der Liebe zu Gott und den Heiligen, ein Häufen von Bild auf 
Bild, um der Inbrunst des Herzens plastische Gestalt zu ver- 
leihen, ein Meistern und oft fast Vergewaltigen der Sprache, um 
sie dem Ausbruch der Gefühle dienstbar zu machen, ein vergeb- 
liches Ringen nach Anschaulichkeit, das im Taumel sinnbannender 
Worte erstirbt: ein derartig wundersam begeistertes Lied ist 
Gregors Meisterwerk. Wenn man dem gegenüber der Klarheit 
seines in seiner Art ebenfalls bedeutenden Jugendwerkes, der 
Auslegung des Hohenliedes, gedenkt, kann man — so scheint 
mir — den Einflufs des Alters auf die Sprache der Gebetsamm- 
lung nicht verkennen, um so weniger, als sich ähnliches auch 
bei ganz anders gearteten Naturen zeigt, wenn sie nur darin 
ähnlich sind, dafs sie in der Jugend und im Alter geschrieben 
haben. Ich kann mich nicht enthalten, an das in dieser Be- 
ziehung vielleicht lehrreichste Beispiel der Litteratur überhaupt, 
an Goethe zu denken, und zwar ganz besonders an die so 
charakteristische sprachliche Verschiedenheit der beiden Teile 
des Faust, so wenig der grofse deutsche Künstler im 
übrigen mit dem in Gott aufgehenden armenischen Mönche 
gemein hat. 

Eine möglichst wortgetreue Übertragung einer kurzen Probe, 



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— 109 — 

seines Gebetes wider die Schrecken der Nacht, möge seine Rede- 
weise wenigstens notdürftig veranschaulichen. 

«Nimm auf in Sanftmut, Herr Gott, mächtiger, dies mein Flehen 
eines Erbitternden! Nähere dich in Mitleid mir im Antlitz Scham- 
errötenden! Zerstreue, Allgewährer, meine schändliche Traurigkeit! 
Nimm von mir. Barmherziger, meine unerträgliche Schwerfälligkeit! 
Entferne, All vermögender, meine todbringende Gewohnheit! Plündere, 
immer Siegender, meine Billigung des Betrügers! Beseitige, in den 
Höhen Wohnender, des Rasenden Nebel! Hemme, Beieber, des Ver- 
derbers Lauf! Zerstreue, Geheimnisschauender, des Gewalttätigen 
üble Erfindungen! Zersprenge, Unerforschlicher, des Kämpfers^ An- 
stürme! Bekreuzige in deinem Namen die lichteinlassende |Luke 
meines Daches ! Umschliefse mit deiner Hand die Decke meiner Zelle ! 
Bezeichne mit deinem Blute den Eingang der Schwelle meines Ge- 
machs ! Bilde dein Zeichen an den Spuren meines, des Bittenden, Aus- 
gangs! Befestige mit deiner Rechten die Ruhestätten des Lagers! 
Mögest du säubern von Schlingen die Decke meines Betts! Mögest 
du behüten mit deinem Willen die elende Seele meines Geistes! Frei 
von Trug mögest du machen den begnadeten Hauch meines Leibes! 
Mögest du aufstellen die umzingelnde Schar deines himmlischen 
Heeres! Mögest du Front machen gegen die Rotte der Dämonen! 

Gib wonnige, todähnliche Ruhe des Schlummers in der Tiefe 
dieser Nacht, auf Fürsprache der Bitten der heiligen Gottesgebärerin 
und aller Auserwählten. Geschlossen birg das Fenster der Blicke der 
Sinne des Bewufstseins in furchtloser Stellung vor wogenden Wirren, 
vor irdischem Tun, vor Traumgesichten, vor wahnsinnigen Hirn- 
gespinsten, durch die Erinnerung an die Hoffnung auf dich vor 
Schaden geschützt. Und von neuem erweckt aus schwerem Schlaf 
durch allaufmerkende Wachsamkeit, mit neubeseelender Heiterkeit in 
dir verharrend, diese Stimme der Gebete mit dem Dufthauch des 
Glaubens dir, allgesegneter König unsagbaren Ruhms, die Lobpreisenden 
der englischen Chöre im Gesang begleitend, in den Himmel zu senden. 
Denn du bist verherrlicht von allen Geschöpfen von Ewigkeit zu Ewig- 
keit Amen.« 

Annähernd um dieselbe Zeit, wo diese Gebetsammlung zum 
Abschlufs gekommen ist, fällt auch ein berühmtes Geschichts- 
werk, das jedoch nicht gerade besonderen künstlerischen Wert 
h^J, vielmehr hauptsächlich deshalb grofses Ansehen genieist, 
weil es in weit höherem Mafse als alle vorher in Armenien ent- 
standenen historischen Werke genaue Zeitangaben enthält. Es 
ist eine von Stephan aus Taron verfafste Weltgeschichte in drei 
Büchern, die mit den Ereignissen des Jahres 1004 abschliefst, 
in den beiden ersten Teilen vielfach chronikenartig dürftig, in 



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— 110 — 

dem weit ausführlicheren Schlulsteil dagegen, in d&n die dem 
Verfasser nahe liegende Zeit behandelt wird, reich an interessanten 
Mitteilungen und anschaulichen Schilderungen. 

Etwa um die Zeit, wo der Mönch Gregor im Kloster Narek 
verschied — es steht nicht fest, ob ein paar Jahre früher oder 
später — , erblickte im Hause -Wassags aus dem altedlen Ge- 
schlechte der Pahlawunier, des Generalissimus König Gagiks I. 
(990—1020), ein Kind das Licht der Welt, das denselben Namen 
erhielt, das zu gleichem Ruhm gelangen sollte, im übrigem aber 
zu grundverschiedenem Schicksal bestimmt war. Auch dieser 
Gregor wurde zwar ein frommer Mann, aber einer von denen, 
die auch mit Feuer und Schwert für ihren Glauben eintreten. 
Sein Leben war kein Aufgehen in gottergebener Beschaulichkeit, 
sondern ein unausgesetztes tatkräftiges Anteilnehmen an allen 
Ereignissen seiner Zeit. In den Wissenschaften und Künsten 
gründlich ausgebildet, durch Abkunft und Begabung zu hohen 
Ämtern empfohlen, wurde er von Kaiser Konstantinos Mono- 
machos (1042 — 1054) durch den hohen Titel Magistros aus- 
gezeichnet und zum Statthalter von Mesopotamien ernannt Als 
solcher starb er im Jahre 1058. Die Zahl der Schriften, die 
Gregor Magistros hinterlassen hat, ist recht beträchtlich. Eine 
ausgedehnte Sammlung von Briefen politischen, historischen und 
philologischen Inhalts, ein grammatisches Werk, verschiedene 
Dichtungen und aufserdem noch Übersetzungen philosophischer und 
mathematischer Arbeiten aus dem Griechischen und Syrischen 
legen Zeugnis von der Vielseitigkeit seiner Bildung ab. Die weite 
Verzweigung der Geistestätigkeit dürfte denn auch wohl sein 
Kennzeichen sein, nicht aber etwa eine irgendwie bedeutende 
dichterische Kraft. Wo er Dichtungen zu schaffen vermeinte, 
war er doch wohl nur ein freilich bewunderungswürdiger Verse- 
schmied, der sich übrigens auch wohl nicht wenig auf diese Sorte 
Kunst zugute tat, auf jeden Fall aber nicht etwa in Rhythmus 
und Reim redete, weil er so reden mufste, sondern weil er's 
eben wollte. So verdankt sein umfänglichstes Gedicht, eine Ver- 
arbeitung des Hauptinhalts der Heiligen Schrift in tausend Versen, 
seine Entstehung geradezu einer Wette, wenn diese auch zu 
einem gut christlichen Zwecke unternommen wurde. Ein ihm 
befreundeter arabischer Dichter, Manuscheh mit Namen, hatte 
mit einer in ihrer Art achtenswerten Folgerichtigkeit behauptet, 



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— 111 — 

die Verse des Korans könnten, da sie Eingebungen Gottes seien, 
nicht tibertroffen werden. Da ergriff nun Gregor Magristos die 
Gelegenheit, zu zeigen, dafs das Verseschmieden Menschenkunst 
sei. In drei Tagen war er mit seiner Arbeit fertig, und sein Werk 
hatte einen bei längeren Gedichten entschiedenen seltenen Erfolg : 
der arabische Freund trat, tiberwältigt von Gregors Redefertig- 
keit und der Kraft seiner Beweise, zum Christentum über. 

Als letzter dieser Periode der Nachblute mag endlich wieder 
einmal ein Historiker genannt werden, Aristakes von Lastivert, 
der die Zeit vom Regierungsantritt des Bagratiden Gagik I. (989) 
bis zum Jahre 1071 mit fühlbarem Anteil an den für sein Vater- 
land unglücklichen Ereignissen beschreibt, und darin besonders 
die Darstellung der im Jahre 1064 erfolgten Zerstörung der 
Königsstadt Ani durch Alp-Arslan, dem zweiten Sultan der Seld- 
schuken, sowie des Zusammenbruches des ganzen Bagratiden- 
reiches zu einer fast ergreifenden Elegie gestaltet. 

HL Die Zeit der Wiederbelebung des Klassizismus and der An- 
fänge eines volkstümlichen Schrifttums (12. Jahrhundert). 

Die Seldschukenscharen, deren jähem Ansturm das Reich 
der Bagratiden erlag, drängten gleichzeitig das armenische Volk 
im eigentlichen Sinne des Wortes zu neuer Machtentfaltung. In 
gewaltigen Massen strömte es unter dem Druck der Eindring- 
linge aus dem verwüsteten armenischen Stammlande nach Westen, 
wo Kilikien ein geeigneter Boden erschien, festen Fufs zu fassen, 
und zwar nicht nur gegen Seldschuken und Sarazenen, sondern 
auch gegen Byzanz. Die Natur dieses Landes ermöglichte es 
den Armeniern, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen, und so 
wurden die Verdrängten in die Lage versetzt, sich ganz von 
Byzanz losreifsen und ein eigenes Reich begründen zu können. 
Der förmliche Vollzug dieses Bruchs geschah durch einen nahen 
Verwandten des 1079 getöteten Bagratiden Gagik II., den Fürsten 
Rüben, der im Jahre 1080 die Huldigung semer Untertanen 
empfing. Das neugegründete Reich war von fast dreihundert- 
jähriger Dauer. Zunächst ein unabhängiges Fürstentum, wurde 
es im Jahre 1198 zum Lohn für freundschaftliche Dienste, die 
Lewon IL, seit 1185 Herr des Landes, den Kreuzfahrern unter 
Friedrich Barbarossa geleistet hatte, zum Königreich erhoben. 



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— 112 — 

Des Kaisers unerwarteter Tod hatte die verheifsene Krönung 
einige Jahre hinausgeschoben, die denn nun am Weihnachtstage 
des genannten Jahres durch den Katholikos Gregor VI. in Gegen- 
wart des Kardinals Konrad als Vertreters des Kaisers Heinrich VI. 
sowie des Papstes Coelestinus III. in der Kathedrale von Tarson 
vollzogen wurde. Im Jahre 1342 ging dann die Herrschaft durch 
Heirat auf das Geschlecht der Lusignans über, als Isabella, die 
Tochter Lewons III., sich mit Amalrich, dem Bruder Heinrichs, 
des siebenten Königs von Cypern, vermählte; und im Jahre 1375 
erlag das Reich dem Ansturm der ägyptischen Mamelucken unter 
dem Sultan Melikh-el-Aschraf Schaban. Nach fruchtlosen Ver- 
suchen, die verlorene Macht wiederzuerlangen, zog Armeniens 
unglücklicher letzter König, Lewon VI., nach Paris ins Kloster, 
in dem er am 29. November des Jahres 1393 verschied. 

Dieses Wiedererstarken staatlicher Macht in Verbindimg mit 
der Eröffnung eines ganz neuen, auch einen Teil des Abend- 
landes einschliefsenden Gesichtskreises ebnete naturgemäfs auch 
den Boden für eine erneute litterarische Tätigkeit. Und dieses 
Wiederaufleben schriftstellerischen Wirkens vollzog sich, den 
neuen Verhältnissen entsprechend, nach zwei verschiedenen, ein- 
ander fremden Richtungen hin. Der Schutz, der dem Lande 
Kilikien dank seiner glücklichen Lage zuteil werden konnte, gab 
den dort angelegten Stätten geistlicher Gelehrsamkeit und Bildung 
reiche Gelegenheit, schriftstellerische Talente zur Reife gelangen 
zu lassen, und der neue Gesichtskreis, in den die aus ihrem 
Stammlande ausgezogenen Armenier eingetreten waren, führte 
zu dem auf die Dauer unvermeidlichen Bruch mit der alten Über- 
lieferung, immer und immer nur im Geiste des 5. Jahrhunderts, 
in dessen lange unverständlich gewordener Sprache zu schaffen, 
führte zu einer allgemeinverständlichen, volkstümlichen Litteratur. 
Aber diese kam nur langsam zum Durchbruch, erreichte ihre 
Höhe erst nach Jahrhunderten , während die mit alterprobten 
Mitteln arbeitende Wiedererneuerung des Klassizismus zu schneller, 
glänzender Entfaltung führte, um freilich auch ebenso schnell 
wieder zu vergehen, — eine Tatsache, die um so begreiflicher ist, 
wenn man bedenkt, dafs es das Werk einer ganz kleinen Zahl 
von Männern war, was die alte Zeit wieder lebendig werden liefs, 
dafs unter diesen wieder ein einziger die Führung hatte, mit dem 
der Beste kam und schwand. Dieser Mann war Nerses, zur 



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— 113 — 

Unterscheidung von den anderen bedeutenden Männern seines 
Namens Schnorhali, »der Gnadenvolle c , genannt. Sein Vater, 
Apirat, war ein Mann aus edlem Geschlechte, Herr einer Burg 
im Norden von Mesopotamien. Seine Mutter war eine Tochter 
des schon erwähnten Gregor Magistros. Geboren im Jahre 1102, 
verbrachte Nerses die ersten Jahre seiner Kindheit unter der 
Aufsicht seines Oheims, des Katholikos Gregor IL, des Märtyrer- 
freundes, der auch als Schriftsteller berechtigtes Ansehen genofs 
und seiner bei dieser Tätigkeit geäufserten Vorliebe für das 
Übersetzen griechischer und syrischer Märtyrerbiographien seinen 
Beinamen verdankt. Von einer tiefer gehenden unmittelbaren 
Einwirkung dieses Mannes auf Nerses kann jedoch keine Rede 
sein, da dieser seinen Oheim schon als dreijähriges Kind verlor. 
Seine eigentliche Erziehung und Ausbildung erhielt er in dem 
damals berühmten roten Kloster, das zur Zeit, wo Nerses dort 
unterrichtet wurde, unter der Leitung eines allem Anschein nach 
bedeutenden Pädagogen, Stephans des Gelehrten, stand. In dessen 
Schule war auch der um acht Jahre ältere Bruder des Nerses 
aufgewachsen, der, erst zwanzigjährig, nach der kurzen Re- 
gierung des Katholikos Basilius (1105 — 1113) zu dessen Nach- 
folger erwählt wurde und sein Amt als Gregor III. bis zu seinem 
1166 erfolgten Tode verwaltete. Während dieser langen Zeit 
stand ihm Nerses in allen Verwaltungsangelegenheiten un- 
ausgesetzt treu zur Seite, auch den Aufenthaltsort mit dem 
älteren Bruder dauernd teilend. Vom Jahre 1147 an diente den 
beiden als solcher die für uneinnehmbar erachtete Festung Rom- 
Klah am rechten Euphratufer südlich von Samosata, die Gregor III. 
von der Witwe Josselins von Cortenay, des Grafen von Edessa, 
durch Kauf erworben hatte und nun zum Zufluchtsorte wählte, 
um dem Patriarchensitze eine sonst leicht zu gefährdende Sicher- 
heit zu gewähren. Hier blieb Nerses, im Jahre 1166 seinem 
durch den Tod abgerufenen Bruder im Amt nachfolgend, bis zum 
Ende seines Lebens, das im Jahre 1173 seinen Abschlufs fand. 
Die Zahl der Schriften, die Nerses hinterlassen hat, ist recht 
grofs, und auch eine nicht geringe Vielseitigkeit tritt in ihnen 
zutage, wenn diese auch keineswegs eine derartige ist, dafs die 
eine hinter allem stehende Persönlichkeit verkannt werden könnte. 
Nur in vereinzelten Fällen droht diese Gefahr, wie vielleicht bei 
seiner Homilie auf die Engel, bei der die zum Vorbild genommene 

Literaturen des Ostens. VII, a. 8 



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— 114 — 

Schrift des Pseudo-Areopagiten über die himmlische Hierarchie 
ihn zu einem fremdartigen, die Persönlichkeit verschleiernden 
Stil verführt zu haben scheint. Im grofsen und ganzen erscheint 
der umfangreiche Kreis seiner litterarischen Schöpfungen ver- 
schiedenster Art als ein deutlich von einer einzigen Persönlich- 
keit ausgehendes Lebenswerk, und nur insofern macht sich eine 
Verschiedenheit geltend, als — wie ganz natürlich — in seinen 
dogmatischen, exegetischen und polemischen Prosaschriften mehr 
der gebildete Theologe, stellenweise sogar ausgesprochenermafsen 
der bei aller Milde und Sanftmut doch zielbewufste Kirchenftirst 
redet, in seinen Dichtungen dagegen mehr der Mensch Nerses. 
Aber auch dabei handelt es sich nur um ein Mehr oder Weniger. 
Auch seine offiziellen Schreiben entbehren nicht ganz des Reizes 
der Poesie, und seine Verse bergen viel unterweisende und 
kämpfende geistliche Gelehrsamkeit Ihn kurz zu charakterisieren 
ist nicht gerade leicht. Man hat ihn den armenischen F£n£lon 
genannt und das im Hinblick auf seine ausgeprägte Neigung zu 
lehrhafter Dichtung nicht ohne Berechtigung. Man könnte ihn 
aber ebensogut und vielleicht mit noch mehr Recht auch mit 
Francis de Sales vergleichen, an dessen anmutige Milde im 
Glaubensstreit, an dessen alles verklärende, versöhnende christliche 
Liebe denkend, und in bezug auf diese oder jene andere Eigen- 
tümlichkeit auch wieder mit anderen, sogar ganz anders ge- 
arteten Männern. Denn er war eben alles in allem eine reiche 
Natur, zu reich auf jeden Fall, als dafs sie mit einem Schlag- 
wort abgetan werden könnte. 

Durchaus als Kirchenfürst, mit dem vollen Bewufstsein der 
Bedeutung seines hohen Amtes erscheint Nerses in seinen Briefen. 
Unter diesen ist als litterarisches Denkmal wohl das enzyklische 
Schreiben von der gröfsten Bedeutung, das er nach seinem Amts- 
antritt im Jahre 1166 an das armenische Volk richtete. Nach 
Ankündigung seiner Erwählung zum Katholikos legt er zunächst 
die Würde des Episkopats dar, bringt dann sein Glaubens- 
bekenntnis vor, gleichzeitig erläuternd, mit welcher Gesinnung 
es abzulegen sei, und wendet sich endlich an jeden Stand der 
geistlichen und weltlichen Ordnung, über die Pflichten gegen 
Gott und die Nächsten belehrend, im Tone echter Frömmigkeit 
und doch auch im Vollgefühl der ihm verliehenen Würde und 
Gewalt. 



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— 115 — 

Nächst diesem Schreiben sind wohl in erster Linie diejenigen 
seiner Briefe zu erwähnen, die den Plan einer Vereinigung der 
griechischen Kirche mit der armenischen behandeln. Von diesen 
Briefen ist einer, aus dem Jahre 1165, der erste der ganzen 
Reihe, an den Schwiegersohn des Kaisers Manuel, den in Kon- 
stantinopel aufgewachsenen und dort Alexius genannten unga- 
rischen Fürsten Bela gerichtet und enthält eine klare und be- 
stimmte Auseinandersetzimg des Dogmas und der Gebräuche der 
armenischen Kirche. Drei weitere Briefe wenden sich an den 
Kaiser selbst, anknüpfend an dessen Schreiben an Gregor HL, 
der, durch den Tod abgerufen, die Beantwortung seinem Bruder 
und Amtsnachfolger Nerses tiberlassen mufste, und einer ist an 
den Patriarchen von Konstantinopel, Michael, gerichtet. Endlich 
darf dieser Gruppe von Briefen auch noch ein Schreiben zu- 
gezählt werden, in dem Nerses sich an die armenischen Bischöfe 
und Vardapets wendet, um sie zur Mitarbeit an dem Plane einer 
Vereinigung der beiden Kirchen zu gewinnen. 

Von den zahlreichen übrigen Briefen mag nur noch ein 
schon inhaltlich besonders interessanter Erwähnung finden, näm- 
lich der an den Bischof von Samosata, in dem der Katholikos 
Anweisimg gibt, wie die Aufnahme der sogenannten Sonnen- 
söhne, einer Armenisch sprechenden, aber der armenischen Kirche 
bisher nicht gewonnenen Gemeinde in den christlichen Verband 
zu erfolgen habe. 

Waltet in diesen wie auch in den übrigen, nicht genannten 
Briefen im allgemeinen der bei aller Liebenswürdigkeit doch be- 
stimmte Ton des Kirchenfürsten vor, so tritt dieser in den anderen 
geistlichen Prosaschriften fast ganz vor der mehr dem Herzen 
entstammenden Sprache des gottesfürchtigen Christen zurück. 
Zeigt sich dies schon ziemlich deutlich bei seinen exegetischen 
Schriften, seiner kurzen, trefflichen Erklärung der sieben katho- 
lischen Briefe, seiner erläuternden Bearbeitung einer Lobrede 
Davids des Unbesiegten auf das heilige Kreuz aus dem 5. Jahr- 
hundert und seiner im engen Anschlufs an Johannes Chrysostomus 
unternommenen Auslegung des Evangeliums des hl. Matthäus, 
seiner letzten, durch den Tod unterbrochenen Arbeit, so macht 
es sich doch wohl in noch erhöhtem Mafse bei seinen Gebeten 
geltend, vor allem bei dem einen, durch Übertragung in viele 
Sprachen weithin verbreiteten, das sich, den 24 Tagesstunden 

8* 



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— 116 — 

entsprechend, in ebensoviele Abschnitte gliedert und in künst- 
lerisch vollendeter Sprache eine heifse Inbrunst glaubensfester 
christlicher Gottergebenheit zum Ausdruck bringt. 

Als Dichter im engeren Sinne des Wortes wird Nerses uns 
Abendländern, wenn überhaupt, so doch auf jeden Fall nur ganz 
allmählich, nach mühsamem Einleben in die fremde Anschauung 
vertraut. Seine von den Landsleuten bewunderten poetischen 
Schöpfungen machen wie die seines Grofsvaters Gregor Magi- 
stros auf uns doch fast alle den Eindruck einer ein wenig äufser- 
lichen Spielerei mit Rhythmus und Reim, und die Wiederholung 
desselben Auslauts Hunderte und Hunderte von Versen hindurch 
wirkt auf uns nur ermüdend. Fraglos steckt auch in diesen Ge- 
dichten tatsächlich nicht wenig kunstfeindliche Künstelei. Und 
doch wäre es ein Unrecht, ihnen deshalb den Wert aberkennen 
zu wollen, den sie nach der Armenier Urteil haben. Läfst sich 
doch auch das Artistentum ernst nehmen, und sicherlich ist der 
Umstand, dafs wir Deutsche es in der Regel nicht tun, noch 
keine Widerlegimg. Wer jedoch gern denen, die sich noch nicht 
in die fremde Anschauung und Sprache haben einleben können, 
den Charakter dieser Poesie nahebringen möchte, der ist freilich 
in einer üblen Lage. Verdeutschen lassen sich diese Gedichte, 
von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, schlechterdings nicht. 
Zunächst würde es kein kleines Kunststück sein, ohne starke 
Beeinträchtigung des Inhalts auch nur hundert Verse auf den 
gleichen Reim ausgehen zu lassen, was im Armenischen wegen 
der Endbetonung leider gar zu leicht zu erreichen ist. Wenn 
es aber auch anginge, wenn sich dies selbst mühelos auf einige 
tausend Zeilen ausdehnen liefse, was könnte es uns Deutschen 
helfen, denen schon ein Konrad von Würzburg, ein Friedrich 
Rückert fast zuviel des Guten getan zu haben scheint, obwohl 
diese beiden doch reich an Abwechslung sind, nicht durch die 
Eintönigkeit des Reimes ermüden, sondern oft nur dadurch, dafs 
sie überhaupt reimen. Wollte man aber auf alle äufsere Form 
verzichten und eben nur den Inhalt dieser Dichtungen zu tiber- 
tragen versuchen, was nicht allzuschwer wäre, so würde man 
eben gerade das nicht zur Anschauung bringen, was Nerses 
Schnorhalis Kunst seinen Landsleuten in erster Linie be- 
wunderungswürdig erscheinen läfst und auch in der Tat ein 
wesentliches Stück Nerses, ist. Die bekanntesten und auch wohl 



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— 117 — 

bedeutendsten der Dichtungen, auf die alles dies Anwendung 
findet, sind eine meist nach den Anfangsworten »Jesus der Sohne 
benannte umfängliche poetische Bearbeitung des Alten und Neuen 
Testaments, eine Elegie auf die Eroberung der Stadt Edessa im 
Jahre 1144 durch Emad-ed-din Zenghi, ein didaktisches Gedicht 
mit dem Titel »Wort des Glaubens c und ein schon aus der 
Jugendzeit des Dichters stammendes Epos über die Haikiden und 
Arsakiden. Weit mehr als in diesen Dichtungen tritt der wirk- 
lich begnadete Künstler jedoch wenigstens für des Abendländers 
Ohr in den für den Gottesdienst bestimmten Schöpfungen zutage, 
vor allem in seinen Hymnen, dieser ernsten, Gott und dem 
Vaterland dienenden Poesie, die dem armenischen Charakter 
mehr als alles andere angemessen war, in der die armenische 
Kunst wohl überhaupt ihren Höhepunkt erreicht hat. 

Das 12. Jahrhundert weist keinen anderen, Nerses eben- 
bürtigen Schriftsteller auf. Aber nicht gering ist die Zahl derer, 
die nach ihm in Ehren genannt werden dürfen, die dem aus der 
heutigen Zeit rückschauenden Blick wie um ihn Gescharte er- 
scheinen, gleichgültig, ob sie kurz vor ihm, gleichzeitig mit ihm 
oder ein wenig später wirkten als er. Der älteste unter diesen 
ist Johannes mit dem Beinamen »der Diakon c, der im Jahre 1129 
verstarb, also zu einer Zeit, wo der grofse Nerses noch ein ver- 
hältnismäfsig junger Mann war. Nach den von verschiedenen 
jüngeren Schriftstellern angeführten Titeln und anderen. Angaben 
zu urteilen, scheint dieser Johannes ein Mann von umfassender 
litterarischer Wirksamkeit gewesen zu sein, fast ein Vorgänger 
des Gröfseren, der nach ihm 'kommen sollte. Leider hat sich 
nur ein kleiner Teil seiner Werke erhalten, so dafs es allerdings 
ziemlich schwierig oder wohl gar unmöglich ist, eine auch nur 
halbwegs gerechte Würdigimg des ganzen Mannes vorzunehmen. 
Aber das Erhaltene, von einigen Bruchstücken und kleineren 
Schöpfungen abgesehen, eine Homilie über das Priestertum, eine 
Lobrede auf Gregor den Erleuchter und die Übersetzer sowie 
eine Sammlung von Gebeten, genügt vollauf, um darzutun, dafs 
Johannes der Diakon ein Mann von Bedeutung war, dessen An- 
denken wachzuhalten seine Schüler und Verehrer wohl Grund 
hatten. 

Keineswegs vielseitige, aber auf dem begrenzten Feld 
ihrer schriftstellerischen Tätigkeit hoher Achtung werte Männer 



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— 118 — 

waren die beiden Altersgenossen des Nerses Schnorhali, die mit 
ihm zusammen unter Stephans des Gelehrten Leitung im roten 
Kloster ihre erste, grundlegende Ausbildung in der Theologie 
erhalten hatten, Ignatius, der Verfasser einer Auslegung des 
Lukasevangeliums, und Sergius, wie sein freilich ungleich be- 
deutenderer Zeitgenosse Nerses mit dem Beinamen Schnorhali 
geschmückt, der Verfasser zweier exegetischer Werke, von denen 
sich jedoch nur eines, die Auslegimg der sieben katholischen 
Briefe, erhalten hat Das Werk des Ignatius, nach dem Vor- 
bilde derjenigen der griechischen Kirchenväter, vor allem des 
Johannes Chrysostomus ausgearbeitet, ist ein Muster klarer und 
deutlicher, aber dabei doch gedrängter Rede, die alles leeren 
Wortschwalls abhold, nicht um ihrer selbst willen da zu sein 
scheint, sondern nur als würdiger Ausdruck eines wohlgefugten 
Gedankenbaues. 

Ganz anderes Gepräge trägt das Werk des Sergius, das 
auch in stetem Hinblick auf griechische Vorbilder, und haupt- 
sächlich sogar auf die Schriften desselben Mannes, des Johannes 
Chrysostomus, geschaffen worden ist, aber scharf gegen den fast 
lapidaren Stil des Ignatius absticht. In beinahe behaglicher 
Breite ergiefst sich in dem Kommentar des Sergius die Rede, 
in klaren, oft auserlesenen Worten, bald voll eindringlicher 
Kraft, bald mit sanft sich einschmeichelnder Gewalt, aber 
wechselvoll, wie das dem Schriftsteller gerade vorschwebende 
Muster wechselt, nicht aus einem einzigen kräftigen Gufs wie 
des Ignatius markige Bestimmtheit. 

Nach diesem Exegetenpaar mögen zwei gleichfalls nur durch 
die Ähnlichkeit des Stoffes geeinte Männer erwähnt werden, 
zwei Historiker, Samuel von Ani und Matthäus von Edessa. 
Das Werk, das der Nachwelt den Namen des ersteren erhalten 
hat, ist eine Chronik vom Anfange der Welt bis zum Jahre 1179, 
ein Buch, aus dem sich klar ersehen läfst, dafs die Unsterblich- 
keit unter Umständen ziemlich billig erworben werden kann. 
Eine etwas trockene Aufzählung von datierten Ereignissen ver- 
schiedenen Werts, in der Darstellung der älteren Zeit stark von 
Eusebius und Moses von Chorene abhängig, hat es selbst da, 
wo Eigenes geboten wird, doch fast nur rein stoffliches Inter- 
esse, und einen, der nicht gerade auf der Suche nach historischen 
Tatsachen ist, wird es hin und wieder wohl ein wenig lang- 



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— 119 — 

weilen. Ganz anders ist die Schrift des Matthäus von Edessa, 
der nicht alles mit gleicher, alles gleichmachender Sorgfalt ge- 
bucht, vielmehr die von ihm für die Darstellung erwählten Er- 
eignisse, d. h. die wichtigsten Vorfälle von der Regierung des 
Bagratiden Aschot des Barmherzigen bis zum Jahre 1132, mit 
dem Temperament einer entschieden Partei nehmenden Persön- 
lichkeit geschildert hat. So ist sein Buch vielleicht nicht gerade 
ein Muster vollendeter Gerechtigkeit geworden. Byzantiner, 
Araber und Franken sind vielleicht hier und da ein wenig herb 
beurteilt, verkannt oder womöglich mit Absicht verkleinert 
worden. Alles in allem hat die denkwürdige Kreuzzugszeit 
aber doch in ihm eine Darstellung gefunden, die als das Denk- 
mal einer jene bewegte Epoche erfassenden orientalischen An- 
schauung von bleibendem Wert ist, und die ungezwungen volks- 
tümliche Sprache, deren Matthäus von Edessa sich bedient, ist 
nur dazu angetan, den alles in allem doch günstigen Eindruck 
seiner Arbeit noch zu erhöhen. 

Von den jüngeren Schriftstellern des 12. Jahrhunderts ist, 
wenn man es einmal als die Zeit des Nerses Schnorhali auffafst, 
in erster Linie dessen Neffe und Nachfolger Gregor IV., das 
Kind, zu nennen, der sein Amt vom Jahre 1173 bis zu seinem 
zwanzig Jahre später erfolgten Tode verwaltet hat. Wie er 
seinem grofsen Vorgänger verwandtschaftlich nahestand, blieb er, 
unter der Aufsicht des Oheims erzogen, auch geistig dauernd 
unter dem Einflufs dieser imposanten Persönlichkeit, und Gregor 
das Kind läfst sich auch wohl als Schriftsteller nicht kürzer und 
treffender kennzeichnen, als dafs man ihn einfach Nerses Schnor- 
halis Nachfolger nennt. Seine Briefe, sachlich die Fortsetzung 
der auf eine Vereinigung der griechischen und armenischen 
Kirche zielenden Korrespondenz seines Oheims, stehen auch 
stilistisch den Vorbildern nahe, seine poetische Klage auf die 
Einnahme von Jerusalem verrät schon durch das Versmafs, über- 
dies aber auch durch die ganze Anlage, dafs ihm Nerses Schnor- 
halis Elegie auf Edessa bei seiner Arbeit vorgeschwebt, und bei 
aller Sicherheit, mit der er der Sprache waltet, fordert doch sein 
offenkundiges Streben danach, seinem Meister gleich zu werden, 
zu einem für den Jünger ungünstigen Vergleich heraus. 

Kurze Erwähnung verdient auch ein medizinisches Werk, 
das ein Freund der Patriarchen Nerses und Gregor auf des 



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— 120 — 

letzteren Anregung geschrieben. Es ist ein auf den Werken 
arabischer, griechischer und persischer Ärzte beruhendes, gröfsten- 
teils sogar aus deren Schriften zusammengetragenes Buch mit 
der Aufschrift »Trost in Fiebern c, dessen Verfasser, Mechithar 
aus der Stadt Her im persischen Armenien, ein für seine Zeit 
bedeutender, in verschiedenen Wissenszweigen bewanderter Arzt 
gewesen zu sein scheint. Dem praktischen Zweck des Buches 
entsprechend ist auch die vom Verfasser gewählte Sprache nicht 
das dem Volke längst unverständlich gewordene Kunstidiom der 
gelehrten höheren Geistlichkeit, sondern die lebendige, gemein- 
verständliche Rede seiner Zeit. 

In demselben Jahre, in dem dieses Buch zum Abschlufs ge- 
bracht wurde, im Jahre 1184, entstand auch das Hauptwerk 
eines Mannes, der ebenfalls Mechithar hiefs, der aber von diesen 
Zufälligkeiten abgesehen so wenig Übereinstimmendes aufweist, 
wie es bei zwei Zeitgenossen nur möglich ist. Dieser Mechithar, 
mit Beinamen Gösch, war ein gelehrter Geistlicher, Vorsteher 
eines Klosters, vielseitig in seiner schriftstellerischen Betätigung 
aber bei aller Vielseitigkeit seiner Äufserung doch so unverkenn- 
bar zum Rechtslehrer berufen, dafs seine Gröfse gerade auf dieser 
Einseitigkeit beruht. Neben seinem im Jahre 1184 entstandenen 
Hauptwerke, einem Rechtsbuche, hat Mechithar Gösch der Nach- 
welt auch noch verschiedene Kommentare zu biblischen Schriften, 
eine Sammlung von Fabeln, Gebete und anderes hinterlassen. 
Aber seine juristische Veranlagung kommt tiberall zum Durch- 
bruch, nicht nur in seinem Fabelbuche, wo die Gelegenheit 
naturgemäfs besonders günstig war, sondern, von seinen Gebeten 
abgesehen, auch in allen anderen Schriften, wenn auch in ab- 
geschwächtem Grade und zum Teil allerdings nur in der von 
scharfem Verstand zeugenden Bündigkeit seiner Sprache. Und 
das demgemäfs für ihn besonders charakteristische Rechtsbuch 
ist, wenn auch auf ältere Sammlungen gestützt, doch keineswegs 
eine blofse Kompilation, vielmehr ein durch und durch selb- 
ständiges, eine bedeutende Persönlichkeit offenbarendes Werk. 
Keine durchaus abgerundete, vollendete Arbeit ist es, aber eine, 
die den Grundstein zu einem später aufzuführenden Bau abgeben 
sollte und auch in der Tat gebildet hat, ein Werk, das dem von 
weitschauendem Verstand begleiteten Willen entsprang, das alte 
mosaische und kirchlich-kanonische Recht durch freie Deutung 



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— 121 - 

und Verarbeitung mit dem Gewohnheitsrecht der verschiedenen 
armenischen Provinzen zu einer einheitlichen Schöpfung zu gestalten. 

Vielleicht noch bedeutender als alle die genannten Schrift- 
steller aus dem Zeitalter Nerses Schnorhalis, nur von ihm selbst 
allerdings ganz in den Schatten gestellt, war sein Schwestersohn 
Nerses von Lambron, so zubenannt nach dem Stammsitz seiner 
Väter, einer einige Tagereisen nördlich von Tarsus in Kilikien 
gelegenen Burg. Im Jahre 1154 geboren, erhielt er in der Taufe 
den Namen Smbat, für den er dann bei seiner schon im sech- 
zehnten Jahre vollzogenen Priesterweihe den seines ihn ordi- 
nierenden berühmten Oheims eintauschte. Dreiundzwanzigjährig 
zum Erzbischof von Tarsus, der Hauptstadt Kilikiens, ernannt, 
starb er, kaum sechsundvierzig Jahre alt, nach einem Leben voll 
tätigem Anteil an den seine Zeit bewegenden kirchenpolitischen 
Unternehmungen. 

Als Schriftsteller hat Nerses von Lambron sich auf ver- 
schiedenen Gebieten versucht, als Exeget, als Rechtslehrer, Ho- 
milet und Redner, als Dichter, seine eigenen Schöpfungen durch 
zahlreiche Übersetzungen ergänzend. Als sein Bestes gilt, und 
das wohl mit Recht, seine im Jahre 1179 auf der Synode zu 
Rom-Klah gehaltene Rede an die versammelte Geistlichkeit, ein 
Werk, in dem des jugendlichen Erzbischofs energischer Charakter 
seinen ihm durchaus angemessenen, natürlichen Ausdruck ge- 
funden zu haben scheint. Nächst dieser Synodalrede wird dann 
noch seiner Erklärung der Liturgie sowie seinen Homilien auf 
das Himmelfahrts- und Pfingstfest besonderes, berechtigtes Lob 
gezollt, während seine Dichtungen wohl ziemlich allgemein für 
seine schwächsten Leistungen angesehen werden. Nerses von 
Lambron scheint eben in erster Linie ein Mann des Willens ge- 
wesen zu sein, weniger ein zum Beschauen geborener Künstler, 
also einer von denen, die eigentlich nicht zum Schriftstellern auf 
die Welt gekommen sind, aber doch die Feder als Waffe und 
wegbahnende Axt ergriffen haben, weil die Verhältnisse eine der 
Natur angemessene Betätigung versagten, hierin ein wenig, frei- 
lich nur ganz wenig an einen noch bedeutend willensstärkeren 
Schriftsteller, an Schiller, gemahnend, der seinem so unkünstleri- 
schen Mangel an Anschaulichkeit zum Trotz Werke zu schaffen 
verstanden hat, die mit den Werken der Kunst hier und da eine 
täuachende Ähnlichkeit haben. 



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— 122 — 

IV. Die Zeit des Niederganges (13.— 18. Jahrhundert). 

Wohl reichen einige Nachklänge der von Nerses Schnorhali 
und seinen Anhängern geschaffenen Litteratur in das 13. Jahr- 
hundert hinüber. Schüler des Nerses von Lambron und des 
Mechithar Gösch legen beredtes Zeugnis von der Einwirkung 
ihrer Lehrer ab und vermögen sogar dem Geiste des Klassizis- 
mus neue Anhänger zu gewinnen. Aber der Gebrauch der 
volkstümlichen Rede, auf den selbst die, die der klassischen 
Sprache am entschiedensten huldigten, nicht immer hatten ver- 
zichten können, bricht sich doch fühlbar mehr und mehr Bahn 
und schafft damit zugleich auch einem mit der Sprache un- 
trennbar verquickten, anderen Geiste Raum. 

Wohl der bedeutendste von denen, deren Lehrer noch dem 
12. Jahrhunderte angehörten, ist Johannes von Tavusch mit dem 
Beinamen Vanakan, »Mönche, gewesen, ein Schüler des Mechithar 
Gösch. Die umfangreichste Schrift, die sich von ihm erhalten 
hat, ist eine Auslegung des Buches Hiob, ein ziemlich stark 
kompilatorisches Werk, was sich sogar stilistisch mehr fühlbar 
macht, als man wohl wünschen möchte. Vielleicht würde Vana- 
kans Schriftstellertätigkeit aber in wesentlich günstigerem Lichte 
erscheinen, wenn sich sein von seinen Schülern erwähntes Ge- 
schichtswerk erhalten hätte. Diese Schüler, deren Bedeutung 
dem verehrten Lehrer schon ein hinreichend günstiges Zeugnis 
ausstellen würde, waren Vardan, der Grofse genannt, und Kyria- 
kos von Gandsak. Das Hauptwerk des ersteren ist eine Welt- 
geschichte bis zum Jahre 1265 in kurz zusammenfassender, ge- 
drängter Darstellung, namentlich bei der Schilderung der ihm 
zeitlich naheliegenden Vorgänge, bei denen er im Hinblick auf 
seines Lehrers Vanakan Geschichtswerk von einer breiteren Aus- 
führung der Einzelheiten glaubte absehen zu dürfen, während er 
die Zeit der Arsakiden eingehender behandelt und so aus dieser 
Epoche der armenischen Geschichte manches sonst nicht Auf- 
gezeichnete hinterlassen hat. Unter dem Namen Vardan sind 
aufserdem noch verschiedene andere Werke aus dem 13. Jahr- 
hundert auf uns gekommen, eine Auslegung des Buches Daniel, 
der Psalmen, des Pentateuchs und Hohen Liedes, eine Lobrede 
auf Gregor den Erleuchter, eine Geographie, eine Sammlung von 
Fabeln und mehrere kleinere, weniger bedeutende Schriften. Es 



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— 123 — 

steht aber keineswegs fest, dals alles dies tatsächlich von einem 
und demselben Manne stammt. Es ist sogar als ziemlich sicher 
anzusehen, dafs wenigstens die Fabelsammlung das Werk eines 
anderen Schriftstellers ist, und es ist nicht unwahrscheinlich, dafs 
auch das eine oder andere der übrigen Bücher irrtümlich dem 
Verfasser der Geschichte zugeschrieben worden ist. So ist es 
denn nicht leicht, ja vorläufig kaum möglich, sich eine zutreffende 
Vorstellung von diesem Manne zu machen, der vielleicht nicht 
in dem Mafse über seine Zeitgenossen hervorragte, wie man nach 
der Zahl und Mannigfaltigkeit der unter seinem Namen tiber- 
lieferten Schriften anzunehmen geneigt sein könnte, der aber auf 
jeden Fall einer von denen war, die es verdienen, über ihr Jahr- 
hundert hinaus im Gedächtnis ihres Volkes zu bleiben. 

Sein Studiengenosse Kyriakos von Gandsak scheint nur das 
eine Werk verfafst zu haben, das anscheinend unversehrt auf die 
Nachwelt gekommen ist, eine Geschichte Armeniens von der Zeit 
Gregors des Erleuchters bis zum Jahre 1267. Ziemlich kurz- 
gefafst, wo er nach den Berichten älterer Darsteller arbeiten 
mufs, läfst Kyriakos sich bei der Schilderung der ihm nahe- 
liegenden Ereignisse, vor allem bei dem mit eigenen Augen 
Wahrgenommenen hinreichend gehen, um ein anschauliches Bild 
entwerfen zu können. Und er beschränkt sich dabei nicht auf 
die Darstellung der grofsen, das ganze Volk berührenden Er- 
eignisse, sondern verflicht auch manche Nachricht über die Sitten 
der ihm aus unmittelbarer Erfahrung bekannten Völker, nament- 
lich der Mongolen, manche wertvolle Notiz über Schriftsteller 
und andere beachtenswerte Männer seines Volkes in die Er- 
zählung, alles im Tone des schlichten, wahrheitsliebenden Bericht- 
erstatters, einfach und natürlich in der Anordnung des Stoffes 
und nicht minder in seiner Ausdrucksweise. 

Immerhin war die Sprache, deren er sich bediente, noch eine 
Art Altarmenisch, wie es sich bei einem Geistlichen, der Kyria- 
kos war, fast von selbst verstand, eine von den Werken der 
Klassiker zwar beträchtlich abweichende, ihnen aber doch wohl 
noch nacheifernde Rede. Ganz anders verfuhr einer seiner Zeit- 
genossen weltlichen und — was wohl Beachtung verdient — 
auch hohen Standes, der Kronfeldherr Smbat, der Bruder des 
Königs Hethum I. Er vermied mit zielbewufstem Willen die 
alte, unverständlich gewordene Sprache, deren die Geistlichkeit 



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— 124 — 

sich aus unausrottbarer Ehrfurcht nach wie vor zu bedienen 
wenigstens versuchte. Das Hauptwerk dieses volkstümlich reden- 
den Schriftstellers aus königlichem Hause ist ein Rechtsbuch, 
ein Werk, das sich an die Arbeit des Mechithar Gösch an- 
schließt, keineswegs aber nur eine Modernisierung des älteren 
Buches darstellt. Ganz abgesehen davon, dafs Smbat diesem 
sein Buch als ein weit mehr systematisches, geschlossenes Ganzes 
gegenüberstellt, bringt es besonders dadurch zu dem älteren 
Werke in einen bemerkenswerten Gegensatz, dafs er nicht wie 
Mechithar Gösch von den mosaischen und kirchenrechtlichen 
Satzungen ausgeht, um diese mit dem Gewohnheitsrecht des 
Volkes in Einklang zu bringen, sondern eben diesen lebendigen 
Rechtsgebrauch als den Kern seiner Arbeit auffafst, wodurch er 
ein in weit höherem Mafse nationales und zeitgemäfses Werk 
geschaffen. Zeitgemäfs war es durch und durch als ein Denk- 
mal der Befreiung, die dem westlichen Armenien und Kilikien 
insbesondere Byzanz gegenüber durch die Herrschaft der Rube- 
niden zuteil wurde. Wie man sich im Staatsleben auf eigene 
Füfse gestellt, wie man die Einigungsversuche mit der griechi- 
schen Kirche durch solche mit der römischen verdrängt hatte 
und darin schon im Jahre 1198 bei der Krönung Lewons II. zu 
einer feierlichen Proklamation einer Union mit Rom gelangt 
war, so sollte nun auch ein eigenes, armenisches Recht an die 
Stelle der bisher geltenden byzantinisch-armenischen Satzungen 
treten, und der in diesem Rechte verkörperte Wille des Volkes 
sollte auch in dessen Sprache zum allein gebührenden Ausdruck 
kommen. Weniger bedeutend als dieses grolse Werk, aber doch 
eine durchaus beachtenswerte Leistimg ist desselben Autors 
Chronik, die, mit dem Jahre 951 beginnend, einen Zeitraum von 
fast 350 Jahren behandelt, übrigens nach Smbats Tod (1276) von 
einem unbekannten Autor noch bis zum Jahre 1331 fortgeführt 
worden ist. 

Der bedeutendste von denen, die sich zeitlich an die ge- 
nannten Männer anschliefsen, ist wohl Johannes von Ersnka, ein 
Schüler Vardans des Grofsen. Um die Mitte des 13. Jahr- 
hunderts geboren, ragt er noch ein gutes Stück in das vier- 
zehnte hinein, in dessen drittem Jahrzehnt er starb. Johannes 
von Ersnka hat eine stattliche Zahl von Schriften hinterlassen, 
Zeugnisse vielseitiger Geistestätigkeit, eine kurzgefalste Er- 



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— 125 — 

klärung der armenischen Grammatik nach dem Muster des be- 
rühmten Buches von Dionysios Thrax zum Gebrauch für seine 
Schüler, eine ausführliche Verarbeitung aller ihm bekannt ge- 
wordenen grammatischen Schriften mit vielen Auszügen aus 
diesen, eine astronomische Arbeit über die Bewegung und Ord- 
nung der Himmelskörper, eine Schrift, die der Verfasser später 
auf Verlangen eines armenischen Fürsten auch noch in Verse 
gebracht hat, zwei Lobreden, die eine auf Gregor den Erleuchter, 
die andere auf dessen Söhne und Enkel, eine Auslegung des 
Matthäusevangeliums im Anschlufs an die erwähnte Arbeit des 
Nerses Schnorhali, diesem nicht nur sachlich, sondern selbst 
stilistisch nacheifernd, ein Buch mit Vorschriften für die Lebens- 
führung der Christen, in dem auf Grund der apostolischen 
Kanones und der Ausführungen der Kirchenväter über ver- 
schiedene Themata, den Glauben, die Taufe, die Ehe, den Ehe- 
bruch, den Diebstahl, den Eid, die Beschimpfung, den Hafs, die 
Liebe und das Beten gehandelt wird, ferner verschiedene Reden 
und endlich nicht wenige poetische Erzeugnisse, didaktische Dich- 
tungen, Hymnen und Lieder. Wie diese noch nicht einmal voll- 
ständige Liste zeigt, war Johannes von Ersnka ein Schriftsteller 
von nicht gewöhnlicher Vielseitigkeit. Und doch oder vielleicht 
gerade deshalb ist der Eindruck, den er hinterläfst, nicht be- 
sonders tief. Die Gewandtheit, nach Bedarf in Prosa oder in 
Versen zu reden, ist gewifs bewunderungswürdig und auch be- 
wundert worden, und das auch mit Recht. Es kommt noch 
hinzu, dafs seine Poesien durchaus nicht schlecht sind, dafs man 
ihn zu den durchaus echten Dichtern zählen darf. Aber die Er- 
zeugnisse einer solchen Natur pflegen sich doch merklich von 
den Schöpfungen derer zu unterscheiden, die für jedes ihrer 
Werke nur eine einzige, mit ihm werdende Form kennen, und 
des Eindrucks kann man sich auch wohl bei Johannes von Ersnka 
kaum erwehren, dafs er bei aller Begabung doch vielleicht keine 
grofse, allem sein Gepräge verleihende Persönlichkeit war, sondern 
sich nur anzupassen verstand, dabei sich aber doch ein wenig 
zerrifs und zersplitterte. 

Johannes von Ernska war wohl der letzte bedeutende Banner- 
träger des armenischen Klassizismus. Zwar verschmähte auch 
er es nicht, sich dann und wann der volkstümlichen Rede zu be- 
dienen, wie das ja auch schon einige seiner Vorgänger getan 



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— 126 — 

hatten. Anderseits wurde es auch nach ihm immer wieder ein- 
mal versucht, in klassisch-armenischer Sprache zu schreiben. 
Aber an einem Wendepunkt war man doch angekommen. Die 
schon vor langer Zeit vorbereitete, dann und wann im Einzel- 
falle auch schon einmal vollzogene Befreiung von alten und ver- 
alteten Idealen drang nun mehr und mehr durch. Die Geschicht- 
schreibung hörte zwar keineswegs auf, aber die Historiker dieser 
Epoche, Stephan der Orbelier, Mechithar von Airivankh, Malachia 
der Mönch und Hethum, wirken doch fast nur durch den Stoff. 
Die Theologie wird nach wie vor gepflegt Aber der Typus des 
feingebildeten, seinem Volke voranleuchtenden geistlichen Würden- 
trägers wird, durch veränderte Verhältnisse bedingt, durch den 
eifernden, sich zankenden Prediger ersetzt In dieser Beziehung 
ist der bedeutendste armenische Theologe des 14. Jahrhunderts, 
Gregor von Tathew, eine äufserst charakteristische Erscheinung. 
Was ihn belebt und beseelt, was ihn über seine Zeitgenossen er- 
hebt und grofs erscheinen läfst, ist der Hals, der Hals im freilich 
wohlgemeinten vaterländischen Kampfe gegen das Eindringen des 
römischen Glaubens, den der vom Dominikaner Bartholomäus von 
Bologna im 14. Jahrhundert gestiftete Orden der Unitoren über 
Armenien und Georgien zu verbreiten bestrebt war. Freilich ist 
er nicht nur ein eifernder Prediger gewesen. Nicht nur als Pole- 
miker, sondern auch als Exeget hat er sich bewährt. Aber all 
seinem Tun liegt doch der zielbewufste Wille als das ihm Halt 
Verleihende, ihn über seine Umgebung Erhebende zugrunde. Die 
Zeit war eben nicht mehr danach angetan, ein beschauliches 
Leben zu gestatten, und zu allerwenigst ein Versenken in die 
alte Herrlichkeit zuzulassen. Aber die Stimme des Volkes konnte 
nun leichter als je zum Durchbruch kommen ; das Lied des Volks- 
sängers fand auch unter hochgestellten Geistlichen williges Gehör 
und lockte zur Nachahmung. Im 14. Jahrhundert kündigte diese 
Poesie sich an — Konstantin von Ersnka scheint der bedeutendste 
Dichter dieser Zeit gewesen zu sein — , und im 15. Jahrhundert 
erreichte sie eine Höhe, die, wie man auch über sie denken mag, 
auf jeden Fall der anderer litterarischer Leistungen gleichkam. 
Freilich war der Wettkampf nicht gerade schwer. Aufser dem 
Geschichtswerke des Thomas von Medsoph, in dem vor allem 
die Kriege Timurlenks und die von ihm angerichtete Verwüstimg 
Armeniens zur Darstellung gelangen, sowie einem medizinischen 



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— 127 — 

Werke des Amir Dowlath aus Amasia ist kaum etwas Umfang- 
reicheres aus jener Zeit zu erwähnen, das zugleich besonderer Be- 
achtung wert wäre, und so erscheint denn auch die Poesie jener 
Tage, die an solchen Schöpfungen reicheren Völkern vielleicht 
doch ein wenig dürftig vorkommen könnte, in einem durch den 
farblosen Hintergrund begünstigten Licht. Die bedeutendsten 
Dichter jener Zeit waren wohl — einige Vorsicht beim Behaupten 
tut auf diesem noch nicht hinlänglich durchforschten Gebiete ent- 
schieden not — Mkrtitsch mit dem Beinamen »der Malen und 
Johannes von Thlkuran. Beide waren Geistliche in höherer 
Stellung; ersterer wurde 1430 zum Bischof geweiht und bald 
darauf zum Metropoliten von Diarbekr ernannt, letzterer be- 
kleidete von 1489 bis 1525 das hohe Amt eines Katholikos von 
Sis. Eine fast dumpfe Schwermut lastet auf den Gedichten des 
Metropoliten von Diarbekr, eine feste Überzeugung von der 
Nichtigkeit alles irdischen Seins durchzieht seine Poesie, die sich 
denn auch nicht recht zu freiem Fluge erheben will und, obwohl 
sie durchaus echt ist, doch des Reizes einer das Diesseits und 
Jenseits vergessenden Naivität entbehrt. Ein wenig mehr Welt- 
freude zeigt sich hier und da in den Liedern des Johannes von 
Thlkuran, wenn der geistliche Herr es auch nicht versäumt, 
seinen Liebesliedern pflichtgemäfs eine Warnung vor solchen Ver- 
irrungen folgen zu lassen. Steht er so den eigentlichen Volks- 
sängern vielleicht ein wenig näher und damit auch einer weniger 
gezwungenen Poesie, so ist seine eigentlich lyrische Begabung 
doch kaum gröfser gewesen als die seines Vorgängers, bei dem sie 
unter dem Druck seiner schwermütigen Stimmung nur nicht zu 
hinreichender Geltung gekommen. 

Im 16. Jahrhundert, zu dem der eben besprochene Patriarch 
von Sis ja schon hintiberleitet, nahm die nunmehr durchaus an- 
erkannte volkstümliche Liederkunst anscheinend einen rührigen 
Fortgang, und zwei Männer aus dieser Zeit dürfen wohl als Dichter 
bezeichnet werden, die noch ein gutes Stück über die beiden aus 
dem 15. Jahrhundert hinausgegangen sind, nämlich Gregor von 
Aghthamar und Nahapet Kutschak. Der erstere kam Anfang 
des 16. Jahrhunderts auf der im Vansee gelegenen Insel, nach 
der er benannt wird, zur Welt, wurde Mitglied des dortigen 
Klosters und endlich auf den Sitz des dort residierenden Katho- 
likossats erhoben. Er hat etwa 20 Gedichte hinterlassen, soviel 



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— 128 — 

wenigstens bis heute feststeht, die, von einigen wenigen in 
klassischer Sprache verfafsten abgesehen, ein echt volkstümliches 
Gepräge tragen und den Durchschnitt weit tiberragende poetische 
Leistungen darstellen. Wenn man sie liest, merkt man wenig oder 
nichts davon, dafs es die Schöpfungen eines Patriarchen sind. Bei 
einigen religiösen Betrachtungen Heise sich vielleicht noch darüber 
reden. Die sinnliche Glut seiner Liebeslieder aber, der Rausch 
der Bewunderung in seinen Verherrlichungen weiblicher Schön- 
heit und nicht weniger sein naiv reizender Protest gegen den 
Tod, dem er nicht folgen, um dessentwillen er nicht seinen 
Garten voll Lust verlassen will, alles das läfst nichts von einem 
gottergebenen geistlichen Würdenträger verspüren, dafür aber 
um so mehr von einem gottbegnadeten Dichter. 

Und ein solcher war auch der andere, bereits genannte 
Sänger, Nahapet Kutschak. Was man von seinem Leben weifs, 
ist sozusagen nichts. Kein Mann in hoher Stellung, wahrschein- 
lich nur ein einfacher über Land ziehender Berufssänger, ist er 
wohl nicht einer Biographie für würdig erachtet worden. Wie's 
derartige im bürgerlichen Verkehr oft ein wenig über die Achsel 
Angeschaute aber nicht selten tun, hat auch er sich sein Denk- 
mal einfach selbst gesetzt, so unermüdlich darauflos gesungen, 
dafs nicht alles untergehen konnte und einige hundert kleiner 
Gedichte von ihm auf die Nachwelt gekommen sind. Allem An- 
scheine nach nicht gerade durch übermäfsige Bildimg belastet, 
hat er sich infolge dieses scheinbaren Mangels auch mehr als 
mancher berühmte Orientale von störenden Künsteleien frei- 
gehalten und seinen mannigfaltigen Einfällen, seiner Weisheit, 
Sehnsucht und Liebeslust einen oft ein wenig bunt schillernden, aber 
fast immer anschaulichen Ausdruck verliehen. Und wenn es ihm 
auch nicht gerade vergönnt gewesen ist, das Herz des Hörers 
erbeben zu lassen, so hat er doch sicherlich Hunderte und Tausende 
durch seine oft schalkhaft reizenden Bildchen und überraschenden 
Wendungen erfreut. Die Rose, die beim Gesang der Nachtigall 
zu schlummern heuchelt, dann aber bei Tagesanbruch ihr grünes 
Hemd mit einem roten vertauscht ; das Rebhuhn, das dem es bei 
hellem Tag verfolgenden Falken sagt, es sei keine Beute für den 
Tag, sondern für die Nacht; der junge Mann, der die Geliebte 
fragt, was nach ihrem Tode wohl aus ihrem weifsen Busen werde, 
und warum sie ihn denn, da dann die Würmer ihn verzehren 



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— 129 — 

würden, ihm gerade vorenthalte: dies und ähnliches sind 
Kleinigkeiten, aber solche, die nur ein Künstler schafft. Und 
wenn auch manches, was in Nahapet Kutschaks Poesie entzückt, 
dem festen Bestand einer im Volke verbreiteten Dichtkunst ent- 
lehnt sein mag, so bleibt doch noch genug des Eigenen übrig. 

Auch die folgende Zeit entbehrte nicht des Volksgesanges, 
wenn auch das 17. Jahrhundert keinen Dichter von der Be- 
deutung eines Gregor von Aghthamar und Nahapet Kutschak 
hervorgebracht zu haben scheint. Erst ein Jahrhundert später er- 
schien in dem Tifliser Volkssänger Sajath Nova noch einmal eine 
Persönlichkeit von beachtenswerter Gröfse, ein fröhlicher, natur- 
wüchsiger Poet, der in allen herrschaftlichen Häusern der Stadt 
berufsmäfsig das Amt ausübte, die Festgelage durch seine Lieder 
zu verschönern, ja nach Bedarf in georgischer, türkischer oder 
armenischer Sprache, und selbst nicht selten vom Könige an 
den Hof gerufen wurde. Nur ein kleiner Teil der von ihm er- 
haltenen armenischen Lieder weist einen etwas weltfremd mystischen 
Charakter auf und will so nicht recht zu dem Verschönerer der 
lustigen Trinkgelage passen. Vermutlich stammen diese aus der 
späteren Zeit seines Lebens, wo er sich, durch den Tod seiner 
Frau heftig ergriffen, in ein Kloster zurückzog. Er starb im 
Jahre 1795 bei der Einnahme von Tiflis durch die Perser den 
Märtyrertod , in einem türkischen Vers die Zumutimg zurück- 
weisend, seinen christlichen Glauben abzuschwören. 

Mit ihm ging der letzte bedeutende Vertreter einer Poesie 
zu Grabe, der seit dem Ende des 14. Jahrhunderts wohl das Beste 
im armenischen Geistesleben gewesen war. Inzwischen war aber 
schon einer aufgetreten, der den im 12. Jahrhundert schon ein- 
mal erfolgreich unternommenen Versuch einer Wiederauf erweckung 
des klassischen Geistes unternahm. Manuk aus Sebaste, geboren 
im Jahre 1676, mit 20 Jahren zum Priester geweiht, sammelte 
schon als Ftinfundzwanzigjähriger in Konstantinopel eine kleine 
Schülergemeinde um sich, die sich später zu der nach seinem 
Klosternamen Mechithar benannten Mechitharistenkongregation 
auf S. Lazzäro bei Venedig gestaltete. Die 1701 zu Konstantinopel 
nach der Ordensregel des hl. Antonius organisierte Gemeinde 
siedelte kurze Zeit nachher, um den auf heimischem Boden 
drohenden Gefahren zu entgehen, nach Morea über, das damals 
unter der venetianischen Regierung stand, und erhielt dort auch 

Litteraturen des Ostens. VIT, 2. 9 



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— 130 — 

einen Platz zur Erbauung eines Klosters und einer Kirche zur 
Verfügung gestellt Im Jahre 1712 wurde dann die Kongregation 
vom Papste Klemens XL bestätigt Drei Jahre darauf verliefe 
Mechithar mit seiner Gemeinde dann wiederum seinen Sitz, um 
etwaigen unangenehmen Folgen des Krieges der Venetianer mit 
den Türken, vor allem der Gefahr der Auslieferung nach 
Konstantinopel im Fall der Eroberung von Morea zu entgehen, 
und begab sich nach Venedig, wo ihm der Senat zwei Jahre 
später die Insel S. Lazzaro zum Geschenk machte. 

Die philologische Tätigkeit, die dort und auch in der nach 
Triest und später nach Wien abgezweigten Gemeinde entfaltet 
wurde, verschaffte Europa erst einen tiefen Einblick in das 
armenische Geistesleben und erweckte in diesem Sinne allerdings 
den Geist des goldenen Zeitalters der armenischen Litteratur zu 
neuem Leben. Mehr als dies aber war kaum möglich. Mehr 
als eine Gelehrtensprache konnte die Rede längst vergangener 
Zeiten nicht mehr werden, und so sollte sie denn ähnlich, wie es 
schon einmal geschehen war, wieder der Sprache des Volkes 
weichen, in der im 19. Jahrhundert eine von europäischem Geiste 
entfachte, der eigenen Vergangenheit frei und unabhängig gegen- 
überstehende Litteratur erstand, in der nicht mehr von irgend- 
welchem kirchlichen Charakter die Rede sein kann wie bei dem 
Schrifttum des Mittelalters, die selbst kaum mehr national ist, 
als jede Litteratur es sein mufs, die vielmehr in entscheidendem 
Mafse der Ausdruck künstlerischen Schaffens ist 



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Geschichte der koptischen Litteratur. 



Von 

Johannes Leipoldt. 



9* 



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Die beste Übersicht über die Geschichte der Kopten und 
ihrer Litteratur bietet Ludwig Stern in Erschs und Grubers 
allgemeiner Encyclopädie II 39 S. 12—36 (1886). Wertvolle 
neue Beiträge besonders bei O. v. Lemm, Kleine koptische 
Studien (Bulletin de PAcad£mie Imperiale des Sciences de 
St.-P£tersbourg. Neueste bibliographische Zusammenstellungen 
bei Georg Steindorff, Koptische Grammatik, 2. Aufl., 
Berlin 1904, S. 232—242, und von Walter E. Crum in 
den Jahresberichten des Egypt Exploration Fund unter Christian 
E&ypt- — Meine Darstellung ist wohl der erste Versuch, die 
Entwicklung der koptischen Litteratur festzustellen. Ich darf 
deshalb auf eine nachsichtige Beurteilung hoffen : in der koptischen 
Litteraturgeschichte sind ja nur selten genaue chronologische An- 
gaben vorhanden; nicht einmal die relative Zeitfolge ist tiberall 
gesichert. Die nähere Begründung meiner Ausführungen habe ich 
in den folgenden Ausführungen natürlich nirgends geben können, 
auch nicht, wo ich von der Auffassung anderer abweiche (z. B. 
bin ich, im Gegensatze besonders zu Am£lineau, der Ansicht, 
dafs das litterarische Schaffen der Kopten nach der arabischen 
Eroberung nicht sofort aufhörte). Überhaupt habe ich Vollständig- 
keit nirgends erstrebt. 

Ostern 1906. 



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Im Jahre 332 v. Chr. zog Alexander der Grofse in Ägypten 
ein. Das war ein folgenschweres Ereignis für das Niltal. Viel 
tiefer als die Assyrer und Perser griff Alexander in die Ge- 
schicke des Landes ein. Nur die Araber haben es später ihm 
gleichgetan. 

Die Ägypter wurden durch {die Siege der Mazedonier zu 
griechischen Untertanen gemacht Der griechische Geist war 
ihnen längst nicht mehr fremd. Schon verklärte der Schimmer 
der Sage die Zeiten Herodots, in denen der Hellene den Ägypter 
und der Ägypter den Hellenen anstaunte wie ein Wunder aus 
einer anderen Welt Schon seit Jahrzehnten sah man in den 
Vororten des Verkehrs griechische Gestalten. Und der ägyptische 
Handelsmann hatte bereits erkannt, wie nützlich ihm ein Ge- 
schäftsfreund in Athen oder Korinth oder Ephesus war. Aber 
neben den Kaufleuten, deren Auge über die engen Grenzen der 
Heimat hinausblickte, gab es doch sicherlich auch einzelne Priester, 
Gelehrte, Beamte, die die fremden Gestalten und die ausländischen 
Warenballen mit scheelen Augen ansahen f und das Vordringen 
griechischen Wesens, wenn auch nicht hinderten, so doch jeden- 
falls nicht begünstigten. Man solle auf dem festgetretenen Pfade 
der vieltausendjährigen Kultur Ägyptens fortschreiten, so forderten 
sie wohl ; nur dann werde das Glück der Vergangenheit und der 
Segen der alten Götter auch den Kindern erhalten bleiben. Seit 
Alexanders Siegeszug durch Ägypten waren alte unentwegten 
Vorkämpfer des ewigen Stillstandes kaltgestellt Nun wurden 
die griechischen Kaufleute nicht nur geduldet, sondern be- 
günstigt Überall drangen sie vorwärts zuerst in Unter-, dann in 
Oberägypten. Künstler und Gelehrte kamen in ihrem Gefolge 
in das Land herein. Das neu gegründete Alexandria, eine bald 
gut hellenische Stadt, ward rasch der geistige Vorort Ägyptens: 
er sollte gar bald selbst Athen überflügeln. Und die Könige 
und ihre Beamten förderten das Griechentum, soweit es nur irgend 



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— 134 - 

angängig war. Zwar vermieden sie jede Gewalt, vor allem in 
Sachen der Frömmigkeit. Man kann geistigen Bewegungen 
keinen schlimmeren Dienst erweisen, als sie mit dem Schwert in 
der Hand verbreiten: das wufsten die Ptolemäer besser als die 
Seleuziden im benachbarten Syrien. So störten sie die alten 
Götter nicht, sondern beteten sie mit an, wie das Volk sie an- 
betete. Die Könige liefsen ihr Bild und ihren Namen in 
Hieroglyphenschrift auf den Tempelwänden einmeiseln und wollten 
nicht anders verehrt werden als einst der Pharao. Aber das 
hielt die Hellenisierung nicht auf. Die Ägypter als solche 
waren stets fremdländischen Sitten verhältnismäfsig leicht zu- 
gänglich, wenn sie ihnen eindringlich genug vorgeführt wurden. 
Wie sie deshalb tausend Jahre zuvor sich dem Einflüsse der 
semitischen Kultur Syriens hingaben, so ahmten sie jetzt griechisches 
Wesen nach. Ihre Künstler begeisterten sich für Bilder des Herakles, 
des Bacchus, der NereYden 1 ). Ihre Gelehrten lernten die griechische 
Sprache und suchten in den Geist der griechischen Weltanschauung 
einzudringen. Bald konnte der Ägypter keinen Satz mehr in der 
Sprache seiner Heimat reden, in dem nicht ein griechisches Fremd- 
wort vorkam. Allerdings galt es viele Schwierigkeiten dabei zu 
tiberwinden. Der Meisel, den ägyptische Hände führten, konnte 
die Schönheit griechischer Formen nie mit Erfolg nachbilden; 
und nur wenige ägyptische Gelehrte (Plotin aus Lykopolis [Sjut] ?) 
haben es zu einem Namen in der Geschichte der griechischen 
Philosophie gebracht. Aber äufserlich ward Ägypten, am meisten 
natürlich der gebildete Ägypter, im Laufe der Zeit immer mehr 
den alten Sitten entfremdet und griechischem Wesen zugetan. 
Tm Laufe der römischen Kaiserzeit erreichte diese Entwicklung 
ihren Höhepunkt. Glücklicherweise können wir ihn zeitlich 
ziemlich genau bestimmen, Dezius (249 — 251 n. Chr.) ist der 
letzte römische Kaiser, dessen Namen wir in Hieroglyphenschrift 
an einem ägyptischen Tempel lesen. Unter seiner Herrschaft 
scheint also die alte Art der Gottesverehrung erloschen zu sein. 
Allmählich, ganz allmählich, aber auch ganz vollständig waren 
Isis und Sarapis zu griechischen Gottheiten geworden. Im 4. Jahr- 
hundert verstand kaum noch ein Priester die alte heilige Schrift 



l ) Über die koptische Kunst vgl. die Arbeiten Josef Strzygowskis, be- 
sonders seine Koptische Kunst (im Catalogue generale des antiquites egyptiennes 
dn muse> du Caire XII, 1904). 



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— 135 — 

zu lesen oder die alten Bilder in den Tempeln zu deuten. Griechen 
verrichteten jetzt den Gottesdienst: was kümmerte sie das Erbe 
einer toten Vergangenheit? Und mit der alten Frömmigkeit 
und der alten Schrift schien auch die alte Kirnst erloschen zu 
sein: griechische Muster ahmte man im ganzen Lande nach. 
Selbst die alte Sprache war wie verschwunden. Männer und 
Frauen, die rein ägyptische Namen trugen, schrieben damals 
ihre Briefe, Rechnungen, Testamente griechisch. Es schien, als 
wäre das ganze ägyptische Volk aus einem barbarischen zu einem 
griechischen geworden. 

Aber es schien nur so. Schon regte sich wieder der alt- 
ägyptische Geist in der Tiefe des Volkes, dort, wo der National- 
charakter immer am treuesten bewahrt wird : er wartete nur auf 
die Gelegenheit, um mit Macht hervorzubrechen und das ver- 
lorene Land wieder zu erobern. Der Umschwung begann auf 
dem Gebiete der Frömmigkeit. Wenn der Grieche der römischen 
Kaiserzeit den Tempel besuchte, wollte er geheimnisvolle Zeichen 
sehen und rätselhafte Worte vernehmen: sie dünkten ihm die 
echtesten Offenbarungen der Gottheit und die kräftigsten Mittel, 
um die Erlösimg von dieser argen Welt zu finden ; in ihnen fand 
er ja Symbole der neupythagoreischen oder neuplatonischen oder 
einer anderen Religionsphilosophie, und Religionsphilosophie war 
damals die Religion aller gebildeten Griechen. So ward unter 
dem Einflüsse der Griechen auch der ägyptische Gottesdienst 
zu einem philosophischen Mysterienkulte umgestaltet. Die alt- 
eingesessenen ägyptischen Bauern gingen bei diesem Wandel leer 
aus. Sie hatten für geheimnisvolle Weihen ebenso wenig Ver- 
ständnis wie für philosophische Spekulationen. Die Götter, die 
sie verehrten, verlangten vor allem, dafs man die Bürgerpflichten 
erfüllte und dem Volksgenossen in der Not beistand : ein gewisser 
Rationalismus spielt ja in jeder Bauernreligion eine hervorragende 
Rolle. Nim wurde freilich in gewisser Beziehung die griechische 
Religion von der ägyptischen beeinflufst ; wie uns Reitzensteins 
Poimandres gelehrt hat, wirkten Vorstellungen der national- 
ägyptischen Theologie hier und da auf die griechische 
Theologie ein. Aber der gewaltige Unterschied in der 
Stimmung der Frömmigkeit wurde dadurch nicht tiberbrückt. 
So wandten sich namentlich die Fellachen Oberägyptens, zu denen 
nur selten ein Hauch griechischen Geistes drang, von ihren alten, 



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— 136 — 

nun hellenisierten Göttern ab. Bot sich ihnen doch ein reicher 
Ersatz für das, was sie verloren, in einer neuen Religion, die 
eben damals ihre Sendboten durch die ganze Welt schickte, im 
Christentum 1 ). Freilich war zu jener Zeit das Christentum 
unter dem Einflüsse des Hellenismus auf dem besten Wege dazu, 
sich ebenfalls zu einer Religion der Mysterien zu entwickeln (die 
heutige griechische Kirche ist das logische Ende dieser Entwick- 
lung). Aber um 200, als die ersten nationalen Ägypter zum 
Christentum übertraten, wurde es von vielen seiner Vertreter 
als eine geoffenbarte Sittlichkeit aufgefafst, und gerade als solche 
mufste es den Ägyptern zusagen. Dazu kommt, dafs der Ägypter 
von jeher gewohnt war, sich das Leben im Jenseits recht lebhaft 
zu vergegenwärtigen; auch in diesem Punkt mufste ihm das 
Christentum gefallen, das in seiner ersten Zeit von einer aus- 
geprägten schwärmerisch eschatologischen Stimmimg beherrscht 
ward. Die neue Religion verbreitete sich deshalb unter den Ägyptern 
sehr rasch. Schon in den Christenverfolgungen der Kaiser Dezius 
und Diokletian liefsen Ägypter ihr Leben für den Heiland. In 
der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts waren die Ägypter nicht 
nur in der Thebafs, sondern wohl auch im Delta fast alle Christen 
geworden. Sie standen in schärfstem Gegensatze zu den Griechen, 
die unter ihnen wohnten und, wenigstens in Oberägypten, zu 
einem guten Teile noch Heiden waren 8 ). Diese Entwicklung 
wurde übrigens dadurch noch besonders begünstigt, dafs gerade 
damals allenthalben die einzelnen Nationalitäten sich gegenüber 
der griechischen Gesamtkultur zur Geltung zu bringen begannen. 
Die ägyptische Kunst gewann etwa zu derselben Zeit ein eigen- 
artiges, volkstümliches Gepräge, in der die ägyptische Kirche 
entstand. Auch in anderen Aufsenländern (und nicht nur 
Aufsenländern) des grof sen Reiches regte sich wieder der eigene 
Geist der Alteingesessenen. In den Jahren, in denen die national- 



] ) Über die koptische Kirche vgl. Cr um in Haucks Realenzyklopädie für 
prot. Theol. und Kirche 8 XII, S. 801—815 (1903); ferner meinen »Schenute von 
Atripe« (in v. Oebhardts und Harnacks Texten und Untersuchungen zur Gesch. 
d. altchristl. Lit., N. F. X 1, 1903) und meinen Aufsatz »Die Entstehung der 
koptischen Kirche« in Rudolf Haupts fünftem Antiquariatskatalog, Halle a. S. 1905. 

*) Die Kopten nennen die Heiden mit Vorliebe »Hellenen«. Es ist mir aber 
fraglich, ob man in diese Ausdrucksweise einen nationalen Gegensatz hineinlegen 
darf; sie findet sich nach der Regierung des Kaisers Julian auch bei griechischen 
Christen. 



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— 137 — 

ägyptische Kirche entstand, trat in Edessa ein national-syrisches 
Christentum in die Erscheinung, ward im Abendlande eine lateinische 
christliche Litteratur begründet, hielt in Lyon der grofse Irenäus 
keltische Predigten. 

Es ist Sitte, die christlichen Ägypter als Kopten zu bezeichnen. 
Das Wort »Koptenc ist ursprünglich nur eine arabische Ver- 
stümmelung des Wortes »Ägypten. Trotzdem empfiehlt es sich 
vielleicht, die altgewohnte Bezeichnimg auch hier beizubehalten. 

Seitdem die Ägypter durch ihre Religion von den Griechen, 
die in ihrem Lande safsen, geschieden waren, besannen sie sich 
wieder auf ihr Volkstum. Die nationale Religion gab zunächst 
ihrer Sprache einen festen Halt, vor allem in Oberägypten, wo 
die Kenntnis des Griechischen noch verhältnismäfsig wenig ver- 
breitet war. Die Gottesdienste wurden hier selbstverständlich in 
ägyptischer Sprache abgehalten, in der Sprache, die alle ver- 
standen. Der ägyptische Gottesdienst aber schuf wieder eine 
ägyptische Volkslitteratur. Lange Zeit hindurch hatte es eine 
solche nicht mehr gegeben. Wir sahen eben, wie durch das Vor- 
dringen des Griechischen die alte Sprache immer mehr Boden 
verlor gerade in den Kreisen der Priester und Gelehrten, die in 
Ägypten von jeher die Träger der Kultur und der Litteratur 
waren. Die hieroglyphische Schrift, deren man sich auf Denk- 
mälern, und die demotische Schrift, deren man sich auf Papyrus 
bediente, waren ja viel zu schwierig, als dafs der gemeine 
Mann Zeit gehabt hätte, sie zu erlernen. Die ägyptische Kirche 
verzichtete deshalb in kluger Weise von vornherein darauf, die 
alte Schrift wieder zum Leben zu erwecken ; sie führte an ihrer 
Stelle die einfachen griechischen Buchstaben ein (schon ägyptische 
Heiden hatten zuweilen das Ägyptische mit griechischen Zeichen 
geschrieben, doch ohne Nachfolger zu finden 1 ). Nur für die 
Laute seh, f, h (ch), dsch, g (tsch), ti, die das griechische Alphabet 
meist gar nicht oder nicht genau genug ausdrücken konnte, benutzte 
man demotische Zeichen, die natürlich dem Stile der griechischen 
Buchstaben angepafst wurden. Dieses mit griechischen Lettern 
geschriebene Ägyptisch nennt man Koptisch. Es ist das grofse 
Verdienst der ersten national-ägyptischen Christen, die einfache 
griechische Schrift auf die Volkssprache angewandt zu haben. 



1 Steindorff a. a. O. S. 2 f. 



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— 138 — 

Die Heimat der koptischen Litteratur ist, wie bereits ange- 
deutet wurde, Oberägypten, und zwar die ThebaYs (der hier ge- 
sprochene Dialekt wird der saTdische genannt, vom arabischen 
Said » Oberland i ) *). In der Theba'is hat es zuerst koptische 
Christen in gröfserer Anzahl gegeben. Natürlich war die kop- 
tische Litteratur nicht sogleich da, nachdem ein paar Ägypter 
zum Christentum übergetreten waren. Wenn in den Kreisen 
von Bauern und Tagelöhnern eine Litteratur entsteht (und die 
Kopten waren zum weitaus grölsten Teile Bauern und Tage- 
löhner), dazu eine Litteratur, für die alle Voraussetzungen und 
Vorbilder, ja sogar geeignete Schriftzeichen fehlen, so ist das 
eine litterarische Tat ohnegleichen, zu der ein dringendes Be- 
dürfnis genötigt haben mufs. Sie kann nicht eher geschehen 
sein, als es eine gröfsere Anzahl untereinander verbundener kop- 
tischer Gemeinden gab; d. h. sie darf sicher nicht vor dem 
Jahre 250, vielleicht aber erst 300 — 350, angesetzt werden. 

Die ersten Erzeugnisse der saudischen Litteratur waren 
Übersetzungen aus dem Griechischen. Sie sind recht 
unvollkommen. Der Ausdruck ist oft schwerfällig, beinahe kind- 
lich. Das liegt einmal daran, dafs die koptische Sprache einen 
so ganz anderen Geist hat als die griechische; lange Perioden, 
vor allem Schachtelsätze, kann sie ebenso wenig bilden wie 
andere semitische Idiome. So kommt es, dafs der Übersetzer, 
um wörtlich zu sein, oft Satzgefüge baut, die nun und nimmer 
koptisch sind und nur durch Vergleichung mit dem Urtext ent- 
rätselt werden können. Die Kunst, frei zu tibersetzen, war in 
der alten Welt sehr wenig verbreitet. Ferner ist das Koptische, 
wie alle gealterten Sprachen, schon recht arm nicht nur an 
Formen, sondern auch an Worten. Viele Feinheiten griechischer 
Sätze mufs es verloren gehen lassen. Viele Begriffe, und nicht 
nur seltene, mufs es durch griechische Fremdworte wiedergeben ; 
so fehlen ihm z. B. Worte für »Geiste, »Kaufpreise, »leugnenc, 
»Tugendc Es hat freilich den Anschein, dafs die ersten Über- 
setzer viel mehr ausländisches Sprachgut verwandten, als unbe- 
dingt nötig war; da es keine Wörterbücher gab, waren Mifs- 
griffe vielleicht unumgänglich. Endlich ist zu bedenken, dafs 
die Übersetzer ungebildete Leute waren; ihr Verständnis des 



*) Er wurde früher als thebanisch bezeichnet. 



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— 139 — 

griechischen Urtextes, der ja überdies ohne Wort- und Satz- 
trennung geschrieben war, stand nicht immer auf der Höhe. 
Kurz, die koptischen Übersetzungen sind alles eher als Meister- 
werke der Litteratur. Bedenkt man freilich, unter welch er- 
schwerenden Verhältnissen sie entstanden sind, so wird man sie 
doch als eine besondere Leistung bezeichnen dürfen. 

Zunächst wurde wohl die Bibel ins Saudische übersetzt 1 ), 
natürlich nicht alle ihre Bücher auf einmal. Einzelne Abschnitte 
weisen sehr starke Unterschiede im Stile und im Wortschatze 
auf, gehen auch auf recht verschiedene griechische Textgestalten 
zurück. Um 350 scheint die Bibelübersetzung abgeschlossen zu 
sein; dem Schenute (s. u.) liegt sie fertig vor. Dazu haben wir 
einzelne Handschriften aus dem 4. Jahrhundert 2 ). Die Über- 
setzung ist noch heute von Wert: sie ist ein brauchbares Hilfs- 
mittel zur Wiederherstellung des Bibeltextes, den man im An- 
fang des 4. Jahrhunderts in Ägypten las 8 ). Freilich kann sie 
sich an Bedeutung mit den ältesten syrischen Handschriften 
der heiligen Schrift in keiner Weise messen, schon deshalb nicht, 
weil den Ägyptern noch mehr als den Syrern die Fähigkeit ab- 
ging, einen vorliegenden Text getreu abzuschreiben; auch ältere 
Manuskripte weisen gelegentlich starke Spuren von Überarbeitung 
auf. Immerhin hat die saidische Bibelübersetzung uns viele 
altertümliche Lesarten bewahrt, die wir in griechischen Hand- 
schriften nur sehr selten antreffen ; oft bietet sie denselben Text, 
wie die berühmten griechischen Handschriften des 4. Jahr- 
hunderts, der Vatikanus und der Sinai'tikus. 

] ) Wichtigste Ausgaben: C. Woide, Appendix usw., Oxford 1799; Ciasca 
und Bai est ri, Sacrorum bibliorum fragmenta Copto-Sahidica musei Borgiani, 
Rom 1885 ff. Eine Gesamtausgabe plant Rev. George Homer in London. 
Das Neue Testament ist fast vollständig erhalten (Lücken in den Briefen). Ob 
das Alte Testament sich wird lückenlos zusammenstellen lassen, bezweifle ich stark. 

*) Am ältesten ist die Handschrift der Offenbarung Johannes', Berlin, Kgl. 
Bibl., ms. Orient, oct. 408 (andere Bruchstücke, derselben Handschrift in ver- 
schiedenen Sammlungen; Ausgabe von Goussen, Studia theologica 1, Leipzig 
1895). Ferner sind zu nennen: die Psalterhandschriften yon Budge (The earliest 
known Coptic psalter, London 1898) und Rahlfs (Abhandl. d. Kgl. Oes. d. 
Wissensch. zu Göttingen 1901); die Weisheit Salomos bei de La gar de, Ägyp- 
tiaca, Göttingen 1883, S. 65—106 usw. 

*) Das saldische Alte Testament ist fast noch unbenutzt, trotz seiner hervor- 
ragenden Wichtigkeit. Für das Neue vgl. H. v. Soden, Die Schriften des 
Neuen Testamentes in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt hergestellt auf Ornnd 
ihrer Textgeschichte, Berlin 1903 ff. Die saldische Bibelübersetzung steht der 
Rezension des.Hesychius sehr .nahe. 



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— 140 — 

Die Oberägypter haben sich nicht begnügt, die Bibel in ihre 
Muttersprache zu tibertragen. Auch einen guten Teil der sonstigen 
kirchlichen Litteratur haben sie ihren Volksgenossen zugänglich 
gemacht. Leider läfst sich nicht bestimmen, wann dies geschehen 
ist. Es spricht manches dafür, die gesamten Übersetzungen aus 
dem Griechischen vor dem Konzile von Chalzedon (451) anzu- 
setzen. Nach diesem Zeitpunkte brachen die Kopten nicht nur 
alle Beziehungen zu der griechischen Reichskirche ab, sondern 
verbauerten auch vollständig; sie fanden nimmehr an den Werken 
griechischer Frömmigkeit und Theologie kaum noch in solchem 
Mafse Gefallen, dafs sie sich der Mühe unterzogen hätten, sie zu 
tibertragen. Am ältesten sind jedenfalls die Übersetzungen gno- 
stischerSchriften, der sogenannten Pistis Sophia, der Bücher 
Jeu usw. 1 ). Nach ihrer Sprache zu urteilen, sind diese etwa in 
derselben Zeit entstanden wie die saidische Bibel. Wie die 
Seltenheit der Handschriften lehrt, erfreuten sie sich nie gröfserer 
Verbreitung. Ihr Inhalt mufste ja gerade die Kopten fremd an- 
muten. Stücke der vornicänischen kirchlichen Litte- 
ratur haben die Oberägypter nur wenige übersetzt. Im 4. Jahr- 
hundert, als sie sich für die Kirche lebhafter zu interessieren be- 
gannen, war diese Litteratur, vom Standpunkte der Kirche aus 
betrachtet, bereits veraltet. Nur der Hirt des Hermas 2 ), Igna- 
tius von Antiochia 8 ), das sogenannte Protevangelium des Jako- 
bus 4 ), das vierte Esrabuch 6 ), vielleicht auch Schriften des Petrus 
von Alexandria liegen uns saudisch vor, leider ausnahmslos in 
Bruchstücken; besonderen Ansehens erfreute sich von all den 
älteren christlichen Schriften nur der Briefwechsel zwischen Jesus 
und Abgar 6 ). In sehr ausgedehnter Weise haben sich die Ober- 
ägypter dagegen die griechischen kirchlichen Schriftsteller zu 
eigen gemacht, die zwischen dem Konzile von Nicäa (325) und 
dem von Chalzedon blühten 7 ). Selbstverständlich bevorzugten 

') Carl Schmidt, Koptisch-gnostische Schriften I, Leipzig 1905. 

8 ) Von mir herausgegeben in den Sitzungsber. d. Kgl. Preufs. Ak. d. Wiss. 
in Berlin 1903 S. 261—268. 

8 ) Zoega, Catalogus codicum Copticorum, Rom 1810 (Leipzig 1903) S. 604. 

4 ) Zeitschr. f. neutest. Wiss. 1905 S. 106 f. 

») Zeitschr. f. ägypt. Sprache 1904 S. 137—140. 

•) Pleyte-Boeser, Manuscrits coptes du musee d'antiquites des Pays-Bas 
a Leide, Leiden 1897, S. 462 ff.; A. H. Sayce im Recueil de travaux relatifs a 
la philologie et ä I'archeologie egyptiennes et assyriennes XX S. 174 — 176. 

7 ) Zum Folgenden vgl. vor allem Zoega a. a. O. S. 606 ff. 



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— 141 — 

sie erbaulich asketische Schriften, namentlich die ,des Athana- 
sius von Alexandria, und Predigten, wie die des Johannes 
Chrysostomus. Aber auch dogmatische Ausführungen be- 
währter Vorkämpfer der Orthodoxie, des grofsen Basilius, des 
Gregor von Nazianz, des Epiphanius von Salamis, des Severian 
von Gabala, der alexandrinischen Bischöfe Theophilus und Cyrill 
müssen gern gelesen worden sein. Sogar der Syrer Airem 
(Ephraim) war den Kopten bekannt. Ob man freilich die kop- 
tischen Übersetzungen theologischer Schriften hat verstehen 
können, ist sehr zweifelhaft; uns wäre es oft unmöglich, sie zu 
deuten, wenn nicht der Urtext erhalten wäre 1 ). In solchem 
Mafse ;ist hier der Geist der ägyptischen Sprache vergewaltigt 
worden. Man wollte (oder konnte) nur ganz wörtlich übersetzen, 
und übersetzte daher ganz unverständlich. Wie sehr die Kopten 
damals, wenigstens äufserlich, auf die Bestrebungen der griechi- 
schen Kirche eingingen, lehrt besonders deutlich die Tatsache, 
dafs sie sogar mit Kirchengeschichtsschreibung sich 
versuchten« Die Ägypter haben an sich für das Werden und 
Vergehen der Völkerentwicklung vielleicht noch weniger Sinn 
als z. B. die Inder; man müfste denn Listen von Königen, die 
zunächst nur gottesdienstlichen Zwecken dienten, als Geschichts- 
schreibung betrachten. Trotzdem haben sich die koptischen Christen 
für verpflichtet gehalten, nicht nur die dogmatischen und er- 
baulichen Schriften der griechischen Kirche sich zu eigen zu 
machen, sondern auch die historischen. Was freilich dabei 
herausgekommen ist, ist ein so wundersames Gemisch von Wahr- 
heit und Dichtung, dafs man deutlich sieht: es wäre den Kopten 
besser gewesen, hätten sie nicht auf fremdem Gebiete gewildert 2 ). 
Mit fast unfehlbarer Sicherheit haben sie gerade solche Über- 
lieferungen bevorzugt und fortgepflanzt, denen geschichtlicher 
Wert in keiner Weise zukommt. So stand z. B. ein Brief, den 
der römische Papst Liberius (f 366 !) beim Tode des Athanasius 



*) Berichte der phil.-hist. Klasse der Kgl. Sachs. Oes. d. Wiss. zu Leipzig 
1902 S. 160 ff. 

8 ) Der wichtigste Text (Zoega a. a. O. S. 260 ff.) ist meines Wissens 
noch nicht untersucht. Cr verdiente wohl gröfsere Aufmerksamkeit. Vgl. auch 
v.Lcmm, Koptische Fragmente zur Patriarchengeschichte Alexandriens (Memoires 
de l'academie imperiale des sciences de St.-Petersbourg , Vlle serie, tome 36, 
Nr. 11, 1888); dazu Bulletin de l'ac. imp. de St.-P6t. 1896, Fevr. t. IV Nr. 2. 



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— 142 — 

(373!) geschrieben haben soll, bei ihnen in besonderen Ehren 1 ). 
Wertvoller ist es für uns, dals sie auch geschichtliche Urkunden 
im engeren Sinne tibertrugen, vor allem Synodalakten, wie 
die von Alexandria (362) 2 ) und von Ephesus (431). Mit grolsem 
Erfolge wandten sie sich dem Kirchenrechte zu. Es be- 
handelte ja größtenteils Gegenstände, die alle verstanden und 
die für alle eine unmittelbare Bedeutung hatten. Die wichtigste 
kirchenrechtliche Sammlung, die die Kopten geschaffen haben, 
sind die sogenannten canones ecclesiastici 8 ), ein Werk, 
dessen geschichtliche Bedeutung bislang durchaus noch nicht 
vollständig gewürdigt worden ist. Den notwendigen Lebens- 
bedürfnissen der Kirche diente auch die Übersetzung griechischer 
Liturgien. 

Religiös wertvoll sind den Kopten die genannten Schriften 
nur in den seltensten Fällen gewesen; sie haben sie auch nur 
verhältnismäfsig wenig vervielfältigt. Mit desto gröfserer Freudig- 
keit pflegten die Kopten eine andere Seite des kirchlichen Schrift- 
tums, die Litteratur der apokryphen Evangelien und Apostel- 
geschichten, der Märtyrerakten und der Heiligenlegenden. Durch 
Erzeugnisse dieser Art wurden die Ägypter erstens religiös be- 
friedigt Seit alter Zeit legten sie einen unwiderstehlichen Zug 
zum Aberglauben und zur Zauberei an den Tag wie alle Bauern- 
völker. Und kam diesem Zug nicht die christliche Legende in 
einzigartiger Weise entgegen? Was waren denn Jesus, die 
Apostel, die Märtyrer,, die Heiligen in ihr anders als grofse 
Zauberer? Und zweitens waren die Ägypter von jeher aus 
künstlerischen Gründen Verehrer der Legendenlitteratur, wie sie 
es heute noch sind. Die Lust am Fabulieren ist ihnen sozusagen 
angeboren; das beweisen die Märchenbücher, die uns aus den 
Jahrtausenden vor Christus erhalten sind, beweisen die Kaffee- 
hauserzählungen, die im heutigen Ägypten so gern gehört werden. 



] ) Erhalten Paris, Bibl. Nat., Copte 130 5 Blatt 128 v. und in einer Hand- 
schrift der Mission francaise in Kairo; vgl. Zoega S. 263 und das »Wiener 
Bücherverzeichnis* (s. meinen »Schenute* S. 10) unter Nr. 59. Der Text beginnt : 
»Wo ist der gute Hirte der heiligen Herde?« 

*) Eine Untersuchung über diese Texte wird demnächst O. Loeschcke ver- 
öffentlichen; sie gehen allerdings nicht unmittelbar auf die Synodalakten zurück. 

8 ) Beste Ausgabe und Übersetzung: O. Homer, The Statutes of the 
Apostles or Canones Ecclesiastici, London 1904. Hier auch der äthiopische und 
arabische Paralleltext. 



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— 143 — 

Und waren denn die christlichen Legenden, vom künstlerischen 
Standpunkte aus betrachtet, etwas anderes als Schöpfungen un- 
gebundenster Einbildungskraft? Aus diesem litterarischen Cha- 
rakter der koptischen Legende ergibt sich schon, dafs sie nichts 
weniger ist als eine getreue Wiedergabe des griechischen Ori- 
ginals. Die Ägypter standen schönen Erzählungen niemals nur 
als Übersetzer oder Abschreiber gegenüber, sondern auch als 
Dichter, und suchten zu »verbessernc und umzuschaffen, wo nur 
immer die Frömmigkeit oder die Kunst ihnen das zu fordern 
schien. Die Selbsttiberwindung, diese ganze Litteratur kritisch 
zu sichten, hat leider noch niemand besessen. Wichtiges wird 
man in ihr wohl nur selten finden ; fast alles geschichtlich Wert- 
volle ist auch griechisch erhalten. Dafs die koptischen Zeugen 
unter allen Umständen wenigstens einen gewissen textkritischen 
Wert besitzen, wird allerdings niemand bestreiten, der weifs, 
wie schlecht uns griechisch-christliche Texte oft überliefert sind. 
Unter den apokryphen Evangelien haben die Kopten die 
Erzählungen über Jesus' Kindheit am stärksten bevorzugt; das 
Element des Wimderbaren tritt in diesen ja mit besonderer Deut- 
lichkeit hervor. Dazu dienten sie in trefflicher Weise der Marien- 
verehrung, die die Kopten wie auch die ägyptischen Griechen 
mit viel gröfserem Eifer pflegten als irgendein anderes Volk der 
Erde. Das seltsamste Denkmal koptischer Marienverehrung ist 
eine an sich nicht ungeschickt komponierte Ansprache Jesu an 
seine Mutter. In dieser zählt er, höchst realistisch, alle Ver- 
dienste auf, die sie sich um ihn erworben hat, und knüpft daran 
eine Beschreibung der zukünftigen Herrlichkeit, die sie für all 
ihre Mühen entschädigen soll. Das ganze Stück ist für unser 
Gefühl so geschmacklos, dafs ich an ein griechisches Original in 
diesem Falle nicht glauben möchte 1 ). Auch Schriften über 
Marias Heimgang wurden von den Kopten gern gelesen, ebenso 
solche über Josephs Tod 9 ). Koptische Apostellegenden sind 
uns in grofser Zahl erhalten. Sie sind vielleicht nicht alle so 
wertlos, wie das die Geschichtsforscher bis jetzt angenommen 
haben. Besonders eigenartig ist ein Bruchstück der Akten des 

') Berlin, Kgl. BibL, Ms. Orient, fol. 1350 Blatt 3. 

*) Vgl. zum Ganzen: Forbes Robinson, Coptic apocryphal gospels 
(= J. A. Robinson, Texts and studies IV 2); E. Revillout in der Patrologia 
orientalis. 



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— 144 — 

Paulus und Andreas 1 ). Paulus springt vom Schiffe ins Meer 
hinab, um die Unterwelt zu schauen. Nach seiner Rückkehr 
berichtet er dem Andreas von seinen seltsamen Erlebnissen, be- 
sonders von seiner Unterredung mit Judas Ischariot. Das Stück 
scheint die Tendenz zu haben, Paulus auf Kosten der zwölf 
Apostel zu verherrlichen. Auch einzelne ältere Apostellegenden, 
wie die sogenannte Metastasis des Johannes, wurden ins SaYdische 
übersetzt. Unter den Märtyrern und Heiligen bevorzugen 
die Kopten vor allem die 42. Märtyrer von Sebastea, deren 
Namen gern als Amulett getragen wurden 9 ) , ferner die Sieben- 
schläfer, den Koluthus, den Georg, endlich Kosmas und Damia- 
nus 8 ). Der koptische Heiligenkalender ist uns leider nur in 
arabischer Übersetzung vollständig erhalten 4 ). 

Einen Fortschritt in der Geschichte der saudischen Litteratur 
bewirkte zunächst das Mönchtum in der ThebaYs. Der Kopte 
Pachom (f 346) gründete hier (um 318) die ersten Klöster, 
vor allem Tabennese 6 ) und Pbow. Diese wurden bald von 
zahlreichen Mönchen bevölkert, Griechen wie Kopten ; die Kopten 
scheinen jedoch immer den Ton angegeben zu haben. Die Leitung 
dieser Mönchsgemeinden veranlafste Pachom und seine Nach- 
folger Theodor (f 368) und Horsiese des öfteren, Briefe zu 
schreiben. Dank dem hohen Ansehen, das die Väter des Mönch- 
tums noch in späten Zeiten genossen, wurden diese Briefe lange 
heilig gehalten und weiter tiberliefert. Es sind die ersten Denk- 
mäler der saudischen Litteratur, die nicht auf ein griechisches 
Original zurückgehen. Freilich ist damit auch ihre Bedeutung 
erschöpft. Zu einem guten Teile sind sie uns (wie schon den 
Alten) unverständlich. Wichtige Begriffe werden oft durch einen 
einzigen Buchstaben ersetzt; ein Schlüssel der Geheimschrift ist 
uns nicht erhalten 6 ). Es ist mir ein Rätsel, warum Pachom 



*) Zoega S. 230 ff. 

*) Pleyte-Boescr a. a. O. S. 475 f.; Ägyptische Urkunden aus den Kgl. 
Museen zu Berlin, Koptische Urkunden I, S. 10, 17 f. 

*) Vgl. H. Hyvernat, Les actes des martyrs de Vtgypte I, Paris 1886. 
Die bohairischen Martyrien sind größtenteils aus den saTdischen übersetzt, dürfen 
also zur Charakterisierung der letzteren mit verwendet werden. 

4 ) F. Wüstenfeld, Synaxarium der coptischen Christen, Ootha 1879. 

5 ) Die »Nilinsel Tabennä« verdankt ihr Dasein dem Schreibfehler einer 
Sozomenushandschrift. In Wirklichkeit steckt in dem Ende des Namens wohl das 
Wort Ese »Isis«. 

•) Schenute scheint einen solchen noch besessen zu haben. 



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— 145 — 

sie verwandte und woher er sie nahm.- Hatte er noch eine 
Ahnung von den hieroglyphischen Wortzeichen oder von der 
Buchstabenmystik der Gnostiker ? Wo wir aber jene Briefe ver- 
stehen, sind sie recht unbedeutend und geistlos: wir haben es 
also vermutlich nicht zu beklagen, dafs der Sinn jenes geheimnis- 
vollen Alphabets uns verborgen ist. Übrigens sind sie nur zum 
kleinsten Teile in der Ursprache erhalten; es ist nicht einmal 
alles echt, was uns koptisch unter dem Namen Pachoms und 
seiner Nachfolger überliefert ist (auch die Kopten haben titel- 
losen Stücken gern berühmte Namen vorgesetzt). Die Haupt- 
masse der Briefe Pachoms besitzen wir leider nur in der latei- 
nischen Übersetzung des Hieronymus. Die Mönchsregeln Pachoms 
und seiner Nachfolger waren ursprünglich ebenfalls sa'fdisch ge- 
schrieben. Auch sie sind uns fast nur in griechischen und latei- 
nischen Bearbeitungen erhalten. (Dafs der gelehrte Asket Hie- 
rakas von Leontopolis, ein Zeitgenosse Pachoms, Kommentare 
in koptischer Sprache verfafst habe, darf man getrost als einen 
gelehrten Traum unseres einzigen Berichterstatters, des Epi- 
phanius von Salamis, bezeichnen). 

Ein weiterer Fortschritt der koptischen Litteratur knüpft 
sich an das Übergreifen der saidischen Mundart in einen anderen 
oberägyptischen Gau, der nördlich von der Thebais liegt, in den 
Gau von Ach mim 1 ). 

Dieser hatte ursprünglich seinen eigenen Dialekt, den unter- 
saidischen oder achmimischen, der es zu einer ganz ansehnlichen 
Litteratur gebracht haben mufs. Freilich scheint diese immer 
eine blofse Übersetzungslitteratur geblieben zu sein. Erhalten 
sind uns z. B. Stücke aus dem ersten Buch Mose 2 ) und den 
kleinen Propheten 8 ), vom Neuen Testamente leider nur ganz 
wenige Fragmente. Diese achmimische Bibel (vollständig ist 
sie jedoch kaum gewesen) ist wohl gleichzeitig mit der saudi- 
schen entstanden. Ferner besitzen wir in der Sprache Achmims 
noch verschiedene spätjüdische Apokalypsen 4 ) , den sogenannten 
ersten Klemensbrief und umfangreiche Bruchstücke der Paulus- 



J ) So der arabische Name; koptisch Schmin; griechisch Chemmis-Panopolis. 
*) Berliner koptische Urkunden I S. 131 f. 

•) O. Maspero im Recuefl de travaux VHI S. 181—189; U. Bouriant 
ebenda XIX S. 1—12. Andere Bruchstücke in Wien. 

4 ) O. Steindorf f in den Texten und Untersuchungen N. F. II 3a (1899). 

Litteratnren des Ostens. VII, a. 10 



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— 146 - 

akten 1 ). Das ist auffallend wenig. Gewifs war einst viel mehr 
vorhanden. Aber man hatte kein Interesse daran, es weiter zu 
überliefern. Schon in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts 
traten Ereignisse ein, die im weiteren Verlaufe zum Untergange 
des achmimischen Dialektes führen mufsten. 

Um 350 gründete der Kopte Pgol westlich von Achmim, 
am Rande der Wüste, eine Niederlassung von Mönchen, der 
spätere Zeiten den Namen »Weifses Klosterc (Der elabjad) 
gaben. Klein fing das Unternehmen an und bot zunächst wenig 
Eigenartiges. Im wesentlichen galt die Regel Pachoms als 
Klostergesetz, wenngleich man sich den Vorstehern der Pachom- 
schen Kongregation äufserlich in keiner Weise unterwarf. Nim 
gelang es dem zweiten Vorsteher des Weifsen Klosters, Sche- 
nute (f 451) *), die Niederlassung zu einer ungeahnten Blüte 
zu bringen. Sie gewann grofse Beliebtheit namentlich bei den 
Kopten (Griechen haben sich von ihr wohl fast ganz fern- 
gehalten) ; so zählte sie bald mehr Brüder als irgendeine von den 
Gründungen Pachoms. Wie das gekommen ist, können wir nur 
vermuten. Schenutes gewaltige, volkstümliche Persönlichkeit hat 
wohl eine grofse Zugkraft ausgeübt. Durch die Menge seiner 
Bewohner konnte aber das Kloster auch auf seine Umgebung 
einwirken, so nachhaltig, dafs noch späte Zeiten unter dem 
Einflüsse dieser Einwirkimg standen. 

Nim ist im Weifsen Kloster wahrscheinlich von Anfang an, 
sicher aber seit der Zeit, in der Schenute die Führung über- 
nahm (um 385), sa'fdisch gesprochen worden. Worin wir die 
Veranlassung zu dieser Tatsache suchen müssen, ist uns wiederum 
ein Rätsel. Es ist an sich im höchsten Grade auffallend, dafs 
mitten im achmimischen Gebiete sozusagen eine saudische Sprach- 
insel entstand. Hat vielleicht der Einflufs Pachoms dies ver- 
ursacht? Sicher ist nur, dafs die Tatsache selbst von höchster 
Bedeutung war. Die saidische Mundart war zwar nicht von 
Anfang an Alleinherrscherin im Weifsen Kloster (man hat auch 



l ) Carl Schmidt, Acta Pauli aus der Heidelberger koptischen Papyrus- 
handschrift Nr. 1 herausgegeben, Leipzig 1904. 

*) Vgl. meinen »Schenute« (s. o. S. 136). Die neuen Quellen, die Crum 
(The Journal of theological studies 1904 S. 552 ff.) veröffentlicht hat, beruhen auf 
der arabischen Lebensbeschreibung Schenutes, sind also mit Vorsicht zu be- 
nutzen. — Eine Gesamtausgabe und Übersetzung von Schenutes Werken be- 
arbeiten Crum und ich für das Corp. Script. Christ. Orient. 



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— 147 — 

achmimische Handschriften in ihm gefunden); dazu war, wie es 
scheint, das eine Stunde entfernte Rote Kloster (Der elachmar) 
des Pschaj vielleicht nahe daran, ein Mittelpunkt der achmimi- 
schen Litteratur zu werden. Aber der saidische Dialekt schlug 
den achmimischen zunächst in den Klöstern rasch aus dem 
Felde. Ja, er drang am Ende sogar in die Landstädte und 
Bauerndörfer ein und ward zur Sprache des gemeinen Mannes. 
Wir können noch deutlich verfolgen, wie sich der Übergang von 
dem einen Dialekt zum anderen vollzog ; er ging natürlich nicht 
in ein paar Tagen vor sich, auch nicht in dem ganzen Gaue zu 
derselben Zeit, sondern recht allmählich. Die achmimischen 
Paulusakten stehen dem Saidischen schon viel näher als die 
achmimischen Apokalypsen ; man hat nicht mit Unrecht Alt- 
achmimisch und Neuachmimisch unterschieden x ). Nim war aller- 
dings das Safdisch, das man im Gaue von Achmim sprach, von 
dem Achmimischen im Wortschatz und in vielen anderen Dingen 
nicht wenig beeinflufst. Aber es war doch Saudisch und den 
Bewohnern von Esne und Aswan weiter im Süden verständlich 
wie ihre Muttersprache. Die Thebafs und der Gau von Achmim 
waren somit zu einem Sprachgebiete und einem Kulturkreise 
zusammengeschlossen. Die Achmimer konnten die gesamte 
Litteratur, die die Thebais geschaffen hatte, also vor allem die 
Bibeltibersetzung, einfach übernehmen und auf diesem Grunde 
mit neuen Kräften weiterbauen. 

An dieser Entwicklung hatte der bereits genannte Schenute 
einen Hauptanteil. Er war wohl der erste Schriftsteller im Gaue 
von Achmim, der saYdisch schrieb, wenigstens der erste, von 
dem wir es ganz sicher wissen. Schenute war nicht Schrift- 
steller von Beruf; sein Charakter war zu tatenfreudig, als dafs 
er es über sich gebracht hätte, nur mit Schreibrohr und Tinten- 
fafs umzugehen. Was er an Schriften schuf, ist aus der Not 
geboren und zunächst nur für den Augenblick bestimmt. Es 
waren Aufsätze und Bücher, die seine Mönche brauchten, gröfsten- 
teils Predigten und Briefe über die Angelegenheiten des Klosters. 
Aber gerade weil es Mönchsschriften waren, die aus seiner Feder 
hervorgingen, waren sie bedeutsam. Die oberägyptischen Kopten 
waren fast ausschliefslich Bauern, ungebildete Leute, die weder 



') Vgl. auch Zeitschr. d. deutsch, raorg. Ges. LVIH 1904 S. 921 ff. 

10* 



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— 148 — 

lesen noch schreiben konnten und von den Dingen der 
Religion nicht einmal die elementarsten Kenntnisse besafsen. 
Die Mönche waren die einzigen »Gelehrtenc, ja die einzigen 
Träger der Kultur unter ihnen. Die Mönche mufsten alle lesen 
und fast alle schreiben lernen. Die Mönche waren zugleich die 
besten Ärzte, die besten Baumeister, die besten Landwirte. 
Mönche waren auch die Gebildeten unter den Priestern. An 
die Mönche wandte sich das Volk, wenn es in schwierigen An- 
gelegenheiten Rat brauchte. So vollzog sich auch die Entwick- 
lung der koptischen Litteratur notwendigerweise in den Klöstern. 

Schenutes Schriften entsprechen nun durchaus nicht den 
Anforderungen, die man gemeiniglich an klassische Werke stellt. 
Sie sind alles eher als abgeklärt und reif. Schenute gehörte zu 
den seltenen Menschen, denen weder der heitere Lebensgenufs 
noch das ernste Forschen in den Geheimnissen der Welt etwas 
gilt. Am höchsten stand ihm die fröhliche Tat. Und wenn er 
einmal die Hände in den Schofs legte, so geschah das keines- 
wegs aus Nachdenklichkeit, sondern weil ein tibermächtiges Ge- 
fühl all seine Glieder durchschauerte und ihm die Kraft zum 
Wagen lähmte; und lange war er nie von solchen Gefühlen ge- 
fesselt. Schenutes Schriften sieht man es bei jedem Satze an, 
in welcher Stimmung sie verfafst wurden. Entweder befiehlt er 
als ein Diktator, dessen einziger Wille es ist, allen fremden 
Willen zu knechten; oder er liegt, gebeugt vom Gefühle der 
Schuld, auf den Knien vor Gott und ist nur von einer Sehn- 
sucht beseelt: fortzukommen aus dieser elenden Welt, in der es 
doch keinen vollen Frieden gibt. Aber diese letztere Stimmung 
war immer nur vorübergehend. Der Diktator war stärker als 
der Mönch. Es ist auffallend, dafs das koptische Volk solch 
eine Herrschergestalt zeugen konnte, noch auffallender, dafs es 
sie verehrte und liebte fast wie den lieben Gott : sonst war pessi- 
mistischer Gleichmut oder heitere Lebenslust das Element, in 
dem es sich wohl fühlte. Liegt des Rätsels Lösimg darin, dafs 
der Mensch immer die Tugenden am meisten achtet, die er selbst 
am wenigsten besitzt? 

Schenute war gebildeter als die meisten seiner Volksgenossen. 
Ich weifs nicht, ob er in einer griechischen Schule gelernt hat. 
Hier und da verrät er ganz offenbar griechischen Geschmack 
und griechischen Schönheitssinn. Er baut gelegentlich Perioden, 



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— 149 — 

wie sie Eusebius und Basilius nicht besser zusammenfügen konnten. 
Er weifs durch Wortspiele, durch Ausrufe und Fragen, durch 
rhetorische Figuren, wie Anaphora und Litotes, den Stil zu heben. 
Ja, er zeigt zuweilen sogar Gefühl für rhythmischen Schwung. 
Aber all das hat ihm niemals ein Kopte nachgetan. Gewirkt 
hat Schenute weniger durch die hier und da hellenisierende Form, 
in die er seine Gedanken kleidete, als durch die Gedanken selbst. 
Vor allem verstand er es, all seine Aussprüche auf einen Ton 
zu stimmen, der seinen Hörern wohltuend und zugleich verständ- 
lich war. Seine Frömmigkeit war nicht alexandrinisch. Sie war 
erst recht nicht antiochenisch oder kappadozisch. Will man sie 
mit einem kurzen Worte bezeichnen, so kann man sie nur kop- 
tisch nennen. Die Gedanken an eine Erlösung des Geistes aus 
dem Gefängnisse des Leibes oder an die Vergottimg des mensch- 
lichen Fleisches durch den Menschgewordenen sind ihm fremd. 
Jesus Christus ist ihm nicht der Heiland, sondern der Richter. 
Es ist ihm ein fauler Trost, mit den Worten »Jesus hat mich 
erlöst« sich über die begangene Sünde hinwegzusetzen : aus eigener 
Kraft soll man sie überwinden. Jesu Werk besteht im Grunde 
nur darin, dals er am Ende der Tage die einen verdammt, die 
anderen freispricht, je nach dem, was sie auf Erden getan haben. 
Auch während seines Wandels unter den Menschen war Jesus 
nur ein Prediger des Gerichtes. Schenute hat selten eine Sache 
für so wichtig gehalten, dafs er sich Gedanken über sie machte. 
Aber über das Weltgericht hat er sich Gedanken gemacht Er 
untersucht, ob es ein Fegefeuer gibt. Er bemüht sich nachzu- 
weisen : wenn man gleich einäugig oder geköpft begraben worden 
ist, wird man doch mit zwei Augen und mit gesundem Kopfe 
auferstehen. So lebhaft versetzt sich Schenute in die Zukunft 
der Welt hinein, dafs sie ihm sogar im Traume nicht Ruhe läfst : 
er hat Gesichte, die ihm das Ende der Dinge offenbaren, und 
er hält diese für wertvoll genug, sie der Nachwelt aufzubewahren. 
Der Glaube an eine Vergeltung im Jenseits war d i e Frömmig- 
keit Schenutes: welcher Kopte hätte diesen Glauben nicht ver- 
standen ? War es nicht ein Glaube, der schon vor Jahrtausenden 
den Vätern heilig war? Und dieser Glaube stand auch stets im 
Hintergrunde, wenn Schenute seinen Mönchen Gebote gab. Darum 
waren diese Gebote immer zugkräftig, trotz ihrer Strenge und 
Einseitigkeit. Der Gedanke an Gottes Gericht ermahnte alle zur 



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— 150 — 

ernsten Pflichterfüllung; es sollte ganz gleichgültig sein, ob es 
sich um grofse oder um kleine Dinge handelte. Jesus, der 
Wimdermann, sieht alles, jede Übertretung des Sittengesetzes 
und jede Abweichung von der Klosterordnimg: er wird am 
grofsen Gerichtstage eine ungeschickte Bewegung im Gottes- 
dienste, die vielleicht den Bruder zur Seite in der Andacht stört, 
mit derselben Strenge ahnden wie einen Diebstahl und einen 
Ehebruch. 

Selbstverständlich war die nationale Frömmigkeit Schenutes 
von grofsem Einflüsse nicht nur auf die Mönche, sondern auch 
auf die zahlreichen Laien, die von nah und fern herbeiströmten, 
um ihn predigen zu hören, und auch in der Heimat Schenutes 
Schriften sich vorlesen liefsen. Fanden sie doch in seinen Reden 
mit klaren, kräftigen Worten Gedanken ausgesprochen, die ihnen 
allen das Herz bewegten. Dazu nahm sich Schenute auch der 
Laien gern persönlich an, war ihnen ein treuer Berater und 
Helfer in den Ängsten des Gewissens und in der wirtschaft- 
lichen Not. So wurde er ein Vater nicht nur der Mönche, 
sondern der gesamten koptischen Bevölkerung im Gaue von 
Achmim. Die Tatsache nun, dafs Schenute oft mit Laien in 
Berührung kam, hat natürlich auch auf den Inhalt einzelner unter 
seinen Schriften eingewirkt. Er war nicht der Mann, den Ein- 
fluls, den er im Volke besafs, unbenutzt zu lassen. In seinen 
Reden und Briefen trieb er nicht selten eine grofszügige Kirchen- 
politik. Nach zwei Seiten richtete sich diese. 

Zunächst bekämpfte er das Heidentum aufserhalb der Kirche. 
Noch standen tiberall Tempel des Kronos, des Ptah, des Bes. 
In ihnen beteten die vielen heidnischen Griechen, die in Ober- 
ägypten wohnten; und waren sie gleich den christlichen Kopten 
an Zahl durchaus nicht tiberlegen, so bildeten sie doch eine 
Macht, die man nicht unterschätzen durfte. Freilich waren die 
Kopten ihrer Religion treu ergeben ; mit der Zähigkeit, die allen 
Bauern eigen ist, hielten sie an ihr fest. Aber die Heiden be- 
safsen den gröfsten Teil des Grundes und Bodens und benutzten 
ihr wirtschaftliches Übergewicht gern dazu, die christlichen Tage- 
löhner nach allen Regeln der Kunst zu quälen. So hat wohl 
die Bedrückimg manches vermocht, was die Überredung nie 
vermocht hätte. Schenute sah klar genug, dafs es für die kop- 
tische Kirche eine Pflicht der Selbsterhaltimg war, ihre Heimat 



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— 151 — 

zu einem rein christlichen Lande zu machen. Und da das auf 
dem Wege friedlicher Verhandlungen nicht zu erreichen war, so 
befürwortete er den Weg der Gewalt. Er hat Hetzreden ge- 
halten und Brandschriften veröffentlicht, die man einem kop- 
tischen Bauernsohne gar nicht zutraut. Seine Worte wirkten 
um so mehr, als er auch selbst zu den Waffen griff, tun sein 
Programm zu verwirklichen. Manchen Altar hat er mit eigener 
Hand gestürzt, manchen Tempel persönlich den Flammen über- 
geben. Auch vor dem weltlichen Gerichte fürchtete er sich 
nicht : mit dem Zorne Gottes drohte er allen, die seinem heiligen 
Eifer in den Weg traten und die Zwingburgen des Teufels zu 
schützen suchten. 

Zweitens führte Schenute mit Wort und Schrift Krieg gegen 
das Heidentum in der Kirche. Die Kopten nahmen zu schnell 
das Christentum an, als dafs sie es alle sich hätten innerlich an- 
eignen können. Dazu gab es ja, wie wir eben sahen, mitten in 
ihrem Lande noch genug Reste heidnischen Wesens, die leicht 
zu einem Rückfalle auf die äufserlich überwundene Religions- 
stufe hätten führen können. So kam es, dafs, namentlich was 
die äufsere Form des Gottesdienstes betraf, heidnische Sitte und 
heidnische Sittenlosigkeit noch lange unter den Kopten fortlebte. 
Es gab Kleriker, die ihr Amt nur als ein Mittel benutzten, sich 
zu bereichern. Es gab Don Juans, die die Feste der Märtyrer 
nur besuchten, um der Unzucht zu fröhnen wie an den alten 
Götterfesten. Es gab abergläubische Finsterlinge, die in den 
Kapellen der Heiligen schliefen, um von einer Krankheit geheilt 
zu werden oder eine Offenbarung zu erhalten. Schenute hat all 
diese Auswüchse mit einer wohltuenden Ehrlichkeit und Derb- 
heit bekämpft, ohne je den Lastern des Volkes zu schmeicheln 
oder den Ansprüchen der Hierarchie entgegenzukommen. 

Überdenkt man all das Gesagte, so wird man leicht be- 
greifen, dafs die Kopten Schenute geehrt haben wie sonst keinen 
der Ihren. Seine Schriften sind die einzigen nationalen Werke, 
die die koptische Kirche heute noch in ihren Gottesdiensten be- 
nutzt. Sie wurden fast so hoch geachtet wie die Bibel. Sie 
wurden ins Griechische, Bohairische, Arabische übersetzt. Sogar 
auf Tonscherben hat man sie niedergeschrieben: das ist der 
beste Beweis, dafs sie nicht nur von Mönchen geliebt wurden, 
sondern auch von Laien, soweit diese lesen konnten. Schenute 



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— 152 — 

verdiente diese Hochschätzung nicht nur wegen der Gedanken, 
die er in seinen Werken bot, sondern auch wegen seiner litte- 
rarischen Eigenart. Es will nicht viel sagen, dafs er mehr 
schrieb als irgendein anderer Kopte. Aber bedeutsam ist, da£s 
er besser schrieb als die anderen. Keiner verfügte über einen 
reicheren Wortschatz, über lebhaftere Bilder, über eindrucks- 
vollere Redewendungen. Keiner machte die Sprache so genau 
zum Spiegel des augenblicklichen Gefühls wie Schenute. Und 
diese Sprache war fast ganz Schenutes eigenes Werk. Griechi- 
sche Einflüsse waren, wie bereits angedeutet, wohl vorhanden, 
namentlich in den Predigten; aber sie traten zurück. Von der 
Umgangssprache des achmimischen Gaues scheint Schenute auch 
bis zu einem gewissem Grade abhängig gewesen zu sein : sie konnte 
ihm wenig genug bieten. Doch so gut wie gar nicht wurde er 
von seinen litterarischen Vorgängern beeinflufst, auch nicht von den 
Übersetzern der Bibel; aber in die Bibelübersetzimg sind später 
Eigentümlichkeiten seines Stiles eingedrungen, zwar nicht die 
hellenisierenden Eigentümlichkeiten, desto mehr aber die kop- 
tischen. 

Will man Stücke der koptischen Litteratur als klassisch be- 
zeichnen, so kann man diesen Titel nur den Schriften Schenutes 
geben. Freilich ist damit auch schon die grofse Schranke dieser 
Litteratur genannt. Sie ist, wenige Ausnahmen abgerechnet, 
rein religiös. In den allgemeinen Verhältnissen liegt der Grund, 
weshalb es die Kopten nie zu einer weltlichen Litteratur ge- 
bracht haben. Es ist immer ein gewisses Mafs von Wohlstand 
und Ruhe nötig, wenn die Bilder der Phantasie sich zu schrift- 
stellerischen Werken ausreifen sollen. Wohlstand und Ruhe gab 
es aber in der Heimat der Kopten nirgends als in den Klöstern : 
so schwer lastete die wirtschaftliche Not auf den Bauern und 
Tagelöhnern, dafs sie sich nur durch eifrigste Arbeit ihr Brot 
verdienen konnten, und auch der Fleifsigste kam nie zu Reich- 
tum. Darum konnte eine Litteratur im eigentlichen Sinne des 
Wortes nur in den Klöstern entstehen. Wer aber kann sich 
wundern, dafs in Klöstern nur eine rein mönchische Litteratur 
entstand? Keiner durfte sich hier mit profanen Schriften be- 
fassen. Sogar ein allzu eifriges Studium heiliger Bücher wurde 
ungern gesehen. 

Schenutes Nachfolger in der Leitung des Weifsen Klosters 



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— 153 — 

waren ihrem Meister nur wenig ähnlich. Es scheint fast, als 
hätte er ihnen allen Stoff vorweggenommen, ihnen nichts übrig- 
gelassen, worüber sie noch hätten schreiben können. Kaum 
haben sich uns ihre Namen erhalten. Nur von B es a (f nach 457), 
Schenutes persönlichem Schüler und immittelbarem Nachfolger, 
besitzen wir noch Schriften. Sie können sich mit denen seines 
Vorgängers nicht vergleichen. Besä war ein Mann, dessen ein- 
zige Tugend zugleich auch sein gröfster Fehler war. Er war 
überall der Vorsichtige und kannte kein höheres Ziel, als nirgends 
Anstofs zu erregen. Vielleicht entsprachen seine Reden und 
Briefe dem Geiste des Mönchtums besser als die Schenutes ; das 
Gefühl tiefster Demut beherrschte sie alle. Aber was nützten 
sie in einer Zeit der Auflösung, in der nur Blut und Eisen helfen 
konnte ? Besä vertrat wohl all die Forderungen auch, die Sche- 
nute vertrat. Aber während Schenutes Werke den Eindruck 
von Bildern machen, die in grellen Farben gemalt und allen 
verständlich sind, kommen uns die Schriften Besas vor wie eine 
weifsgetünchte Wand: erst wenn man ganz genau hinsieht, ge- 
wahrt man, dafs unter der Tünche einst bunte Gemälde waren. 
Besas Sprache hat nur die eine Eigenart, dafs sie keine Eigen- 
art hat. Er redete gern mit den Worten der Bibel, freilich auch 
nur so weit, als er das tun konnte, ohne jemanden vor den Kopf 
zu stofsen. Hatte er zu tadeln, so bat er schon vorher um Ent- 
schuldigung. Leichtsinnigen Klerikern gegenüber fand er nur 
Töne der Klage, nicht Töne des Zornes. Heidnische Tempel 
wagte er nicht zu stürzen: lieber solle man die Götzendiener 
gewähren lassen als mit Gewalt bekehren (so danken wir es 
Besä und den Kindern seines Geistes, dafs wir noch heute die 
Grofsartigkeit ägyptischer Tempelbauten bewundern können). 
Worte voll tieferen Gefühls fand er nur dann, wenn er seines 
Meisters gedachte. Und doch konnte er kein Nachfolger des 
Mannes sein, dessen gröfstes Verdienst tyrannische Herrsch- 
gewalt war. 

Die litterarische Kraft Schenutes sprang auch auf andere 
Klöster über, schliefslich sogar auf die Niederlassungen Pachoms. 
Zunächst verbreiteten sich seine Briefe gesetzlichen Inhalts über 
alle Mönchsgemeinden, dann auch seine übrigen Schriften. Wir 
können diese Entwicklung noch nicht klar übersehen : das Material 
ist fast ganz ungedruckt und dazu noch zu einem guten 



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— 154 — 

Teile namenlos überliefert. Das verhältnismälsig Bedeutendste 
scheint ein gewisser Moses (um 500) geleistet zu haben, Vor- 
steher eines Klosters in der Nähe des alten Abydus. Er schrieb 
Briefe an Mönche und Nonnen. Dafs die Zeit nach Schenute 
in gewissen Beziehungen doch einen Fortschritt zu verzeichnen 
hat, läfst sich gleichwohl nicht verkennen. Auf zwei Punkte 
mufs vor allem aufmerksam gemacht werden. Erstens bot der 
glänzende Aufschwung des nationalen Mönchtums, der in Sche- 
nute den Gipfelpunkt erreichte, Anlafs, eine Erzählungs- 
litteratur zu schaffen, die auf griechische Quellen in keiner 
Weise zurückging. Die Art und Weise der Darstellung war 
freilich ganz dieselbe wie in den griechischen Legenden : Wunder 
spielten die Hauptrolle; Berichte über wirkliche Ereignisse und 
Zustände wurden nur nebenbei gegeben. Geschichtlicher Wert 
kommt diesen Erzählungen also nur in sehr bedingter Weise zu. 
Das älteste Werk dieser Art ist die Lebensbeschreibung Sche- 
nutes, die wohl mit Recht Besä als Verfasser zugeschrieben 
wird (sie ist vollständig leider nur in bohairischer und arabischer 
Überarbeitimg erhalten). Von den späteren Erzeugnissen dieser 
Art sind besonders die Biographien des genannten Moses und 
Matthäus 7 des Armen zu nennen. Ein zweiter Fortschritt liegt 
darin, dafs aufser den Klostervorstehern nun auch einfache 
Mönche zu schreiben begannen. Wir besitzen 1 ) noch einen 
Brief, den ein Mönch (wohl des Weifsen Klosters) an seinen Abt 
geschrieben hat: ganz geschickt verteidigt er sich gegen den 
Vorwurf, er habe durch die Annahme, dafs es auch sündlose 
Menschen gebe, Gottes Gnade gelästert. 

Es mufs endlich noch darauf aufmerksam gemacht werden, 
dafs ein guter Teil der oben genannten saudischen Über- 
setzungswerke wahrscheinlich erst unter dem Einflüsse 
Schenutes entstanden ist. Sicher sind einige von ihnen, wie auch 
die Bibel, im Sinne des im Gaue von Achmim gesprochenen 
Saidisch stilistisch tiberarbeitet worden. Auch die griechischen 
Originale hat man bei dieser Gelegenheit noch einmal verglichen : 
man trug in den Evangelien die Einteilung des Euseb von 
Cäsarea nach ; vor allem verschlechterte man den Text dadurch, 
dafs man ihn nach jüngeren griechischen Handschriften »korri- 



>) Paris, Bibl. Nat., Copte 130« Bl. 1 ff. 



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— t55 — 

gierte c. Textkritik war die einzige Wissenschaft, mit der sich 
die Kopten befafsten: man sieht, mit welchem Erfolge. 

Nach dem Tode Schenutes machte die saudische Mundart 
noch eine weitere Eroberung. Es gelang ihr, den im Faijum 
und den angrenzenden Gebieten gesprochenen Dialekt, wenn 
nicht zu verdrängen, so doch zurückzudrängen, das sogenannte 
Mittelägyptische oder Faijumische (früher fälschlich als Basch- 
murisch bezeichnet). Freilich war diese zweite Eroberung von 
viel geringerer Bedeutimg als das Eindringen in den Gau von 
Achmim. Im Bereiche der faijumischen Mundart safsen sehr 
viele Griechen. Infolgedessen verstanden die hier lebenden 
Kopten meist auch die hellenische Sprache. So konnte es hier 
nur langsam zu einer nationalen faijumischen Litteratur kommen, 
und diese hat es nicht einmal zu einer so geringen Bedeutung 
gebracht wie die achmimische. Eine einheitliche Litteratursprache 
konnte hier überhaupt nicht geschaffen werden. In der Ortho- 
graphie, aber auch in anderen Dingen weichen die erhaltenen 
faijumischen Texte sehr weit voneinander ab. Einzelne Gelehrte 
haben sie deshalb sogar (wohl mit Unrecht) auf zwei Dialekte, 
einen faijumischen und einen memphitischen (nicht zu verwechseln 
mit dem früher als memphitisch bezeichneten bohairischen !), oder 
gar noch mehr Dialekte verteilen wollen. Erhalten haben sich, 
aufser zahlreichen Privaturkunden, vor allem Stücke der Bibel- 
übersetzung (Jesaja, Klagelieder des Jeremias, Baruch, Mat- 
thäus, Markus, Johannes, Paulusbriefe u. a.) 1 ); sie gehen, wie 
es scheint, auf recht altertümliche griechische Vorlagen zurück. 
Ferner besitzen wir in der faijumischen Mundart unter anderem 
ein Fragment aus einer Mosesapokalypse oder einem Adam- 
buche 2 ) und ein paar Zauberformeln 8 ) (diese sind Kinder 
desselben Geistes wie die unten zu erwähnenden saudischen Be- 
schwörungen). Am eigenartigsten ist eine dichterische Be- 
arbeitung der Leidensgeschichte Jesu, von der leider nur 
ein kurzes Bruchstück erhalten ist 4 ). Es ist in der Form nahe 
verwandt mit saidischen Gedichten, die wir noch kennen lernen 

J ) Zoega a. a. O. S. 145—168; Q. Maspero im Recueil de travaux XI 
S. 116; Berliner koptische Urkunden I S. 138; usw. 
■) Berl. kopt. Urk. I S. 171 f. 
*) Ebenda S. 22. 
4 ) Ebenda S. 32. 



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— 156 — 

werden: ungereimte vier- oder achtzeilige Strophen folgen auf- 
einander; jede Zeile hat drei oder vier Hebungen; die Zahl der 
Senkungen zwischen den Hebungen ist für den Rhythmus be- 
langlos. In jeder Strophe ist eine andere Person redend ein- 
geführt ; die redende Person ist aber nicht genannt, sondern mufs 
aus dem Zusammenhange erschlossen werden. Zuerst spricht 
offenbar Jesus zu dem Verräter; erhalten sind nur die Schlufs- 
zeilen der Strophe: 

] das Mahl mit mir. 

Ich gebe ja meine Seele [für dich]. 

Darnach verleugnetest du mich vor den Juden. 

Tu Bulse; dann vergebe ich dir. 

Die zweite Strophe enthält die Botschaft der Porzia an Pi- 
latus (Matth. 27, 19): 

Ich bitte dich, o Hegemon: 

Lasse meinen Herrn los, bringe ihn nicht ans Kreuz! 

Ich litt diese Nacht und ward geängstet: 

Lals mir den Heiland los, dafs sein Erbarmen mich treffe. 

In einer dritten Strophe wendet sich wieder Jesus an den 
Verräter : 

Judas, ich tat dir nichts Böses, 

Und ich hasse dich auch nicht. 

Du empfingst meinen Kaufpreis und verkauftest mich. 

Die Juden nahmen mich, kreuzigten (?) mich. 

Ich esse und trinke mit dir. 

Ich nenne dich »mein Bruder«. 

Du setztest deine Sohle auf mich. 

Du [halstest (?)] mein Königreich. 

In welche Zeit die ersten Erzeugnisse des faijumischen Dia- 
lektes fallen, weifs ich nicht zu sagen. Sie sind wohl kaum 
später als im 6. Jahrhundert entstanden; sie können vielleicht 
sogar ein oder zwei Jahrhunderte älter sein. Ebenso ungewifs 
ist, wann die Aufsaugimg der faijumischen Mundart durch die 
safdische begann, und wann sie beendet ward. Sicher ist nur, 
dafs sie sich ebenso allmählich vollzog wie der entsprechende 
Vorgang im Achmimer Gaue. 

Die mönchische Litteratur der saidischen Mundart war 
noch vor der persischen (619) und arabischen Eroberung (641) 
auf einem toten Punkte angekommen. Man beschränkte sich 
darauf, Schenutes Werke und die Werke seiner wenigen litte- 



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— 157 — 

rarischen Nachfolger zu lesen, zu loben und abzuschreiben; ja 
man tat das mit einer Ausdauer, die geradezu Staunen erregt 
(Schenutes Werke sind uns in fast 150 Handschriften erhalten, 
und es läfst sich bestimmt sagen, dafs es einst viel mehr solche 
Handschriften gab). Aber zu einer selbständigen Nachbildung 
und Neubildung kam man nicht. Doch erlebte die saidische 
Mundart, wie es scheint, bald nach der arabischen Eroberung 
eine Nachblüte, deren Früchte in gewisser Beziehung sogar die 
der ersten Blütezeit tibertreffen. Die neuen Werke, die damals 
entstanden, unterscheiden sich von den älteren vor allem da- 
durch, dafs sie volkstümlicher sind. Zwar wurde auch diese 
jüngere Litteratur im wesentlichen wohl von Mönchen gepflegt 
Die Laien verstanden die Kunst des Schreibens ja nur in den 
seltensten Fällen. Aber das Mönchtum des 7. und 8. Jahr- 
hunderts war ein anderes als das Mönchtum Schenutes. Die 
alte Zucht war verloren gegangen in den Wirren der Zeit, in 
den Kämpfen mit den Nomaden des Südens, den Egoosch 
(Nubiern) und Blemyern, und mit den Eroberern aus dem 
Norden, den Persern und Arabern: schon Schenute konnte im 
Falle der Kriegsnot die Klostergesetze nicht durchführen. Und 
auch wenn es keine äufseren Feinde gab, wurde nie Ruhe im 
Lande, solange die Kaiser von Byzanz in ihm » herrschten t : die 
kirchliche Einheitspolitik der Regierung hatte in Wahrheit ja 
nur Zwietracht gesät So war die Mauer gefallen, die die 
Mönche von der Welt trennte. Es war ihnen nicht mehr ver- 
boten, auch profane Bücher zu lesen und bei der Arbeit auf dem 
Felde nach der Weise der Fellachen alte Lieder zu singen. So 
hat man jetzt gelegentlich auch Laiengeschichten in den Klöstern 
aufgezeichnet oder gar erfunden und die Gedanken der Religion 
in Lieder zu fassen gewagt, deren Form man ganz den welt- 
lichen Liedern entnahm. Die Klöster waren aus frommen Bet- 
gemeinden zu fast weltlichen Arbeitsverbänden geworden. Nur 
darin wirkten alte Werturteile nach, dafs man die neue Litte- 
ratur oft nicht auf Pergament schrieb, sondern auf das billigste, 
schlechteste Papier. Sie war ja auch keine Bedtirfnislitteratur, 
wie das ältere Schrifttum, sondern eine Art Luxus, für den man 
nicht zu viel aufwenden durfte. Diese Tatsache hat für uns die 
leidige Folge, dafs wir die junge Litteratur nur in Fetzen, und 
oft in sehr kümmerlichen, noch besitzen. 



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— 158 — 

Ich nenne zuerst das Märchen von Theodosius und 
Dionysius. Es läfst uns einen Blick tun in das Leben der 
ärmsten Kopten. Theodosius und Dionysius sind ägyptische 
Tagelöhner, die in Konstantinopel um Brot arbeiten. Da träumt 
Theodosius einmal, er wäre auf einem weiten Felde, auf dem 
viele Schafe und Rinder weiden. Die Hirten treten mit dem 
Viehe vor ihn hin, werfen sich vor ihm nieder und verehren 
ihn. Ein saugendes Lamm vollzieht an ihm die Salbung, legt 
ihm ein Prachtkleid an und heilst ihn auf einem Throne Platz 
nehmen. Dazu erhält er eine Menge Schlüssel, so viele, dafs er 
sie selbst gar nicht alle halten kann. Theodosius erzählt seinen 
Traum dem Dionysius. Der weissagt ihm: vielleicht werde er 
Kaiser werden (der Kaiser ist gerade gestorben). Die beiden 
begeben sich nun zu der Kirche, in der die Grofsen Konstanti- 
nopels zusammen mit dem Erzbischof Cyrus den Kaiser wählen. 
Da kommt der Erzengel Raphael in Gestalt eines Adlers vom 
Himmel herab, bringt dem Theodosius eine Krone und ein 
Szepter und setzt ihn auf den Thron. Das ganze Volk ruft: 
»Kyrie Eleison, Theodosius ist Kaiser gewordene In seinem 
Glücke vergifst er ganz des alten Kameraden. Nach zwei Jahren 
kommt dieser zum Palaste und läfst dem Kaiser seine Werk- 
zeuge bringen. Der erkennt sie sofort wieder. Er steht von 
seinem Throne auf und spricht zu seinem alten Freunde: »Ver- 
zeih mir, mein heiliger Vater, c Er gibt ihm dann ein opulentes 
Frühstück. Nach Cyrus' Tod macht er ihn zum Erzbischof 1 ). 
Dieses Märchen ist sehr lehrreich. Kirchlich ist an ihm fast nur die 
Sentenz, die am Schlüsse steht: »Es erfüllte sich an ihnen, was 
geschrieben steht : Königtum und Priestertum zusammen, gemäls 
dem, was in den Schriften steht.« Es ist besonders auffällig, 
dafs hier kein Held aus der klassischen Zeit der Kirche, den fünf 
ersten Jahrhunderten, verherrlicht wird ; wir stehen am Anfange 
des 8. Jahrhunderts, in dem es wirklich einen Kaiser Theodo- 
sius (III.) und einen Erzbischof Cyrus gab, und hören von 
Leuten, die sonst fast nur dem Namen nach bekannt sind (ge- 
schichtlich treu ist die Erzählung natürlich in keinem Punkte; 
ihre Darstellungsweise ist mehr als naiv). Und nicht das Leben 



*) A. Er man und F. Krebs, Aus den Papyrus der Kgl. Museen, Berlin 
1899, S. 241 f. 



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— 159 — 

eines Mönches oder Märtyrers wird verherrlicht, sondern das des 
schlichten Laien. Und wie fein sind die Empfindungen des Laien 
zum Ausdruck gebracht ! Eine grofse Viehherde kündigt Theo- 
dosius die bevorstehende Erhöhung im Traume an. Ist das nicht 
ein Traum, den nur ein Bauernsohn haben kann? Als Theo- 
dosius seinen Freund wiederfindet, setzt er ihm zunächst ordent- 
lich zu essen und zu trinken vor. Ist das nicht die gröfste Freude, 
die man einem armen Tagelöhner bereiten kann? 

Es ist besonders charakteristisch für die spätkoptische Litte- 
ratur, dafs sie sich wieder an die vorchristlichen Ereignisse der 
Weltgeschichte und Heimatsgeschichte erinnert. Auch auf diesem 
Felde der Schriftstellern hat man mit Übersetzungen begonnen. 
Im Weifsen Kloster fanden sich Bruchstücke einer saudischen 
Bearbeitung des sogenannten Alexanderromans (Pseudo- 
kallisthenes) , ). Sie ist , vom sprachlichen Standpunkte aus be- 
trachtet, kein Meisterwerk. Aber als eine vollkommen neue 
Leistung in der Geschichte der koptischen Litteratur verdient 
sie doch Beachtung, und das um so mehr, als sie bald selb- 
ständigere Leistungen ähnlicher Art hervorrief. Eine von diesen 
ist uns teilweise erhalten, der sogenannte Kambysesroman 2 ). 
Dieser ist ebensowenig geschichtlich wie Pseudokallisthenes. Kam- 
byses und Nabuchodonosor (Nebukadnezar) gelten als eine Person. 
Babylonier, Assyrer, Perser werden unterschiedslos durcheinander- 
gewürfelt. Die ganze vom Erzähler angenommene Lage ist ge- 
schichtlich unmöglich. Die Komposition ist eben eine freie 
Schöpfung der Phantasie. Wir werden zuerst zu den sogenann- 
ten Ostvölkern versetzt. Es ist nicht recht klar, wer damit ge- 
meint ist. Diese Völker stehen unter ägyptischer Botmäfsigkeit, 
gehören aber nicht zu den eigentlichen Ägyptern. Haben wir 
vielleicht an Syrer zu denken? Den Ostvölkern schreibt nun 
Kambyses einen Brief des Inhalts: er werde sie nächstens be- 
suchen und hoffe, sie würden sich ihm gutwillig unterwerfen; 
wenn nicht, so werde er sie zwingen ; auf die schwachen ägypti- 
schen Könige und deren Heere sollten sie sich ja nicht ver- 
lassen. Die Ostvölker fühlen sich durch diesen Brief in höchstem 
Mafse beleidigt. Die jungen Krieger möchten die Überbringer 



J ) O. v. Lern m, Der Alexanderroman bei den Kopten, St.-Petersburg 1903. 
*) H. Schäfer in den Sitzungsber. d. Kgl. Preufs. Akad. der Wissensch. 
1899 S. 724 ff.; Berliner koptische Urkunden I S. 33 ff. (O. Möller). 



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— 160 — 

am liebsten auf der Stelle erschlagen. Aber auf den Rat des 
klugen Bothor lassen sie die Boten frei und geben ihnen einen 
groben Brief an ihren König Kambyses mit. Er wird darin ein 
feiger Mensch genannt, mit dem ein anständiger Soldat eigent- 
lich gar nicht Krieg führt. Dagegen wird der Pharao, der unter 
dem Schutze des Hape (Apis) in Menfe (Memphis) und des 
Arnim in Taphnas steht, als der ruhmreichste und tapferste 
König gepriesen. Er wird die Kinder des Kambyses vor dessen 
Augen töten. Er wird die persischen Statthalter zur Erde beugen, 
die persischen Götter verbrennen. Kambyses selbst aber wird 
er kochen und sein Fleisch verzehren wie ein Bär. Die Ägypter 
haben ja bereits die gallischen Könige, die Hethiter, die West- 
lichen, die im Ogb und die Meder besiegt, Völker, die ihnen alle 
heute noch Untertan sind. Glaubt Kambyses etwa, dafs Ammon, 
Moab und Edom ihm helfen werden? Der Perserkönig wird 
durch diesen stolzen Brief aufs lebhafteste beunruhigt. Er 
möchte sich am liebsten sogleich mit ganzer Heeresmacht auf 
die Ostvölker stürzen. Einer seiner Ratgeber warnt ihn davor. 
Er schildert ihm die Kriegsttichtigkeit der Ägypter. Schon die 
kleinen Kinder lehren sie das Waffenhandwerk. Selbst die 
Frauen wissen bei ihnen mit Steinschleudern umzugehen. Sie 
sind wie die Honigbienen, die nur durch List bezwungen werden 
können. So rät der weise Mann dem Könige, unter dem Namen 
des Pharaos und des Hape einen Erlafs an die Ägypter zu 
richten, der sie zu einem Festgelage einladet. Dann wird der 
Pharao sich fürchten: wenn er die Volksmenge sieht, die sich 
ohne sein Gebot versammelt, mufs er ja merken, dafs er nicht 
allein Herr in seinem Lande ist. Die Versammelten aber werden 
ganz in der Perser Gewalt sein, da sie ja keine Waffen tragen. 
Kambyses befolgt diesen Rat. Im Namen des Pharaos — er 
wird Waphre (Apries, Hophra) genannt — ladet er alle Ägypter 
zu einem Hapefeste ein; mit dem Zorne des Gottes droht er 
allen, die sich nicht einstellen ; recht naiv wird noch hinzugefügt, 
auf der Versammlung werde von Steuern nicht die Rede sein. 
Nun ziehen die Boten des Kambyses durch alle Städte und Dörfer 
Ägyptens und verlesen den Brief. Den Ägyptern kommt aber 
das Ganze sehr bedenklich vor: sie wittern hinter der geheimnis- 
vollen Sache irgendeine List und bitten deshalb ihre Berater und 
Seher tim Belehrung. Diese erklären sofort und mit Bestimmt- 



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— 161 — 

heit : Dieser Brief stammt nicht vom Könige, sondern von unseren 
Feinden, den Persern, die von uns abfallen wollen. Daraufhin 
beschliefsen die Ägypter, sich alle in Waffen bei dem Pharao 
in Taphnas einzufinden. Sie kommen gerade dort an, als das 
Gerücht sich verbreitet, Kambyses wolle Ägypten bekriegen. 
Hier endet leider das Bruchstück. Nach dem Vorangegangenen 
kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, dafs in dem nun fol- 
genden Kampfe die Ägypter als Sieger hervorgehen. Der »Kam- 
bysesromanc ist eines der lehrreichsten Stücke der koptischen 
Litteratur. Er verleugnet, trotz der Erwähnung altägyptischer 
Gottheiten, durchaus nicht, dafs er aus einem Kloster hervor- 
gegangen ist. Seine Sprache ist die Sprache der Bibel. Auch 
seine Geschichtsquelle ist die Bibel, vor allem der Prophet Jere- 
mias; daneben ist freilich noch Herodot, Xenophon und Diodor 
mittelbar oder unmittelbar benutzt. Eigene Überlieferung fehlt 
den Ägyptern schon damals vollkommen. Selbst ausschmückende 
Einzelheiten sind den Quellen entnommen ; wie ähnlich ist Kam- 
byses' Brief an die Ostvölker den Worten des Rabsake 2. Könige 
18, 19 ff. Freilich springt der Verfasser mit seinen geschicht- 
lichen Unterlagen sehr frei um. Wie soll er auch anders können, 
wenn er ein Ägypter ist, wenn er gar ein Mönch ist, dessen 
Lebensaufgabe vielleicht darin besteht, zum Preise der alten 
Heiligen neue Sagen zu erdichten? Aber es ist ein weltoffenes 
Kloster, in dem der Kambysesroman seine Heimat hat. Mit 
welcher Begeisterung erzählt der Mönch von der Kriegstüchtig- 
keit seiner Volksgenossen! Mit welcher Verachtung spricht er 
von den Feinden seines Vaterlandes! Auf den Siegesinschriften 
der alten Könige würden seine Worte eine passendere Stelle 
haben als in einer Handschrift, die fromme Mönche lesen sollen. 
Sonderbar ist es freilich, dafs der Mönch gerade die Tugend 
seines Volkes preist, die es am wenigsten besitzt : die Tapferkeit. 
Die ägyptischen Bauern können Pflug und Grabscheit recht gut 
handhaben.** Aber mit Schwert und Speer haben sie nie Grofses 
geleistet. Man fragt unwillkürlich: ist eine solche Verkehrung 
der Tatsachen möglich ohne bestimmten Anlafs? Soll vielleicht 
unter dem Namen des Persers der Araber bekämpft werden 
und der Kambysesroman nicht eine Verherrlichung der Urahnen 
sein, sondern ein Aufruf an die Ägypter der Gegenwart, das 
fremde Joch zu brechen? Eine Schrift in koptischer Sprache, 

Litteraturen des Osten». VIT, 2. 11 



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— 162 — 

die die Araber nur wenig verstanden, konnte diesem Zwecke 
sehr gut dienen. Die Vermutung würde ausgezeichnet zu der 
Tatsache stimmen, dals die koptische Litteratur im allgemeinen 
mehr als irgendeine andere Litteratur Bedtirfnislitteratur ist. 

Sprachlich steht der Kambysesroman der älteren Periode 
der koptischen Litteratur sehr nahe. Griechische Worte, auch 
Konjunktionen, braucht er mit Vorliebe; sein Verfasser besitzt 
auch noch die von den Grfechen erlernte Kirnst, lange Sätze zu bilden. 
Aber diese Kirnst ging den Kopten jetzt rasch verloren, und 
nicht zu ihrem Schaden. Schon das Märchen von Theodosius 
und Dionysius hält sich frei von griechischen Konjunktionen und 
griechischen Satzformen, soweit das möglich ist ; in noch höherem 
Grade gilt das von den saidischen Litteraturwerken, die im fol- 
genden zu erwähnen sind. Das ist ein deutlicher Beweis für 
die Tatsache, dafs die älteren koptischen Schriften der engen 
Verbindung mit dem Griechentume einen guten Teil ihres Da- 
seins verdanken. Sowie die Verbindung mit dem Griechentume 
aufhörte, also seit der persisch-arabischen Eroberung, mufste das 
griechische Element der koptischen Sprache natürlich allmählich 
verschwinden. Sowie es in den Klöstern keine Mönche mehr 
gab, die des Griechischen kundig waren, wurden alle Einflüsse 
des Griechischen auf Sprache und Litteratur durch national-kop- 
tische Einwirkungen ersetzt. 

Es ist sehr charakteristisch, dafs wir in dieser jüngeren 
koptischen Sprache, wenn man von dem genannten Theodosius- 
märchen absieht, fast nur Lieder besitzen, Lieder von derselben 
äufseren Form, wie wir sie bereits in der faijumischen Litteratur 
fanden 1 ). Schon diese Tatsache lehrt uns, dafs die junge kop- 
tische Litteratur durchaus volkstümlich ist oder sein will; ihr 
Inhalt bestätigt das. 

Volkstümlich ist zunächst eine dichterische Bearbei- 
tung einzelner Bibelstellen, die uns in einer Berliner 
Handschrift fast vollständig erhalten ist 2 ). Bevorzugt sind unter 
den biblischen Büchern vor allem die Sprüche Salomos, der Pre- 
diger und das Hohe Lied. Verse, die sich nicht an einen Bibel- 
text anschliefsen, sind sehr selten. Die Sprache ist, wie das bei 

J ) Über die koptische Metrik vgl. A. Erman, Bruchstücke koptischer Volks- 
litteratur (Abhandl. der Kgl. preufs. Akad. d.Wissensch. zu Berlin 1897) S. 44 ff. 
*) Berliner koptische Urkunden 1 S. 45 ff. (O. Möller). 



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— 163 — 

der jungen koptischen Litteratur oft zu beobachten ist, stark 
dialektisch gefärbt; es scheint, dafs Eigenheiten der achmimi- 
schen Mundart auf sie eingewirkt haben. Diese wäre dann nicht 
so gänzlich ausgestorben, wie man nach den rein saidisch ge- 
schriebenen Werken der Zeit Schenutes und seiner Nachfolger 
glauben möchte. Gewöhnlich sind 2X4 (auch 4 X 4), nur 
selten 3X4 Zeilen zu einem Ganzen verbunden ; freilich ist die 
Verbindung oft sehr lose. Die Zeile hat meist drei, seltener 
zwei oder vier betonte Silben und beginnt nie mit einer solchen. 
Über den einzelnen Abschnitten ist die Melodie angegeben, nach 
der das Lied zu singen ist; die Melodie wird, wie in unseren 
Gesangbüchern, nach den Anfangsworten des ihr ursprünglich 
zugrunde liegenden Liedes genannt: > Johannes c, »Ein Beispiele, 
»Drei Dinget, »Meine Elternc, »Der König hatc, »Blicket usw. 
An den dichterischen Wert der Stücke darf man nicht zu hohe 
Anforderungen stellen. Unzählige Male wird der Kehrvers 
wiederholt: »Sprach Salomo, der weise Königt. Es ist ja auch 
sehr schwer, Sittensprüche — und diese überwiegen durchaus — 
in dichterischer Weise zu behandeln. Dafs übrigens die Kopten 
gerade die Weisheitslitteratur des Alten Testaments durch eine 
volkstümliche Bearbeitung den Laien zugänglich machten, erklärt 
sich aus der alten Vorliebe der Ägypter für diese Art Schrift- 
stellerei. Auch in altägyptischer Schrift sind uns Weisheits- 
bücher erhalten, denen teilweise ein sehr hohes Alter zuge- 
schrieben wird. Vielleicht darf man die Ägypter sogar als die 
Erfinder dieser Litteraturgattung betrachten; Bauern werden ja 
immer gerade an Sittensprüchen ihre Freude haben. Ich füge 
hinzu, dafs schon Schenute die Weisheitsbücher des Alten Testa- 
ments besonders gern benutzt und auch des öfteren versucht, 
neue Sentenzen in ihrem Stile zu prägen. Ich gebe im folgen- 
den einige Proben aus dem Berliner Weisheitsbuche: 

(33) Der Prediger belehrte uns 

Durch seine lebensvollen Worte: 

Nichts ist in dem Leben dieser Welt 

Aufser Mühe und Leid. 

Wer ein Weib nahm, nahm Trauer. 

Wer Kinder bekam, bekam Leid. 

Die Kinderlosigkeit wiederum hat keine Wurzel, 

Sprach Salomo, Davids Sohn. 

11* 



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— 164 — 

Von besonderer Wichtigkeit sind uns die wenigen christ- 
lichen Stücke; sie lehren uns, wie die Kopten in dieser späten 
Zeit die Religion verstanden haben. Da heilst es z. B. : 

(7) Belehre mich über das Wesen dieses Baumes, mein Herr, 

Der im Paradiese wächst, 

Dessen Frucht sehr suis ist, 

Den der Cherubin bewacht. 

Er wird bewacht für diese Märtyrer, 

Die kämpften und den Kranz empfingen. 

Sie afsen von seiner Frucht. 

Ihre Freude ward vollkommen. 
(45) Was ist der Nutzen der Schätze der Erde? 

Gehen wir hin, so verlassen wir sie: 

Sie können uns nicht retten, 

Spricht der Prediger. 

Auf, lafst uns zum Bethause gehen, 

Der Kirche des Christus, 

Seinen Leib empfangen, sein Blut empfangen: 

Sie vergeben die Sünden, die wir taten. 
(64) Ich werde heute in meinen Garten gehen 

Und mein Brot, meinen Honig essen 

Und meinen Wein, meine Milch trinken, 

Spricht Salomo im Liede der Lieder. 

Mein Garten ist die Kirche. 

Mein Brot ist der Leib des Heilands 

Und sein wahres Blut: 

Sie vergeben uns unsere Sünden. 
(78) Siehe, die Schlüssel meines Königreichs 

Gab ich in deine Hände, Petrus. 

Sei barmherzig; 

Denn ich bin ein barmherziger Gott. 

Weide meine Schafe! 

Lehre sie recht, mein Geliebter! 

Versammle sie in meiner Kirche, 

Dafs ich ihre Sünden vergebe. 

Einige Lieder handeln von der vergangenen Geschichte der 
Kirche. Es ist sehr charakteristisch, welche Ereignisse die 
Kopten für würdig der Verherrlichung befunden haben. 

(41) Wir sahen viele, die sich brüsteten: 

Aber Almosen empfingen sie vor ihrem Tode. 

Wir sahen Diokletian 

Und das Grofse, das ihm geschah: 



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— 165 — 

Gestern war er ein gewalttätiger König; 

Heute ward er blind und empfing Almosen. 

So erzählen unsere heiligen Väter 

In ihren herrlichen Geschichten. 
(48) Der Herr segnet dieses Volk 

Durch den Mund dieser vier Lehrer: 

Cyrill und Dioskur 

Und den Lehrer Athanasius. 

Sie sollen empfangen die Segnungen des Apa Schenute 

Überall, wo sie hinkommen. 
(70) Gehe nicht zur Kirche, 

Um ein Opfer darzubringen, 

Wenn du deinem Nächsten zürnst, 

Spricht der Lehrer Athanasius. 

Geh, mache Friede mit ihm 

Und versöhne dich mit ihm von ganzem Herzen. 

Dann bringe deine Gabe herein: 

Der Heiland wird dir deine Sünden vergeben. 
(91 f.) Das Fasten und das Gebet 

Und die Demut und die Liebe 

Lafst uns in Dankbarkeit vollbringen; 

Denn sie retten uns. 

Bewahre dein Bett 

In den vierzig Tagen im Namen des Herrn: 

Er ist ja langmütig und barmherzig, 

Vergibt die Sünden, die du tatest. 

Das Fasten und das Gebet, 

Sie retten mich 

In der Zeit der Verfolgung, 

Spricht unser Vater Athanasius: 

Sie brachten mich in den Kahn, 

Mich und Liberius; 

Er brachte uns ans Ufer, 

Und nichts Böses widerfuhr uns 1 ). 

Unter den biblischen Geschichten haben die Kopten vor 
allem die von Salomo und der Königin von Saba bevor- 
zugt Sie bot ja Gelegenheit genug, Wundergeschichten zu er- 
finden; und solche hörten die Kopten immer mit besonderer 
Freude. Das Berliner Museum besitzt das Bruchstück einer 
rhythmischen, alphabetisch angeordneten Darstellung dieses Gegen- 
standes 9 ). Die Königin, von Salomo durch eine List bezwungen, 



l ) Vgl. Zoega a. a. O. S. 262. 
*) Erman-Krebs a. a. O. S. 243. 



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— 166 — 

schenkt ihm eine Säule, auf der alle irdische Wissenschaft ge- 
schrieben steht. Salomo läfst diese Säule durch einen seiner 
Geister aus Äthiopien holen; in einem Augenblicke ist sie da. 
Auch in der eben besprochenen Berliner Liedersammlung spielt 
die Königin von Saba eine Rolle; sie gibt Salomo Rätsel auf, 
die dieser löst. So spricht sie z. B. : 

(73) Ein Baum wächst in meiner Stadt, 
O König Salomo: 

Er wächst in dem Garten meiner Eltern; 

Er trägt Frucht; 

Ein Bild ist auf ihn gemalt. 

Wenn die Frauen ihn sehen, 

Lieben sie ihn .... 

Sage mir doch die Lösung; 

Du bist ja ein Weiser und Verständiger. 

Der König antwortet: 

(74) Dieser Baum, von dem du redest, 
Jesaba, Königin der Egoosch 1 ), 
Das ist die Sonne, die leuchtende. 
Sie ist an der Ostseite; 
Niemand kennt ihr Kommen. 
Wenn die Frauen sie sehen, 
Lieben sie sie. 

Wegen ihres aufgehenden Lichtes 
Jubeln sie und freuen sie sich. 
Salomo der weise König, 
Löste dieses Rätsel auf. 

Kirchengeschichtliche Erinnerungen, die ihrer Art nach mit 
denen der Berliner Sammlung zu vergleichen sind, hat ein Strafs- 
burger Papierblatt aufbewahrt 2 ). Es behandelt, ebenfalls rhyth- 
misch, die Erscheinung des Kreuzeszeichens vor dem 
Kaiser Konstantin. Dieser sieht plötzlich leuchtende Sterne, die 
in der Form eines Kreuzes gruppiert sind, und vernimmt dazu 
die Stimme des Herrn: 

Blicke auf zum Himmel, 
. Konstantin, grolser Kaiser! 



') Egoosch (Kusch) = Nubien. 

•) W. Spiegelberg, Koptische Kreuzlegenden, im Recueil de travaux XXIII 
(1901). 



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— 167 - 

Ein christlicher Soldat, der in seinem Heere dient, der heilige 
Eusignius, deutet ihm das Zeichen: 

Herr, höre das Wort deines Knechtes, 

Damit ich vor dir rede: 

Dies Zeichen, das du am Himmel sahst, 

Das die Form des Kreuzes trägt, 

Ist nicht von den Göttern Diokletians, 

Sondern von meinem Herrn Jesus, dem Christus. 

Der ist der wahre Gott 

Unsere Väter glaubten an ihn. 

Grofs sind seine Kräfte. 

Achte auf ihn: er rettet dich: 

Wegen seines Zeichens wirst du siegen. 

Im folgenden wird dann noch die Auffindung des Kreuzes 
erzählt; leider ist der Text stark verletzt. 

Eine Dichtung höherer Art bildet eine Reihe von Strophen, 
meist Achtzeilern, die das Schicksal des heiligen Archellites 
(Archylides) und seiner Mutter Synkletike (Theopista) behandeln *). 
Den Stoff dieser Dichtung, den übrigens die Kopten nicht er- 
funden haben, bildet ein Konflikt zwischen Mutterliebe und Mönchs- 
gelübde. Der vornehme römische Jüngling Archellites wird durch 
den Anblick einer Leiche »bekehrte und tritt in das Kloster des 
Apa Romanus in Palästina ein, wo er bald ein grofser Heiliger 
wird. Seine Mutter Synkletike weifs nichts davon. Sie meint 
schliefslich, ihr Sohn sei tot; so kommt auch sie auf den Ge- 
danken, ein Leben der Entsagung zu führen. Sie erbaut eine 
Herberge, in der sie nur ein kleines Zimmer für sich behält. 
Durch Wanderer erfährt sie von ihrem Sohne und seiner Heilig- 
keit. Sofort macht sie sich nach dem Kloster auf, um Archel- 
lites wieder zu sehen. Der aber hat ein Gelübde getan, nie 
wieder ein Frauengesicht zu erblicken. Doch den Bitten seiner 
Mutter kann er auf die Dauer nicht widerstehen. Da fleht er 
zu Gott, er möge ihn sterben lassen, ehe §eine Mutter eintritt; 
sein Gebet wird erhört. Als Synkletike die Schwelle über- 
schreitet, erblickt sie ihren Sohn, aber als Leiche. Der Herr 
erbarmt sich ihrer in ihrem grofsen Schmerze und nimmt sie 
ebenfalls heim. In demselben Grabe werden Mutter und Sohn 
bestattet. Der koptische Dichter hat nicht ohne Geschick diesen 



! ) Erman-Krebs a. a. O. S. 243 ff. 



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— 168 — 

tragischen Stoff zu einer Art Drama gestaltet. Rede folgt un- 
mittelbar auf Rede; verbindender Text fehlt fast ganz. Kaum 
würden wir die Entwicklung der Handlung erraten können, würde 
sie uns nicht in dem koptischen Heiligenkalender, dem sogenann- 
ten Synaxare, mit schlichten Worten erzählt. Das ganze Werk 
wurde wohl rhythmisch vorgetragen ; die Melodien sind an einigen 
Stellen angegeben. Besonders gelungen ist die Darstellung der 
Ankunft Synkletikes am Romanuskloster. Sie läfst ihrem Sohne 
folgende Botschaft bringen: 

(11) Archellites, mein Geliebter. 

Ich beschwöre dich bei den Leiden, 

Die der Christus für uns ertrug: 

Komm doch heraus, dafs ich dein Antlitz sehe 

Und meine Freude vollkommen wird. 

(12) Geht und sagt Archellites: 

Deine Mutter steht vor deiner Türe. 

Ich bin zu dir gekommen, dein Antlitz zu sehen: 

Wenn ich dich sehe, möchte ich sterben. 

Komm heraus, mein Geliebter, 

Dals du meine Seele tröstest, 

Dafs ich dein Antlitz sehe 

Und mein Herz beruhigt wird. 

Archellites läfst ihr daraufhin sagen: 

(13) Ich schlofs einen Bund 

Mit Gott, kann ihn nicht übertreten, 

Zu dieser Türe nicht hinauszuschreiten 

Und kein Frauengesicht je zu sehen. 

Wenn du hier bleibst, 

O meine Mutter, so baue dir ein Kloster; 

Wenn du heimkehrst, 

Führt dich der Herr. 

Ergreifend ist der Schlufs des Gedichtes, die Totenklage der 
Mutter : 

(21) Ihr Frauen alle, die ihr Kinder gebart, 
Versammelt euch und weint mit mir. 
Einen Sohn gebar ich: 
Ich brachte ihm den Tod. 
Ich möchte eine Gelegenheit, dich zu sehen, 
Lieber als alle Schätze der Welt. 
Der Herr ist mein Helfer: 
Meine Sorge ist auf ihn geworfen. 



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— 169 — 

(22) Ihr Frauen, die ihr Kinder gebart, 
Versammelt euch und weint mit mir! 
Einen Sohn gebar ich: 

Ich brachte ihm den Tod. 

Ich sandte dich nach Athen 

Und Berytus, dafs du gelehrt würdest. 

Du verliefst das alles, 

Gingst hin und wurdest Mönch. 

(23) Ich durchfuhr dies grofse Meer: 
Von der Stadt Rom her 

Kam ich zu dir, 

Archellites, mein einziger Sohn, 

Du Licht in meinen Augen. 

Ich brachte all dies über dich, 

O mein Sohn Archellites. 

Warum verstand ich nicht, mich zu bescheiden (?)? 

Ich brachte dir den Tod. 

(24) Hebe deine Augen auf und sieh mich an, 
Archellites, mein geliebter Sohn. 

Ich bin Synkletike, deine Mutter, 

Bin hierher gekommen, um dich zu sehen. 

Ja (?) ich bin gekommen, um dich zu sehen: 

[Da stiefsest du] mich [zurück]. 

Ich kam zu dir, mein geliebter Sohn; 

Ich sah dich tot wieder. 

Aus demselben Geiste, dem die Archellitesdichtung ihr Da- 
sein verdankt, sind einige kurze Lieder hervorgegangen, als 
deren Sammler wir vielleicht einen gewissen Humisi betrachten 
dürfen 1 ). Sie zeichnen sich fast alle durch ein freieres Metrum 
aus. Das Gesetz der Vierzeiligkeit ist nicht immer gewahrt. 
Auch sind die einzelnen Zeilen oft von recht ungleicher Länge. 
Der Inhalt dieser Lieder umfafst die verschiedensten Gebiete des 
religiösen Lebens; des öfteren bieten sie freie Umschreibungen 
von Sprüchen des Johannes Chrysostomus von Konstantinopel, 
dessen Predigten ja, wie wir sahen, teilweise ins Saudische über- 
setzt worden waren. Natürlich spielen die Ideale des Mönch- 
tums auch in diesen Liedern eine Rolle. Eines von ihnen be- 
handelt dasselbe Motiv, das in der Archellitesgeschichte und so 
vielen anderen asketischen Erzählungen die innere Wandlung 
des Helden herbeiführt: 



l ) Er man, Bruchstücke usw. (vgl. S. 162) S. 31 ff. 



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— 170 — 

Ich kam daher auf dem Wege; 

Ich fand eine Leiche, zugebunden und tot. 

Ich band sie auf; sie sprach zu mir: 

Ich kam zu dir, mein heiliger Vater, 

Dafs du mich deutest durch deine Weisheit. 

Andere Lieder sprechen die Grundvoraussetzungen der christ- 
lichen Frömmigkeit aus: 

Freundschaft ist nicht Essen und Trinken; 

Sondern die rechte Freundschaft ist diese: 

Wenn dein Freund in Sünde ist, 

Dafs du deine Seele als Lösegeld für ihn gibst. 

Der Freund Adams ist der Christus. 

Als er dessen Übertretung fand, 

Gab er seinen Leib und sein Blut für ihn, 

Bis er ihn wieder in sein Reich brachte. 

Auch Marienlieder finden sich in der Sammlung. Das eine 

lautet : 

Meine goldene Taube, nach der Weisheit Salomos, 

Mit den silbernen Fitigeln, wie geschrieben steht bei David: 

Dein Sitz und dein Standort 

Ist der Wagen der Cherubin. 

Diese sind in den Himmeln 

Bei deinem Sohne Emmanuel; 

Sie singen das Trishagion; 

Heilig, heilig, heilig bist du, dreimal, 

Du König in den Himmeln. 

Andere Lieder behandeln das allgemeine Todesschicksal der 
Menschen oder umschreiben biblische Geschichten. Besonders 
gut ist eine Episode aus der Geschichte des Propheten Elias ge- 
lungen. Elias bittet Gott, über eine böse Stadt sieben* Jahre 
Hungersnot zu verhängen. Gott willfahrt ihm; »er machte den 
Himmel zu Erz und die Erde zu Eisen; nicht mehr fiel Regen 
herab oder Taue Die Hälfte der Zeit ist um; die Menschen 
haben sich noch nicht gebessert. »Gott hatte Erbarmen; Elias 
hatte kein Erbarmen.« Aber Gott setzt seinen Willen durch; 
>er nahm den ehernen Himmel weg und die eiserne Erde. Er 
träufelte Tau hernieder und Regen. Da trug die Erde wieder 
Frucht. Die Bäume wuchsen und trugen Frucht. Die Menschen 
lebten mit ihrem Vieh und priesen den Herrn.« 

In der Zeit der spätkoptischen Litteratur, der wir die be- 
sprochenen Gedichte verdanken, taucht auch eine Art »Wissen- 



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— 171 — 

schaftc wieder auf, die schon die alten Ägypter gepflegt hatten : 
man erfand und sammelte medizinische Rezepte. Solche 
hat es selbstverständlich auch in der älteren koptischen Kirche 
gegeben. Wenn sie gleich von griechischen Errungenschaften 
hier und da beeinflufst sein mögen, so entsprechen sie doch nach 
Form und Inhalt genau den altägyptischen Erzeugnissen dieser 
Art ; es ist also unmöglich, dafs die alte Überlieferung je unter- 
brochen und dann, über Jahrhunderte hinweg, wieder erneuert 
wurde. Aber die Zeiten Schenutes betrachteten diese ärztliche 
Schriftstellern, nicht ganz mit Unrecht, als etwas Heidnisches; 
selbst die ärztliche Kirnst als solche galt damals als bedenklich. 
So mufsten die medizinischen Bücher und Fertigkeiten in den 
früheren Jahrhunderten auf dunkle Winkel ihre Wirksamkeit be- 
schränken. Erst die spätere Zeit brachte sie wieder zu Ehren 
und gönnte ihnen selbst in den Klöstern einen Platz. Viel hat 
sich gleichwohl nicht erhalten. Wir haben nur von einem ein- 
zigen gröfseren Buche ein dürftiges Bruchstück 1 ). Was sonst 
noch vorhanden ist 2 ), sind kleine Fetzen, die kaum je einem 
umfangreichen Werke einverleibt waren. Für den, der die alt- 
ägyptischen Arzneibücher, z. B. den Leipziger Papyrus Ebers, 
kennt, bieten sie kaum etwas Neues. An der Spitze jedes Re- 
zeptes wird die Krankheit genannt, dann die Arznei beschrieben, 
am Schlüsse oft noch hinzugefügt: »Dann wird er gesund 
werden, c Die Arzneien bestehen noch immer, wie Jahrtausende 
vorher, aus einem bunten Durcheinander möglichst absonderlicher 
Substanzen; im günstigsten Falle ist vielleicht ein Mittel dar- 
unter, das wirklich hilft; die anderen Bestandteile haben ihre 
Pflicht getan, wenn sie nicht unmittelbar schaden und die Wirkung 
der Arznei durch die Suggestionskraft ihrer schönen Namen unter- 
stützen. Sehe ich recht, so sind die koptischen Rezepte ein wenig 
nüchterner und einfacher als die altägyptischen ; aber der Unter- 
schied ist nur quantitativ. 

Die Kopten haben übrigens nicht nur Rezepte zur Kranken- 
heilung besessen, sondern auch Anweisungen für andere schöne 
Kunstfertigkeiten. So ist uns z. B. eine sehr ausführliche Be- 
schreibung des Purpurfärbens erhalten 8 ). 

') Zoega a. a. O. S. 626 ff.; DuUurier im Journal asiatique 1843 (vgl. 
auch das alchemistische Buch: L. Stern in der Zeitschr. f. ig. Spr. 1885> 
a ) Erman-Krebs a. a. O. S. 252 ff. 
3 ) Ebenda S. 255 f. 



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— 172 — 

Die Medizin stand bei den alten Völkern stets in sehr 
enger Beziehung zur Zauberei. So begnügten sich auch die 
Kopten oft nicht, durch die Eigenart der Arzneien auf den Pa- 
tienten psychologisch einzuwirken, sondern benutzten dazu auch 
geheimnisvolle Zaubersprüche, die teilweise wohl auch auf die 
heidnische Zeit zurückgehen, wenngleich sie christliche Namen 
nennen. Bei einem Augenleiden soll man nicht nur die Arznei 
geniefsen und sich drei Tage in acht nehmen, sondern auch den 
Erzengel Michael anrufen und heilkräftige Worte sprechen. 
Natürlich hat man die Krankheiten auch durch Zaubersprüche 
allein zu bekämpfen gesucht, ohne dafs diesen eine Arznei- 
wirkung zur Seite ging. Sehr lehrreich ist eine Formel gegen 
Leibschmerzen 1 ). Sie zeigt, wie eng bei den späteren Kopten 
Altheidnisches und Christliches verbunden war, zeigt auch, wie 
die Zaubertexte entstanden, oder wie man sich ihre Entstehung 
dachte: man erzählt eine Geschichte, die von der Offenbarung 
des Spruches und seiner ersten erfolgreichen Anwendung be- 
richtet ; dieser Spruch wird dann auch anderen helfen, die in der- 
selben Bedrängnis sind. Hör (Horus), der Sohn der Ese (Isis), 
fing einen Sperber, zerschnitt ihn ohne Messer, kochte ihn ohne 
Feuer und afs ihn ohne Salz. Da schmerzte ihn sein Leib; er 
weinte laut: * Hätte ich doch meine Mutter Ese heute bei mir! 
Ich möchte einen Geist, den ich zu meiner Mutter Ese senden 
kannU Da kam zu ihm der erste Geist Agrippas. Er spricht 
zu Hör: »Du willst zu deiner Mutter Ese gehen ?c Hör fragt 
ihn, wie schnell der Geist zu Ese kommen kann. Der erwidert : 
»Zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück. f Hör ist damit 
nicht zufrieden. Er fragt den zweiten Geist Agrippas. Aber 
auch der ist ihm noch zu langsam; er braucht eine Stunde hin 
und eine zurück. Aber der dritte Geist Agrippas, der nur ein 
Auge und eine Hand hat, ist der rechte: der ist so schnell 
wie der Atem; so sendet ihn Hör zu seiner Mutter, die einen 
eisernen Kopf aufhat und einen ehernen Ofen heizt. Ese teilt 
ihm folgenden Zauberspruch mit: »Wenngleich du mich nicht 
fandest und meinen Namen nicht fandest, der die Sonne nach 
Westen und den Mond nach Osten trägt, der die sechs Sühn- 



') Berliner Koptische Urkunden I S. 2. Über Zauberspruche im allgemeinen 
vgl. Erman-Krebs a. a. S. 257 ff. 



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— 173 — 

Sterne trägt, die unter der Sonne sind, so beschwörst du bei ihnen 
die dreihundert Gefäfse, die den Nabel umgeben: Jede Krank- 
heit und jedes Leiden und jeder Schmerz, der im Leibe des N. N., 
Sohnes des N. N., ist, soll sogleich aufhören. Ich rede, der 
Herr Jesus, der die Heilung gibt.« 

Die Zauberei hat bei den Kopten natürlich auch aufserhalb 
der Medizin eine grofse Rolle gespielt. Vor allem haben sich 
solche Sprüche erhalten, die zu glücklicher Liebe helfen sollten. 
Sie zeichnen sich fast ausnahmslos durch eine grofse Unverfroren- 
heit in religiösen Dingen aus. Den himmlischen Mächten wird 
sozusagen der Stuhl vor die Tür gesetzt, wenn sie nicht helfen 
wollen. »Satan, der Teufel, c wird angerufen, »der mit seinem 
Stabe auf die Erde schlug wider den lebendigen Gott;c der Satan 
hat ja erklärt : »Ich bin auch ein Gott.c In einem Spruche ver- 
steigt sich der Zauberer zu den Worten: »Wenn du mir nicht 
beistehst, werde ich hinabsteigen in die Unterwelt und den Fürsten 
des Tartarus heraufbringen und sprechen : Du bist auch ein Gott. 
Denn ich will die Liebe der N. N. gewinnen.« Darauf läfst 
der Zauberer Gott ganz eingeschüchtert erwidern: »Bittest du 
um den Stein, so zerbreche ich ihn ; bittest du um das Eisen, so 
mache ich es zu Wasser; bittest du um die eisernen Tore, so 
werde ich sie eilig zerbrechen, bis ich das Herz der N. N. an 
dich binde, ich, eilig. Wenn sie darauf nicht kommt, werde ich 
die Sonne aufhalten in ihrem Wagen und den Mond in seinem 
Laufe und den Kranz der Sterne, die auf dem Haupte Jesu sind, 
bis ich deine Bitte eilig erfülle. Ja, ja.« Natürlich fehlt es diesen 
Sprüchen auch nicht an sinnlosen, oft alphabetisch geordneten 
Worten, die nur den Eindruck des Geheimnisvollen verstärken 
sollen. Seltener sind Zauberformeln, die sich mit anderen Dingen 
befassen, mit Lösung von Fesseln, Zunahme der Stärke, Bered- 
samkeit, Wohlstand. Daneben gibt es Sprüche, die keinem be- 
sonderen Zwecke dienten, sondern dauernd als Amulett benutzt 
wurden. Auch manches Schriftstück, das ursprünglich nichts 
weniger war als ein Amulett, wurde schliefslich als solches 
verwandt, wie der Brief Jesu an Abgar und die Namen der 
42 Märtyrer von Sebastea. 

Wie leicht sich bei den späteren Kopten Heidnisches mit 
Christlichem verbinden konnte, lehrt die Tatsache, dafs sie auch 
den Physiologus (den »Naturkundigen«) in ihre Sprache über- 



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— 174 — 

setzt haben 1 ). Dieser ist eine Sammlung heidnischer Tiersagen, 
die einst in der ganzen alten Welt, besonders im Morgenlande, 
gern gelesen wurde, auch von Christen. Den Kopten mufsten 
natürlich die märchenhaften Geschichten dieses Buches besonders 
zusagen. Um ihnen wenigstens ein christliches Mäntelchen um- 
zuhängen, wurden sie, wie das auch in anderen Ländern geschah, 
allegorisch umgedeutet, d. h. auf Gegenstände der christlichen 
Religion angewandt. Der Vogel Alloö, der drei Tage in seiner 
Höhle ruht, ist der Heiland, der drei Tage im Grabe liegt, usw. 
Das Charakteristische für den koptischen Physiologus ist aber 
die Tatsache, dafs er geistige Speise der Gebildeten war; in den 
anderen christlichen Ländern, in denen er gelesen wurde, haben 
wohl nur die unteren Schichten des Volkes sich an ihm zu er- 
götzen gewufst. 

Man kann es rätselhaft finden, dafs die koptische Kultur, 
und mit ihr die koptische Litteratur, nach kurzer Blüte und nach 
einigen wenigen verheifsungsvollen Anfängen so rasch sank, als 
die Araber das Land erobert hatten. Warum haben die Er- 
oberer, die doch das Kulturvolk des Morgenlandes im Mittel- 
alter waren oder wurden, nicht zu neuem, höherem Schaffen be- 
geistert? Die Antwort liegt nicht fern. Unterdrücker und 
Unterdrückte waren durch ihre Sprache getrennt. So konnte es 
zwischen Arabern und Kopten ebenso wenig lebhafte Beziehungen 
geben, wie es seinerzeit zwischen Griechen und Kopten solche 
gegeben hatte. Wer nach höherer gesellschaftlicher Stellung 
und höherer Bildung strebte, mufste nicht nur Arabisch lernen, 
sondern selbst Araber werden, mufste also auch die Religion auf- 
geben, mit der das koptische Wesen durch tausend Ketten ver- 
bunden war. So war es eine innere Notwendigkeit, dafs die kop- 
tische Litteratur nach der arabischen Eroberung verfiel; sie 
mufste verfallen, nicht weil ihre Vertreter zu ungebildet oder zu 
geistlos waren, sondern weil die Männer, die zu ihrer Fort- 
führung berufen waren, sich hatten arabisieren lassen. 

Selbstverständlich hat es auch unter den Kopten vaterländisch 
gesinnte Leute gegeben, die diese Entwicklung erkannten, ihren 
Erfolg oder Mifserfolg voraussahen und sich ihr deshalb mit 
ganzer Kraft entgegenstemmten. Wenigstens von einem dieser, 



>) Erman-Krebs a. a. O S. 250ff. 



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— 175 — 

so darf man wohl sagen, letzten Kopten hat sich uns Kunde er- 
halten, von dem Verfasser des Triadon 1 ), der etwa im 13. Jahr- 
hundert gelebt haben wird. Das Triadon ist ein Gedicht, das 
durchweg aus Vierzeilern besteht (es zählte deren 732, von denen 
428 ganz oder teilweise erhalten sind). Innerhalb der einzelnen 
Zeilen ist das Metrum ein sehr freies ; wir finden bald drei, bald 
vier, bald fünf Hebungen. Von den älteren saidischen Gedichten 
unterscheidet sich das Triadon vor allem durch den Reim , in 
dessen Verwendung wir wohl arabische Einflüsse sehen dürfen. 
Gereimt hat der Verfasser zunächst die drei ersten Zeilen jeder 
Strophe (deshalb hat er sein Gedicht Triadon, >Dreireimerc, ge- 
nannt) ; die vierten Zeilen enden alle auf on, ön oder an, können 
also mit gewissem Rechte ebenfalls als gereimt gelten (auch diese 
eigentümliche Anordnung des Reimes wird auf arabische Vor- 
bilder zurückzuführen sein). Man kann nicht sagen, dafs der 
Reim den Wert des Gedichtes erhöht. Im Gegenteil, gerade er 
hat den Verfasser zu den törichtsten Kunststückchen genötigt, 
zur Verstümmelung von Silben, zur Hinzufügung ganz sinnloser 
Worte usw. Ein Dichter von Gottes Gnaden war der Urheber 
dieser Verse jedenfalls nicht; er will es auch nicht sein. Sein 
Werk ist ein Lehrgedicht; es soll die Kopten mit neuer Liebe 
zu ihrer verfallenden Sprache erfüllen: 

(413) Meine Brüder, kommt, hört diese süfsen Worte 
Und versteht diese gesunden Gedanken, 
Wie ich anfing und euch lehrte 
Den Nutzen dieser koptischen Sprache*). 

Trotzdem besitzt der Verfasser ein Selbstbewufstsein, wie 
wir es bei Kopten nur sehr selten finden ; er versichert mit Stolz, 
dafs es ihm ohne Gottes Hilfe nicht möglich gewesen wäre, das 
Triadon anzufertigen (441). Darnach liegt wohl die Zeit, in der 
man noch sai'dische Bücher geschrieben hatte, schon weit 
zurück; wer koptisch schrieb, wurde bereits als ein Wunder an- 
gestaunt. Der Inhalt des Lehrgedichtes ist seinem Zwecke ganz 
entsprechend. Wir finden in ihm eine Sammlung all der Ge- 



*) Oscar von Lern in, Das Triadon. Ein sahidisch es Gedicht mit arabischer 
Übersetzung. I. Text. St. Petersburg 1903. 

2 ) Unserer Handschrift des Triadon ist eine arabische Obersetzung bei- 
gegeben. Es ist mir jedoch sehr zweifelhaft, ob diese von dem »Dichter« selbst 
herrührt. 



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— 176 — 

danken, die den Kopten der späteren Zeit von religiösem oder 
sittlichem Werte waren. Sehr zahlreich sind Bibelstellen und 
Umschreibungen von solchen. Zweitens werden die Heiligen be- 
sungen. Von Maria heilst es z. B. : 

(377) Dann bittet die Mutter Gottes für euch: 
Ihre Fürbitte genügt euch 
An dem Tage, da wir stehen werden 
Vor dem wahrhaftigen, gerechten Richter. 

Auch Anna, die Mutter der Maria, ist dem Triadon bekannt 
(709). Apostellegenden werden hier und da erwähnt: 

(306 f.) Ich rede jetzt von dem Propheten Jonas, 
Der dem gleicht, der Johannes liebte, 
Der dem gleicht, der Jambres und Jannes besiegte, 
Die gegen die zauberhaften Wunder kämpften. 

Diese zwei bösen Magier 

Hatten Moses und Aaron mifsachtet; 

Und ihnen gleich stritten auch Simon und Nero 

Wider Petrus und Paulus das zweite Mal. 

Von Petrus wird erzählt, dafs er »unter Nero am Kreuze 
auf seinem Köpfet (d. h. den Kopf nach unten) starb (656). 
Häufiger werden Märtyrer und Heilige späterer Zeiten erwähnt, 
besonders solche ägyptischer Herkunft ; so »der heilige Märtyrer 
Phoibamonc (146), »Apa Palamonc, der Lehrer des Pachom von 
Tabennese (239), »Viktor, der Sohn des Romanusc (375). Auf- 
fallend ist es, dafs Askese und Mönchtum sehr stark zurück- 
treten; das ist ein Beweis dafür, dafs sie im Denken des Volkes 
nicht mehr dieselbe Stelle einnehmen wie früher. Nur einmal 
(496) redet der Verfasser von »den Mönchen des Stidensc 
(d. h. der Thebais), »die Salz und Essig und trockenes Brot 
essen«. Er hat selbst einmal zu ihnen gehört, sie aber später 
verlassen; das Mönchtum verfiel also bereits. Die Frömmigkeit 
des Triadons ist eine recht farblose. Sie geht auf in dem Für- 
wahrhalten des orthodoxen Dogmas und dem Genufs des Abend- 
mahles : 

(149) Mein Sohn, bewahre die Dogmen, 

Damit du zu den (Engel)scharen gerechnet wirst, 

Und empfange von diesen Rätseln 

Der geistigen Früchte. 

Die Erinnerungen an das rechte Dogma, die den Kopten 
geblieben sind, sind allerdings recht dürftig. Nur von der ortho- 



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— 177 — 

doxen Christologie haben sie noch eine Ahnung (die Kämpfe um 
diese Lehre hatten ja auch besonders tief in das Leben der kop- 
tischen Kirche eingegriffen): 

(629 f.) Auch wir wollen glauben, dafs es keine Trennung 

In Wahrheit gibt zwischen seiner Gottheit und seiner Menschheit, 

Er, dessen göttliches Licht sich ausbreitet 

Über die, die in Finsternis und im Todesschatten sitzen. 

Wir glauben aber auch, dafs seine Gottheit eins ward 
Mit seiner Menschheit; und er predigte 
Dem Menschen, der traurig hinging und fern war 
Vom Gottesreiche, weil er den Mammon liebte. 

Was das Triadon sonst von Dogmen enthält, bietet es in 
der allervolksttimlichsten Form. So ist z. B. von dem >grofsen 
Vogel Phönix c die Rede, >in dem das Geheimnis der Auf- 
erstehung wahrhaftig verborgen istc (614). Die grofse Masse 
der Verse enthält aber sittliche Ermahnungen, die den Kopten 
am verständlichsten und vielleicht auch am notwendigsten waren. 
Der Verfasser versteht es, seinen Aufmunterungen gelegentlich 
eine neue Wendung zu geben. So warnt er vor der Grofsstadt 
Alexandria (Rakote): 

(471) Jeder, der mich sieht, sagt: Das ist einer aus Rakote. 
Wie ward ich Lebemännern gleich? 
Ich nahm mir von ganzem Herzen vor, herumzuziehen 
Von Stadt zu Stadt nach dem Worte des Evangeliums. 

Dagegen preist der Verfasser den Ort Panos (seine Heimat ?), 
der vermutlich, als einfache Landstadt, seinen sittlichen Idealen 
besser entsprach als der grofse Handelsplatz: 

(312) Hört jetzt dieses grofse Lob, 
Das der Stadt Panos zukommt, 
Die heller leuchtet als Fackeln 
Und Kerzenlicht. 

Mit dem Triadon endet die saidische Litteratur. Zwar haben 
wir noch viele schriftliche Urkunden aus der Zeit, in der die 
letzten saudischen Bücher geschrieben wurden. Aber sie gehören 
nicht zur Litteratur im eigentlichen Sinne. Es sind Testa- 
mente, Grabsteine, Schenkungsurkunden, Verträge, 
Quittungen, Briefe verschiedensten Inhalts *). Ohne Wert 



>) Er man- Krebs a. a. O. S. 263 ff.; Berliner koptische Urkunden I 
S. 67 ff., II S. 195 ff.; Crum, Coptic ostraca, London 1902; W. E. Crura, 
Literaturen des Ostens. VII, 2. 12 



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— 178 — 

sind diese freilich nicht. Wer zwischen den Zeilen zu lesen ver- 
steht, gewahrt hinter den abgerissenen Sätzen dieser Urkunden 
eine lebensvolle Schilderung der Zeit, wie sie uns kein Denkmal 
der offiziellen Litteratur bieten kann. Wir gewinnen einen Ein- 
blick in die Parteiungen und Zwistigkeiten der Dorfbewohner, 
in den Verfall des Mönchtums (schon kam es vor, dafs einzelne 
Klöster einen Weinkeller besafsen), in die Frömmigkeit der 
Laien, die ihre Kinder gern den Mönchen schenkten, in die 
Gewaltmafsregeln, die die Araber gegen die christlichen Kopten 
anwandten, in den allmählichen Untergang der koptischen Sprache 
und des koptischen Volkstums (die jüngsten dieser Urkunden 
sind schon sehr reich an arabischen Fremdworten). Es ist sehr 
bezeichnend, dafs das Leben der Kopten jetzt ganz in Kleinig- 
keiten aufgeht. Wir besitzen eine Bannbulle des Bischofs Johannes 
von Schmun (Hermopolis) ; sie verhängt den Fluch der Bischöfe 
von Nicäa und Ephesus, ja den Fluch, der über Sodom und Go- 
morrha gekommen ist, über die Diebe, die einem armen Weibe 
einen Scheffel Weizen, eine Gans und ein paar Hühner gestohlen 
haben. Das koptische Volkstum wurde von den Arabern immer 
mehr in den Winkel gedrückt; es mufste allmählich ganz zu- 
grunde gehen. 

Damals, als die saudische Litteratur ihre zweite Blütezeit er- 
lebte, errang die koptische Sprache noch einen letzten Sieg. 
Nach dem Konzile von Chalcedon (451), vielleicht sogar erst 
nach der arabischen Eroberung ward sie zur Schriftsprache 
Unterägyptens ; die hier heimische Mundart wird die boh airi- 
sche (vom arabischen elbohaira, >die Seelandschaft c bei Ale- 
xandria) genannt 1 ). Besonderes hat freilich die bohairische 
Litteratur nicht geleistet. Sie entstand erst, als das koptische 
Volkstum bereits dem Untergange geweiht war, und würde uns 
kaum bekannt sein, wäre nicht der bohairische Dialekt der Dia- 
lekt des koptischen Patriarchen gewesen. Als der Patriarch im 
11. Jahrhundert von Alexandria nach Kairo tibersiedelte, drang 
auch das Bohairische nach Süden vor; es gelang ihm, die vom 



Catalogue of the Coptic raanuscripts of the British Museum, London 1905; 
H. R. Hall, Coptic and Greek texts of the Christian period in the British Museum, 
London 1905; J. Krall, Corpus papyrorura Raineri II, Wien 1895. 
! ) Früher fälschlich als metnphitisch bezeichnet. 



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— 179 — 

Saidischen übrig gelassenen Reste des Faijumischen und zuletzt 
sogar das Saidische selbst zu tiberwinden und zur Alleinherr- 
schaft unter allen Kopten zu gelangen. Junge saidische Hand- 
schriften zeigen uns, dafs auch dieser Übergang sich ganz all- 
mählich vollzog. Einzelne bohairische Worte und Wortformen 
waren schon längst im Saidischen heimisch geworden, ehe das 
Bohairische ganz an dessen Stelle trat. Dafs in Unterägypten 
nicht schon eher eine koptische Schriftsprache entstand, erklärt 
sich aus der grofsen Zahl der Griechen, die dort wohnten; es 
war lange Zeit eine Lebensbedingung für alle Unterägypter, 
griechisch zu verstehen. Erst als sich Ägypten von dem grofsen 
Reichsverbande loszulösen begann, waren die Bedingungen ge- 
geben, unter denen eine volkstümliche Litteratur auch im Delta 
entstehen konnte. 

Selbstverständlich ist das erste Erzeugnis der bohairischen 
Mundart die Bibeltibersetzung (um 650?). Sie ist in ziem- 
licher Vollständigkeit erhalten 1 ). Der Text, den sie ursprüng- 
lich bot, ist merkwürdigerweise ein recht alter und wertvoller; 
er deckt sich im allgemeinen wohl mit dem Texte, der im 
4. Jahrhundert in Alexandria gelesen wurde. Hier und da be- 
rührt er sich mit dem Texte der saidischen Übersetzung in so 
auffallender Weise, dafs man diese wohl zu seinen Quellen 
rechnen mufs. Der Urtext der bohairischen Bibel wurde selbst- 
verständlich nicht rein bewahrt. Man >verbessertec ihn nach 
anderen griechischen Handschriften, und nicht nur nach griechi- 
schen; zahlreiche arabische Randbemerkungen der Handschriften 
geben uns Zeugnis von der f leifsigen Arbeit der koptischen Text- 
kritiker, die auch arabische, saudische, gelegentlich selbst arme- 
nische Bibeln verglichen. Übrigens hatten die Urheber der bo- 
hairischen Übersetzung unmittelbaren Nutzen davon, dafs ihnen 
schon andere Übersetzungen vorausgegangen waren ; ihre Leistung 
steht, wenn man sie vom litterarischen Standpunkte aus betrachtet, 
bedeutend höher als die ihrer Vorläufer. Die Satzkonstruktionen 
sind weniger hart und steif; Fremdworte sind viel seltener ver- 
wandt; das Ganze klingt viel koptischer als z. B. die saidische 
Bibel. 



*) Ausgezeichnete Ausgabe des Neuen Testamentes: [George Homer], 
The Coptic version of the New Testament in the northern dialect, Oxford 1898 ff. 

12* 



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— 180 — 

Was sonst noch in bohairischer Mundart erhalten ist, ist 
ebeuifalls fast ohne Ausnahme Übersetzungslitteratur. 
Man tibertrug aus dem Griechischen oder dem SaTdischen; Ge- 
naueres läfst sich zurzeit nur sehr selten über die Sprache der 
Vorlage sagen, da von der saidischen Litteratur ja nur dürftige 
Trümmer gerettet sind. Die Art der übersetzten Schriften zeigt, 
dafs die Unterägypter ganz denselben Geschmack besafsen wie 
ihre Volksgenossen in der Thebai's und im Gaue von Achmim. 
Natürlich wurden zunächst solche Bücher bevorzugt, die im 
Gottesdienste gebraucht wurden: Liturgien und volkstümliche 
Werke bekannter griechischer Kirchenväter, vor allem Predigten ; 
so sind uns Stücke des Petrus von Alexandria, Alexander von 
Alexandria, Athanasius, Basilius des Grofsen, Gregor von Nazianz, 
Amphilochius von Ikonium, Gregor von Nyssa, Johannes Chry- 
sostomus, Severian von Gabala 1 ), Theophilus, Cyrill und Dio- 
skur von Alexandria, endlich einzelner Monophysiten, namentlich 
des Severus, in bohairischer Übersetzimg erhalten. Die Texte 
sind leider noch sehr wenig bearbeitet und nur zum allerkleinsten 
Teile gedruckt. Sie würden jedenfalls der Wissenschaft von 
grofsem Werte sein, da sie gelegentlich auch Werke erhalten 
haben, die in der Ursprache verloren gegangen sind. Selbst- 
verständlich ist auch manches Stück darunter, das einen be- 
rühmten oder imberühmten Namen zu Unrecht trägt; so haben 
wir eine Predigt über die Gottesmutter, die einem Euchodius von 
Rom, zweitem Nachfolger des Petrus, zugeschrieben wird! 

Natürlich besafsen die Unterägypter dieselbe Vorliebe für 
den frommen Roman wie die Oberägypter. Neutestament- 
liche Apokryphen haben auch sie gern tibersetzt, ebenso Märtyrer- 
akten ; besonders zahlreich sind die Martyrien, die Ereignisse aus 
der Zeit Diokletians und der arabischen Bedrückung behandeln. 
Von den bekannteren Märtyrern sind z. B. Ignatius, Polykarp 
und Petrus von Alexandria im Bohairischen vertreten. Am be- 
liebtesten waren in Unterägypten die Mönchslegenden. Nicht 
nur Palladius* Lausiakum wurde hier bearbeitet, sondern auch 
umfangreiche Einzelbiographien fast ohne Zahl, vor allem die 
des Paulus von Theben, der beiden Makarius, des Pachom und 



l ) Vgl. z. B. U. Bouriant im Recueil de travaux VH 1886 S. 91. 



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— 181 — 

Theodor von Tabennese, des Schenute von Atripe, des Benofer *), 
des Säulenheiligen Symeon. 

Selbständige Leistungen sind all die genannten Werke nicht; 
sie bilden ausnahmslos mehr oder minder freie Bearbeitungen 
griechischer oder saudischer Urschriften. Eigenartige Erzeug- 
nisse der bohairischen Litteratur sind wohl nur ihre Lieder. 
In Betracht kommt zunächst eine gröfsere Sammlung von Kirchen- 
liedern, die den Titel Theotokia (etwa >Gottesmutterliederc 
zu übersetzen; aber dieser Name trifft nur für einen Teil des 
Inhalts zu) führt *). Sie besteht aus lauter vierzeiligen Strophen : 
jede Zeile hat zwei, seltener drei Hebungen. An einzelnen Stellen 
— es sind wohl ausnahmslos jüngere Zutaten — finden wir den 
Reim und alphabetische Anordnung. Eigene Leistung ist in 
diesen Liedern freilich fast nichts, aufser der rhythmischen Form ; 
sie bieten im wesentlichen nur Umschreibungen von Bibelstellen, 
und noch dazu recht prosaische. So darf man wohl sagen, dafs 
die Theotokia nach dem dichterischen Werte sogar unter dem 
saudischen Triadon steht. Ich gebe nur ein paar Proben: 

Wir wollen dich preisen, Du kamst in die Welt 

O unser Herr Jesus: Durch deine Menschenliebe: 

Rette uns in deinem Namen; Die ganze Schöpfung 

Denn wir hofften auf dich. Jubelte über dein Kommen. 

Wir preisen dich und Elisabet 
Mit unseren Lippen und unseren Herzen: 
Gedenke an uns, o Barmherziger, 
Wegen deiner bräutlichen Mutter. 

Kunstvoller, aber dem Inhalte nach noch wertloser sind 
zwei bohairische Hymnen auf den heiligen Georg 8 ). Sie 
bestehen aus alphabetisch geordneten Vierzeilern ; die letzte Zeile 
jeder Strophe ist in beiden Liedern ein Kehrvers. Die Zeilen 
des einen Hymnus haben regelmäfsig drei Hebungen, die des 
anderen zwei. Sämtliche Zeilen enden mit dem Reime — os. Es 
läfst sich leicht vorstellen, dafs diese übergrofse Künstlichkeit 
der Form nur auf Kosten der Sprachreinheit und des Inhalts 
durchgeführt werden konnte. In dem ersten Liede heifst es z. B. : 



] ) E. Amllineau im Recueil de travaux VI 1885 S. 166—194. 
f ) R. Tu kl, Theotokia, koptisch und arabisch, Rom 1764. Dazu Er man, 
Bruchstücke usw. (s. o. S. 162) S. 50 f. 

") U. Bouriant im Recueil de travaux VII 1886 S. 129—132. 



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— 182 — 

Kommt, alle Gläubigen Schön kamst du heute zu uns, 

Unseres Herrn Jesus, des Christus, Du und die anderen Märtyrer, 

Und lafst uns ehren seinen Mär- Die heute mit dir vollendeten, 

tyrer, Mein Herr, du König Georgios. 

Meinen Herrn, den König Georgios. _ _ , _, , 

Gott-Sohn, Schöpfer, 

o- i_ t i_ r\ t Gib Heilung Deinem Volke 

v i. -i * n 3 / br V^ iea We « ea deiaer Mutter und deines 

Vollendete der Heilige, Märtyrers 

Und er ertrug ^König Da- Meines Herrn, des KönigsGeorglos. 

Mein Herr, der König Georgios. Der Name seines Vater ist 

Anastasios, 

Seht unsere Väter, die Apostel Und seine Mutter Eusebia, die Ge- 
Und die Schar der Gerechten, rechten, 

Sie wundern sich über deine Und die zwei jungfräulichen 

Qualen, Schwestern, 

Mein Herr, du König Georgios. Mein Herr, der König Georgios. 

Noch geistloser, wenn es sein kann, ist der zweite Hymnus, 
der übrigens ganz den Eindruck einer Nachahmung des ersten 
macht. Er beginnt ganz ähnlich: 

Kommt, ihr Gläubigen, 
Und lafst uns den Christus preisen 
Und seinen Märtyrer, 
Den heiligen Georgios. 

Das Bohairische ist heute noch die gottesdienstliche Sprache 
der ganzen koptischen Kirche. Aber seit etwa 1600 hat es auf- 
gehört, eine Verkehrssprache zu sein. Es wird nur von den 
wenigsten verstanden. Die jetzigen Kopten, auch soweit sie noch 
Christen sind, reden arabisch, und die Versuche einzelner national 
gesinnter Ägypter, die alte Sprache wieder zum Leben zu er- 
wecken, sind bislang ohne Erfolg geblieben. 

Die koptische Sprache hat sehr, sehr wenig für das geleistet, 
was man Litteratur im engeren Sinne nennt. Es ist nicht ihre 
Schuld, darf auch nicht etwa auf mangelnde geistige Begabung 
der Ägypter zurückgeführt werden. Die koptische Sprache war 
fast immer eine Sprache der Unterdrückten. Der Kopte, der 
Besonderes leisten wollte, mufste seine Nationalität aufgeben und 
in das Volk der Bedrücker eingehen, zuerst in das der Griechen, 
dann in das der Araber; so verloren die Kopten gerade ihre 
besten Kräfte. Wohl können auch Zeiten äuiserer Not die Litte- 



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— 183 — 

ratur befruchten; sie haben das auch bei den Kopten getan. 
Aber wenn die Not zur Gewohnheit wird, und das geschah in 
Ägypten, dann verliert sie alle anregende Kraft. Und die kurze 
Zeit der Selbständigkeit, die die Kopten erlebt haben (sie reicht 
etwa von der Mitte des 5. bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts)* 
war eine Zeit allgemeinen Niedergangs, nicht nur in Ägypten. 
Es wäre unbillig, einen Aufschwung der ägyptischen Litteratur 
in diesen zwei Jahrhunderten zu erwarten, in denen sie doch in 
allen Nachbarländern schwer darniederlag. Gerade auf dem Ge- 
biete der geistigen Kultur gibt es Gesetze der Wechselwirkung 
und des Parallelismus, denen sich der einzelne Mensch und auch 
das einzelne Volk nicht entziehen kann. 



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Geschichte der äthiopischen Litteratur. 



Von 



Dr. Enno Littmann, 

o. Professor in Straf sbnrg i. E. 



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Eine wirkliche Geschichte der äthiopischen Litteratur zu 
schreiben ist bei dem jetzigen Stande der Forschung noch nicht 
möglich ; dazu müfsten noch viel mehr Einzeluntersuchungen ge- 
macht, noch manche Handschriften herausgegeben werden. Es 
konnte hier deshalb nur darauf ankommen, auf diesen Seiten die 
bisher gewonnenen Erkenntnisse möglichst anschaulich zur Dar- 
stellung zu bringen, damit der Leser, der sich aus ihnen über 
die uns bekannte äthiopische Litteratur unterrichten will, nicht 
ganz vergeblich zu ihnen greife. 

Die äthiopische Litteratur mufs als das genommen und dar- 
gestellt werden, was sie wirklich ist, eine der christlich-orienta- 
lischen Litteraturen, und zwar eine ihrer anspruchslosesten; sie 
mufs aus der Landesgeschichte, dem Charakter des abessinischen 
Volkes und den Geschicken der christlichen Kirche Ägyptens 
verstanden werden. Freilich hätten Theologie und Kirchenwesen, 
Heiligengeschichte und dergleichen nur ganz summarisch, die uns 
mehr interessierende Volkslitteratur jedoch bedeutend ausführ- 
licher behandelt werden können ; aber das hätte ein falsches Bild 
von dem wirklichen Tatbestande gegeben. Die Volkslitteratur 
verdiente einmal eine eigene Darstellung, doch in einem Gesamt- 
bilde durfte ihr nicht mehr Raum zuerkannt werden, als hier 
geschehen ist. 

Die vorliegende Arbeit ist bereits im September 1905 ab- 
geschlossen und abgeschickt worden; seitdem ist eine kurze zu- 
sammenfassende Darstellung der äthiopischen Litteratur von 
Nöldeke in der »Kultur der Gegenwart c erschienen. Diese so- 
wie die seither erschienenen Textausgaben, deren Zahl aber sehr 
gering ist, haben bei der Abfassimg also nicht herangezogen 
werden können. Was bis dahin veröffentlicht war, ist gewissen- 
haft benutzt worden, namentlich Dr. Conti Rossinis Note per la 
storia letteraria abissina, ferner seine übrigen Arbeiten sowie die 
vieler anderer Gelehrter, von denen hier genannt seien: Guidi, 
Basset, Pereira, Halgvy, Perruchon, Charles, Turaiev, Bezold, 



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— 188 - 

Praetorius, Nöldeke, ganz besonders aber August Dillmann 
(gest. 1894), der Neubegründer der äthiopischen Philologie in 
Europa im 19. Jahrhundert. 

Zur Umschreibung äthiopischer Worte. 

Über die Zeichen fr, k, s, t, y» *» * ist folgendes zu bemerken: 
h ist ein scharfes, tief aus der Kehle hervorgestofsenes h, im Amharischen 
heute wie h gesprochen; ^ ein am Hintergaumen artikuliertes k mit 
direkt folgendem Stimmabsatz, aber ohne Aspiration; s ein am Zahn- 
fleisch artikuliertes, scharf hervorgestofsenes s mit Stimmabsatz ; t ein 
am Zahnfleisch artikuliertes unaspiriertes t mit Stimmabsatz; y gleich 
deutschem j; ' Stimmabsatz wie in deutschem Abart zwischen b und a; 
' ursprünglich ein tiefer knarrender Kehllaut, heute im Amharischen 
gleich '. Die Vokale a und e sind kurz, ä, 5 sowie alle i, o, u sind lang. 
Nur in einigen wenigen arabischen Worten sind i und ü als lange 
Vokale neben kurzen i und u gebraucht. 



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Historische Einleitung. 

Unter äthiopischer Litteratur verstehen wir die Litteratur 
der christlichen Bewohner Abessiniens. Sie ist zum gröfsten 
Teile in einer Sprache geschrieben, die ursprünglich nach dem 
Volke, von dem sie stammt, Ge'ez-Sprache genannt wurde und 
auch heute noch so bezeichnet wird, die aber vielfach auch 
schlechthin äthiopisch genannt wird, da man den Namen Äthio- 
pien speziell auf Abessinien tibertrug, und da sie bis in die 
neuere Zeit die Litteratursprache von Abessinien - Äthiopien ge- 
blieben ist. Diese Sprache ist nahe verwandt mit der der süd- 
arabischen Inschriften, die etwa aus den letzten tausend Jahren 
v. Chr. und den ersten sechs christlichen Jahrhunderten stammen ; 
Abkömmlinge der alten südarabischen Dialekte haben sich zwar 
in kleinen Gebieten Stidarabiens und auf der Insel Sokotra er- 
halten, aber sie haben sich weit von jenen entfernt und dem- 
gem&s noch weiter vom Ge c ez und den ihm verwandten heutigen 
Sprachen Abessiniens. Aus der Sprachverwandtschaft wie aus 
historischen Gründen ergibt sich, dafs der Ge c ez-Stamm sowie 
die ihm nahestehenden Stämme aus Südarabien nach Abessinien 
ausgewandert sein müssen, dafs sie also zur semitischen Rasse 
gehören. Nun finden sich aber in Abessinien manche nicht 
semitische Stämme, die sich vielfach mit den Semiten vermischt, 
auch deren Sprache angenommen und daher zur Schaffung der 
äthiopischen Litteratur beigetragen haben. Es ist ja, um das 
Werden einer Litteratur zu verstehen, nicht nur nötig, sich mit 
der Geschichte des Landes, in dem sie geworden, sondern auch 
mit den Volkselementen, die eine Litteratur hervorgebracht haben, 
vertraut zu machen. 

Abessinien ist ein Land der Kontraste in mehr denn einer 
Hinsicht. In neuester Zeit sehen wir dort z. B. Eisenbahnen, 
Telegraph und Telephon neben den allerprimitivsten Pflugscharen. 
Doch die Natur hat hier die schärfsten Gegensätze ausgeprägt. 



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— 190 — 

An der Küste des Roten Meeres entlang ziehen sich glühend 
heifse Tiefebenen, teilweise öde Sandwüsten, dahinter steigen die 
Berge zu gewaltiger Höhe an. In der Ebene herrscht ein tropi- 
sches Klima, auf den Bergen ein gemäfsigtes, ja im Winter fällt 
hier Schnee. Im Hochlande dauert die Regenzeit von Juni bis 
September, im Tieflande von Dezember bis März. Aber auch 
im Hochlande finden wir steile Bergrücken neben tief ein- 
schneidenden Tälern, Brutstätten für Fieber. Eine charakteri- 
stische Eigenart der abessinischen Bergformation sind die vielen 
Tafelberge, die dort zu Lande ambä heifsen; sie sehen abge-* 
stumpften Kegeln ähnlich. Auf vielen dieser Ambas stehen 
Klöster und Kirchen, die manchmal gerade wie bei uns im 
Mittelalter zu Festungen gedient haben. In den Chroniken be- 
gegnen sie uns oft; in vielen Fällen wird um sie gekämpft, in 
manchen anderen werden fleifsige Mönche auf ihnen in Ruhe 
und Sicherheit Handschriften abgeschrieben, Werke anderer Litte- 
raturen ins Ge'ez tibersetzt oder auch eigene Schriften verfafst 
haben. 

Den Gegensätzen in der Natur entsprechen Gegensätze in 
der Abstammung der Bevölkerung. Abessinien ist wahr- 
scheinlich nacheinander von drei verschiedenen Rassen besiedelt 
worden, und die Nachkommen dieser Rassen finden sich, obwohl 
vielfach Mischungen vorgekommen sind, noch heute nebenein- 
ander. Es scheint, dafs ganz Abessinien in ältester Zeit von 
afrikanischen Ureinwohnern, Negerstämmen, bewohnt war. Diese 
mögen von den Nilufern her eingewandert sein. Die nächste 
Schicht ist die Einwanderung eines Zweiges der grofsen hami- 
tischen Familie. Wir kennen drei Hauptgruppen von Hamiten: 
die ägyptische, d. h. das alte Kulturvolk der Ägypter mit ihren 
Nachkommen, die libysch-berberische und die äthiopische, die 
auch kuschitische genannt wird nach dem biblischen Namen 
Kusch für Äthiopien. Die Hamiten sind aller Wahrscheinlich- 
keit nach mit den Semiten urverwandt und haben mit ihnen zu- 
sammen gewohnt. Ihr Ursitz kann in Asien oder in Afrika ge- 
wesen sein ; es scheint jedoch mancherlei dafür zu sprechen, dafs 
er in Asien war, und zwar in dem Teile von Asien, der erd- 
geschichtlich eng mit Afrika zusammenhängt, am ehesten also 
in Arabien bis zum unteren Zweistromlande hin. Von Arabien 
aus haben sich zu verschiedenen Zeiten Völkerströme nach 



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- 191 — 

Norden und Osten ergossen; die nach Osten sich richtenden 
scheinen an zwei Stellen eingesetzt zu haben, einer nördlichen, 
über die Sinaihalbinsel, und einer südlichen, über die Strafse 
Bab el-Mandeb. Wir hätten dann also zunächst zwei hamitische 
Ströme, den nördlichen, bedeutend stärkeren, der Ägypten tiber- 
flutete und bis nach Marokko vordrang, und den südlichen, der 
sich im heutigen Abessinien festsetzte, die Ureinwohner vertrieb, 
sich aber auch weit nach Süden bis zum Gebiete der Äquatorial- 
seen und der Suaheli ausbreitete. Die Hauptstämme sind die 
Somali auf dem afrikanischen Osthorn, die c Afar oder Danäkil 
(Plural von Dankali) nördlich davon, die Galla oder, wie sie 
sich selbst stets nennen, Oromo, die bis weit nach Süden hin 
wohnen, endlich die Agau im eigentlichen abessinischen Hoch- 
lande, wo sie seit ihrer Einwanderung den Grundstock der Be- 
völkerung gebildet haben; zu den Agau gehören auch die Fa- 
lascha, die eigentümlichen abessinischen Juden, auf die wir später 
bei der Besprechung der theologischen Litteratur noch zurück- 
kommen werden. Wann diese Einwanderung stattfand, wissen 
wir nicht; jedenfalls wird sie wohl noch vor die Zeit der ältesten 
ägyptischen Denkmäler fallen. In historische Zeit führt uns dann 
die dritte, die semitische Einwanderung. Da, wie sich aus Nach- 
richten bei griechischen Schriftstellern ergibt, im ersten nach- 
christlichen Jahrhundert bereits ein ziemlich gefestigtes semi- 
tisches Reich von Aksum existierte, so mufs die Einwanderung 
der Semiten bereits mehrere hundert Jahre v. Chr. begonnen 
haben; auch scheinen die ältesten in Abessinien gefundenen In- 
schriften in südarabischen Charakteren bis in die Zeit v. Chr. hinauf- 
zugehen. Jene Einwanderung ist aber nicht eine einmalige ge- 
wesen, sondern ein allmählicher Prozefs, der sogar heute noch 
andauert. Wie viel verschiedene Stämme, die auch in ihren Dia- 
lekten Unterschiede aufwiesen, aus Arabien in diese Gegenden 
ausgewandert sind, können wir nicht genau feststellen. Immer- 
hin lassen sich zwei Hauptgruppen unterscheiden, eine nördliche 
und eine südliche. Die nördliche wird in alter Zeit durch das 
Ge'ez-Volk repräsentiert, die südliche durch die Vorfahren der 
heutigen Amharer und ihrer Nachbarn, soweit sie semitischer 
Abkunft sind. Letztere sind die Bewohner der grofsen Provinz 
Amhara, östlich und südöstlich vom Tsänä-See, von Schoa und 
Godscham und anderer kleinerer Gebiete. Ihre Sprache, die 



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— 192 — 

schon in alter Zeit vom Ge'ez ziemlich verschieden gewesen sein 
mufs, wird amärifiä oder amharisch genannt. Das Ge'ez -Volk 
setzte sich in der Umgegend von Aksum, in der Provinz Tigre, 
fest; es schuf das älteste Staatengebilde von Abessinien und mit 
dem Eindringen des Christentums eine Litteratur. Vom Ge c ez 
stammt die heutige Sprache jener Gegenden, das Tigray oder 
Tigriöa, ab. Noch altertümlicher als das Tigrifia und teilweise 
dem Ge'ez noch näher stehend ist die Tigre-Sprache, die von 
einer Schwestersprache des Ge'ez abstammt, und die in der 
heutigen italienischen Colonia Eritrea gesprochen wird. In 
manchen Fällen können wir nachweisen, wie ein hamitisches 
Volk eine semitische Sprache angenommen hat, ja, heute sehen 
wir solche Prozesse sich vor unseren Augen abspielen. 

Schliefslich ist noch eine vierte, aber nicht so radikale Völker- 
verschiebung zu erwähnen, die in der ersten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts vor sich ging. Um jene Zeit wandten sich die Galla 
nach Norden, drangen in die südlichen Provinzen Abessiniens 
ein und führten viele für das Land sehr unheilvolle Kriege. 

Von diesen verschiedenen Völkern sind die Semiten die 
hauptsächlichen Träger der Kultur und Litteratur. Ihre Kultur- 
leistung ist zwar im Vergleiche mit der anderer Völker ziem- 
lich gering gewesen, aber sie bildet doch einen grofsen Fort- 
schritt über das Niveau der Kuschiten und Neger hinaus. Man 
mufs gerade in Abessinien mehr als irgendwo anders Kultur und 
Litteratur aus den gegebenen Verhältnissen heraus zu verstehen 
suchen. Wo Rassengegensätze immer scharf aufeinanderstofsen, 
wo, um den fast nie zu erreichenden Frieden zu gewinnen, ewig 
Kriege geführt werden müssen, wo die höher stehende Rasse in 
der Minderzahl ist und die niedriger stehende zwar zeitweise 
unterjocht, dann aber sich mit ihr vermischt und teilweise ganz 
in sie aufgeht — da kann sich schwerlich ein hochentwickeltes 
Geistesleben heranbilden. Dazu kommt, dafs Aberglaube und 
religiöse Ekstase gerade in der Natur der afrikanischen Rassen 
tief wurzeln; sie haben auch dem Wesen und der Litteratur der 
Abessinier ein eigentümliches Gepräge gegeben. Was an Intel- 
ligenz vorhanden war, ging in Theologie und Zauberei oder in 
Kriegführung auf ; zum grofsen Teile aber ging es ganz verloren, 
da die Bedingungen zur Entwicklung und vor allem Anregungen 
durch die grofsen Kulturen und Litteraturen der Welt fehlten. 



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— 193 — 

Wir sehen bei verschiedenen Männern in der Geschichte der 
abessinischen Litteratur redliches Streben und Mühen ; sie konnten 
aber nur aus dem im Lande Gegebenen das Beste machen, so- 
weit es in ihrer Macht stand. Ganz besonders müssen wir hier 
zweier Männer gedenken, die beide den Namen Zar'a Yä'kob 
führten: der eine war König im 15. Jahrhundert, der andere ein 
Mönch im 17. Jahrhundert; aber der Mönch tiberragt den König 
ganz bedeutend. Dieser Mönch war der einzige, wirklich ori- 
ginelle Denker Abessiniens, soweit uns die Litteratur bekannt 
ist. Bei fast allen Kulturen und Litteraturen sind Anregungen 
von aulsen nötig gewesen, um sie zu voller Blüte zu entfalten. 
Die Anregungen, die an das christliche Abessinien herantraten, 
haben zwar eine christlich - theologische Litteratur geschaffen; 
ohne sie hätten wir vielleicht überhaupt keine äthiopische Litte- 
ratur. Aber von den grofsen Kulturströmungen der Welt ist 
Abessinien unberührt geblieben, hauptsächlich wegen des töd- 
lichen Hasses zwischen Christen und Mohammedanern, von denen 
die letzteren doch die gegebenen Vermittler gewesen wären. Wir 
müssen daher um des geschichtlichen Hintergrundes willen einen 
kurzen Blick auf die politische Geschichte Abessiniens werfen. 



Wie bereits erwähnt, finden wir im 1. Jahrhundert n. Chr. 
ein semitisches Reich in Nordabessinien vor, mit der Hauptstadt 
Aksum. Das ist also die erste sichere Kunde von dem Reiche, 
das man, den einheimischen Legenden folgend, bis in die Zeit 
Salomos und der Königin von Saba hat hinaufrücken wollen. 
Aber schon vor dieser Zeit haben Ansiedelungen von Stidarabern 
dort bestanden, wie wir aus den ältesten Inschriften erkennen. 
Die Könige von Aksum dehnten ihr Reich nach Norden und 
Nordwesten aus, aber auch nach Süden, und unternahmen ge- 
legentlich Kriegszüge ins Mutterland Arabien. Sichere Kunde 
haben wir im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. aus den altäthiopi- 
schen Königsinschriften in Aksum. Eine zweisprachige Inschrift, 
griechisch und altäthiopisch, die von den Kriegstaten des Königs 
c Aizana berichtet, sowie eine altäthiopische Inschrift des Königs 
Ela- c Amida gehören wohl in das 4. Jahrhundert. Beide sind in 
linksläufiger südarabischer Schrift abgefafst ; die des c Aizana ist 
aber noch einmal in äthiopischer Schrift wiederholt. Von Ela- 
'Amida stammt wohl auch eine grofse Inschrift, deren Anfang 

Litteraturen det Oitens. VII, ». 13 



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— 194 — 

zerstört ist. Dann folgen zwei Inschriften eines Königs, dessen 
Name Tazana nicht ganz feststeht, vielleicht aus der ersten Hälfte 
des 5. Jahrhunderts; die letzten drei sind in der rechtsläufigen 
vokalisierten Schrift, wie wir sie aus den äthiopischen Hand- 
schriften kennen, eingemeifselt. Tazana berichtet von Kriegstaten, 
von der Ausdehnung des Reiches und der Errichtung von Thron- 
sesseln für die Götter. In seiner ersten Inschrift ist er noch 
Heide, in der zweiten ist er Christ. Schon die Schrift zeigt, 
dafs eine neue Zeit angebrochen ist. Bei der Umwandlung der 
Schrift mögen die christlichen Missionare beteiligt gewesen sein; 
ähnliche Vorgänge haben sich ja auch bei der Christianisierung 
anderer Länder abgespielt Die Einführung des Vokalsystems 
ist doch wohl am ehesten auf die bewufste Tätigkeit eines Mannes 
zurückzuführen; freilich hat er bereits eine unvokalisierte Schrift 
vorgefunden, die sich allmählich aus der südarabischen zu der speziell 
äthiopischen Form entwickelt hatte. Über die Entstehung des 
Christentums in Abessinien und die Übersetzung der Bibel ist 
noch sehr wenig Sicheres bekannt; immerhin lassen sich zwei 
verschiedene Einflüsse konstatieren, griechische und aramäische. 
Dies spiegelt sich auch noch in der altchristlichen Kirchen- 
geschichte wieder, nach der ein antiochenischer Kaufmann die 
erste Kunde vom Christentum nach Abessinien brachte; Antio- 
chien war ja der Mittelpunkt des griechisch-syrischen Lebens. 
Nach dieser Überlieferung erzählen denn auch die Abessinier 
selbst, wie jener Kaufmann Meropios, auf einer Fahrt nach Indien 
begriffen, an die Küste Abessiniens verschlagen wurde, wie seine 
beiden Söhne Aidesios und Frumentios in Abessinien aufwuchsen, 
an den aksumitischen Hof kamen und von dort aus später das 
Christentum einführten. Frumentios soll dann unter dem Namen 
Abbä Salämä der erste Patriarch von Abessinien geworden sein. 
Bald danach, wahrscheinlich um 500, sind nach der Überlieferung 
die ineun Heiligenc nach Abessinien gekommen, um die christ- 
liche Lehre zu befestigen und auszubreiten. Ihre Namen sind 
mit wenigen Varianten ziemlich gut überliefert. Sie waren wohl 
meist syrische Mönche, die über Südarabien oder vielleicht auch 
über Ägypten nach Abessinien kamen. 

Um jene Zeit trat Abessinien auch wieder in nähere Be- 
ziehungen zu Südarabien; vielleicht zuerst durch die bedrängten 
südarabischen Christen zuhilfe gerufen, machten die aksumitischen 



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— 195 — 

Könige oder ihre Feldherren dann Eroberungszüge und gelangten 
für kurze Zeit in den Besitz von Teilen dieser alten Kultur- 
länder, ja ein Feldherr drang sogar bis Mekka vor. Was wir 
über diese Kriege wissen, ist mühsam aus teilweise sich wider- 
sprechenden Berichten auswärtiger Schriftsteller zusammengestellt. 
Die Abessinier haben nur eine dunkle Erinnerung an diese Vor- 
gänge bewahrt. 

Von etwa 600 bis um die Mitte des 13, Jahrhunderts sind 
wir über die Geschicke Abessiniens ganz im unklaren. Freilich 
finden sich in äthiopischen Handschriften fortlaufende Listen der 
Könige von Salomo an. Diese sind jedoch im einzelnen sehr 
unzuverlässig und widersprechen sich vielfach, sie geben auch 
teilweise für die Länge der Zeit zu wenig Namen. Immerhin 
werden sich aus ihnen sowie aus einer systematischen Ver- 
arbeitung aller aksumitischen Münzen, die wohl zum grofsen 
Teile aus der unter griechischem Einflüsse stehenden Zeit stammen, 
noch neue Resultate zur älteren Geschichte Abessiniens ergeben. 
Die dunklen Jahrhunderte werden von Kriegen mit den Hamiten 
und den Nachbarländern angefüllt sein. So finden wir einen 
Krieg zwischen Abessinien und Nubien aus dem 7. Jahr- 
hundert in der Geschichte der alexandrinischen Patriarchen er- 
wähnt. Noch mehrere andere vereinzelte Notizen, die sich auf 
die Geschichte Abessiniens beziehen, kommen in den Lebens- 
beschreibungen jener Patriarchen vor. Diese Tatsache schon 
deutet darauf hin, dafs die Beziehungen zwischen der koptischen 
Kirche und der abessinischen nicht unterbrochen wurden, wie 
wir dann ja auch genau darüber unterrichtet sind, dafs von 
etwa 1300 ab alle abessinischen Metropoliten vom koptischen 
Patriarchen geweiht und nach Abessinien geschickt wurden. In 
die Zeit von 600—1300 fällt wohl die gröfsere Ausbreitung des 
Christentums nach Süden hin. Wahrscheinlich hat sich auch die 
Sage vom salomonischen Ursprünge der Dynastie ausgebildet; 
da sie um 1270 schon ganz feste Wurzeln im abessinischen Volke 
geschlagen hat und da dieser Ursprung als Begründung für die 
Ansprüche auf den Thron geltend gemacht wird, so kann jene 
Legende nicht erst damals aufgekommen sein. Wie sie im ein- 
zelnen entstanden ist, wissen wir nicht. Wahrscheinlich geht sie 
auf die biblische Geschichte von der Königin von Saba zurück, 
und sie mag also rein litterarischen Ursprungs sein; man nahm 

13* 



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— 196 — 

an, die Königin von Saba sei Königin von Abessinien gewesen. 
Vielleicht haben sogar auch die abessinischen Juden zu ihrer 
Ausbildung beigetragen. Diese Sage wird später unter der histo- 
rischen Litteratur ausführlicher dargestellt werden bei der Be- 
sprechung des Hauptwerkes der Ge c ez - Litteratur , des Kebra 
Nagast. Mit ihr hängt vielleicht die immer mehr aufkommende 
Bezeichnung > Äthiopien c und »äthiopische zusammen. Die alten 
von den Ägyptern und Griechen erwähnten Äthiopen haben 
nichts mit den abessinischen Semiten zu tun. Da aber jener 
Name bereits von «Aizana auf Nordabessinien angewandt wurde, 
und da vor allem die Äthiopier mehrfach in der griechischen 
Bibel genannt werden, nahmen die Abessinier diesen Namen all- 
mählich ganz in Anspruch, eben um ihre Geschichte in die bib- 
lische Zeit hinaufzurücken. Parallelen hierzu finden sich auch 
bei Völkern, die zum Islam bekehrt wurden; so leiten sich 
z. B. die Tscherkessen , die Somali, die muslimischen Nord- 
abessinier von den Koraisch her, dem Stamme des Propheten 
Mohammed. 

Das aksumitische Reich zerfiel in jener Zeit. Andere 
Herrscherhäuser kamen auf, von denen uns nur das der Z3gu€ 
etwas näher bekannt ist. Letzteres wird in den abessinischen 
Chroniken öfters erwähnt; seine Könige sind »Nichtisraelitenc, 
keine Nachkommen Salomos. Es stammte aus einer zentral- 
abessinischen Provinz und hat etwa von 1150 — 1270 den abessi- 
nischen Thron innegehabt. Die Namen der einzelnen Könige 
sind tiberliefert, und zwei von ihnen sind sogar zu Heiligen ge- 
worden. 

Da erhob sich von Süden her, von Schoa, Yekuno Amläk, 
ein Sprofs des alten salomonischen Hauses, wie berichtet wird, 
und vertrieb mit Hilfe seines Landsmannes, des grofsen National- 
heiligen Takla Häymänot, die ZäguS. Er machte sich zum Ober- 
könig (negüsa nagast, d. h. König der Könige), und der 
Schwerpunkt des Reiches wurde nach dem Süden verlegt. Auch 
soll er einen Vertrag mit Takla Häymänot geschlossen haben, 
in dem der Kirche ganz ungeheuerliche Rechte und Besitzungen 
abgetreten wurden. Schenkungen an einzelne Klöster sind oft 
genug vorgekommen, und es sind auch Schenkungsurkunden 
entdeckt worden, die zum Teile in die Zeit vor Yekuno Amläk 
hinaufreichen. Aber dafs ein König ein Drittel seines Reiches 



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— 197 — 

an die Kirche abtrat, ist etwas zu viel. Überhaupt ist die ganze 
Geschichte des Takla Häymänot legendarisch ausgeschmückt. 
Immerhin zeigt die Überlieferung, dals neben den weltlichen An- 
sprüchen auch die Geistlichen zu jener Zeit zu ihrem Rechte zu 
gelangen suchten. 

Von nun an haben wir eine ganz feste Chronologie der Re- 
gierungen bis auf unsere Zeit. Ausführliche Chroniken setzen 
freilich erst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein, aber 
wir sind auch über die Ereignisse von 1270 — 1434 einigermafsen 
unterrichtet, besonders über die Zeit des tatkräftigen Königs 
«Amda Sion (1314 — 1344), der sehr erfolgreich gegen die Mo- 
hammedaner kämpfte, aber auch im Innern viele Unruhen nieder- 
zuschlagen hatte; letztere gingen besonders von den Mönchen 
aus. In diesen Kämpfen zeigt sich auch schon der später noch 
mehr gesteigerte Gegensatz zwischen Nord und Süd, Tigrinern 
und Amharern. 

Das sogenannte salomonische Haus herrschte nun ohne Unter- 
brechung bis zum Jahre 1855; nur einmal regierte ein König, 
der als Usurpator angesehen wurde, der aber mütterlicherseits 
doch vom Königshause abstammte, Justus (1711 — 1716), und hin 
und wieder war einmal ein Jahr oder einige Monate Anarchie. 
Aber zum Schlüsse, gegen Ende des 18. Jahrhunderts und in der 
ersten Hälfte des 19., war die »Herrschaftc dieses Hauses sehr 
problematisch, da die wirkliche Macht in den Händen der tat- 
sächlich unabhängigen Unterkönige lag. 

Eine der wichtigsten Perioden für die Entwicklung der äthio- 
pischen Litteratur war die Regierung des Königs Zar'a Yä'kob 
(1434—1468). Er kam als älterer Mann auf den Thron und 
suchte seine Herrscherpflichten bewufst nach Kräften zu erfüllen. 
Von hohem persönlichen Mute, focht er manch harten Straufs 
gegen die Muslime im Süden und Osten des Reiches, sowie 
gegen die heidnischen Hamiten, die Falascha und die Neger; 
doch er suchte auch den inneren Frieden des Reiches zu sichern 
und die christliche Kirche seines Landes zu reformieren und zu 
festigen. 

Im folgenden Jahrhundert traten Ereignisse ein, die für 
Abessinien von grolser Bedeutung wurden: der Eroberungszug 
der Mohammedaner, die Ankunft der Portugiesen und Jesuiten, 
das Vordringen der Galla. Bereits unter König Eskender (1478 



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— 198 — 

bis 1494) war ein Gesandter des portugiesischen Königs in 
Abessinien gewesen und hatte die Kunde von dem christlichen 
Könige in Afrika nach Europa gebracht. Lange sah man in 
diesem König den sagenhaften Priester Johannes. Als die 
Königin Helena für ihren minderjährigen Sohn Lebna Dengel 
(1508 — 1540) die Regierung führte und mit Schrecken die auf- 
steigende Macht der Mohammedaner im Südosten des Reiches 
gewahrte, erinnerte sie sich des portugiesischen Gesandten und 
schickte einen Armenier namens Mathaeus nach Portugal, der dort 
im Jahre 1513 ankam. Noch ehe Antwort kam, hatte Lebna Dengel 
den Thron bestiegen und den Emir von Harar bereits geschlagen. 
Hier in Harar, das gegenwärtig die grölste Handelsstadt Ost- 
afrikas ist, hatte sich ein mohammedanisches Emirat heraus- 
gebildet, neben dem weiter der Küste zu gelegenen muslimischen 
Königtume Adal, das den Hafenort Zeila an der heute englischen 
Somaliküste zur Hauptstadt hatte. Gegen Adal hatten schon ' Amda 
Sion und seine Nachfolger gekämpft; jetzt erstand den Christen 
in dem aufblühenden Emirat ein noch gefährlicherer Gegner. Im 
Jahre 1520 kam der portugiesische Gesandte de Lima in Abessinien 
an, und erst im Jahre 1526 kehrte er mit einem Abgesandten 
Lebna Dengeis zurück, um ein Bündnis zwischen Portugal und 
Abessinien zu schliefsen. Inzwischen hatten die Muslimen weitere 
Erfolge errungen, und im Jahre 1527 begann der Eroberungszug 
des erbittertsten Feindes, den Abessinien je gehabt, des Emirs 
von Harar Afcmed ibn Ibrahim el Ghäzl mit dem Beinamen Graft 
(d. h. linkshändig). Graft trieb den König immer weiter nach 
Norden, eroberte ein Gebiet nach dem anderen, zerstörte und ver- 
brannte die Kirchen und machte sich zum Herrn von fast ganz 
Abessinien. Lebna Dengel suchte sich tapfer zu halten, vermochte 
aber wenig gegen die Übermacht der Feinde, die von den Türken 
unterstützt und mit Feuerwaffen ausgerüstet waren; er schickte 
noch einmal um Hilfe nach Portugal, starb aber im Jahre 1540, 
ehe sie ankam. Sein Sohn GaläudSos (Claudius), wie sein Vater 
ein verständiger und tapferer Herrscher, der auch von den 
Europäern, die mit ihm in Berührung kamen, als solcher ge- 
schildert wird, tibernahm die Regierung und nahm den Kampf gegen 
den Erbfeind wacker auf. Er errang zuerst einen kleinen Sieg, 
schickte aber auch zugleich einen Brief an den Papst Paul III. 
mit der Bitte um Hilfe; hierin vergleicht er die Abessinier mit 



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— 199 — 

Schalen, die von den Araberwölfen gehetzt werden. Dann kam 
im Jahre 1541 ganz unerwartet eine portugiesische Flotte in 
Massaua an, nachdem der König schon wieder geschlagen war 
und sich nach Süden zurückgezogen hatte. Da ging der Statt- 
halter von Nordabessinien mit der Bitte um Hilfe zu den Portu- 
giesen. Vierhundert Mann unter Christoph da Gama, einem Sohne 
des grofsen Entdeckers Vasco da Gama, landeten und kamen den 
bedrängten Christen zu Hilfe. Dieser tapferen Heldenschar ist 
es zu verdanken, dafs Abessinien nicht völlig vernichtet wurde. Zwar 
wurde Christoph selbst von den Muslimen gefangen genommen 
und getötet; aber deren Macht wurde gebrochen, und als im 
Jahre 1543 Grän in einer Schlacht von einem Portugiesen getötet 
war, wurde das christliche Reich wieder aufgerichtet. Von den 
portugiesischen Soldaten blieben die meisten im Lande zurück 
und heirateten einheimische Frauen. Dann nach zehn Jahren kamen 
die Jesuiten nach Abessinien, um die Kirche für Rom zu gewinnen. 
Im Jahre 1555 langte ein einfacher Priester namens Rodriguez als 
Abgesandter an, verliefs aber nach einem Jahre unverrichtetersache 
das Land. Kurz darauf folgte der Bischof Andr£ de Oviedo, 
vorausgesandt von Nunes de Barreto, der vom Papste zum 
Patriarchen von Abessinien ernannt war, aber in Goa in Indien 
den Verlauf der Dinge abwartete. König Galäudeos nahm alle 
Abgesandten freundlich auf, weigerte sich aber standhaft, den 
Glauben seiner Väter aufzugeben. Er disputierte selbst mit den 
Jesuiten über Glaubenssachen und verfafste ein auch in Europa 
viel besprochenes Glaubensbekenntnis. Vielleicht hätte de Oviedo 
mit mehr Geschick und weniger heftigen Angriffen auf die 
abessinische Kirche den Anschlufs der letzteren erreichen oder 
besser vorbereiten können, was für das Land kein Schaden ge- 
wesen wäre, da es dann näher zu Europa in Beziehungen ge- 
treten und sein völlig erstarrtes und mit dem krassesten Aber- 
glauben durchsetztes Christentum gegen ein höher stehendes 
eingetauscht hätte. So mufste auch de Oviedo den König ver- 
lassen; er blieb aber noch in Abessinien, um an seiner Aufgabe 
weiterzuarbeiten. Im Jahre 1626 gelang es freilich dem Jesuiten 
Affonso Mendes, den König Susneos zum Anschlufs an die 
römische Kirche zu bewegen. Aber der Wechsel war so 
plötzlich und gewaltsam, und das Volk war innerlich noch so 
wenig darauf vorbereitet, dafs erbitterte Religionsstreitigkeiten 



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— 200 — 

und Verfolgungen entstanden. Der Nachfolger des Susneos, 
König Fäsiladas (1632 — 1667) suchte anfangs Frieden zwischen 
beiden Kirchen zu halten, vertrieb dann aber die portugiesischen 
Geistlichen unter grausamen Gewalttaten für immer. 

Inzwischen waren die Galla ins Land eingefallen, gerade zur 
Zeit, als der Kampf zwischen Christen und Mohammedanern 
heftig tobte, kurz vor oder nach dem Regierungsantritte des 
Königs Galäudeos; wahrscheinlich waren sie gerade durch diese 
Kämpfe angelockt. Von nun an hatten fast alle abessinischen 
Könige mit den Galla zu kämpfen, die sehr geschickte Krieger 
waren und immer und immer wieder das ihnen aufgezwungene 
Joch abschüttelten. 

Mit der Regierung des Fäsiladas hört die politisch wichtige 
Geschichte Abessiniens auf; auch die äthiopische Litteratur, die 
bis dahin immer noch Leben gezeigt hatte, versiegt allmählich, 
mit Ausnahme der annalistischen Geschichtschreibung, die weiter 
geführt wird. Es möge noch erwähnt werden, dafs in der Zeit 
von 1675 — 1696 zwischen den Niederländern und Abessiniern 
Gesandtschaften und Geschenke ausgewechselt wurden ; die An- 
regungen hierzu waren vielleicht von dem Lübecker Abenteurer 
Peter Heyling ausgegangen, der 1634 nach Abessinien kam und 
dort längere Zeit lebte, von König und Volk hoch geachtet. Die 
Niederländer schenkten dem König zwei grofse Glocken, die noch 
heute in Gondar, nördlich vom Tsänä-See, der früheren Haupt- 
stadt des Reiches, das Volk zum Gebete rufen. 

Die Macht der salomonischen Könige verfiel ganz und gar, 
bis ihr auch nominell ein Ende gemacht wurde von dem Eroberer 
Käsä, der durch eigene Kraft und Intelligenz fast ganz Abessinien 
unterwarf und im Jahre 1855 sich als Theodor IL, König der 
Könige von Äthiopien, krönen liefs. Er geriet in den bekannten 
unglücklichen Konflikt mit den Engländern und ging, als er die 
Hoffnungslosigkeit seiner Lage auf der Bergfeste Magdala er- 
kannt hatte, selbst in den Tod (1868). Ihm folgte dann Johannes IV., 
der 1889 im Kampfe gegen die Derwische fiel. Seit 1889 herrscht 
Menelik IL, der früher König von Schoa gewesen war und mit 
Hilfe der Italiener auf den Thron kam. Die Genealogie der drei 
letzten Könige ist von den Hofgenealogen natürlich auch mit der 
salomonischen Abstammung in Einklang gebracht worden ; darum 
ist der jetzige Herrscher auch der zweite seines Namens, da der 



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— 201 — 

Sohn Salomos und der Königin von Saba der erste Menelik war ; 
dieser Name ist vielleicht ursprünglich ein einheimischer Name, 
dessen Bedeutung nicht ganz feststeht, und wäre dann erst künst- 
lich mit dem arabischen bin il-baklm, »Sohn des Weisenc, 
d. h. Salomos, in Verbindung gebracht worden. 

Tabelle der äthiopischen Könige von 1270—1706. 
(Mehrere Könige haben zwei oder auch drei Namen.) 

1270-1285 Yekuno Amläk, 

1285—1294 Salomon I., Yägbe'a Sion, 

1294—1297 Bäfer Asgad und Senfa Asgad, 

1297—1299 Hezba Ar«ed und Kedma Asgad und Dschin Asgad, 

1299—1314 Wedem Ra«äd (oder Ar<ed), 

1314—1344 «Amda Sion L, Gabra Maskai, 

1344—1372 Newäya Krestos, Saifa Ar«ed, 

1372-1382 Newäya Mary am, Wedem AsfarS, 

1382-1411 Däwit (David) I. f 

141 1- 1414 TSodros (Theodor) L, 

1414-1429 Yesbak (Isaak), Gabra Maskai, 

1429-1430 Endreyäs (Andreas), 

1430-1433 (Mai) Takla Märyäm, flezba Naft, 

1433 (Mai — September) SarwS Iyasus, Mehrekä Naft, 

1433-1434 <Amda Iyasus, Badel Naft, 

1434—1468 Zar'a Yä'fcob, Konstantin L, 

1468—1478 Ba'eda Märyäm L, Cyriacus, 

1478—1494 (Mai) Eskender, Konstantin IL, 

1494 (Mai — November) c Amda Sion IL, 

1494—1508 Nä'od, Anbasä Basar, 

1508—1540 Lebna Dengel, David IL, Wanäg Sagad L, 

1540—1559 Galäudeos (Claudius), Asnäf Sagad L, 

1559—1563 Minäs, Wanäg Sagad IL, Admäs Sagad L, 

1563—1597 Sarsa Dengel, Malak Sagad L, 

!S"lS?} Yä, ^ M ^ Si ^ 11 -' 

1603-1604 Za-Dengel, Asnäf Sagad IL, 

1604—1605 Anarchie. 

1607-1632 Susneos, Malak Sagad IIL, Sel*än Sagad L, 

1632-1667 Fäsiladas, Sel*än Sagad IL, «Alarn Sagad, 

1667—1682 Johannes L, A'läf Sagad, 

1682—1706 Iyäsu L, Adyäm Sagad I. 



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I. Geschichtlicher Überblick über die Entwicklang der äthiopischen 

Litteratar. 

Obgleich Abessinien von den grofsen Kulturströmungen der 
Welt wegen seiner Lage und seiner inneren Zustände unberührt 
geblieben ist, so ist seine Litteratur doch wieder zum gröfsten 
Teile eine Übersetzungslitteratur und verdankt ihren Ursprung 
und ihre Förderung dem Auslande, aber eben dem Auslande, 
das seinerseits sich in sehr engen Bahnen bewegt, dem orienta- 
lischen Christentume. So hat Abessinien viel empfangen, aber 
nichts gegeben. Und doch wäre auch letzteres möglich gewesen, 
hätten die Dinge anders gelegen : die wenigen Proben volkstüm- 
licher Poesie, die wir aus älterer Zeit kennen, sind voller Kraft 
und Originalität, und ein Mann wie der Mönch Zar'a Yä c kob 
sprach zur Zeit des Dreifsigjährigen Krieges Gedanken aus, die 
in Europa erst zur Zeit des Rationalismus in der Litteratur zur 
Geltung kamen. Aber die geistlichen Kreise Abessiniens, in 
deren Händen die Litteratur lag, verachteten das Geschwätz der 
volkstümlichen Sänger und wufsten kaum etwas von Zar'a 
Yä'kob; wie viel weniger war es da möglich, dafs das Ausland 
etwas von diesen Dingen erfahren hätte. So geht denn die äthio- 
pische Litteratur ihren einsamen Weg, bis sie versiegt, holt ihren 
Stoff von Zeit zu Zeit von den orientalischen Glaubensgenossen: 
und entwickelt sich eng mit der Geschichte des Landes verknüpft. 

Die Hauptperioden der Landesgeschichte sind im vorher- 
gehenden angedeutet; dementsprechend können wir auch die 
Hauptperioden der Litteraturgeschichte gliedern, und zwar unter- 
scheiden wir am besten fünf Perioden: 1. die aksumitische Pe- 
riode, von etwa 400 — 700; 2. die Periode des Wiedererwachens 
der weltlichen und geistlichen Macht, von 1270 bis ca. 1430; 
3. die Zeit des Königs Zar'a Yä c kob und seiner nächsten Nach- 
folger, von 1430 — 1520; 4. die Zeit der grofsen Kriege gegen 
Muslimen und Galla und der ersten Religionsstreitigkeiten, von 
1520—1600; 5. die Zeit der Religionskämpfe im 17. Jahrhundert 

Die Geschichte der äthiopischen Litteratur ist vielmehr eine 
Geschichte von Büchern und Institutionen als eine Geschichte 



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— 203 — 

von Menschen und Ideen. Das persönliche Element tritt sehr 
zurück, nur in wenigen Fällen kennen wir die Namen der Ver- 
fasser oder Übersetzer, und selten wissen wir etwas Näheres über 
ihr Leben. Hier hat kaum eine einzige kraftvolle Persönlichkeit 
ihr Leben und ihre Ideen zu wirklich litterarischem Ausdrucke 
gebracht. 

1. Die aksumitische Periode. 

Die altäthiopischen Könige, die ihre Taten in grofsen In- 
schriften verewigten, mögen vielleicht auch Chroniken für ihre 
Archive haben schreiben lassen-, das Amt eines »Hüters des 
Gesetzes und Schreibers von Aksumc kommt in der Bekehrungs- 
geschichte Abessiniens vor. Aber von alledem ist uns nichts 
erhalten. Die wirkliche Litteratur beginnt erst mit dem Christen- 
tume. Wohl im 5. Jahrhundert wurden die Evangelien übersetzt, 
dann folgten die anderen Teile des Neuen und Alten Testaments. 
Dazu kamen mehrere apokryphe und pseudepigraphische Schriften 
der alten Kirche, die hier in Abessinien gute Aufnahme fanden 
und auch kanonisch wurden; die letzte Schrift, die in dieser 
Periode übersetzt wurde, scheint das Buch Sirach zu sein, das 
im Jahre 678 aus dem Griechischen übertragen sein soll. Aufser 
den biblischen Schriften drangen auch noch einige andere theo- 
logische Werke ein, wie die Regeln für das Mönchsleben, die 
dem bekannten Ägypter Pachomius zugeschrieben werden und 
die in Abessinien noch erweitert worden sind. Das Mönchtum 
hatte auch in Abessinien Eingang gefunden, von seiner Heimat 
Ägypten aus, und später gewann es eine so ungeheure Aus- 
dehnung, dafs es zum grofsen Unheil für das Land wurde. 
Ferner gehört eine Sammlung theologischer Schriften von ver- 
schiedenen alten Kirchenvätern hierher, die hauptsächlich christo- 
logische Fragen berühren; die Sammlung heifst nach dem ein- 
leitenden Traktate Cyrills von Alexandrien Kertlos (Kyrillos). 
Wahrscheinlich hat man auch in Abessinien eigene Werke zur 
Theologie und besonders zur Liturgie und Kirchenordnung ver- 
tatst, aber von solchen Schriften, die sicher aus dieser Zeit 
stammen, sind bis jetzt noch keine bekannt geworden. 

Nach der Eroberung Ägyptens durch die Mohammedaner 
wurde der Verkehr zwischen Ägypten und Abessinien zunächst 
sehr eingeschränkt, freilich aber nie ganz unterbrochen; nach 
Südarabien fc hin hörten die Beziehungen naturgemäfs ganz auf. 



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— 204 — 

Dazu kamen innere Unruhen in Abessinien, Regierungswechsel^ 
Kämpfe nach allen Seiten hin, so dafs man überhaupt keine Ruhe 
zu litterarischer Tätigkeit fand. Viele Handschriften werden in 
dieser Zeit verloren gegangen oder beim Niederbrennen von 
Kirchen vernichtet sein. Keine einzige Handschrift aus der Zeit 
vor 1270 ist bis jetzt gefunden worden; die älteste, die wir 
kennen, stammt aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Man hat 
jedoch auch in jenen dunklen Jahrhunderten Handschriften ab- 
geschrieben und hier und da Urkunden aufgezeichnet, wie die 
wichtige Schenkungsurkunde des Königs Lälibalä aus der Zägue- 
Dynastie; diese stammt aus der Zeit zwischen 1205 und 1209 
und ist in einer Abschrift aus dem 16. Jahrhundert erhalten. Aus 
ihr ersehen wir, dafs sogar die Titel der altäthiopischen Könige, 
die später unter den Salomoniden verloren gingen, sich hier noch 
erhalten haben. 

Aber wenn auch die litterarische Produktion ganz unter- 
brochen wurde, so wurde doch die Kenntnis def Litteratur- 
sp räche aus dem Zusammenbruche gerettet. Das Ge c ez blieb 
als Sprache des geschriebenen Wortes, nachdem im Volksmunde 
sich bereits neuere Sprachen herausgebildet hatten. 

2. Die Periode des Wiedererwachens der weltlichen 
und geistlichen Macht. 

Mit dem Jahre 1270 beginnt eine ganz neue Ära. Durch 
das Erstarken der Königsmacht gewann auch das Christentum 
neue Kraft und neues Leben. Klöster und Mönchsorden wurden 
gegründet, und die Leiter dieser Bewegungen stellten ihre ganze 
Kraft in den Dienst der Sache. Einer von ihnen, Eustathios, 
äthiopisch Eostäteos, aus dem Norden Abessiniens, soll weite 
Reisen nach Alexandrien, Jerusalem, Klein- Armenien und Cypern 
gemacht haben. Abessinische Klöster in Kairo und in Jerusalem 
blühten auf und trugen sicher zur Hebung der Kenntnisse ihrer 
Landsleute bei. Dazu kommt endlich noch, dafs in Ägypten tun 
jene Zeit eine Blüteperiode christlich-arabischer Litteratur sich 
herausgebildet hatte ; diese hat ohne Zweifel nachhaltige Wirkungen 
auf Abessinien ausgeübt. 

Waren in der ersten Periode die Werke aus dem Griechi- 
schen ins Ge'ez übersetzt, so beginnt jetet die Periode des Über- 
tragens aus dem Arabischen, Das Koptische war als Sprache 



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— 205 — 

der ägyptischen Christen immer mehr zurückgetreten und hatte 
dem Arabischen Platz gemacht. Gerade während der Zeit, in 
der zwischen Ägypten und Abessinien keine litterarischen Be- 
ziehungen bestanden, hatte das Koptische geblüht. Es ist daher 
sehr fraglich, ob überhaupt koptische Schriften direkt ins Äthio- 
pische tibersetzt worden sind. Die Möglichkeit läfst sich nicht 
abstreiten, da einerseits die koptischen Metropoliten, die nach 
Abessinien kamen, sich das Ge«ez angeeignet haben müssen, und 
anderseits Abessinier in den ägyptischen Klöstern koptisch ge- 
lernt haben werden. Auch stehen einzelne äthiopische Versionen 
koptischen Texten näher als arabischen, wie es z. B. mit den 
Lobliedern auf Maria (Weddäse Märyäm) der Fall ist; aber 
da mag der äthiopische Text auf eine verloren gegangene arabi- 
sche Vorlage zurückgehen, die von der uns bekannten verschieden 
ist. Jedenfalls ist die grofse Masse der äthiopischen Übersetzungs- 
litteratur aus dem Arabischen geflossen, wenn auch zuweilen nur 
durch mündliche Vermittlung; es scheint nämlich, dafs in ein- 
zelnen Fällen abessinische Übersetzer sich koptische Texte münd- 
lich ins Arabische übersetzen liefsen und sie dann direkt auf 
Ge'ez niederschrieben. Dieser Einflufs des Arabischen ging so 
weit, dafs auch national-abessinische Werke zuerst auf Arabisch 
konzipiert und dann, ins Ge c ez tibertragen, publiziert wurden. 
Wo dies der Fall ist, sind wohl immer die nach Abessinien ge- 
kommenen Ägypter die Verfasser; an der Übertragung mögen 
dann einheimische Gelehrte mitgearbeitet haben. 

Um das Wiederaufblühen der äthiopischen Litteratur machte 
sich besonders ein Metropolit namens Salämä verdient; er war 
in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts aus Ägypten gekommen, 
und unter dem Einflüsse der neuen litterarischen Bewegung in 
seinem Vaterlande suchte er, soweit sein Horizont reichte, die 
Litteratur des Landes, in dem er als geistlicher Herrscher waltete, 
zu heben. Sein Horizont reichte freilich nicht über die kirchlich- 
theologische Litteratur hinaus. Er und seine Gesinnungsgenossen 
unternahmen eine Revision der äthiopischen Bibel, deren Text 
nach so vielen Jahrhunderten seit der ersten Übertragung ziem- 
lich verderbt gewesen sein mufs. Auf ihn als Übersetzer oder 
Veränlasser gehen zurück : Liturgien, Homilien, auf das Mönchs- 
tum bezügliche Schriften, Martyrien und Heiligenleben; auch 
eine eigene Predigt des Salämä ist uns tiberliefert. Diese Art 



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— 206 — 

von Litteratur tat ja auch not für die Ausgestaltung des kirch- 
lichen und religiösen Lebens, und in dieser Richtung wurde von 
anderen weitergearbeitet So entstand um die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts das Horologium der abessinischen Kirche (Ma§feafa 
Sä'atät); etwas älter ist das Ritual für den Trauergottesdienst 
(Masfca'fa Genzat) sowie das für die Mönchseinkleidung, 
Dann gehören vielleicht auch die bereits erwähnten Lobgesänge 
auf Maria (Weddäse Märyäm) in diese Periode, da sie in 
der nächsten bereits ab hohe Autorität galten, auf die König 
Zar'a Yäk'ob sich berief. Ein anderes für die Geschichte der 
altchristlichen Kirche sehr wichtiges Werk, die Sammlung von 
apokryphen Apostelakten (Gadla Hawäryät), fand auch in 
Abessinien Eingang ; es wurde jedenfalls vor dem Jahre 1379 aus 
dem Arabischen ins Ge'ez tibersetzt 

Das Recht der neuen salomonischen Dynastie sowie die An- 
sprüche des Klerus, der an der Wiedereinsetzung derselben be- 
teiligt gewesen war, sollte nun auch historisch begründet werden. 
So entstand eines der wichtigsten Werke der Ge'ez - Litteratur 
das Kebra Nagast, »die Herrlichkeit der Könige«. In Abes- 
sinien gilt es ab eine Geschichtsquelle ersten Ranges, und es 
hat dort von jeher im höchsten Ansehen gestanden. Für uns 
ist es nur ein Durcheinander von Sagen und romanhaften Fik- 
tionen. Aber gerade um seines hohen Ansehens willen und 
wegen der vielen Sagenelemente, die es enthält, verlohnt es sich, 
später noch näher darauf einzugehen; es gewährt uns einen inter- 
essanten Blick in das Geistesleben der Nation« Sogar das natio- 
nalste aller äthiopischen Bücher muls eine arabische Vorlage 
oder ein arabisches Konzept gehabt haben. 

Ab dann die Kriege mit den Muslimen begannen, in denen 
König 'Amda Sion sich groben Ruhm erwarb, fand sich neben 
den volkstümlichen Barden, die, wie uns ein altamharisches Lied 
zeigt, seine Heldentaten besangen, ein Geschichtsschreiber, der 
in reinem Ge'ez und schwungvollem Stil den Kriegszug des 
Jahres 1332 darstellte, aber auch frühere Ereignisse mit aufnahm. 
Sein Werk bt wohl durch arabische Vorbilder beeinflubt worden ; 
denn gerade in der arabischen Litteratur finden sich viele Bei- 
spiele dieser naiv-subjektiven Geschichtsschreibung, die weder 
rein mechanisch das Material sammelt, noch auch eine wirkliche 
Geschichtswissenschaft darstellt, sondern hauptsächlich litterarische 



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— 207 — 

Kunstwerke zu schaffen sucht. Die einheimischen abessinischen 
Chroniken sind, wie wir sehen werden, meist rein objektive 
Annalen. 

c Amda Sion wollte sich auch der inneren Ausgestaltung des 
Reiches annehmen und erliefs zunächst Gesetze oder eher Haus- 
ordnungen für den königlichen Hof. Wir sehen bereits hier ein 
ausgebildetes Titel- und Rangwesen, wie man es in einem so 
wenig entwickelten Staate gar nicht erwarten sollte; es erinnert 
uns lebhaft an den byzantinischen Hof. Diese Hausordnungen 
sind vielleicht nicht gleich schriftlich fixiert worden, sind aber 
wohl ziemlich vollständig in einer späteren »Reichsordnung« 
(Ser'ata Mangest) enthalten. 

Neben den einheimischen »Geschichtswerken« steht noch ein 
ausländisches, das im 13. oder 14. Jahrhundert tibersetzt wurde, 
die Chronik des Juden Joseph ben Gorion, die, auf lateinischen 
und griechischen Quellen beruhend, ursprünglich hebräisch ab- 
gefafst und dann ins Arabische tibersetzt wurde ; im Äthiopischen 
trägt sie den Titel Zenä Ayhud, »Geschichte der Juden«. 

Unter den nächsten beiden Nachfolgern «Amda Sions scheint 
wenig geschaffen zu sein. Doch unter David I. (1382 — 1411) 
und seinen beiden Nachfolgern Theodor I. und Isaak beginnt 
wieder neue litterarische Tätigkeit, die uns gewissermafsen zur 
dritten Periode überleitet, in der die äthiopische Litteratur ihren 
Höhepunkt erreichte. Unter David wurde zunächst die von 
Salämä begonnene Sammlung von Heiligenleben (GadlaSamä- 
<etst) durch Übersetzung neuer Stücke bedeutend bereichert; 
aber, was noch wichtiger ist, man begann, um nicht hinter dem 
Auslande zurückzustehen , die Lebensbeschreibungen der ein- 
heimischen Heiligen aufzuzeichnen, Originalwerke den Über- 
setzungen gegenüberzustellen. Zunächst waren es Heilige aus 
der Zägu5-Zeit, deren Leben man, freilich in sehr phantastischer 
Weise, beschrieb: es sind dies der königliche Heilige Lälibalä 
und der Ägypter Gabra Manfas Keddus, der jedoch lange in Stid- 
abessinien gelebt hatte. Als Geschichtsquellen können diese 
Werke freilich nicht dienen, ebensowenig wie manche andere 
Heiligenlegenden. 

Zur Zeit König Theodors I. herrschte ein Bürgerkrieg, der 
Anlafs zu einer Prophezeiung gab, die im Herzen des abessini- 
schen Volkes tiefe Wurzeln schlug. Eine Apokalypse namens 



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— 208 — 

Fekk5r5 Iyasus, >Erklärung Jesu«, wurde verfalst, in der 
die Ankunft eines Königs Theodor verkündet wurde, der dem 
Lande Frieden und Segen bringen würde; diese Schrift wurde 
dem in Abessinien sehr beliebten Meister der Apokalyptiker, 
Esra, zugeschrieben. Freilich Theodor I. erfüllte die Prophezei- 
ung nicht, da er schon im Jahre 1414 getötet wurde; aber die 
Hoffnung auf den künftigen König lebte im Volke weiter, und 
Käsä nahm mit Absicht den Namen Theodor IL im Jahre 1855 an. 
Unter Isaak (1414 — 1429) wurde ein »Buch des Geheim- 
nisses« (Ma§bafa Mestlr) verfalst, das eine Widerlegung ver- 
schiedener Häresien enthält, ferner einen Abschnitt über die 
beiden Sabbate und Legenden über die Anfänge des abessinischen 
Christentums. Wenn die Überlieferung recht hat, so ist dies 
wohl die erste Streitschrift für das abessinische Bekenntnis gegen- 
über dem römischen. Sie soll nämlich aus einer Disputation 
zwischen dem Amharer Giorgis und einem Europäer hervor- 
gegangen sein; der letztere war vielleicht ein Maler aus Rom 
oder Umgegend, namens Brancaleone, der längere Zeit in Abes- 
sinien lebte. Aus derselben Schrift geht hervor, dals um jene 
Zeit bereits die Vision Schenutis (Rä'eya Sinodä) bekannt 
war, die zum Teile auf dem Kebra Nagast beruht und ein noch 
heute in Abessinien sehr beliebtes Thema variiert, die Zusammen- 
kunft des Königs von Abessinien mit dem Könige von Rom, um 
den rechten Glauben festzustellen. Dieser Vision geht ein Dialog 
zwischen Christus und Schenuti, dem bekannten koptischen Hei- 
ligen, voran, in dem verschiedene christliche Dogmen behandelt 
wurden. 

3. Die Zeit des Königs Zar'a Yä'kob und seiner 
nächsten Nachfolger. 
Zar'a Yä'kob suchte selbst mit kräftiger Hand das Christen- 
tum seines Landes zu reformieren und auf eine feste Basis zu 
stellen, vor allem Mifsbräuche, die er als solche erkannte, ab- 
zuschaffen und die Kirche von allem heidnischen Aberglauben und 
Zauberwesen zu säubern. Zu diesem Zwecke liefe er selbst 
mehrere Schriften abfassen und gab den Anstofe zu einer ganzen 
Anzahl von anderen Werken, nicht nur auf der Seite, die er 
vertrat, sondern auch auf gegnerischer Seite, die am alten Zauber- 
wesen festhielt, und die schliefslich im Grunde doch den Sieg 
davontrug. 



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— 209 - 

Von Werken, die Zar'a Yä'kob selbst verfafste oder ver- 
fassen liefe, sind uns sieben erhalten, die uns so recht den Geist 
der Zeit erkennen lassen und uns zeigen, welche Fragen damals 
im Mittelpunkte des Interesses standen. Diese Schriften be- 
zwecken zunächst eine schärfere Fassimg der kirchlichen Lehren, 
Institutionen und der religiösen Pflichten. Der König und seine 
Gesinnungsgenossen gedachten diese Pflichten zu vertiefen, aber 
nach unserer Auffassung haben sie sie durch strenge Werk- 
gerechtigkeit sehr veräuf serlicht. Sein Hauptwerk ist das Mas- 
bafa Berhän, »das Buch des Lichtesc, so genannt, weil es 
ein Buch von Christo, dem Lichte der Welt, ist. Zwei kleinere 
Schriften, »das Buch von der Substanz c, (Masfrafa Bäbrey) 
und »die Behütung des Geheimnissesc (Ta'äkbo Mestir) be- 
handeln rituelle Fragen. Im Anschlüsse hieran wurden Schriften 
für den Gottesdienst und zur Erbauung verfafst. Erstere sind 
vertreten durch eine Sammlung von Hymnen zu Ehren eines 
jeden Heiligen des abessinischen Kalenders, die Egzi'abb^r 
Nagsa, »Gott ist Könige, genannt wird; zu den Erbauungs- 
schriften gehört Masbafa Mi lad, »Buch von der Geburtc, 
das die Wunder bei der Geburt Christi erzählt. Beide Klassen 
von Schriften hatten wohl schon ihre Vorbilder, fanden aber auch 
eifrige Nachahmer. Solche merkwürdige Erbauungsschriften, die 
aus dieser Periode stammen, sind ferner »die Wunder Maria c 
(Ta^mraMäryäm), die aus dem Arabischen übersetzt wurden, 
und »die Wunder Maria und Jesuc (Ta'ämra Märyäm wa- 
Iyasus), in denen erzählt wird, dafs Joseph, Maria und Jesus 
nach Abessinien flüchteten, dort drei und ein halbes Jahr ver- 
blieben und dann unter unzähligen Wundern nach Palästina 
zurückkehrten. Selbst die Gebildetsten unter den Abessiniern 
jener Zeit fanden an diesen Dingen Gefallen, und so waren denn 
auch zwei Metropoliten noch besonders in dieser Richtung tätig, 
indem sie allerlei Homilien und Wundererzählungen tibersetzten. 

Von religionsgeschichtlichem Interesse sind die Schriften des 
Königs gegen Heidentum, Zauberei und Aberglauben. Schon in 
seinem groben »Buch des Lichts c kämpft er gegen mancherlei heid- 
nische Gebräuche und lehrt uns dadurch, was für heidnische Zere- 
monien und Unsitten zu seiner Zeit unter dem Volke üblich waren. 
Dann verfafste er noch zwei kleinere Schriften dagegen, die er »Ver- 
leugnung cfesSatansc (Kebdata Saytän) und »Schrift von der 

Literaturen des Ostens. VII, 2. 14 



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— 210 — 

Bezauberung c (Tomära Tesbe'et) nannte. Freilich scheint 
er durch diese Schriften nicht sehr viel erreicht zu haben, auch 
nicht durch Anwendung von Gewalt gegen die Zauberei und ihre 
Anhänger. Ja, gerade in jener Periode blüht eine reiche Zauber- 
litteratur auf, die eine interessante Verquickung alter Gebräuche 
und abergläubischer Gedanken mit der christlichen Religion dar- 
stellen. Die Zauberlitteratur besteht in Erzählungen und Gebeten, 
die fast alle mit den in der Kirche hochverehrten Personen zu 
tun haben. In die Zeit Zar'a Yä'kobs gehören die Gebete der 
Jungfrau im Lande der Parther, auf Golgatha, in Ägypten, die 
Schriften, in denen Maria die wahren Zaubernamen Christi mit- 
teilt, Christus seine Jünger diese Namen lehrt und ihnen Himmel 
und Hölle zeigt, das Gebet Cyprians, der ja auch in Europa als 
Hexenmeister bekannt ist, endlich auch die Zauberrolle, die man 
den Toten ins Grab mitgibt, genannt Lefäfa Sedek, »Binde 
der Gerechtigkeit c ; letztere enthält acht magische Gebete auf 
einem Pergamentstreifen, der ebenso lang wie der Körper des 
Betreffenden hoch ist, und man glaubt ähnlich wie im alten 
Ägypten, dafs diese Rolle dem Toten den Eingang zum Himmel 
sichere. Die äthiopische Magie steht überhaupt, wie wir später 
noch sehen werden, in engem Zusammenhang mit der ägyptischen 
aus altchristlicher Zeit, wo sich verschiedenartige Elemente trafen, 
vor allem jüdische, und im Gnostizismus zur Ausbildung gelangten. 

Andere Zweige der Litteratur, die im 15. Jahrhundert be- 
sonders gepflegt wurden, sind vor allem die Heiligenleben oder 
Homilien, die solche Lebensbeschreibungen enthalten, und die 
kirchliche Poesie; dazu kam dann auch noch ein wenig Profan- 
historie. 

Unter den Heiligenleben haben wir natürlich wieder Über- 
setzungen und Originalkompositionen. Die Übersetzungen dienten 
zunächst dazu, die bereits vorhandene Sammlung, das Gadla 
Samä'etät, zu bereichern. Dann tibertrug man aber auch den 
grofsen Heiligenkalender der koptischen Kirche, das Synaxar, 
oder wie die Abessinier sprechen: Senkesär (für Seneksär), ins 
Ge c ez. Da es zuerst im Jahre 1495 genannt wird, und da einer 
der Verfasser des arabischen Synaxars gegen 1425 lebte, so wird 
die Übersetzung ins Äthiopische um die Mitte oder in der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts stattgefunden haben. In diesen 
Kalender sind in Abessinien dann noch einige kurze Lebens- 



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— 211 — 

beschreibungen von einheimischen Heiligen eingefügt worden. 
Auch wird man um diese Zeit begonnen haben, Geschichten aus 
dem Leben der Kirchenväter und Aussprüche von ihnen zu tiber- 
setzen. Eine solche Sammlung ist die »Kunde von den geehrten 
Väternc (Zgnähomu la-Abau Keburän), oder auch kurzweg 
Gannat, »Gartent, genannt. Derartige Anekdoten, die ihre 
Vorbilder in der griechischen Apophthegmenlitteratur haben, 
sind bei den abessinischen Mönchen sehr beliebt geworden; sie 
ersetzen gewissermafsen die ihnen fast ganz fehlende Unter- 
haltungslitteratur. 

Die äthiopischen Originalkompositionen von Heiligenleben aus 
dem 15. Jahrhundert sind ganz besonders zahlreich ; manche von 
ihnen mögen von Ägyptern in Abessinien geschrieben sein, viele 
haben auch sicher eingeborene Abessinier zu Verfassern. Zunächst 
wandte man sich der ältesten Geschichte zu und beschrieb, teil- 
weise in Homilien, das Leben von drei der bekanntesten aus der 
Zahl der neun Heiligen, die um 500 nach Abessinien gekommen 
waren; die drei sind Aragäwi, Garimä, PantalSon, die auch heute 
noch im Volksmunde weiterleben, zumal sie in Verbindung mit 
dem sagenhaften Drachen, der zuerst über Abessinien herrschte, 
gebracht werden. In jener Zeit soll auch Yär5d gelebt haben, 
der bei den Abessiniern einstimmig als der Vater des Kirchen- 
gesanges bezeichnet wird; er gilt als der Verfasser vieler Anti- 
phonien und soll die drei Weisen des abessinischen Kirchen- 
gesanges erfunden haben. Ob die Homilie auf ihn auch im 
15. Jahrhundert geschrieben wurde, steht nicht fest; sie mag 
auch etwas später sein. 

Weiterhin wurde das Leben des letzten Zägug-Königs, Na'- 
akueto la-Ab, sowie das des berühmten Heiligen Takla HäymSnot, 
der uns schon früher begegnet ist, aufgezeichnet; letzteres ist 
uns in drei Redaktionen, von denen jedoch eine aus späterer Zeit 
stammt, erhalten. Von den Schülern des Takla Häymänot sind 
Tadeos, der »Märtyrer Äthiopiens c, und FiWpos (Philippos) von 
Dabra Libänos, dem gröfsten Kloster in Schoa, die berühmtesten. 
Letzterer spielte ein grofse Rolle in den Kämpfen zwischen der 
Kirche und dem König c Amda Sion, und seine Lebensbeschreibung 
gibt uns allerhand interessante Nachrichten. Das Haupt der 
äthiopischen Mönche, Etschage, war zu jener Zeit AnorSos 
(Honorios), der vielleicht zum Teil diese Kämpfe hervorgerufen 

14* 



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— 212 — 

hatte. Die vitae dieser drei Männer wurden wohl im 15. Jahr- 
hundert niedergeschrieben. Wie sie im Süden Abessiniens, so 
waren Eostäteos mit seinen Freunden und Schülern, besonders 
FilTpos von Dabra Bizan, einem Kloster östlich von Asmara, im 
Norden hervorgetreten. Auch diese Leute fanden jetzt ihre 
Biographen. 

Die kirchliche Poesie wurde von Zar'a Yä c kob, wie wir 
bereits gesehen haben, durch eigene Dichtungen gefördert Sein 
Egzi'abfcer Nagsa wurde sehr verbreitet und vielfach be- 
arbeitet. Eine andere Schrift, gewöhnlich mit demselben Namen 
genannt, oder auch »Lob der Himmlischen und der Irdischenc, 
wurde aus den vielen Hymnen zusammengestellt, die am Ende 
der Artikel des Synaxars stehen. Um dem aus der Fremde ge- 
kommenen Wed das 5 Mary am (oben S. 206) ein einheimisches 
Werk an die Seite zu stellen, soll Zar'a Yä'kob eine ähnliche 
Sammlung von Lobhymnen auf Maria, auch in sechs Lektionen 
für die einzelnen Wochentage, veranlafst haben, die Argänona 
Dengel oder Argänona Weddäse genannt wurde. 

Von all den anderen Proben geistlicher Poesie seien nur 
noch zwei besonders aufgeführt, die ebenfalls einen königlichen 
Dichter zum Verfasser haben, den König Nä'od, der von 1494 
bis 1508 regierte. Er verfafste ein Malke'a Mary am, »Bild- 
nis Maria c, und eine ' Sammlung von Seiläse (Sechszeiler). 
Beide sind charakteristisch für den Geschmack der Abessinier. 
Die malke* oder » Bildnisse c sind sehr beliebt; sie bestehen in 
Lobliedern auf Heilige, in denen die verschiedenen Körperteile 
des oder der Heiligen in je einem Verse besungen werden. Die 
Seiläse sind eine besondere Art von Hymnen (Kene), die beim 
Gottesdienste nach einzelnen Psalmenversen gesungen werden. 

Neben die Apokalypsen, die sich in ihrer eigenen phantasti- 
schen Weise mit geschichtlichen Dingen befassen, treten nun all- 
mählich auch wirkliche Chroniken; diese sind in den späteren 
Jahrhunderten dann noch mehr ausgebildet worden, und sie stellen 
eine historische Litteratur dar, die zwar nicht in unserem Sinne 
Geschichtsforschung, aber doch eine wertvolle Materialsammlung 
ist. Hier macht sich aber auch das weltliche Element in einer 
anderen Weise geltend. Die kirchliche Sprache, das im Volke 
schon lange ausgestorbene Ge«ez, pafste nicht mehr ganz zur Dar- 
stellung der Dinge im täglichen Leben ; es mufste aber doch, da 



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— 213 — 

es die einzige Litteratursprache war, in der schriftlichen Auf- 
zeichnung angewandt werden. So wurde ein Kompromifs ge- 
schlossen, indem man viele Worte der Volkssprache, des Am- 
harischen, einfach in den Ge c ez-Text aufnahm ; manche Chronisten 
gingen allerdings in dieser Tendenz, je nach dem Mafs ihrer 
Kenntnisse, etwas zu weit. Diese Mischsprache führt auch einen 
besonderen Namen, lesäna tärik, » Chronikensprache c Aus 
dem 15. Jahrhundert nun haben wir die Chroniken des Zar'a 
Yä'kob und seines Nachfolgers Ba'eda Märyäm. Ob auch die 
Regierungen der früheren Könige seit Yekuno Amläk in gleicher 
Wfeise behandelt sind, wissen wir nicht; jedenfalls ist nur die 
Beschreibung der Kriege c Amda Sions, soweit wir urteilen können, 
handschriftlich erhalten. 

Die letzten Ausläufer der Periode Zar'a Yä'kobs reichen 
noch bis in das zweite und dritte Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts 
hinein, als die Kämpfe gegen die Mohammedaner bereits ihren 
Anfang genommen hatten. Lebna Dengeis Regierung schliefst 
die alte Periode ab und ragt in die neue hinein. 

Unter Eskender wurden in den Jahren 1487 — 1488 die Wunder 
Georgs von Lydda (Ta'ämra Giorgis), unter Lebna Dengel 
im Jahre 1510 das Leben desselben Heiligen (Gadla Giorgis) 
übersetzt. Sodann stammen aus der Zeit um 1500 zwei wichtige 
historische Werke, ein einheimisches und ein fremdes. Von dem 
ersteren, einer grofsen Chronik, die die Geschichte von Menelik I. 
bis auf Nä'od enthalten haben soll, ist abgesehen von wenigen 
Teilen, nur die Kunde auf uns gekommen; diese Teile sind wahr- 
scheinlich die erwähnten Chroniken der Könige Zar'a Yä'kob und 
Ba'eda Märyäm sowie die ihrer Nachfolger bis auf Nä'od; die 
letzteren sind sehr kurz und summarisch. Das fremde Werk ist 
die grofse Weltgeschichte des Ägypters Dschirdschis al-Makln 
ibn al-'Amld, von den Äthiopen Giorgis walda Amid genannt; 
sie wurde zur Zeit des Lebna Dengel aus dem Arabischen ins 
Ge'ez tibertragen. Der König selbst veranlafste auch die Über- 
setzung von drei theologischen Schriften ; diese sind die Homilien, 
Abhandlungen und Briefe über das Mönchsleben von Johannes 
Saba oder Aragäwi Manfasäwi, ferner ein Kommentar zum 
Hebräerbriefe (Terguäme Mal'ekt) von Paulos Chrysostomos 
und ein Kommentar zu den Evangelien (Terguäme Wangelät), 
der dem Dionysios, Bischof des Morgenlandes, zugeschrieben wird. 



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— 214 — 

Das erste dieser drei Werke steht bei den Abessiniern in hohem 
Ansehen. 

Von all diesen Werken ist die Abfassungszeit bekannt; ihr 
Ensemble in dieser Zeit, der Blütezeit äthiopischer Litteratur, 
zeigt, was der Hauptinhalt dieser Litteratur ist. Dahin passen 
denn auch einige andere Hauptwerke der abessinischen Kirche, 
deren Abfassungszeit uns nicht genauer bekannt ist, die aber 
kaum jünger als 1500 sein dürften einerseits um des Ansehens 
willen, das sie geniefsen, anderseits, weil sich in der Organisation 
der Kirche ihre Notwendigkeit schon früh geltend gemacht haben 
mufs. Es sind dies vor allem die Sammlung der Kanones und 
Konstitutionen nach melkitischer Zurichtung, die Senodos (oovoBoc) 
genannt wird, und die grofse Hymnensammlung, die den Namen 
Degguä führt. Der Senodos wird bereits von Zar'a Yä'kob 
im >Buch des Lichtsc als Autorität angeführt; er mag daher 
vielleicht schon im 14. Jahrhundert tibersetzt sein. Über den 
Ursprung und die Zusammensetzimg des Degguä fehlt uns zur- 
zeit noch jede Untersuchung. 

König Zar'a Yä'kob führt auch die Dideskelyä (Didas- 
kalia apostolorum) und das Mashafa Kidäna Egzi'ena, 
>Buch des Bundes unseres Herrn c, an. Erstere sollen nach 
abessinischer Überlieferung noch aus der aksumitischen Periode 
stammen, also aus der Zeit der alten Kirche, in der sie ja auch 
anderswo in grofsem Ansehen standen; aber da sie aus dem 
Arabischen tibersetzt sind, werden sie in die zweite oder 
dritte Periode gehören. Das zweite Buch enthält eine kurze 
Regelung der kirchlichen Ämter und Handlungen sowie Gebets- 
formulare, die Jesus an seine Jünger erlassen haben soll. Das 
Antiphonarium, Mawäse'et genannt, und das Me'räf, die 
Sammlung der Hymnen für die Festtage des ganzen Jahres, über 
deren Ursprung noch nichts Näheres bekannt ist, würden sich 
am ehesten aus der Bltiteperiode erklären lassen, zumal sie, be- 
sonders das Mawäse'et, in guter, alter Sprache geschrieben 
sind. Ebenso würde auch das Zaubergebet des Königs Käleb, 
des Glaubenskämpfers gegen die stidarabischen Juden, das die 
Abessinier natürlich zu seinen Lebzeiten vertatst denken, sich 
am besten in die magische Litteratur des 15. Jahrhunderts ein- 
reihen. 



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215 — 



4. Die Zeit der grofsen Kriege gegen Muslimen und 
Galla und der ersten Religionsstreitigkeiten, von 

1520—1600. 

Mit dem Einfalle des Emir Graft in Abessinien stockte alle 
litterarische Tätigkeit; aber nicht genug, dafs ihr Fortschritt 
unterbrochen wurde, auch viel von dem bis dahin Gewonnenen 
wurde vernichtet. Noch ehe aber die mohammedanische Gefahr 
abgewendet war, und ehe man daran denken konnte, sich von 
den Schlägen zu erholen, fielen die wilden Gallahorden über das 
unglückliche Land her. Während der Kriege gegen Graft waren 
viele Christen zum Islam übergetreten ; da kamen die portugiesi- 
schen Jesuiten und wollten die abessinische Kirche veranlassen, 
sich dem Papste zu unterwerfen. Bevor nun die schriftstellerische 
Tätigkeit in gröfserem Umfange wieder aufgenommen werden 
konnte, bevor sich die geistige Kraft der Nation, soweit solche 
vorhanden war, wieder gesammelt und sich auf sich selbst be- 
sonnen hatte, war es nötig, den Gefahren, die der nationalen 
Kirche drohten, entgegenzutreten. Die jesuitische Gefahr drohte 
mehr mit geistigen Waffen, und gegen sie mufste man mit 
gleichen Waffen kämpfen. Im Jahre 1555 oder eher 1558 wurde 
die Confessio Claudii vom Könige Galäudeos zur Ver- 
teidigung gegen die Angriffe der Jesuiten verfafst-, er legt dar, 
dafs auch er und sein Volk Christen sind, und weist die Anklage, 
er folge jüdischem Brauche, scharf zurück. Auf seine Ver- 
anlassung wurde ferner die Schrift Sawana Nafs, »Zuflucht der 
Seelec verfafst, ein apologetischer Traktat, der den jakobitischen 
Glauben verteidigt. Auch aus der Litteratur der monophysitischen 
Glaubensgenossen anderer Länder suchte man sich Waffen zu 
schmieden, indem man für die abessinische Kirche wichtige Werke 
aus dem Arabischen tibersetzte: die Schrift Fekkäre Malakot, 
»Auslegimg der Gottheitc, die von der Natur Christi handelt, und 
das grofseWerk Häymänota Abau, »Glaube der Väterc, das 
alle möglichen verschiedenen auf den Monophysitismus bezüg- 
lichen Dinge enthält, Synodalbriefe, Predigten, Widerlegungen 
von Ketzereien usw. Vielleicht sind die letzten beiden Schriften 
aber etwas später als die beiden ersten, die sich mit Notwendig- 
keit aus der Lage der Dinge ergaben. Auch die Schriften gegen 



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— 216 — 

den Islam sind wohl erst unter dem zweiten Nachfolger des Königs 
Galäudeos entstanden. 

Die Anfänge des Wiederauflebens litterarischer Tätigkeit 
zeigen sich im Jahre 1561. Abessinische Mönche in Ägypten 
machen einen bescheidenen Anfang, indem sie arabische Ritual- 
schriften ins Ge'ez übersetzen, das Ma§fcafa Nessefcä, iBuch 
der Bufsec, und das Masljafa Kandll, »Buch des Leuchters«, 
d. h. der letzten Ölung. Erfolgreicher und wichtiger war die 
Arbeit in Abessinien, wo sich besonders ein Mann namens 
c Enbäkom (Habakuk) verdient machte. Er war ein Kaufmann 
aus Jemen, der nach Abessinien gekommen und dort zum 
Christentum übergetreten war; unter Sar§a Dengel (1563 — 1597) 
brachte er es bis zum Etschagg von Dabra Libänos, das damals 
zu einem Mittelpunkte litterarischer Tätigkeit wurde, und zum 
Übersetzer des Königs. Eins seiner ersten Werke war die Über- 
tragimg des religiösen Romans von Barlaam und Josaphat, 
der im Morgen- und Abendlande viel gelesen worden ist. Später- 
hin unternahm er die äthiopische Bearbeitung der ausführlichen 
Weltchronik des Abu Schäkir, die bei den Abessiniern sehr 
beliebt wurde, ebenso wie die ähnliche Chronik von al-Makln 
oder Giorgis walda Amid. Mit der Übersetzung einer Schrift 
über die Vortrefflichkeit des christlichen Glaubens, die zugleich 
als Polemik gegen den Islam diente, suchte er vielleicht nicht 
nur seinen eigenen Übertritt zu rechtfertigen, sondern auch sich an 
den Aufgaben der Zeit zu beteiligen ; denn die Schrift sollte jeden- 
falls zugleich den Zweck verfolgen, die unter Graft abtrünnig 
gewordenen Christen wieder zurückzugewinnen. Vielleicht gab 
sie die Anregung zu einer anderen kleinen Abhandlung gegen 
den Islam, Ankasa Amin, »die Glaubenspf ortet, deren Autor 
unbekannt ist; sie wurde um diese Zeit abgefafst und hatte den 
gleichen Zweck im Auge. Dem theologischen Geschmack der 
Zeit und des Volkes, der wohl auch sein eigener war, trug 
Enbäkom dadurch Rechnung, dafs er durch einen Schüler ein 
exegetisches Werk tibersetzen liefs, in dem Stellen der Bibel und 
der Apokryphen in mystischer Weise ausgelegt werden. 

Die Mönche in Dabra Libänos liefsen sich naturgemäfs die 
kirchliche Litteratur am meisten angelegen sein. Zwei der 
gröfsten theologischen Werke gehen wohl auf ihre Tätigkeit 
zurück, das Masbaf a Häwi, »Das umfassende Buche oder etwa 



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— 217 — 

»Enzyklopädiec , und der Talmid, iSchtilerc Ersteres wurde 
im Jahre 1582 durch Sslik von Dabra Libanos aus dem Arabischen 
tibersetzt ; es handelt vom kirchlichen und mönchischen Leben, von 
christlicher Moral, vom Gebete und von vielen anderen ähnlichen 
Dingen. Wann und von wem der Talmid, der verschiedene 
Ketzereien bekämpft, tibertragen wurde, ist unsicher. In der Zeit 
des Sar?a Dengel war das Werk jedoch schon in äthiopischer 
Übersetzimg bekannt, und wahrscheinlich ist es auch damals ent- 
standen. Seinen Namen erhielt es nach seinem ursprünglichen 
Verfasser, dem Mönche Georgios, dem Schüler des berühmten 
Antonios. Endlich wurde auch die kirchliche Poesie in jenem 
Kloster gepflegt, wie das Malke'a Takla Häymänot, ver- 
fafst vom Prior Johannes, uns zeigt; das Mazmüra Krestos, 
»Psalter Christi«, entstand um dieselbe Zeit in einem anderen 
Kloster. % 

Das Vorbild, das 'Enbäkom durch seine Übersetzung des 
Romans von Barlaam und Josaphat gegeben hatte, führte wohl 
zur Bearbeitung des äthiopischen Alexanderromans, die aller 
Wahrscheinlichkeit nach in jene Zeit fällt. Freilich konnten die 
geistlichen Kreise der orientalischen Christenheit den grofsen Welt- 
eroberer nur in ihrer eigenen beschränkten Weise verstehen. 
Die gewaltige Erschütterung des ganzen damals bekannten Orients 
durch den genialen, von den höchsten Zielen durchdrungenen 
Makedonier hat bei den verschiedensten Nationen und Religionen 
des Morgenlandes ihren Eindruck auf Jahrtausende hinterlassen. 
Nun machte sich aber jede Nation und Religion ein eigenes Bild 
von seiner Persönlichkeit ; bei den Abessiniern ist er, wie bei den 
Syrern, zu einem teilweise recht abgeschmackten christlichen 
Heiligen geworden. Dies spricht sich besonders in einer national- 
äthiopischen Legende von Alexander aus, während die aus dem 
Arabischen geflossene Übersetzung des Pseudo - Callisthenes eine 
mehr oder weniger getreue Wiedergabe jener weit im Orient 
verbreiteten Sammlung von Alexandersagen ist. 

Der Umschwung der politischen Verhältnisse um die Mitte 
des 16. Jahrhunderts hatte zur Folge, dafs sich die Notwendig- 
keit einer Regelung des kirchlichen und zivilen Rechts immer mehr 
fühlbar machte. Ein eigenes kodifiziertes Recht hatte man nicht; 
in vielen Gegenden wird sich, soweit es die dringendsten Bedürf- 
nisse der menschlichen Gemeinschaft betraf, ein Gewohnheitsrecht 



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— 218 — 

herausgebildet haben. Jetzt suchte man nach einem Vorbilde 
von aufsen her, da das kirchliche Recht naturgemäls als das 
autoritativste galt, und da man sich gewöhnt hatte, in allen kirch- 
lichen Dingen sich an die »Oberkirchec in Ägypten zu wenden. 
Das Vorbild fand man in dem Nomokanon des Ibn al- c Assäl, 
eines koptischen Christen des 13. Jahrhunderts, der zur Zeit der 
Blüte christlich-arabischer Litteratur in Ägypten als eine Richt- 
schnur für seine Glaubensgenossen eine Sammlung von alten 
römischen Gesetzen, von Vorschriften aus der Bibel und von 
kirchlichen Geboten kompiliert hatte. Diese Sammlung wurde 
als Fetba Nagast, »das Recht der Königec, ins Äthiopische 
übersetzt, und sie gewann so hohes Ansehen in Abessinien, dafs 
sie noch heute als kirchliches, bürgerliches und Strafgesetzbuch 
gilt Das Fetba Nagast mufs vor 1582 übersetzt sein; da es aber 
kaum in die Periode Zar'a Yä'kobs gehört, wird es sich am 
besten aus den Verhältnissen unter Sarsa Dengel erklären. 

Die wichtigste Folge der Kriege des 16. Jahrhunderts war 
jedoch das Aufblühen der Geschichtschreibung. Eine Be- 
schreibung der Kriege gegen Graft gab den ersten Anstofs dazu. 
Dies kleine Werk wurde der Kern einer kurzen Geschichte 
Abessiniens, die mit der Zeit immer weiter fortgeführt wurde, 
und die man »die abgekürzte Chronik c zu nennen pflegt; sie liegt 
uns in mehreren Redaktionen vor und ist ein höchst wichtiges 
Dokument. Der Beschreibung jener Kriege wurden zunächst die 
alten Königslisten sowie Notizen über die Könige von Yekuno 
Amläk bis Lebna Dengel vorgesetzt; dann wurden die Re- 
gierungen der späteren Könige in annalistischer Weise mehr oder 
weniger ausführlich behandelt. Das Werk reicht bis zum Ende 
der Regierung des Bakäffä (1729). 

Unter Sarsa Dengel, mit Regierungsnamen Malak Sagad L, 
wurde das erste gröfsere heute noch erhaltene Geschichtswerk ver- 
fafst, das Tärika Malak Sagad. Zunächst behandelt es die 
Regierungen der drei vorhergehenden Könige; die des Lebna 
Dengel ist ziemlich knapp, die des GaläudSos und Minäs jedoch 
ausführlich und voll wichtiger Mitteilungen. Natürlich bildet die 
Regierung des Malak Sagad den Hauptteil des Buches, das nach 
dem Urteile Conti Rossinis eins der besten Erzeugnisse der Ge c ez- 
Litteratur ist. 

Wie die Mohammedanerkriege, so fanden auch die Kriege 



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— 219 — 

gegen die Galla ihren Geschichtschreiber, und zwar einen Mönch 
und Hofpriester, namens Bäbrey, der sein Volk und seine Zeit sehr 
vorurteilsfrei beurteilt. Seine Schrift Zenähula-Gällä,» Kunde 
von den Gallac, ist nur ein kurzes Kompendium, aber sie bietet 
uns sehr wichtige Nachrichten über die Genealogie der Galla- 
Stämme, über ihre Verfassung und Sitten, zugleich auch eine 
Chronik ihrer Führer und Feldzüge. 

Das letzte historische Werk dieser Periode fällt in die Zeit 
des Nachfolgers von Sarsa Dengel-, es ist wiederum eine Über- 
setzung aus dem Arabischen, aber eine sehr wichtige, da das 
Original verloren gegangen ist. Auf Befehl der Märyäm Sennä 
der Mutter des Königs Sar§a Dengel, und des Ras AtenätSos wurde 
die Chronik des Bischofs Johannes von Nikiu im Jahre 
1602 von einem Ägypter Keberyäl (Gabriel) ins Ge'ez übersetzt. 
Der wichtigste Teil dieser Chronik ist der letzte, der von der 
Eroberung Ägyptens durch die Araber berichtet, die der Verfasser 
miterlebte. Zeitgenössische Berichte über diese Ereignisse von 
christlicher Seite sind sehr selten. 

5. Die Zeit der Religionskämpfe im 17. Jahrhundert. 

Die portugiesischen Jesuiten hatten unter König Susneos 
(1607 — 1632) wieder Eingang in Abessinien gefunden und hatten 
Erfolg mit ihrer Propaganda; im Jahre 1626 bekannte sich auch 
der König selbst zur römischen Lehre. Dadurch wurde Abessinien 
in zwei Lager gespalten, die sich aufs bitterste bekämpften, aber 
nicht darauf achteten, dafs, während ihre eigenen Streitereien das Land 
schwächten, die Galla-Gefahr immer gröfser wurde. Der Religions- 
streit drängte alle anderen Erwägungen zurück und gab natür- 
lich auch der litterarischen Tätigkeit eine besondere Richtung. 
Man arbeitete auf beiden Seiten, aber man interessierte sich fast 
nur für Arbeiten, die zum Angriffe auf die andere religiöse Partei 
oder zur Stärkung der eigenen dienten. Neben dieser Haupt- 
richtung in der Litteratur, die zugleich auch, um die Bücher 
mehr unter das Volk dringen zu lassen, mit der Schaffung eines 
amharischen Schrifttums begann, kam nur noch eine einzige 
andere Richtung zur Geltung, die Geschichtschreibung, Ganz 
abseits vom Wege stehen zwei religionsphilosophische Werke, 
die in ihrer Eigenart die originellsten Schriften der ganzen 



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— 220 — 

äthiopischen Litteratur darstellen, und die ein wirklicher Beitrag 
zur Geschichte menschlicher Geistesarbeit sind. 

Die Geschichtslitteratur dieser Zeit bildet die direkte 
Fortsetzung der des 16. Jahrhunderts; der einzige Unterschied 
ist, dals sie von nun an durch zünftige Geschichtschreiber, Hof- 
historiographen, gepflegt wurde. Die Namen dieser Geschicht- 
schreiber sind fast in ununterbrochener Folge bekannt Die 
Annalen des Susneos sind ein sehr umfangreiches Werk, an dem 
zwei Verfasser arbeiteten. Die der folgenden Könige wurden 
gewissenhaft nacheinander aufgezeichnet und wurden dann zwei- 
mal zu gröfseren Sammlungen vereinigt, einmal um 1750 vom 
General Khailu, das zweite Mal auf Veranlassung des Frankfurter 
Forschungsreisenden Ed. Rtippel um 1830. Die folgenden zwanzig 
Jahre wurden dann auch noch hinzugefügt und sind handschrift- 
lich erhalten. — Neben diesen grofsen Chroniken wurde, wie 
bereits erwähnt, auch die abgekürzte Chronik noch fortgeführt. 
Wie sie sich im einzelnen zu den grofsen Annalen stellt, ist noch 
zu untersuchen; in einigen Teilen ist sie unabhängig, in anderen 
scheint sie ein Exzerpt aus den offiziellen Chroniken zu sein. 

Unter Susneos erschienen zunächst zwei Streitschriften, 
eine auf katholischer, die andere auf monophysittscher Seite. In 
ihnen steht das Dogma von der Natur oder den Naturen Christi 
im Mittelpunkt. Hierum handelt es sich naturgemäfs hauptsächlich 
im Streite der beiden Kirchen; aber auch nachdem die Jesuiten 
vertrieben waren, fuhr man innerhalb Abessiniens fort, diese 
Frage lebhaft zu diskutieren. Ja, sie führte zu inneräthiopischen 
christologischen Streitigkeiten, die auch den König mit hinein- 
zogen und so eine politische Färbung gewannen. Hier haben 
wir ein Stück alter Kirchengeschichte in der Neuzeit. 

Die Haupttätigkeit der Jesuiten und ihrer abessinischen 
Freunde erstreckte sich natürlich auf die theologische Litteratur. 
Sie übersetzten einen Teil des römischen Rituals, des Breviers, 
ferner Predigten über das apostolische Symbol und ähnliche katho- 
lische Bücher ins Ge'ez ; dazu wurde aber auch das Neue Testa- 
ment auf Grund der Vulgata neu übertragen. In anderer Weise 
machten sie sich nützlich als Verfasser einer äthiopischen und 
einer amharischen Grammatik sowie einer Kalenderkonkordanz, 
die sie Hasäb Retu*, »richtige Berechnungc, nannten. 

Dem Streite der beiden Parteien sah Zar'a Yä'kob, ein be- 



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— 221 — 

gabter Bauernsohn aus der Nähe von Aksum, der in die aksu- 
mitische Priester- und Lehrerschaft eingetreten war, nachdenk- 
lich zu. Da beide gegeneinander tobten, die Gegner als Lügner 
hinstellten, ihre eigene Lehre aber als die reine Wahrheit aus- 
schrieen, kam Zar'a Yä'kob darauf, dafs wohl keine Partei recht 
habe. Das sagte er freilich nicht offen, aber er schlug sich 
weder auf die eine noch auf die andere Seite. Deswegen wurde 
er von beiden Seiten gehafst, und um seines Lebens sicher zu 
sein, mulste er flüchten. Er verbarg sich zwei Jahre lang in 
einer Höhle und bildete sich hier sein eigenes philosophisches 
System aus, das man das eines christlichen Freidenkers nennen 
könnte ; er kommt zu einem reinen Theismus durchaus auf ratio- 
nalistischer Grundlage. Als er sich dann nach dem Tode des 
Königs Susneos wieder unter die Menschen gewagt und bei einem 
reichen Manne nordöstlich vom Tsänä-See Stellung als Ab- 
schreiber und Erzieher gefunden hatte, gewann er in dem einen 
Sohne dieses Mannes einen Schüler. Beide, Meister und Schüler, 
legten ihre Gedanken in je einer Schrift nieder, die sie Ha tat ä, 
»Untersuchungc, nannten. 

Die eigentliche äthiopische Litteratur geht nimmehr rasch 
ihrem Ende entgegen. Noch einmal wird ein gröfseres theo- 
logisches Werk Faus Manfasäwi, »die geistliche Heilunge, 
aus dem Arabischen übersetzt, um das Jahr 1667, und die Chro- 
niken werden fortgeführt, aber von einer umfassenden litterari- 
schen Tätigkeit kann nicht mehr die Rede sein. Die alten Hand- 
schriften werden vielfach neu kopiert, die Kenntnis des Ge c ez 
wird weiter gepflegt, aber die Lust zum Schreiben und zum 
Übersetzen versiegt. Hand in Hand mit dem Verfalle der Litte- 
ratur geht der Verfall der Reichsmacht. Daneben aber machen 
sich die Zeichen einer neuen Zeit, freilich noch in sehr be- 
scheidenen Anfängen, geltend. Die Jesuiten hatten einige Schriften, 
die sie unter dem Volke weiter zu verbreiten wünschten, in der 
Landessprache, dem Amharischen, abgefafst, unter anderem einen 
kleinen Traktat von der christlichen Lehre. Der Abenteurer 
Peter Heyling, den wir schon früher kennen gelernt haben, soll 
das Johannes-Evangelium ins Amharische übertragen haben ; das 
hat er aber wohl kaum aus besonderen kirchlichen Rücksichten 
getan. Da jedoch die Jesuiten das Amharische ihren Zwecken 
dienstbar machten, durften die jakobitischen Abessinier nicht 



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— 222 — 

zurückstehen. So entstand eine amharische Darlegung der Grund- 
lagen des monophysitischen Bekenntnisses, genannt A'mäda 
Mestir, »die Säulen des Geheimnissesc. In dieser Richtung 
wurde weiter gearbeitet; einerseits wurden die gebräuchlichsten 
kirchlichen Ge c ez- Schriften, wie das Hohe Lied, das WeddäsS 
Märyäm, weiterhin immer mehr Teile der Bibel dem Volke zu- 
gänglich gemacht, anderseits verfafste man jakobitische Katechis- 
men, theologische Traktate und Gebete in amharischer Sprache. 
Sogar der Landesgeschichte wandte man sich zu, indem Er- 
zählungen von Lebna Dengel, von Grän und von den Galla auf- 
gezeichnet wurden. Seit Theodor IL ist das Amharische auch 
die Sprache der Hofhistoriographen ; seine eigene Geschichte ist 
in zwei Redaktionen aufgezeichnet worden. Endlich zeigen sich 
in den äthiopisch-amharischen Wörterverzeichnissen die Anfänge 
einer philologischen Behandlung der eigenen Sprache. 

Das Amharische führt uns nun zu einer äthiopischen Litte- 
ratur ganz anderer Art, der Volkslitteratur. In ihr weht ein 
frischer Geist, der den Leser aufatmen lälst, wenn er sich durch 
die offizielle, zum Teile doch sehr reizlose Litteratur hindurch- 
gewunden hat. Von altamharischen Königsliedern war schon 
früher die Rede; sie sind fast das Einzige, was die Abessinier 
selbst von volkstümlichen Dingen aufgezeichnet haben. Alles 
andere stammt aus neuerer Zeit und geht auf die Bemühungen 
europäischer Forscher zurück, die Fabeln, Sprichwörter, Volks- 
lieder aus dem Munde der Eingeborenen aufzeichneten oder von 
letzteren aufzeichnen lielsen. Das Gemtitsleben, das sich in dieser 
Litteratur ausspricht, ist nicht gerade sehr reich. Aber in den 
Kriegsliedern herrschen eine urwüchsige Kraft und eine drama- 
tische Darstellungsgabe. In den Sprichwörtern, kleineren Strophen 
und Fabeln zeigt sich eine feine Beobachtung des Volkslebens, 
besonders des Treibens der Hofkreise und des Klerus; hin und 
wieder finden wir neben gemütlichem Humor auch scharfe Satire. 
Reiches Material ist besonders inNordabessinien gesammelt worden : 
Kriegs- und Heldenlieder, Klagelieder, Lobgedichte auf die eigene 
Heimat und den eigenen Stamm, Liebeslieder. Ein reicher Bilder- 
schatz offenbart uns die Naturbeobachtung dieser Dichter, die 
namentlich das Tierleben trefflich zu schildern wissen. 

Die Zeit der Ge'ez-Litteratur ist vorüber. Auf ihren Trümmern 
baut sich die amharische Litteratur auf, die jedoch auch jetzt noch 



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— 223 — 

in ihren Anfängen steht, die aber, wenn die besonders von Meni- 
lek unternommene nationale Ausgestaltung des Reiches von Dauer 
ist, wohl noch eine grölsere Zukunft hat. Das Tigre und Tigrifia 
würden dann wohl mit der Zeit ganz dem Amharischen weichen 
müssen, und von den hamitischen Sprachen Abessiniens scheint 
keine dazu berufen zu sein, eine wirkliche Litteratursprache zu 
werden. 

II. Die einzelnen Litteraturzweige. 

1. Die Bibel. 

Wie tiberall in alter und neuer Zeit, so fühlten auch in 
Abessinien die christlichen Missionare gleich nach Aufnahme 
ihrer Arbeit die Notwendigkeit einer Bibel in der Landessprache. 
Für die Verbreitung des Evangeliums, der frohen Botschaft, 
waren natürlich die Evangelien des Neuen Testaments von 
gröfster Wichtigkeit; so waren diese Bücher denn auch die 
ersten, die ins Ge c ez tibersetzt wurden. Die Missionare waren 
vielleicht syrische Mönche, die von Stidarabien, das ja in den 
ersten fünf Jahrhunderten immer in Beziehungen zum aksumiti- 
schen Reiche stand, nach Abessinien gekommen waren. Jeden- 
falls legten die Missionare ihrer Übersetzung einen griechischen 
Text zugrunde, und zwar wahrscheinlich in einer syrisch-okziden- 
talen Rezension, wie er vielleicht bei ihnen zu Hause, in der 
Gegend von Apamea und Antiochien, gebräuchlich war. In 
kurzer Zeit folgten den Evangelien die anderen Bücher des 
Neuen Testaments nach derselben Rezension, dann aber auch das 
Alte. Ebenfalls das Alte Testament ist aus dem Griechischen 
übersetzt worden, und auch hier wieder in einer Rezension, die 
den syrisch-hellenistischen Christen am bekanntesten war. Das 
hebräische Alte Testament ist bekanntlich verschiedene Male ins 
Griechische tibersetzt worden, und diese Übersetzungen sind dann 
später wieder tiberarbeitet und in neuen Rezensionen heraus- 
gegeben worden. Von den griechischen Versionen ist die der 
sogenannten Septuaginta die älteste ; sie wurde bereits im 3. Jahr- 
hundert v. Chr. hergestellt. Die Übersetzimg der Septuaginta 
wurde im Laufe der Zeit vielfach geändert und verbessert und 
dann, wie uns berichtet wird, im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. 
von drei Männern einer gründlichen Revision unterzogen, um 



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— 224 — 

neue, zuverlässige Rezensionen herzustellen; diese Männer waren 
der alexandrinische Kirchenvater Origenes, der im Jahre 254 
starb, der syrische Presbyter Lucian, der im Jahre 311 starb, 
und der ägyptische Bischof Hesych, der um 300 lebte. Ihrem 
Ursprünge gemäls wurde die Rezension des Lucian am meisten 
in Syrien, aber auch weiterhin in Kleinasien und Griechenland 
benutzt, und sie liegt aller Wahrscheinlichkeit nach der alt- 
äthiopischen Übersetzung zugrunde. Dafs die äthiopische Version 
auf die griechische zurückgeht, steht aulser Zweifel ; dafs Aramäer 
dabei beteiligt gewesen sind, darauf deuten manche Anzeichen, 
wie z. B. die Einführung einzelner aramäischer Fremdwörter, 
besonders wo es sich um theologische Begriffe handelt, und die 
Umschreibung von Eigennamen. Im einzelnen ist hier aber noch 
manches unsicher; namentlich wäre genau festzustellen, ob die 
aramäischen Fremdwörter im Ge'ez wirklich speziell christliche 
Ideen ausdrücken. 

Obgleich die Übersetzungen der einzelnen Bücher ziemlich 
rasch hintereinander hergestellt sein werden, so macht sich doch 
die Tätigkeit mehrerer Übersetzer durch die Verschiedenheit 
ihrer Fähigkeiten deutlich bemerkbar. Die einen Bücher des 
Alten Testaments sind gut, die anderen schlechter, die einen sind 
wörtlich, die anderen mehr nach dem Sinne tibersetzt. Wenn 
der Übersetzer den Sinn des Griechischen gut verstand, des 
Griechischen und des Ge c ez gut kundig war, so war eine sinn- 
gemäfse Übersetzung recht wünschenswert; wo das aber nicht 
der Fall war, da war das Resultat nur von zweifelhaftem Werte. 

Wie nun aber wirklich jene alte Übersetzung im einzelnen 
ausgesehen hat, das können wir noch gar nicht beurteilen, da 
überhaupt keine Handschriften aus jener Zeit auf uns gekommen 
sind. Während der Jahrhunderte, die zwischen der Abfassungs- 
zeit und der Regierung Yekuno Amläks verflossen, sind natür- 
lich viele Änderungen, Fehler und verderbte Stellen in den Text 
eingedrungen; Worte wurden ausgelassen, andere eingesetzt — 
Sachen, die aus der Handschriftengeschichte genugsam bekannt 
sind. Was für ein zerrissenes und geflicktes Gewand die äthio- 
pische Bibel gegen Ende des 13. Jahrhunderts gehabt hat, sehen 
wir aus der ältesten uns bekannten Ge*ez-Handschrift, die aus 
der Zeit Yekuno Amläks stammt, und in der die ersten acht 
Bücher des Alten Testaments enthalten sind, d. h. die fünf 



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— 225 — 

Bücher Mosis, das Buch Josua, das Buch der Richter, das Buch 
Ruth, die man unter dem Namen Octateuch zusammenzufassen 
pflegt. Da suchten denn die Abessinier selbst Abhilfe zu schaffen, 
aber gerade durch diese Abhilfe, die sich hier kaum auf alte, 
gut und rein erhaltene Händschriften stützen konnte, ist für uns 
der Text noch mehr entstellt. In ähnlicher Weise hatten auch 
andere Völker sich zu helfen gesucht, um der Ungewifsheit und 
den vielen verschiedenen Lesarten ein Ende zu machen; man 
denke nur an die Vulgata des Hieronymus, der aber die Kennt- 
nis des Urtextes und ein ganz anderes Handschriftenmaterial als 
die Abessinier zur Verfügimg hatte. Gerade im 13. Jahrhundert 
waren zwei Versuche in Ägypten gemacht worden, einen einheit- 
lichen arabischen Evangelientext herzustellen; der zweite dieser 
Versuche führte zur alexandrinischen Vulgatarezension der Evan- 
gelien. Auf Grund dieser unternahmen der Reformator Salämä 
und seine Gesinnungsgenossen in der ersten Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts eine Revision der äthiopischen Evangelien ; Einzelheiten 
über ihre Herstellung und Verbreitung sind uns nicht bekannt. 
Die einmal ins Leben gerufene Bewegung nahm ihren Fortgang 
und erstreckte sich nach und nach auch auf das Alte Testament 
oder zum mindesten auf einzelne Teile desselben. Da nun die 
ganze äthiopische Übersetzungslitteratur seit dem 13. Jahrhundert 
unter dem Zeichen des Arabischen steht, so ist es a priori wahr- 
scheinlich, dafs auch die neuen Rezensionen des Alten Testa- 
ments mit Hilfe arabischer Übersetzungen hergestellt sind. Aufser- 
dem ist es sehr unwahrscheinlich, dafs ein abessinischer Christ 
sich eine hinreichend gründliche Kenntnis des Hebräischen er- 
worben haben sollte, um eine Bibelrevision auf Grund des Ur- 
textes vorzunehmen, es müfste denn etwa ein hebräisch gebildeter, 
zur koptischen Kirche übergetretener Jude gewesen sein, der 
nach Abessinien gekommen wäre und sich dort litterarisch hervor- 
getan hätte. Von solchen Juden ist bisher aber nichts bekannt 
geworden; von einem ägyptischen Juden wird freilich erzählt, er 
habe wegen seiner Verehrung der Gottesmutter 130 Jahre zu 
seinem Leben hinzugelegt erhalten; aber ob der fromme Mann 
sein natürliches Leben und die ihm geschenkten 130 Jahre zu 
litterarischer Arbeit verwandt hat, wird nicht verraten. Einzelne 
hebräische Worte, die auch als solche bezeichnet werden, kommen 
hin und wieder in der äthiopischen Litteratur vor, aber das sind 

Litteratnren des Ostens. VII, 2. 15 



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— 226 — 

fast nur geheime Zaubernamen, die auf Einzelerkundigungen oder 
auf schriftlicher Überlieferung beruhen werden. Nun zeigen sich 
aber in den äthiopischen Bibelhandschriften unzweifelhafte An- 
klänge an das hebräische Alte Testament. Da wird eine Ver- 
mutung von Prof. Guidi vielleicht das Richtige treffen : er deutete 
darauf hin, dafs die abessinischen Revisoren die Übersetzung des 
Saadia Gaon benutzt haben könnten. Dieser jüdische Gelehrte, 
der mit arabischem Namen Sa'Id ibn (oder abü) Ya'küb el- 
Faiyüml hiefs, lebte von ca. 892 — 942 teilweise in Ägypten, teil- 
weise in Babylonien, und legte seiner arabischen Übersetzung 
des Alten Testaments naturgemäfs den hebräischen Text zu- 
grunde. Sonst wäre es allenfalls nur denkbar, dafs der eine 
oder andere Falascha sich in Ägypten oder Palästina mit dem 
Hebräischen vertraut gemacht und das bei seinen abessinischen 
Glaubensgenossen gebräuchliche äthiopische Alte Testament nach 
dem Hebräischen verbessert hätte. Diese Verbesserungen könnten 
dann auch in die Handschriften der Christen eingedrungen sein. 

Aus dem Variantenbestande der Handschriften ergibt sich, 
dafs auch im 16. und 17. Jahrhundert noch an der Revision der 
äthiopischen Bibel gearbeitet worden ist. Vielleicht hängt eine 
Revision mit der Wiederaufnahme der litterarischen Arbeit nach 
den Kriegssttirmen des 16. Jahrhunderts und eine andere mit den 
Religionskämpfen im 17. Jahrhundert zusammen. Gerade die 
letzteren werden die Vertreter der alexandrinischen Kirche ver- 
anlafst haben, ihr Augenmerk der nationalen Bibel zuzuwenden 
und gegen die Neuübertragungen der portugiesischen Jesuiten 
mit verbesserten eigenen Waffen zu kämpfen. Natürlich haben 
sie sich zu diesem Zwecke wieder nach Ägypten wenden müssen, 
weil ihnen nur der eine Weg offen blieb. Da unsere Kenntnis 
der arabischen Bibelübersetzungen aber noch sehr mangelhaft 
ist, lassen sich die Zusammenhänge hier noch nicht genau fest- 
stellen. Aus dem bisher gesammelten äthiopischen Material kann 
man aber bereits sehen, dafs diese Revisionen sich in den einzelnen 
Büchern der uns vorliegenden Handschriften in verschiedener 
Stärke geltend machen. 

Neben den kanonischen Büchern der heiligen Schriften fanden 
aber gerade in Abessinien die Apokryphen und Pseudepigraphen 
ganz besonders willkommene Aufnahme. An ihnen ist die Ge'ez- 
Litteratur sehr reich, und sie haben sich bei den Christen und 



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— 227 — 

den Juden Abessiniens von jeher grofser Beliebtheit erfreut Ver- 
schiedene alt- und neutestamentliche Apokryphen haben sich nur 
in äthiopischer Übersetzung ganz erhalten. Aus der aksumiti- 
schen Periode kennen wir nur Übersetzungen, späterhin hat man 
ja auch ähnliche, zumal apokalyptische Werke in Abessinien ver- 
fafst, die aber naturgemäfs keine kanonische Geltung erlangten. 
Von alten Übersetzungen sind die des Jubiläenbuches und 
des Buches Henoch die wichtigsten. Das Buch der Jubiläen, 
so genannt, weil es die ganze Weltgeschichte in Jobelperioden 
und Jahrwochen einteilt, heilst auch die »kleine Genesisc, da es 
in der Hauptsache ein Pseudepigraph zur kanonischen Genesis 
ist; die Abessinier nennen es Ma§bafa Kufäle, »Buch der 
Einteilung^ Dies Buch ist für die Kenntnis der jüdischen Theo- 
logie in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten von grofser 
Wichtigkeit; es stellt die Weiterentwicklung der in der spätesten 
Quellenschrift des Pentateuchs, dem sogenannten Priesterkodex, 
begonnenen gesetzlich-priesterlichen Richtung dar, seine gröfsten 
Helden sind Juda und Levi. Die äthiopische Version ist aus 
einer griechischen Übersetzung des hebräisch geschriebenen Ori- 
ginals geflossen. Das Buch Henoch enthält allerlei verschiedene 
Bestandteile, jüdische und christliche. Henoch galt wie Esra bei 
den Juden und den Christen als ein mit tiefer göttlicher Weis- 
heit begabter Mann, und gerade über ihn waren viele Legenden 
im Umlauf. Er war gen Himmel gefahren und hatte dort alle 
Geheimnisse der tiberirdischen Welt geschaut, unter denen die 
astrologischen Kenntnisse und Berechnungen natürlich nicht fehlen 
dürfen. Auch das äthiopische Buch Henoch ist aus dem Griechi- 
schen tibersetzt; freilich stellt es nur eine und noch dazu etwas 
konfuse Sammlung von Henoch-Legenden oder solchen, die auf 
ihn tibertragen wurden, dar; andere sind in anderen Sprachen 
erhalten. Wie beliebt die Person Henochs im christlichen Alter- 
tume war, sieht man daraus, dafs ihm nach der mohammedani- 
schen Eroberimg noch Prophezeiungen, meist ex eventu, zu- 
geschrieben wurden, die im armenischen Buche Henoch nieder- 
gelegt sind. 

Nur kurz erwähnt seien hier andere apokryphe Schriften, 
wie der Hirt des Hermas, die Himmelfahrt Isaiae, das Buch 
Baruch, das dritte und vierte Buch Esra; diese stammen noch 
aus der ersten Litteraturperiode und daher aus dem Griechischen. 

15* 



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— 228 — 

Später kamen Übersetzungen aus dem Arabischen hinzu, wie 
die Didascalia Apostolorum, die Legenden von Adam und Eva, 
die apokryphen Apostelakten. Die Makkabäerbücher sind ent- 
weder ursprünglich gar nicht tibersetzt, was das wahrscheinlichste 
ist, oder ihre Übersetzung ist während der dunklen Jahrhunderte 
von 650 — 1250 verloren gegangen. Die jetzt vorliegende Über- 
setzung dieser Bücher stammt aus dem Lateinischen und ist zur 
Portugiesenzeit abgefalst An ihre Stelle war ein erdichtetes 
Makkabäerbuch getreten, das bereits um 1450 bekannt war, da 
König Zar'a Yä'kob sich darauf beruft; dies Buch erzählt das 
Martyrium dreier Juden unter einem Könige Siru§äydän, d.i. Tyrus 
und Sidon, und enthält Erörterungen über die Unsterblichkeit der 
Seele, Auf erstehimg der Toten und die biblische Geschichte der Juden. 

2. Theologische und kirchliche Litteratur. 

Wie wir aus der ganzen Entwicklungsgeschichte der Ge'ez- 
Litteratur immer wieder gesehen haben, ist die theologisch-kirch- 
liche Litteratur ihr eigentlicher Mittelpunkt; das geistige Leben 
fiel fast durchweg mit dem geistlichen Leben zusammen. Freilich 
war die Pflege dieser Litteratur eins der wichtigsten Lebens- 
bedürfnisse für das abessinische Volk. Denn trotz der unglaub- 
lichen Überhandnähme der Priester und Mönche, die in vielen 
Fällen nichts weiter als berufsmäfsige Faulenzer waren, dem 
Volke wie Blutegel im Nacken safsen und eine gedeihliche Ent- 
wicklung der Volksbildung hemmten, trotz des unchristlichen 
Lebens der Grofsen und der Unkenntnis und des Aberglaubens 
unter dem Volke — ist doch die gemeinsame christliche Religion 
das Band gewesen, das die Nation gegen die umwohnenden 
Völkerschaften zusammenhielt. Das kirchliche Leben nun fand 
seinen Ausdruck im Gottesdienste, und die für ihn bestimmten 
Bücher waren für die Priester das notwendigste Handwerkszeug. 
Daneben beschäftigte man sich mit Exegese, Dogmatik, asketi- 
schen Werken, Apokalyptik und kirchlicher Erbauungsliteratur. 
Da es kaum wünschenswert ist, hier auf diese ganze Litteratur 
ausführlich einzugehen, so sollen nur die Hauptwerke hervor- 
gehoben werden ; im übrigen vergleiche man im ersten Teile die Ab- 
schnitte, die sich mit theologischen und kirchlichen Werken befassen. 

Den Grundstock des Gottesdienstes bildet die Schriftverlesung, 
um die sich die Liturgien und Hymnen gewissermafsen herum- 



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— 229 — 

gliedern. Von allen Büchern der Bibel wird das Psalmenbuch 
am meisten im Gottesdienste gebraucht und privatim gelesen. 
Daher haben wir denn auch unzählige Handschriften des Psalters, 
ja, wie auch sonst vielfach im christlichen Orient, der erste und 
oft einzige Schulunterricht der Kinder besteht im Auswendig- 
lernen und teilweisen Verstehen der Psalmen. Den Psalmen- 
handschriften werden meist die sogenannten biblischen Hymnen 
oder Prophetengesänge angehängt, Lieder aus dem Alten und 
Neuen Testament: drei Lieder Mosis, je ein Lied der Hanna, 
des Hiskias, des Manasse, des Jonas, Daniels, der drei Kinder, 
Habakuks, Jesaias, der Jungfrau Maria, des Zacharias, des Simeon. 
Daran schliefsen sich dann meist noch das Hohe Lied Salomonis 
und die Weddäse Märyäm genannten Hymnen auf Maria. Nach 
bestimmten Psalmenversen nun werden kleine Hymnen ver- 
schiedenster Art vom Priester gesungen, die man äthiopisch mit 
KenS bezeichnet, einem Worte, das genau dem griechischen 
XetToopffot entspricht. Diese Hymnen haben auch in der alt- 
griechischen Kirche eine grolse Rolle gespielt, und sie bilden 
gewissermafsen die Anfänge der altchristlichen Kirchenpoesie. 
Solche Hymnen werden in Abessinien oft improvisiert, manche 
von ihnen gehen verloren,, andere werden auf gezeichnet ; wer ein 
guter Priester werden will, der lernt auch Ken5 zu verfassen. 
Die Kene-Hymnen zerfallen nun noch in zehn verschiedene Unter- 
arten, von denen eine, die Seiläse genannte, in Nä'od einen 
königlichen Bearbeiter gefunden hat Sie sind gereimt, aber die 
Zeilen sind von verschiedener Länge, eine Verschiedenheit, die 
beim Gesänge dadurch ausgeglichen wird, dafs man längere 
Zeilen rasch, kürzere langsamer singt und mehrere Töne auf 
eine Silbe rechnet. Ein solcher Hymnus ist z. B. folgender: 

Wer, vor dem Löwen auf der Flucht, einem Wüstenwolf begegnet, dem 

wächst die Furcht; 

Und wenn er ins Haus eintritt und eine Schlange findet, so erschrickt 

er gewaltig: 

Einem solchen Mann vergleichbar war Adam in der Unterwelt, 

Bis dafs du ihn zu dir riefest, 

Christus, Mensch geworden, am Kreuze ein Opfer dem Vater. 

Von nun an will ich dich Quell aller Freuden nennen; 

Denn der Mensch hat keinen Bruder von reinerer Liebe als dich, 

Magst du ihm Ruhe gewähren oder ihn zum Heile heimsuchen. 

Du bist mir näher als ich mir selbst. 



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— 230 — 

Aus der Sammlung Nä'ods ist folgender Hymnus, der am 
Kreuzesfeste gesungen werden soll: 

Ich sah einen Mann wie von blinkendem Erz, 

Einen Mefsstab tragend in der rechten Hand, 

Wie geweissagt hat Ezechiel, der treue: 

Dies ist das Holz vom Kreuze des Heilands, 

Das auf Golgatha sich fand am Ende des achten Sabbats 

Und den Christen ward ein Diadem von reiner Schönheit. 

Ein anderer Hymnus desselben Dichters knüpft an das be- 
rühmte Kloster Dabra Metmäk in Ägypten an; dies ist an einer 
Stelle erbaut, an der Jesus als Kind auf der Flucht gestanden 
haben soll. 

Wie du in Dabra Metmäk offen auf Erden erschienen, 

So erschein heute, Maria, aus freier Wahl 

Mir, der ich in Lobpreis zu dir spreche, deinem Knechte Nä'od. 

Dir gebührt, meine Herrin, Anbetung in reiner Verehrung: 

Deiner Gnaden Fülle walte über mir; 

Bete heute, o Mutter des eingeborenen Sohnes, 

Dafs meine Herde kein Unheil treffe. 

Der Erzengel Michael wird ganz besonders in Abessinien 
gefeiert; bei abessinischen Christen und Juden gilt er als mäch- 
tiger Fürsprecher und Beschützer und als gewaltiger Wunder- 
täter. Auch ihn besingt Nä'od in mehreren Hymnen, deren 
einer hier mitgeteilt werden möge: 

Michael, ruhmreicher Herr der Myriaden, 

Bläser des Horns, wenn er auf Flügeln dahineilt, 

Engel des Angesichts, Himmelsvogel — 

Ewig, ewig sammelt sich die Heerschar, unverzüglich immerdar. 

Der Tau seines Segens träufle auf mich! 

Die Räume meines Hauses verlasse auch sie nicht, 

Sie, die aus seiner Hand das Schwert genommen. 

Diese Hymnen sind vielleicht die ursprünglichsten in der 
abessinischen Kirche, und sie mögen, wie in der altgriechischen 
Kirche, die Anfänge kirchlicher Poesie überhaupt darstellen. Auf 
die Ähnlichkeit zwischen den Kens der geistlichen Poesie und 
den Bardenliedern der weltlichen Dichtkunst hat Prof. Guidi 
bereits hingewiesen. Letztere sind sicher bei den Abessiniern 
einheimisch und ursprünglich. Sollten nun auch die Ken€ ein 
eigenes Produkt Abessiniens sein ? Die Frage ist vorläufig noch 



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— 231 — 

nicht zu beantworten. Wenn wir z. B. sehen, dafs die bekann- 
testen Loblieder auf Maria, Weddäse Märyäm, aus Ägypten ge- 
kommen sind, dafs dann König Zar'a Yä c kob ihnen eine original- 
äthiopische Sammlung, Argänona Weddäse, zur Seite stellte, so 
werden wir leicht dazu geführt, anzunehmen, dafs ein ähnlicher 
Vorgang sich in der gesamten kirchlichen Poesie abgespielt habe, 
mit anderen Worten: Anregung und Vorbilder vom Auslande, 
selbständige Weiterentwicklung im Inlande. Genau so ist es ja 
mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen gegangen. Aber 
ehe die Frage für die Poesie beantwortet werden kann, müssen 
ihre Hauptwerke zugänglich gemacht werden, vor allem das 
grofse Hymnenbuch Degguä und das Antiphonarium Mawä- 
se'et. Beide Werke sind in guter, alter Sprache geschrieben, 
und wenn auch ihre Abfassungszeit noch nicht genauer feststeht, 
so müssen wir doch annehmen, dafs sie im 14. oder spätestens 
im 15. Jahrhundert verfafst oder zusammengestellt oder teilweise 
übersetzt sind. Die Antiphonien gehen vielfach mit den Hymnen 
eng zusammen, da sie z. B. an Heiligenfesten zwischen den 
einzelnen Strophen des Malke 5 (s. oben S. 212) oder Saläm 
gesungen werden. Die Saläm haben ihren Namen daher, dafs 
jede Strophe mit Saläm la — , »Heil dem (der) ...f, beginnt; 
sehr viele Saläm sind auch zugleich Malke*. Von anderen kirch- 
lichen Liederbüchern haben wir bereits das Egzi'abherNagsa 
und das Me'räf kennen gelernt; hier seien noch erwähnt das 
Tabiba Tabibän, »Weiser der Weisen«, ein langer Hymnus 
auf Gott, der nur von den Mönchen rezitiert wird, sowie das 
Mäkhbara Me'emanän, »Versammlung der Gläubigen«, das 
man während der Messe vorträgt, besonders in kleinen Kirchen 
auf dem Lande, in denen keine Hochmesse stattfinden kann. 

Neben der Poesie spielt natürlich das Ritual eine grofse 
Rolle. Eins der ältesten Ritualwerke ist das Ma^fcafaGenzat, 
»Buch des Begräbnisses«, das in die zweite Periode der äthiopi- 
schen Litteratur gehört. Nun besagt aber eine Handschrift dieses 
Werkes, es sei aus dem Senodos und dem Fetfea Nagast kom- 
piliert. Der Senodos stammt, wie wir gesehen haben, auch wohl 
aus derselben Periode, kann daher leicht benutzt sein; aber das 
Fetfea Nagast ist ja viel später. Falls diese Notiz recht hat, so 
handelt es sich um ein anderes Werk oder um eine Umarbeitung 
desselben Werkes. Es enthält zumeist Gebete verschiedener Art, 



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— 232 — 

dazu Homilien und Vorschriften für den Trauergottesdienst. Zar'a 
Yä'kobs Ritualschriften sind Ta'äkbo Mestir, das sich auf 
das Abendmahl bezieht, und das Masfcafa Bäfcrey, das von 
der Krankenölung handelt. Als im 16. Jahrhundert viele Christen 
zum Islam tibergetreten, dann aber zum Christentum zurück- 
gekommen waren, brauchte man ein besonderes Ritual für diese 
Leute; so entstanden das Masfrafa Nessefcä^ »Buch von der 
Reue«, und das Masfcafa Kedr, »Buch vom Unreinen«, wo- 
nach Leute, die ihren Glauben verleugnet oder sich an Un- 
gläubigen verunreinigt haben, Mann oder Weib, Mönch oder 
Nonne, mit Wasser und geweihtem Öl besprengt werden sollen ; 
das öl ist durch verschiedene Gebete und mystische Namen 
geweiht. 

Abgesehen von diesen rein für den praktischen Gebrauch 
bestimmten Kirchenbüchern läfst sich eine Scheidung der einzelnen 
theologischen Litteraturzweige kaum durchführen; theoretische 
Erörterungen wechseln ab mit praktischen Ermahnungen; Dog- 
matik, Ethik, Apologetik und Polemik gehen oft ganz ineinander 
über; Exegese und Paränese sind oft nicht geschieden. Letztere 
Scheidung ist jedoch gut durchgeführt in den Homilien des 
Chrysostomus zum Hebräerbriefe, die ein Hauptwerk der abes- 
sinischen exegetischen Litteratur sind. Es stammt, wie fast alle 
anderen Bücher, in denen diese theologischen Disziplinen ver- 
treten sind, aus dem Auslande. Ihre Besprechung gehört in die 
Litteraturgeschichte anderer Völker. Das wichtigste original- 
abessinische Buch dieser Art ist wohl das Werk Zar'a Yä'kobs 
Ma§bafa Berhän. Es kämpft zunächst gegen heidnischen 
Aberglauben und heidnische Unsitten, dann gegen Irrlehren und 
Spaltungen; letztere beziehen sich auf die Person Gottes, dann 
auf Maria und das Kreuz, denen die von den Stefaniten ge- 
weigerte Anbetung gebühre, endlich auf die Eustathianermönche, 
die keine ordinierten Priester haben. Ferner behandelt Zar*a 
Yä'kob die Sabbath- und Sonntagfeier, die Heiligentage, den 
Kirchenbesuch und Gottesdienst am Sabbath und Sonntag, die 
Kommunionfeier und so fort. Interessant ist seine Vorschrift, 
dafs man das Kreuzzeichen überall tragen soll, auf der Stirn und 
an Kleidern, an Gürteln, Stäben, Waffen, Pflugscharen und allen 
Geräten, da das Kreuz eine Pein für den Satan sei. Andere ein- 
heimische theologische Werke sind besonders die obenerwähnten 



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— 233 — 

polemischen und apologetischen Schriften aus den Religions- 
streitigkeiten des 16. und 17. Jahrhunderts. 

Grofser Beliebtheit erfreute sich in Abessinien die kirchliche 
Erbauungslitteratur mit all ihren Wundererzählungen, 
ihren Visionen und Apokalypsen. Die Wunder der ältesten 
Christenheit, ja, der Evangelien werden teilweise auf Abessinien 
übertragen, wie wir aus den zur Zeit Zar'a Yä'kobs abgefafsten 
> Wundern Maria und Jesu« (Ta'ämra Märyäm.wa-Iyasus) 
ersehen. In der alten, bereits im Kebra Nagast vorhandenen und 
nachher vielfach variierten Tradition, dafs der König von Abes- 
sinien und der König von Rom Jerusalem erobern würden, könnte 
man vielleicht eine dunkle Kunde von den Kreuzztigen erkennen. 
Zur Erbauungslitteratur sind auch die im 16. Jahrhundert über- 
setzten Romane von Barlaam und Josaphat und von Alexander 
dem Grolsen zu rechnen. 

Bei der Besprechung der theologischen Litteratur sei noch 
kurz darauf hingewiesen, dafs uns auch einige von den Schriften 
der abessinischen Juden, der Falascha, erhalten sind. Schon die 
Ge c ez-Sprache, in der sie abgefafst sind, deutet an, dafs sie im 
Zusammenhang mit der christlichen Litteratur stehen, wie die 
Falascha ja auch Mönchsorden kennen. Anderseits haben aber 
die Juden auf das abessinische Christentum eingewirkt. Wann 
das abessinische Judentum entstanden ist, wissen wir noch gar 
nicht. Man dachte wohl teilweise an die Zeit der südarabischen 
Kriege, in denen die Christen von Aksum ihren durch einen 
jüdischen König bedrängten Glaubensgenossen zu Hilfe kamen; 
einige von den hamitischen Agaustämmen könnten etwa damals 
mit den Juden Südarabiens politisch und religiös gemeinsame 
Sache gemacht haben, um dem christlichen Könige zu wider- 
stehen. Möglicherweise ist aber doch das Judentum etwas älter 
in Abessinien als das Christentum ; dann wäre es etwa innerhalb 
der ersten drei Jahrhunderte n. Chr. von jüdischen Missionaren 
begründet. Jedenfalls geht die bei den christlichen Abessiniern 
gebräuchliche Feier des Sabbats auf die Juden zurück; man 
unterscheidet ihn als den >kleinen Sabbate vom christlichen 
Sonntag, dem »grofsen Sabbat«. Die Schriftgelehrten unter 
diesen verlassensten aller Juden haben teilweise äthiopische Werke 
übernommen und sie in jüdischem Geiste umgearbeitet, teilweise 
wohl sich an uns noch unbekannte Vorbilder anlehnende eigene 



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— 234 — 

Schriften verfafst. Eine Sammlung, die nach der ersten darin 
enthaltenen Schrift Te'ezäza Sanbat, > Vorschriften des 
Sabbats«, genannt wird, ist von Prof. Hal£vy herausgegeben 
und tibersetzt worden. Der Sabbat ist hier personifiziert, etwa 
als weiblicher Engel gedacht, von Urzeit an im Himmel existie- 
rend. Andere Visionen, Apokalypsen, phantastische Schöpfungs- 
berichte werden an Abba Elias, an Esra, Baruch und Gregorius 
angeknüpft. Religionsgeschichtlich sehr interessant ist ein kleiner 
Abschnitt über die beiden Engel, die den Menschen durchs Leben 
begleiten. Der gute Engel, Michael, der immer zur Rechten des 
Menschen weilt, schreibt alle guten Handlungen auf, der böse 
Engel, Bernä'el, der vielleicht mit Lucifer identisch ist, hält sich 
zur Linken auf und schreibt alle schlechten Taten nieder. Wenn 
der Mensch stirbt, treten die beiden Engel vor Gottes Thron 
und legen Rechenschaft ab. Je nachdem, wie diese ausfällt, wird 
die Seele belohnt oder bestraft. 

3. Magische Litteratur. 

Wie auf jeden Menschen in seiner Kindheit das Geheimnis- 
volle und Übernatürliche einen ganz besonderen Reiz ausübt, so 
haben auch ganze Völker, die sich noch in der Kindheit ihrer 
Entwicklung befinden, von jeher einen grofsen Hang zur Zauberei 
und zu übernatürlichem Wissen gezeigt. Der arme kleine Mensch 
sucht, soweit er es vermag, über die seinem Erkennen gesetzten 
Schranken vorzudringen, und er will sich die höheren Mächte, 
an deren Existenz er fest glaubt, dienstbar machen. Das mufs 
durch übernatürliche Mittel geschehen. Hat man Gewalt über 
die Geister erlangt, so können sie einem nicht nur verborgenes 
Wissen künden, die Zukunft vorhersagen, sondern auch in allen 
irdischen Lebenslagen behilflich sein. Das irdische Leben ist 
voller Trübsal und Not, Krankheit und Gefahr, die durch übel- 
wollende Geister hervorgerufen werden. Dieser bösen Geister 
kann man sich auf direktem oder indirektem Wege entledigen; 
entweder man gewinnt direkt Gewalt über sie und bannt sie 
durch eigene Kraft oder man sucht sie durch Anrufung anderer 
Geister zu vertreiben. Aber auch für das Leben nach dem Tode 
ist es wichtig, Gewalt über die Dämonen zu besitzen, da man 
sie zwingen kann, der Seele den Eintritt in das Paradies nicht 
zu verwehren. 



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— 235 — 

Je tiefer das Volk kulturell steht, desto krasser ist der Aber- 
glaube, desto mehr Macht und verderblichen Einflufs gewinnen 
die Zauberer und Priester, die sich manchmal nur dem Namen 
nach unterscheiden, auf das unwissende Volk. Wächst aber das 
Volk heran, wie das Kind zum Manne, so wird die Zauberei zur 
wirklichen Philosophie, die Astrologie zur Astronomie, die Krank- 
heitsbeschwörung zur medizinischen Wissenschaft. Natürlich ist 
das keine direkte Entwicklung, sondern die wissenschaftliche Er- 
kenntnis mufs sich erst mühsam und im Kampfe gegen den alten 
Aberglauben emporringen, aber die Anfänge und die Antriebe 
zum Forschen liegen schon im Zauberwesen verborgen. Wir 
haben daher in einer Geschichte und Darstellung der Zauberei 
der Menschheit nicht nur ein Kapitel zur Psychologie der Natur- 
völker, sondern auch zur Urgeschichte des Strebens nach wissen- 
schaftlicher Erkenntnis. 

Die abessinische Magie nun ist tief im Wesen des Volkes 
begründet und ein Ausdruck seiner kindlichen und vielfach 
kindischen Natur; anderseits steht sie aber auch im Zusammen- 
hange mit der Zauberei anderer Völker, besonders der Ägypter 
und der Juden. Es ist kaum zufällig, dafs die Hamiten in Ägypten 
soviel Zauberlitteratur hervorgebracht haben, und dafs dort, wo 
der Grundstock der Bevölkerung wieder hamitisch ist, in Abes- 
sinien, diese selbe Litteratur so völlig ins Wesen des Volkes 
überging; eine innere Verwandtschaft mufs man doch gefühlt 
haben. Aber die Beimischung von Negerblut und der Verkehr 
mit den Negern hat jedenfalls auch zur Kräftigung des Aber- 
glaubens beigetragen; und schlief stich findet sich Zauberei bei 
allen Völkern des Erdballs, nicht zum mindesten auch bei den 
Semiten. 

Es sind hauptsächlich zwei Ideen, die sich durch die ganze 
äthiopische Zauberlitteratur hindurchziehen, der Glaube an die 
Zauberwirkung des »Namens« und der Glaube, dafs alles dem 
Menschen Schädliche, sei es Krankheit, Naturereignis oder Tätig- 
keit anderer Menschen, im letzten Grunde auf böse Geister zurück- 
zuführen ist, die sich auch der Tiere und Menschen für ihre 
Zwecke bedienen, besonders dadurch, dafs sie ihnen das böse 
Auge verleihen. Wenn jemand plötzlich erkrankt, oftmals ohne 
sichtbare Ursachen, so ist er von einem Teufel »besessen«, und 
dieser Dämon mufs »ausgetrieben« werden. Da wird denn der 



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— 236 — 

Zauberer zum »Medizinmannc Oder auch der Erkrankte ist 
vom bösen Blick getroffen, und da mufs man Zauberkraft mit 
Zauberkraft vergelten; das Wort für »krankt in der TigrE-Sprache 
bedeutet ursprünglich »vom Auge getroffene Das böse Auge 
ist besonders wirksam während des Essens, wenn der Mensch 
sich arglos anderen Gedanken hingibt ; daher pflegen die Grofsen 
und Mächtigen, auf die sich leicht die Blicke aller richten, sich 
beim Essen ein Tuch vor das Gesicht zu halten. Vor Menschen, 
die mehr als der gemeine Mann verstehen, mufs man sich hüten, 
da sie um ihrer Fertigkeiten willen leicht in Verbindung mit der 
überirdischen Welt treten; das sind in Abessinien, wie auch 
anderswo unter primitiven Völkern, besonders die Schmiede. Von 
den Tieren ist die Hyäne das unheimlichste; sie schleicht im 
Dunkeln umher, hält sich bei Gräbern auf und frifst die Leiber 
und die Seelen der Verstorbenen. Daher kommt es auch wohl 
vor, dafs Schmiede sich in Hyänen verwandeln, d. h. dafs beide 
denselben bösen Geist, abessinisch budä, in sich haben. Aber 
gegen alles dies kann man sich durch Kenntnis der Geisternamen 
und die rechten Zauberformeln schützen. 

Name und Wesen sind im Glauben mancher Völker identisch, 
und wenn jemand den Namen eines Menschen oder eines Geistes 
kennt, so hat er Gewalt über ihn. Daher ist es auch heute im 
gewöhnlichen Leben in Syrien unhöflich, zu fragen: »Wie heifst 
du?c, sondern man sagt: »Was ist dein Name? — zum Guten. c 
Und wenn der andere ihn gesagt hat, so fügt man hinzu: »Auch 
Segen U , worauf der wieder zurückgibt: »Auch von dirU In 
Abessinien gibt man Kindern sogar vielfach zwei Namen, einen 
eigentlichen, den die Eltern oft zunächst geheimhalten, und einen 
Rufnamen. Den eigentlichen Namen sagen sie den Kindern dann 
erst später, wenn sie besser damit umzugehen wissen und sich 
eher gegen Zauberei schützen können. Kleine Kinder sind über- 
haupt leicht dem Zauber und den bösen Geistern ausgesetzt; es 
gibt sogar eine Dämonin, die nichts weiter zu tun hat, als kleine 
Kinder krank zu machen oder zu töten. Auch die Namen der 
Vornehmen und Herrschenden, die in aller Munde sind, können 
leicht zu Mifsbrauch verleiten, und daher ist es in einigen inner- 
afrikanischen Reichen bei Todesstrafe verboten, den wahren 
Namen des Königs auszusprechen; man gibt ihm einen anderen 
Namen, wie man ja auch bei Krankheiten zu tun pflegt, damit 



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— 237 — 

die Dämonen durch den anderen Namen irre geführt werden, 
oder auch, damit das kranke Wesen zu einem anderen, gesunden 
Wesen werde. Auf diesem Namenglauben baut sich eine grofse 
Litteratur in verschiedenen Sprachen der Welt auf, und die be- 
rufsmäfsigen Zauberer machen ihn sich ganz besonders zunutze. 
Schon im Alten Testament ringt Jakob mit Gott, damit dieser 
ihm seinen geheimen Namen offenbare; so ist aller Wahrschein- 
lichkeit nach der Gotteskampf Jakobs ursprünglich gedacht. Gegen 
allerhand Zauberei, die mit dem Namen Gottes getrieben wurde, 
richtet sich das zweite Gebot des Dekalogs. Ausgerottet wurde 
diese Zauberei aber keineswegs dadurch; sie blühte immer weiter 
und mufs um die Zeit Christi und in den ersten christlichen Jahr- 
hunderten kräftig entwickelt gewesen zu sein. Die Namen Gottes, 
wie Adonai (Herr), Yahwe (= Jehova), Elohim (Gott) u. a., 
sowie die der bekannten Engel genügten nicht mehr, und so wurde 
eine grofse Anzahl von neuen Engelnamen erfunden, deren hebräi- 
scher Ursprung auch in griechischen, koptischen, arabischen, 
äthiopischen Umschreibungen noch leicht zu erkennen ist In die 
griechische und besonders die ägyptische Zauberlitteratur, zumal 
zur Zeit der Gnosis, die ja in Ägypten tiefe Wurzeln schlug, 
wurden viele dieser Namen aufgenommen, manchmal entstellt, 
manchmal auch ziemlich gut erhalten, und auch von der Ety- 
mologie und der Bedeutung dieser Namen erhielt sich manchmal 
noch eine gewisse Kenntnis. Weiterhin wurde aber viel Ein- 
heimisches hinzugetan ; Namen wurden, da sie in der einen Form 
noch nicht wirksam gewesen waren, absichtlich verändert, indem 
man einzelne Silben fortliefs, andere willkürlich hinzufügte. Es 
kam sogar auch die Sitte auf, einzelnen Buchstaben des Alpha- 
betes geheime Kraft zuzuschreiben; diese Buchstaben mufsten, 
wie auch vielfach die Namen, mehrere Male, meist drei- oder 
siebenmal, wiederholt werden. Für alle diese merkwürdigen Wort- 
gebilde hat man in der griechischen Zauberlitteratur einen be- 
sonderen Namen geschaffen, ephesia grammata. Von Ägypten 
aus, vielleicht schon in aksumitischer Zeit, besonders aber im 
14. und 15. Jahrhundert, erhielt Abessinien ein grofses Teil von 
Zauberdingen. So finden wir denn unter den abessinischen Zauber- 
namen hebräische, griechische, arabische Wörter, die oft leicht zu 
erkennen sind, wie z. B. hebräisch El, Eloh5, Sabä'ot (Zebaoth), 
Yäu (Yahweh), griechisch Kiros (Kupto?), Mäsyäs (Mecrafac), Aguryos 



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— 238 — 

(wohl ctu-puptoc vom lateinischen augur); arabisch Mabadschum 
(wohl mabdschüm, »erschrocken«), Isu'u Elmasi (Jesus der Messias) 
und viele andere. Die Hauptsache ist, wie die Zauberer sagen, 
dals man die Namen zur richtigen Zeit und mit der richtigen 
Betonimg und in dem richtigen Tempo rezitiert; tut man das 
nicht, so hat der Zauber keine Wirkimg, — und das hat man 
eben nicht getan, wenn man sich nachher beim Zauberer beklagt, 
die Beschwörung habe nichts genutzt. Natürlich hat man in 
Abessinien, wie ja schon das Wort Messias zeigt, und wie es in der 
Gnosis geschehen ist, diese Zauberei mit der christlichen Religion 
in Einklang bringen müssen. Infolgedessen sind es die geheimen 
Namen der Gottheit, besonders Christi und Maria, die hier eine 
Hauptrolle spielen ; aber auch die Namen mancher Heiligen wurden 
in ähnlicher Weise behandelt. Eine Menge heidnischer Unholde, 
deren Namen aus dem alten Ägypten oder aus dem hamitischen 
Abessinien stammen mögen, sind wohl in den uns noch nicht 
erklärbaren Namen verborgen; freilich hat noch niemand diese 
Namen untersucht. Christus hat seine geheimen Namen nur seiner 
Mutter Maria und seinen Jüngern mitgeteilt ; hiervon handeln die 
Zauberbücher NegranniSemeka, »Nenne mir deinen Namen«, 
Asmäta Egzi'ena, »Die Namen unseres Herrn«, Arde'et, 
»Die Jünger«. Der wichtigste aller Namen Christi, der gröfser 
ist als alle anderen, ist Bersäbebelyos , wie uns das Buch 
Arde'et lehrt; in anderen Gebeten kommt er auch in der Form 
BersbäbSl vor. Hierin wird eine Komposition von Berseba, dem 
mystischen Siebenbrunn, mit el, »Gott«, stecken; die auf -yos 
endigende Form wäre dann nur ein Zeichen, dafs der Name 
durchs Griechische hindurchgegangen ist. Auch die grofsen Namen 
Gottes, mit Gebrauchsanweisungen, sind gesammelt, und zwar in 
einer Schrift, die den Namen Saragalä Elyäs, »Wagen des 
Elias«, trägt. Oft begegnet man in Handschriften kurzen Zu- 
sammenstellungen von Namen Gottes oder Maria in verschiedenen 
Sprachen; 'man kannte sie auf hebräisch, griechisch, koptisch, 
arabisch, später zur Jesuitenzeit auch wohl auf lateinisch oder 
portugiesisch. Alles dies diente natürlich dem gleichen Zweck. 
Um den Glauben an die Namen zu erhöhen, erzählte man dann 
auch Wunder, die durch die Kraft dieser Namen geschehen sind, 
wie im Gebet Maria unter den Parthern, mit dem sie 
den Apostel Matthäus aus der Gefangenschaft befreite, oder im 



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- 239 - 

Buche Arde'et, in dem die Jünger viele Wunder durch die 
Kraft der Namen Christi verrichten und durch sie vor der Wut 
der Leute von Sodom und Gomorrha und vor manchen Königen 
und Herrschern beschützt werden. Ein Gebet Maria, durch das 
die bösen Geister vertrieben werden, wird schon für die Zeit 
«Amda Sions vorausgesetzt; denn im Leben des heiligen FilTpos 
wird erzählt, dafs er durch das Lesen eines solchen Gebetes einen 
Dämonen austrieb. 

Der Zweck dieser Zaubergebete ist, wie gesagt, den schäd- 
lichen Wirkungen böser Geister entgegenzutreten. Besonders 
gefährlich ist die Kinder tötende Dämonin Werzelyä, deren Namen 
vielleicht afrikanischen Ursprungs ist. Sie ist bei den Babyloniern 
(als Labartu), bei den Hebräern (als Lilith), bei den Griechen (als 
Lamia) und bei manchen anderen Völkern bekannt. Gegen sie 
zog einst der heilige Susneos oder Sisinnios aus, und als er sie 
töten wollte, versprach sie ihm: 

»Ich werde nicht auf dem Wege gehen, wo dein Name ist, noch in 
eine Kirche, in der man sich deines Namens erinnert und das Volk 
seiner gedenkt, in alle Ewigkeit. Und ich werde keinem Platze nahe 
kommen, wo dein Buch gelesen wird, noch irgendeinem, der dies Gebet 
trägt, möge es ein Mann oder ein Weib, ein Kind, ein Jüngling oder 
ein Greis sein, in alle Ewigkeit.« 

Andere Gebete schützen gegen allerhand Krankheiten, Kolik, 
Frauenleiden, oder gegen Hagel, Heuschrecken, Kriegsgefahr 
gegen Beschwörungen von seiten der Feinde, usw. So bitten die 
Jünger in Ar de* et: 

»Gib uns den rechten Glauben und das heilige Gebet, dafs die 
Lästerer und Verleumder keine Gewalt über uns gewinnen, die uns 
fluchen am Abend und am Morgen, bei Sonnen- und bei Mondschein, 
auf Bergen und Hügeln, indem sie mit Lobpreis und Weihrauch den 
Altar berühren, ins Wasser schauen und auf die Erde klopfen«; 

und weiterhin: 

»Schütze uns, o Herr unser Gott, durch die Kraft dieser deiner 
Namen vor allen Zauberern, die die Seele verderben, und die Zauber- 
mittel machen aus Fell und Kissen, aus Schweifs und den Nägeln 
unserer Hände, aus dem Haare unseres Hauptes und den Nägeln 
unserer Füfse, aus Augenbrauen, den Fasern unserer Kleider und dem 
Haare unserer Gürtel, und wenn wir essen und trinken.« 

Dafs die Abessinier derartigen Spuk trieben, sehen wir aus 
dem »Buch des Lichtsc des Königs Zar J a Yä'kob, der sein Volk 



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— 240 — 

vor heidnischen Unsitten warnt; solche seien das Darbringen 
von Satansopfern auf Bergen und Hügeln, der Genufs von Hunde- 
blut, Eselsmilch — der Esel war auch ein Zaubertier nach einem 
weit verbreiteten Volksglauben — , von Wanzen, Flöhen und 
Hyänen, die zauberischen Zeremonien bei Geburt, Beschneidung 
und Hochzeit, und die Infibulation der Mädchen. 

Die Zaubergebete bestehen in Abessinien wie in vielen 
anderen Ländern gewöhnlich aus zwei Teilen, einem erzählenden 
und einem beschwörenden. Im ersten Teile wird berichtet, wie 
Gott, Christus, Maria oder ein Heiliger irgend jemand vor dem 
geftirchteten Unheil beschützt oder von einer Krankheit geheilt hat. 
Dann bittet man: »So möge es auch jetzt seine, mit mehr oder 
minder ausführlichen Worten. Die Formen sind ja gegeben, aber 
man mufs sie auch auf den einzelnen Fall anwenden, wenn zum 
Beispiel jemand zum Zauberer kommt und sich ein Zauberbuch 
kauft. Da pflegt der Schreiber denn durch das ganze Buch oder 
die ganze Rolle hindurch Gebete für den Käufer oder die Käuferin 
oder für sich selbst, wenn er die Handschrift behalten will, ein- 
zufügen. Kommt ein fertiges Exemplar in andere Hände, so 
kratzt man den früheren Namen aus und setzt einen neuen dafür ein. 

Der König Zar'a Yä'kob suchte mit Güte und noch mehr 
mit Gewalt gegen die Magie zu kämpfen; aber er konnte sie 
nicht ausrotten. In ihrer krassen Gestalt wird sie auch nicht 
eher aufhören, als bis das geistige Niveau des ganzen Volkes ge- 
hoben ist. Aber in irgendeiner Ecke des Menschenherzens und 
besonders des Kinderherzens wird sich auch bei den Kulturvölkern 
die Freude an Zauberei und am Übernatürlichen noch lange er- 
halten, wenn auch in anderer Gestalt, als wir sie in diesem 
Kapitel kennen gelernt haben. 

4. Geschichtliche Litteratur. 
Kirchen- und Heiligengeschichte. 

Die äthiopische Kirchengeschichte besteht fast nur in der 
Geschichte ihrer Heiligen. In der neuen Zeit, gegen das Ende 
der äthiopischen Litteratur, schrieb man aber nur wenige neue 
Heiligenleben, und da haben wir denn auch ein Dokument zur 
Kirchengeschichte, das die Zeit von Susneos (1607 — 1632) bis 
Iyo'äs (1755 — 1769) behandelt; hierin dreht es sich fast nur um 
die recht unfruchtbaren christologischen Streitigkeiten der abessi- 



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— 241 - 

nischen Kirche. Für die ältere Zeit bieten die Heiligenleben 
viele Notizen zur Kirchengeschichte; sie schildern das Tun und 
Treiben des Klerus und der Mönche oft recht wahrheitsgetreu, 
und sie gewähren stets einen guten Einblick in das geistige 
Leben der Abessinier zur Zeit der Abfassung der einzelnen vitae. 
Als eigentliche Geschichtsquellen sind diese vitae aber nur sehr 
mit Vorsicht zu benutzen. Der Aberglaube der Abessinier, den 
wir im vorigen Kapitel kennen gelernt haben, wird nur noch 
tibertroffen von ihrem Wunderglauben, der natürlich in engem 
Zusammenhange mit jenem steht. Daher sind die meisten 
Heiligenleben mit den unglaublichsten Wundern aller Art, an 
denen Schreiber und Leser das gröfste Interesse haben, so dicht 
angefüllt, dafs die eigentlich historischen Notizen sehr zurück- 
treten. Oder auch wenn man keine historischen Nachrichten 
hatte, aber doch die Lebensbeschreibung eines Heiligen haben 
wollte, so ersetzte man diesen Mangel durch frei erfundene 
Wundererzählungen. Immerhin sind diese Heiligenleben für die 
ältere Geschichte Abessiniens fast unsere einzige Quelle, und 
einzelne von ihnen, besonders die aus dem 14. und 15. Jahr- 
hundert, wie z. B. die vitae des Anoreos, des Basalota Mikä'Sl, 
der beiden Filtpos, in denen die Wunderdinge keine so grofse 
Rolle spielen, enthalten viel geschichtliches Material. Was uns 
an den Wundern am meisten in die Augen springt, ist die 
blühende und für uns oft sehr geschmacklose Phantasie der Abes- 
sinier, die sich in ihnen offenbart. Diese zeigt sich uns auf 
Schritt und Tritt, Schon die Bedeutungen der abessinischen 
Namen sind oft recht phantastisch. Die Regierungsnamen der 
Könige zeigen, wenn sie auch oft recht übertrieben klingen, 
dennoch eine gewisse poetische Kraft, aber viele der christlichen 
Taufnamen sind ganz abgeschmackt. Zu ersteren gehören z. B. 
c Anbasä Ba§ar, »Löwe gegen die Feindec, Adbär Sagad, 
»die Berge werfen sich nieder [vor ihm]c, Malak Sagad, 
Sei tan Sagad, »der König wirft sich niedere, »der Sultan 
wirft sich nieder [vor ihm]c, Del Wambarä (die Frau des 
Emir Graft), »Sieg ist ihr Thron«. Die christlichen Namen be- 
zeichnen vielfach den Menschen einfach als Blutsverwandten der 
Gottheit oder der Heiligen, wie WaldaKrestos, »Sohn Christi« , 
Walda Yobannes, »Sohn des Johannes«, Sar§a Dengel 
»Sprofs der Jungfrau«, dazu kommen dann aber Namen wie 

Litteraturen det Often». VU, 2. 16 



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- 242 — 

Lebna Dengel, »Weihrauch der Jungfrau«, Kesäda Kre- 
stos, »Hals Christi«, Hafa Krestos, »Schweifs Christic, 
Asä'ena Seiläse, »Schuhe der Dreieinigkeit«. 

Viele der Wundererzählungen beruhen natürlich auf blofser 
Einbildungskraft, andere wird man hier und da auf wirkliche 
Begebnisse zurückführen können. So wird z. B. aus der Jugend 
des FilTpos von Dabra Libänos erzählt: 

»Und es kam ein Zauberer heran, ohne dafs sie ihn kannten. 
Und da sprang er auf ein Feuer, das die Leute angezündet hatten von 
so vielem Holze, dafs es sogar Leute von ferne durch seine grolse 
Flamme verbrennen konnte. Der Heilige aber sah und verwunderte 
sich über das, was geschah. Und jener Ungläubige safs auf einem 
grofsen Throne mitten in jenem Feuer und begann zu murmeln wie 
einer, der von einem Teufel besessen ist. Und die Leute begannen 
ihn anzubeten, indem sie riefen: »Gäd, Gäd*, — Gäd aber bedeutet: 
»Wir glauben an dich.« Auch brachten alle eilends Opfer herbei für 
jenen Sohn des Verderbens, Feind der Wahrheit und Sohn des Teufels. 
Da erfüllte der heilige Geist den Abuna FilTpos, den Apostel, der doch 
noch klein war von Gestalt, aber wie Elias ein Eiferer um das Gesetz seines 
Gottes. Und göttliche Gnade durchfuhr ihn, und sein Herz entbrannte 
in der Liebe zum Glauben; er rief mit lauter Stimme und sprach: 
*Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, des 
einen Gottes ! . . . . Du verfluchter Teufel, geh aus und entferne dich 
aus diesem Manne, der mitten im Feuer ist!' Und da floh der Teufel 
und verschwand wie Rauch. Und alle Leute erschraken, als sie dies 
sahen, und wurden wie Leichname.« 

Am folgenden Tage kommt die Frau des Zauberers zum 
Vater des FilTpos und berichtet folgendermafsen über die Ereig- 
nisse des vorhergehenden Tages: 

»Wir hatten ein grofses Feuer angezündet wie gewöhnlich. Und 
er sprang auf das Feuer, und alle Götzen Verehrer kamen, ihn anzu- 
beten. Und wie sie ihn anbeteten, rief dein Sohn: »Im Namen des 
Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes !« Da erschraken wir 
und fielen nieder, und es däuchte uns wie furchtbarer Donner und 
Blitz; und dann kam aus seinem Munde etwas auf meinen Mann, von 
dem wir nicht merkten, was es war, weder ich noch die Leute, die mit 
mir waren. Dessen Mund aber ward geschlossen, und seine Stimme 
ward nicht gehört im Feuer, und als das Feuer erloschen war, sah ich 
nach, fand aber nichts als einige Knochen von ihm, die zu Asche ge- 
worden waren: so ist er nach seinem Handeln belohnt worden.« 

Diese Geschichte macht einen durchaus glaubwürdigen Ein- 
druck. Fälle religiöser Ekstase, in denen Menschen sich gegen 
Feuer und Schmerzen unempfindlich machen, sind genugsam be- 



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— 243 — 

kannt. Wie nun in diesem Falle plötzlich ein Fremder erscheint 
und den Namen des vielleicht schon bei den Heiden gefürchteten 
Christengottes ausruft, da erschrecken sie, und der Feuerderwisch 
wird aus seiner psychischen Verfassung, die ihm ein solches Auf- 
treten möglich machte, aus seiner Autosuggestion plötzlich heraus- 
gerissen und kommt m den Flammen um. Die Frau kann es 
sich aber nicht anders vorstellen, als dals irgendein zauberisches 
Etwas aus FilTpos' Munde ausströmte. Auf Vorkommnisse ähn- 
licher Art werden vielleicht manche andere Wundererzählungen 
zurückgehen. 

Die Heiligenlitteratur beginnt im 14. Jahrhundert; auch hier 
kommen die Anregungen und Vorbilder von aufsen. Selbst ihre 
ältesten Nationalheiligen, die neun Heiligen, die um 500 nach 
Abessinien kamen, und die Geschichte der Glaubenskämpfer von 
Nagrän in Südarabien, denen der aksumitische König KälSb zu 
Hilfe zog, sind ihnen doch zum Teile erst wieder aus arabi- 
schen Quellen bekannt geworden. Zuerst wurden die Leben 
ägyptischer, syrischer und anderer Heiliger und Märtyrer ins 
Ge'ez übersetzt, und man begann die Sammlung des Gadla 
Samä'etät, »Glaubenskampf der Märtyrer c, eine Sammlung, die 
späterhin fortgeführt wurde. Das Wort gadl, ursprünglich 
»Kampfe, wurde besonders vom Glaubenskampfe gebraucht und 
erhielt dann, auf Heilige angewendet, fast die Bedeutimg »Lebens- 
beschreibung c ; so wird es auch in einem der ältesten äthiopischen 
Heiligenleben erklärt, am Ende des Gadla FilTpos (von Dabra 
Libänos), wo es heilst »das Buch deines gadl, das ist deiner 
Leiden c Einer der ältesten Bestandteile dieses Gadla Samä- 
c etät ist die aus dem Arabischen tibersetzte »Geschichte der Leute 
von Nagränf. Der aksumitische König, der nach Südarabien 
zieht, heilst nach den griechischen Quellen Elesbaas, die Abes- 
sinier haben ihn mit Käleb identifiziert, von dem sich wohl eine 
ungenaue Kunde durch die dunklen Jahrhunderte hindurch ge- 
rettet hatte. Vielleicht Jhaben die Abessinier recht: ein König 
Käleb muss, den Münzen zufolge, existiert haben, und die 
Könige trugen meist zwei oder drei Namen, aber wir haben 
keinen ganz sicheren Anhalt für die Identifikation. Käl5b-Eles- 
baas soll, nachdem er grofse Kriegstaten, von Gott wunderbar 
unterstützt, verrichtet hatte, Mönch geworden sein, und er wird 
als Begründer des äthiopischen Mönchtums gefeiert 

16* 



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— 244 — 

Von den vielen ausländischen Heiligenlegenden sei hier ganz 
abgesehen. Die Geschichte der abessinischen Heiligen ist von 
Prof, Turaiev in fünf Perioden eingeteilt worden, die hier nach 
Prof. Guidis Auszuge aus dem grofsen russischen Werke kurz 
geschildert werden mögen, 

1. Die aksumitische Periode. In ihr haben wir die bereits 
mehrfach erwähnten neun Heiligen und YärSd den Sänger. Ara- 
gäwi ist der bekannteste der Heiligen ; er könnte der abessinische 
Pachomius genannt werden, da er als Gründer des ersten Nonnen- 
klosters gilt. Auch König Käleb gehört eng mit dieser Periode 
zusammen. 

2. Die Übergangsperiode. Aus den dunklen Jahrhunderten 
äthiopischer Geschichte ist natürlich auch nichts über die Heiligen 
bekannt. Aber mit der ZäguS-Dynastie setzt auch diese Litte- 
ratur wieder ein, die an die beiden Könige Lälibalä und Na'a- 
kueto la-Ab anknüpft. Dazu kommen noch ein paar mehr oder 
minder legendarische Heilige und Mönche, vor allem aber der 
gröfste abessinische Heilige, Takla Häymänot; sein Leben liegt 
in drei Rezensionen vor (s. oben S. 211). 

3. Die Periode der Verfolgimg. Unter c Amda Sion machten 
der Klerus und die Mönche Opposition gegen den König, einer- 
seits weil er seine Stiefschwester geheiratet hatte, anderseits 
wegen Streitigkeiten über die Sabbatfeier und das Datum des 
Weihnachtsfestes. Dies führte zu einer Verfolgung der Kirche 
durch den Staat, und die Vertreter der Kirche, die dadurch zu 
leiden hatten, wurden später natürlich als Heilige und Märtyrer 
gefeiert. Hierher gehören Basalota Mikä'Sl, FiHpos von Dabra 
Libänos, Aron der Wimdertäter, Filtpos von Dabra Bizan und 
sein Schüler Johannes, vor allem aber der wichtigste: Eusta- 
thios, der grofse Gründer des Mönchsordens der Eustathianer, 
der wohl die unter Zar'a Yä'kob eingeführten Reformen mit 
vorbereitet hat. Auch König Theodor I. ist unter die Heiligen 
aufgenommen worden. 

4. Die Periode Zar'a Yä'kobs, die wichtigste für die Kirchen- 
geschichte Abessiniens. Zar'a Yä'kob sowie seine Frau und 
seine Nachfolger sind zu Heiligen geworden, ebenfalls einer seiner 
Generäle, namens c Amda Mikä'El. Andere Heilige dieser Zeit 
sind Mabä'a Sion, der sich die Passion Christi und die Abend- 
mahlsfeier besonders angelegen sein liefs, und Be§u c a Amläk, 



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— 245 — 

der das berühmte »Kloster der Dreieinigkeitc im Norden Abes- 
siniens gründete. 

5. Die Periode der Franken. Die Kämpfe mit den Moham- 
medanern, mit den Galla und die Religionsstreitigkeiten zwischen 
Kopten und Jesuiten brachten eine ganze Anzahl von Heiligen 
hervor, unter denen auch verschiedene Könige, besonders natür- 
lich Lebna Dengel und GaläudSos, auftreten. Besonders be- 
merkenswert ist Walatta Petros, die sich nach der Wiederher- 
stellung des alexandrinischen Glaubens ganz dem Asketenleben 
widmete und einen Nonnenorden gründete; ihre Lebensbeschreibung 
ist wichtig für die Kenntnis des religiösen Lebens der Zeit Die 
letzten Heiligen dieser Periode sind König Johannes I., der im 
Jahre 1682 starb, und der Märtyrer Zai°a Berük, der um 1700 lebte. 

Von vielen dieser Heiligen haben wir ein eigenes Gadl; 
über andere finden sich nur kurze Notizen im Synaxar, das, wie 
oben S. 211 erwähnt wurde, in Abessinien durch manche ein- 
heimische Heilige bereichert wurde. Eine Probe aus dem Syna- 
xar, die von einer uns bekannten Persönlichkeit handelt, möge 
die Bemerkungen über die Heiligengeschichte beschliefsen : 

»Und an diesem Tage vollendete der gottliebende König GaläudSos 
die Krönung des Märtyrertums. Und dieser unser rechtgläubiger König 
GaläudSos war in guter Zucht aufgewachsen. Und als sein Vater ent- 
schlafen war, da gab Gott seinem Sohne die Herrschaft, während ein 
Mohammedaner namens Gräfti da war, der sich selbst unrechtmäfsig 
zum König ernannt hatte. Der hatte das ganze menschliche Äthiopien 
durch seine Macht bekehrt und [die einen] zu seinen Glaubensgenossen 
gemacht, die aber, welche Christen blieben, zu Sklaven. Und er hatte 
die Kirchen zerstört und die meisten Äthiopier gefangen genommen 
und verkauft, wohin er wollte; und er sprach: »Von jetzt an gibt es 
keinen, der vor mir besteht; ich habe alle Länder unterworfen.« Da 
aber setzte Gott unsern König GaläudSos auf den Thron, und der be- 
gann gegen die grofsen Heerführer jenes Rebellen zu kämpfen, und 
er besiegte sie. Und als Gräfti dies hörte, ward er zornig, und er zog 
gegen ihn mit Myriaden von Reitern und Türken; und sie kämpften 
miteinander, und Gott tötete ihn (den Rebellen) durch seine (des Königs) 
Hand und vernichtete ihn. Da kehrten die Gefangenen zurück, die zer- 
störten Kirchen wurden aufgebaut, und der Glaube Christi — ihm 
sei Lob! — wurde wieder hergestellt. Und danach kam ein anderer 
Mohammedaner mit vielen Kriegern, und er traf auf den König GaläudSös, 
wie dieser nur wenige Leute bei sich hatte. Und diese sprachen zu 
ihm: »Lafst uns zurückweichen und nicht kämpfen, bis dafs unsere Heer- 
führer kommen.« Er aber sagte: »Wir wollen nicht weichen; er soll 



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— 246 — 

die Gefangennahme von Christen und die Zerstörung von Kirchen 
nicht erleben«, und begab sich mitten in die Schlacht und zeigte sich 
stark im Kampfe mit jenen. Darnach aber umringten ihn alle Mo- 
hammedaner und schlugen auf ihn mit ihren Schwertern und durch- 
bohrten ihn mit vielen Lanzen und warfen ihn vom Pferde herunter: 
da entschlief er. Und sie schlugen ihm sein ruhmreiches Haupt ab 
und trugen es fort. Sein heiliger Segen und die Gabe seiner Hilfe und 
seine schöne Barmherzigkeit sei mit Abuna Tanse'a Madkhen (lebte zur 
Zeit des Königs Fäsiladas) in alle Ewigkeit. Amen!«. 

Profangeschichte. 

Als wichtigste Geschichtsquelle gilt den Abessiniern seit 
langer Zeit das Kebra Nagast, das Werk, das wohl gegen 
Ende des 13. Jahrhunderts von koptischen Geistlichen in Abes- 
sinien verfafst wurde, um die Rechte der salomonischen Dynastie 
und des abessinischen Klerus historisch zu begründen. Es will 
so recht eine Geschichte der Könige sein, und macht daher 
sowohl Adam und Seth wie die Patriarchen des Alten Testa- 
ments zu Königen, eben um eine fortlaufende Königsreihe vom 
Anfange der Welt an zu haben. Obgleich das Ganze für uns 
nur ein historischer Roman ist, müssen wir es doch der äthio- 
pischen Geschichtslitteratur zuzählen und um seines Ansehens 
willen genauer auf seinen Inhalt eingehen. Erst darnach werden 
wir zu den für die moderne Geschichtsforschung wichtigen Quellen 
für die Profangeschichte gelangen. Der Inhalt des Kebra Nagast 
gestaltet sich folgendermafsen : 

Bei der Versammlung der 318 orthodoxen Väter, d. h. dem Konzil 
von Nicaea, steht Gregorius Thaumaturgus, der von den Abessiniern 
mit Gregorius Illuminator verwechselt wird, auf und erzählt, er habe 
während der fünfzehn Jahre, die er in der Grube zugebracht habe, über 
die Menschheitsgeschichte nachgedacht und sei dabei von der Urzeit 
ausgegangen. Dann berichtet er zunächst über die Geschichte der 
Könige von Adam bis Sem ; letzterem habe Gott den Regenbogen ge- 
geben und die Bundeslade Zion für später versprochen als Zeichen, 
dafs er keine Sintflut mehr kommen lassen wolle. Da stimmen ihm 
die 318 freudig zu, besonders in bezug auf Zion, die Bundeslade, die 
ebenso wie die Jungfrau Maria ein Abbild des himmlischen Zion sei. 
Darauf wird mit der alttestamentlichen Geschichte fortgefahren, vom 
König Sem bis auf König David. Dann folgt ein Einschub über das 
irdische Abbild von Zion, das von Mose hergestellt wurde. Die 318 
stimmen zu und preisen die Lade. 

Nun erhebt sich Domitius, hier der Patriarch von Konstantinopel, 
der vielleicht aus dem viel verehrten ägyptischen Heiligen Domitius 



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— 247 — 

zum Patriarchen geworden ist, und erzählt, er habe in der Hagia Sophia 
zu Konstantinopel ein Buch gefunden, in dem geschrieben stehe, die 
ganze Welt gehöre dem Könige von Rom und dem Könige von 
Äthiopien, beide seien Nachkommen Sems und Söhne Salomos, doch 
der König von Äthiopien sei der Erstgeborene. Dann erzählt er die 
Geschichte des letzteren, die auch in jenem Buche geschrieben steht. 
Unter Hinweis auf die Stelle Matth. 12, 42 (Luk. 11, 31), wo es heilst, 
die Königin des Südens sei zu Salomo gekommen von den Enden der 
Erde, wird gesagt, die Königin des Südens sei die Königin von Äthiopien. 
Zu jener Zeit sandte Salomo zu allen Kaufleuten der Erde, dafs sie 
ihm die zum Tempelbau nötigen Materialien, Metalle usw. bringen 
sollten, unter anderen auch zu Tamrin, dem Grofskaufmann der Königin 
Mäkedä von Äthiopien. Der kam, und als er heimkehren wollte, gab 
Salomo ihm Kostbarkeiten mit nach Äthiopien. Tamrin berichtete der 
Königin von den wunderbaren Dingen, die er in Jerusalem gesehen 
hatte, und von der Weisheit Salomos. Sie entschlofs sich darauf, nach 
Jerusalem zu reisen. Dort wurde sie prächtig aufgenommen, erhielt 
einen Palast zur Wohnung und täglich grofse Geschenke. Salomo und 
Mäkedä redeten viel miteinander in grofser Weisheit, und schliefslich 
nahm sie, von ihm belehrt, auch den Glauben an den wahren Gott 
Israels an. Ehe sie abreiste, fand ein grofses Gastmahl im Königs- 
palaste statt. Mäkedä blieb über Nacht im Palaste, nachdem Salomo 
ihr geschworen hatte, er wolle ihr keine Gewalt antun unter der Be- 
dingung, dafs sie schwöre, sie wolle seinem Besitztum keine Gewalt 
antun. Bei Nacht erwachte sie durstig, da die Speisen sehr scharf ge- 
wesen waren; sie stand auf, um Wasser zu trinken, aber Salomo er- 
innerte sie an ihren Eid. Sie antwortete: »Sei du deines Eides ledig, 
aber lafs mich nur Wasser trinken.« In derselben Nacht hatte Salomo 
einen Traum von einer vom Himmel steigenden leuchtenden Sonne, 
die über Israel erstrahlte, aber von den Juden schlecht behandelt und 
verachtet wurde; sie verliefs die Israeliten und leuchtete dann über 
Äthiopien und Rom (d. i. das römisch-byzantinische Reich). Dann zog 
Mäkedä fort, nachdem Salomo ihr einen Ring als Erkennungszeichen 
gegeben. Unterwegs gebar sie einen Sohn, den sie Baina - leckem 
nannte (d. i. bin al-hakim, »Sohn des Weisen«, später meist Menilek ge- 
nannt, vgl. oben S. 20 1). Als er in Äthiopien herangewachsen war, zog er 
mit dem Ringe nach Jerusalem. Er wurde mit grofsen Ehren empfangen; 
Volk und König versuchten vergeblich ihn zu überreden, im Lande zu 
bleiben. Dann aber berief Salomo seine Grofsen und sagte ihnen, 
er wolle seinen Sohn mit ihren Söhnen nach Äthiopien senden; auch 
hoffe er noch einen dritten Sohn zu bekommen , der dann nach dem 
Wunsche des Königs von Rom dessen Tochter zur Frau nehmen und 
über Rom herrschen werde, so dafs die ganze Welt unter die Nach- 
kommen Davids verteilt sei. Darauf wurde Baina-lefrkem unter dem 
Namen David zum Könige gesalbt; der Hohepriester Sadok sprach 
Fluch und Segen aus, Fluch, wenn er Gottes Gebote nicht erfülle, 
reichen Segen, wenn er nach ihnen handle, und verlas die zehn Ge- 



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— 248 — 

böte und eine Reihe anderer Gesetze. Die Erstgeborenen der Grolsen 
Israels, die mit nach Äthiopien zogen, werden einzeln bei Namen auf- 
geführt; noch heute leiten einzelne abessinische Geschlechter ihren 
Stammbaum auf sie zurück. Dann folgt ein Kapitel über das Ver- 
hältnis zwischen Volk, König und Priester, in dem der Verfasser ge- 
wissermafsen ein Selbstbekenntnis als Priester ausspricht. 

Die mitgehenden Priestersöhne stahlen die Lade Zion, nachdem 
Azäryäs, ihr Anführer, vorher auf Befehl des Engels Gottes geopfert 
hatte. Dann zogen alle unter dem Wehklagen der Jerusalemer ab, 
auf einem Wind wagen vom Erzengel Michael getragen und geführt; 
als sie nahe beim Roten Meere ankamen, erzählt Azäryäs, dafs er die 
Lade mitgebracht habe. David betet sie an, und alles Volk jubelt, 
singt, tanzt, bläst Hörn und Flöte und schlägt die Trommel. Beim 
Roten Meer schon zeigt sich die Wunderkraft der Lade : die Reisenden 
zogen unversehrt über die brandenden Wogen dahin. Salomo erfuhr, 
dafs die Lade fortgenommen war, er schickte seinen Reiter aus, setzte 
ihnen selber nach, konnte sie aber nicht mehr einholen. Trauernd 
kehrte er nach Jerusalem zurück und befahl den Priestern, keinem der 
anderen Völker von dem Diebstahle etwas zu sagen, und eine Nach- 
bildung der Lade im Tempel zu belassen, damit jene nicht sagen, Israel 
sei seines Ruhmes verlustig gegangen. 

Darauf folgt noch ein Bericht über die letzten Jahre Salomos, eine 
ganz im alten alexandrinisch-allegorischen Stile gehaltene Auslegung 
der Person und des Tuns Salomos als Weissagung auf Christum, eine Ver- 
kündigung der künftigen Herrlichkeit der Nachkommen Davids und eine 
Erzählung von der kostbaren Perle Maria, die durch die Generationen 
hindurchgegangen ist und nun auf Jerobeam übergehen wird. Nach 
der Geschichte Jerobeams wird die Genealogie Josephs und Marias aus- 
geführt, die beide Nachkommen Davids sind. Dann werden alle Könige 
der Welt als Semiten nachgewiesen; denn die Welt gehört den Nach- 
kommen Sems. 

Nachdem Domitius noch die Rückkehr Menileks nach Abessinien 
und seine Einsetzung zum König berichtet hat, schliefst er: «Das habe 
ich gefunden aus den Schriften der Sophienkirche von Konstantinopel », 
und die 318 Patriarchen sagen: »Das ist gewifs wahr.« Domitius weist 
auf die Herrlichkeit der Könige von Äthiopien und auf das Werk Christi 
hin; die Patriarchen bestätigen die Herrlichkeit Äthiopiens. 

Dann erhebt sich Gregorius Thaumaturgus wieder, um die Weis- 
sagungen auf Christum aus dem ganzen Alten Testament nachzuweisen ; 
dies ist eine grofse Sammlung von ganz merkwürdigen »messianischen 
Weissagungen«, die nicht zum ursprünglichen Werke gehört. 

Nun fragen die versammelten Patriarchen, wie lange noch der 
Windeswagen und die Lade Zion bei den Äthiopiern und der »Feindes- 
bezwinger«, ein aus den Kreuzesnägeln gearbeiteter Zaum, bei den 
Römern bleiben werde. Gregorius antwortet, die Römer würden vom 
rechten Glauben abweichen und daher den Feindesbezwinger verlieren, 
die Äthiopier aber würden immer orthodox bleiben, auch nicht vom 



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— 249 — 

Antichristen Samälyäl sich verführen lassen und daher ihre beiden 
himmlischen Kleinodien lange behalten. Erst am Tage, da der Herr 
wieder auf dem Berge Zion wohnen werde, werde die Lade wieder 
dorthin zurückkehren; dann werde auch über das abtrünnige Israel 
Gericht abgehalten werden. Der Wagen dagegen werde ganz ver- 
schwinden und zwar auf folgende Weise. Justinus, König von Rom, 
und Käl€b, König von Äthiopien, werden sich vereinen und gen 
Jerusalem ziehen, um die Juden zu vernichten. In Jerusalem werden 
sie zuerst den rechten Glauben aufrichten, dann die Juden töten. Beide 
werden je einen ihrer Söhne als Herrscher zurücklassen: KälSb läfst 
seinen ältesten Sohn, Israel, dort, geht dann nach Abessinien zurück 
und setzt seinen zweiten Sohn Gabra Maskai zum König ein. Die 
beiden Söhne werden in der Meerenge des Südens um den Besitz 
Zions kämpfen. Gott wird die beiden Brüder wählen lassen zwischen 
Zion und dem Wagen. Israel wird den Wagen wählen, mit ihm un- 
sichtbar werden und heimlich König sein. Gabra Masfeal aber wird 
Zion wählen und König sein auf seines Vaters Thron : der König von 
Äthiopien wird gröfser sein als alle Könige der Erde. 

Das ist der Inhalt eines der Hauptwerke der Ge c ez-Litteratur ; 
in ihm zeigt sich der abessinische litterarische Geschmack, der 
beschränkte Horizont, der Wunder- und Aberglaube, der sich 
hier in der heidnischen Verehrung der Lade Zion offenbart. 
Der Verfasser hat sich redliche Mühe gegeben, aber er war ein 
Kind seiner Zeit und Umgebung, und nicht gerade eines der be- 
gabtesten Kinder, wenn auch eines der fleifsigsten. Auf die 
vielen von ihm verarbeiteten Sagen- und Märchenmotive kann 
hier nicht eingegangen werden. Eine ganz späte Legende, das 
Be'laNagastät, » Reichtum der Könige c , erzählt eine Sage, 
wie unter dem letzten Zägue"- Könige ein Hahn gekräht habe: 
»Wer meinen Kopf ifst, wird König werden und das Reich 
Davids erben und wird ewiglich regieren, und sein Reich wird 
auf keinen anderen tibergehen, c Der junge Yekuno Amläk, ein 
Abkömmling des salomonischen Hauses, der Waffenträger des 
Königs ist, ifst zufällig den Kopf des Hahnes und wird mit Hilfe 
Takla Häymänots König. 

Wie die eigentliche Profangeschichtschreibung entstanden 
ist und sich entwickelt hat, darauf ist schon an verschiedenen 
Stellen des ersten Teiles hingewiesen. Die ältesten historischen 
Dokumente sind natürlich die alten aksumitischen Inschriften. In 
ihnen erzählen die Könige, die Söhne des Kriegsgottes Mabrem, 
von ihren Feldztigen: die Truppen, die ins Feld zogen, werden 
einzeln aufgeführt, ebenso die Orte, an denen gekämpft wurde, 



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— 250 — 

die Zahl der Gefangenen und Getöteten; sodann wird berichtet 
dals der König seinen Schutzgöttern einen Thron errichtet Babe ; 
in der letzten Inschrift ist dieser Thron dem »Herrn des Himmels c 
geweiht. Diese Inschriften lesen sich ganz wie Abschnitte aus 
späteren Chroniken ; der Hauptunterschied ist nur der, dafs später 
der König keine Throne mehr aufrichtet, sondern christliche 
Feste feiert. Für die Zeit bis 1270 sind wir im übrigen auf die 
unsicheren Königslisten angewiesen ; hier und da ist später auch 
eine kurze Bemerkung über einen König in diese Listen ein- 
geschoben. Über die Zeit von Yekuno Amläk bis Zar'a Yä c kob 
sind mit Ausnahme des Berichtes über die Kriegstaten c Amda 
Sions nur die zuverlässigen, aber recht dürftigen Notizen der 
»abgekürzten Chronik c vorhanden (s. oben S. 218 und S. 220). 
Von Zar'a Yä c kob bis Nä'od haben wir neben den kurzen Be- 
merkungen dieser Chronik noch die Bruchstücke einer gröfseren 
Chronik, in der die Zeit Zar'a Yä'kobs etwas ausführlicher, die 
Regierungen seiner Nachfolger aber ziemlich knapp behandelt 
sind. Von Lebna Dengel bis Bakäffä laufen zwei Ströme ge- 
schichtlicher Überlieferung nebeneinander her, die sich aber teil- 
weise kreuzen: die abgekürzte Chronik und die Annalen der 
einzelnen Herrscher, die, wie schon früher ausgeführt wurde, 
später von den Hofhistoriographen verfafst wurden. Von Bakäffä 
bis in die neueste Zeit führen die Berichte dieser Historiographen. 
Die in den Chroniken erzählten Ereignisse haben ihren Mittel- 
punkt in der Geschichte des königlichen Hauses. Fast immer 
sind es die Taten der Könige, die uns berichtet werden; wann, 
wo, gegen wen und mit welchen Truppen er Kriege führt, wie 
er die Rebellen straft, Hofbeamte ein- und absetzt, in die kirch- 
lichen Dinge einzugreifen sucht, Befehle an sein Volk erläfst. 
Bei der alten Feudalverfassung Abessiniens kam es natürlich 
unter schwachen Herrschern fast jährlich zu Aufständen der 
Lehnsmänner oder Vasallen, und diese Aufstände waren von jeher 
ein grolses Unglück für das Land. Für die Kriegsführung in 
einem so gebirgigen und teilweise zerklüfteten Lande wie Abes- 
sinien ist es sehr wichtig, wo der Kriegsherr sich gefade auf- 
hält. Deshalb wird auch gewissenhaft angegeben, wo der König 
den Sommer, wo er den Winter verbrachte. Daneben wird auch 
den anderen Mitgliedern des königlichen Hauses sowie den 
höchsten Würdenträgern der Kirche Beachtung geschenkt, meist 



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— 251 — 

insofern, als sie mit dem Könige zu tun haben. Die Jahre 
werden meist nach dem Regierungsjahre des Königs und dem 
Jahre des Evangelistenzyklus angegeben. Um ein Beispiel von 
dem Stile der Chroniken zu geben, sei hier das siebente Jahr des 
Bakäffä (1721—1730), das mehrere interessante Notizen enthält, 
nach der abgekürzten Chronik tibersetzt ; natürlich sind auch da, 
wo diese Chronik ausführlich ist, durchaus nicht alle Jahre so 
eingehend behandelt wie dies. 

»Im 7. Jahre seiner Herrschaft begann Maskarram (d. i. Sep- 
tember, der erste Monat des abessinischen Kalenders) an einem Mitt- 
woch, es war ein Jahr des Evangelisten Johannes. Am 4. Maskarram 
wurde Sekut zum Bitwaddad (obersten Staatsbeamten) eingesetzt. Am 
6. Maskarram, an einem Montage, um die dritte Stunde, verfinsterte 
sich die Sonne, und die Sterne wurden sichtbar, und alles Volk wurde 
erregt und betete ; dann aber wurde sie leuchtend wie zuvor. Tefcemt 
(Oktober) begann an einem Freitag. Als der König Bakäffä lange 
in seinem Hause blieb, ohne sich den Leuten zu zeigen, wurde das 
ganze Hoflager erregt, da man sagte: «Der König ist erkrankt und 
gestorben.« Nun wollte Kutscho, der BelätSngStä (Hausminister), seine 
Wächter zum Kampfe vorbereiten, er lud die Flinten und sattelte die 
Pferde; als der Mann mit diesem Befehle kam, da gerieten die Wächter 
in Zorn und warfen nach ihm mit Lanzen; Kutscho selbst aber sah 
das, während er auf der Galerie des oberen Stockwerkes im Hause 
des Friedensrichters stand. Am 7. Tekemt ritt der König zu Pferde 
nach Dabra Berhän, und die Würdenträger folgten ihm, jeder auf seinem 
Pferde, von fern, da der Schildträger sie nicht nahe an den König 
herankommen liefs. Und bei allen herrschte grofse Freude. Die Priester 
nun sangen, jeder nach seinem Range: «Lasset uns den ruhmreichen 
Herrn preisen, der sich in seiner Herrlichkeit gezeigt hat!« Dann 
traten die Richter und Oberrichter in den Raum ein und fielen vor 
dem Pferde des Königs nieder, wie er eintrat, und küfsten den Boden. 
Der König liefs ihnen sagen: »Wie geht es euch, meine geliebten 
Wächter?« Dann verzieh er den Würdenträgern und sprach zu ihnen: 
»Geht ein jeder nach seinem Hause, morgen werdet ihr mich sehen.« 
Und am folgenden Tage, einem Freitag, rief der König die Würden- 
träger und die Richter, als er im Wark Sakalä (Goldpalast) war, und 
zwar safs er auf dem Thron in grofsem Staat. Und er befahl Joseph, 
dem Oberrichter des Inneren, der Angesicht zu Angesicht bei ihm 
stand, jene zu fragen mit den Worten : »Warum habt ihr meine Stadt 
in Schrecken gesetzt?« Die Würdenträger nun sprachen jeder für seine 
eigene Sache, und die Untersuchung kam zu den Oberrichtern, aber 
der König sprach zu ihnen: »Lasset die da! Ich glaube ihnen, dafs 
nichts Böses in ihrem Herzen ist.« Nun sagte Kutscho: »Ja, ich habe 
mich zum Kampfe gerüstet, weil man mir sagte: Ras Tasfä Iyasus 



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— 252 — 

und Bitwaddad Sekut werden dich gefangen nehmen.« Der König aber 
sagte zu den Richtern: »Richtet Kutscho nach eurem Rechte!« Da 
sprachen sie das Todesurteil über ihn aus, und Kutscho wurde mit 
zweien seiner Wächter gefangen gesetzt. Auch die Prinzessin Walatta 
Seiläse", die Schwester des Königs, wurde festgenommen, zusammen mit 
ihrem Manne Nafscho, der ein Schwestersohn des Generals Bäbrey war, 
und ihr Haus wurde durch die Schildträger geplündert Und ferner 
wurde die Prinzessin c Useft, seine Schwester, festgenommen und ihr 
Haus ebenfalls geplündert. Und am 1 1. Tekemt, an einem Montage, führte 
man auf den Richtplatz hinaus den Kutscho und seine beiden Wächter, 
seinen Schwiegersohn Markos, den KuSdsari Eoste" und Atn5, den Vor- 
steher der Kirche des heiligen Michael in Fit, den Abbä Absädi von 
Azazo, den Natscho, den Mann der Prinzessin Walatta Seiläse", und 
zwei Krieger namens Bele und Mary am Bäryä; und die Schildträger 
durchbohrten sie mit Lanzen und töteten sie. Ihre Leichname blieben 
auf dem Richtplatze liegen; dann nahm man sie nackt, ohne Leichen- 
tuch, und warf sie aus der Stadt hinaus, und die wilden Tiere frafsen 
die Unbegrabenen. Am 3. Khedär (November) verliefs der König: 
Gondar und ging nach Wakhni und sprach zu den Prinzen von Wakhni : 
»Warum stört ihr mich?« und er machte ihnen viele Vorwürfe, dann 
aber verzieh er ihnen und kehrte in Frieden zurück. Am 5. Täkhsäs 
(Dezember) entschlief die Prinzessin Amata Iyasus, eine gute und recht- 
gläubige Frau, die Tochter des Kaisers Fäsiladas, und sie wurde in 
Dabra Berhän begraben. Und in jenem Monate setzte er den Asrät 
aus Godscham zum Tekäken Beläte"ngetä ein (Stellvertreter des Haus- 
ministers), und in demselben Monate versammelten sich die Wächter 
des Kutscho und klagten vor dem Könige, indem sie sprachen: »Gib 
uns einen Herrn, da unser Herr gestorben ist!« Der König aber ward 
zornig auf sie und liefs sie vertreiben durch einen Ausrufer, der 
sprach: »Bleibet nicht in meiner Stadt!«. Am 11. Yakätit (Februar) 
starb Walatta Mangest, die Tochter des Kaisers Fäsiladas, und Frau 
des Franken Fäsil (eines der Nachkommen der im Lande gebliebenen 
Portugiesen). Der König ging dann nach Tscherkin auf die Jagd und 
tötete einen Elefanten, darauf kehrte er zurück und verbrachte den 
Sommer in Frieden. (Nun folgen noch einige Personalien.) 

Ein für die Geschichte Abessiniens äufserst wichtiges Doku- 
ment ist die kleine »Geschichte der Galla», die im Winter 1595/1596 
von einem sehr weitherzigen und vorurteilslosen abessinischen 
Mönche und Hofpriester, namens Bährey, verfafst wurde. Wie 
er dachte und wie er seine Zeiten beschreibt, läfst sich am besten 
aus zwei Stellen seines kleinen Werkes erkennen, von denen die 
zweite für die Kenntnis des Lebens in Abessinien sehr inter- 
essant ist. Zu Anfang sagt er: 

Sollte jemand mir sagen: »Wozu schreibt er Berichte über die 
Gottlosen, wie man über die Gottesfürchtigen schreibt?«, so erwidere 



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— 253 — 

ich ihm und spreche zu ihm: »Suche in den Büchern, so wirst du sehen, 
wie die Geschichte Muhammeds und der Kalifen beschrieben worden 
ist, trotzdem sie Feinde unseres Glaubens sind, und wie auch Giorgis 
walda Amid (s. oben S. 213) die Geschichte der persischen Barbaren- 
könige geschrieben hat, darunter Ella Afridon und andere Könige 
Persiens, die man zu dieser Zeit Soft (d. i. Sefewiden) nennt.« 

Gegen Ende seiner Schrift, nachdem er bereits über die 
Stämme der Galla, ihre Verfassung, ihre Kriege und Führer be- 
richtet hat, sagt der Verfasser: 

Nun fragen sich aber oft die Gelehrten und sagen: »Wie war es 
möglich, dafs uns die Galla besiegen konnten, wo wir doch viele sind 
und viel Kriegsgerät haben?« Einige haben gesagt; »Der Herr hat 
das um unserer Sünden willen zugelassen.« Andere gibt es, die ge- 
sagt haben: »Die Ursache ist die Teilung unseres Volkes in zehn 
Klassen, von denen neun nicht in den Kampf ziehen und sich ihrer 
Feigheit nicht schämen, und nur die zehnte kämpft und sich schlägt, 
so gut sie es vermag. Wenn auch unsere Zahl grofs ist, so sind doch 
der kriegsfähigen Männer wenig, und es gibt viele, die nicht zu Felde 
ziehen. Eine von diesen ist die Klasse der Mönche, deren es unzählige 
gibt; die einen werden Mönche von Kind an, wenn sie die Mönche 
dazu überreden zur Zeit des Schulbesuches, wie der Schreiber dieser 
Chronik und die seinesgleichen ; die anderen werden Mönche aus Furcht 
vor dem Kriege. Eine andere Klasse heifst Debterä, sie studieren die 
Schrift und alle priesterlichen Dinge. Sie klatschen mit den Händen und 
trampeln Beifall mit den Ftifsen, schämen sich aber nicht ihrer Feig- 
heit. Sie nehmen ihr Vorbild von den Leviten und Priestern, den 
Kindern Aarons. Die dritte Klasse nennt sich Dschän Hasanä und 
Dschän Ma'asere"; sie hüten das Recht und hüten sich zu kämpfen. 
Die vierte Klasse bilden die Daggäfotsch der Weiber der Würdenträger 
und der Prinzessinnen, starke, kräftige Leute im besten Mannesalter; sie 
halten sich fern vom Kampfe und sprechen: »Wir sind die Hüter der 
Weiber.« Die fünfte Klasse nennt man Älteste, Besitzer und Erb- 
herren; sie verteilen ihre Länder unter die Arbeiter (zur Bebauung) 
und geben ihnen Befehle, aber ihrer Feigheit schämen sie sich nicht. 
Die sechste Klasse bilden die Arbeiter; sie bleiben bei ihrer Feldarbeit 
und denken gar nicht daran, zu kämpfen. Die siebente Klasse sind 
die, die aus dem Handel Nutzen ziehen und sich bereichern. Die achte 
Klasse bilden die Handwerker, wie z. B. die Schmiede, die Schreiber, 
die Schneider, Zimmerleute und dergleichen, und sie verstehen nichts 
vom Kriegführen. Die neunte Klasse sind die Sänger, Trommler und 
Leierspieler, die den Bettel zu ihrem Geschäfte machen. Sie segnen 
den, der ihnen etwas gibt, und spenden ihm eitles Lob und leeren 
Preis ; wenn sie aber den, der ihnen nichts gibt, verfluchen, so gereicht 
es ihnen nicht zur Schuld, denn sie sagen: »Das ist bei uns Brauch!« 
Auch diese halten sich weit vom Kriege fern. Die zehnte Klasse sind 



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— 254 — 

die, die zu Speer und Schild greifen, sich aufs Kämpfen ve rstehe* and 
den Spuren des Königs folgen, um den Feind anzugreifen, und weil 
dieser so wenige sind, ist unser Land verheert worden. — Bei den 
Galla aber existieren jene neun Klassen, die wir aufgezählt haben, 
nicht, sondern alle verstehen sich aufs Kämpfen von dem Kleinsten 
bis zum Gröfsten » 

Dafs der Verfasser der Schrift die Niederlagen der Abes- 
sinier auf diese natürlichen Gründe zurückführt, sagt er zwar 
nicht ausdrücklich, lälst es aber deutlich genug hervorblicken. 
Zum Schlüsse gibt er noch wertvolle Bemerkungen über die 
Sitten der Galla und allerlei Worte aus ihrer Sprache. 

Auf die auswärtigen Geschichtswerke können wir hier nicht 
eingehen; die hauptsächlichsten unter ihnen, die Geschichte der 
Juden, die Werke des Giorgis walda Amid, des Abu Schäkir 
und des Johannes von Nikiu, sind bereits im ersten Teile kurz 
besprochen worden. 

5. Andere Profanlitteratur. 
Philosophie, Philologie, Rechtslitteratur. 

Dafs Abessinien auch Philosophen hervorgebracht hat, scheint 
fast verwunderlich. Und doch können wir die beiden »Unter- 
suchungenc des Zar'a Yä'kob und des Walda Heywat kaum 
anders denn als philosophische bezeichnen. Zar*a Yä'kob, der 
sich vielleicht etwas mit arabischer Litteratur bekannt gemacht 
hat, stellt in einer Autobiographie seine Weltanschauung dar, 
ein System, das gewissermafsen ein Gemisch von Metaphysik, 
Religionsphilosophie und Ethik ist. Über seine ersten 29 Lebens- 
jahre möge er uns selbst berichten: 

Ich bin von den Priestern von Aksum hergekommen. Geboren 
wurde ich als Sohn eines armen Bauern in der Gegend von Aksum 
am 25. Natiase" im dritten Jahre der Regierung Yä'kobs im Jahre 1592 
nach Christi Geburt (d. i. 30. August 1599 unserer Zeitrechnung). Und 
in der christlichen Taufe erhielt ich den Namen Zar'a Yä'fcob, die 
Leute aber nannten mich Warkie". Und nachdem ich herangewachsen 
war, schickte mein Vater mich in eine Schule, damit ich lernen sollte, 
und nachdem ich den Psalter Davids gelesen hatte, sagte mein Lehrer 
zu meinem Vater: »Dieser Knabe, dein Sohn, hat einen hellen Ver- 
stand und Ausdauer im Lernen, und wenn du ihn in eine bessere 
Schule schickst, so wird er ein Magister und Doktor werden.« Und 
als mein Vater dies hörte, da schickte er mich hin, den Kirchengesang 
zu lernen. Aber meine Stimme war nicht schön, und meine Kehle war 



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— 255 — 

rauh, und deswegen lachten und spotteten meine Kameraden über mich. 
Und nachdem ich drei Monate dort gewesen war, machte ich mich auf 
in der Betrübnis meines Herzens und ging zu einem anderen Lehrer, 
der Hymnendichtung und litterarische Bildung lehrte. Und Gott schenkte 
mir Verständnis, so dafs ich rascher als meine Kameraden lernte, und 
er gab mir Freude an Stelle der früheren Trübsal ; und dort blieb ich 
vier Jahre. Und in jenen Tagen errettete mich Gott aus dem Rachen 
(äth. Auge) des Todes : wie ich nämlich mit meinen Kameraden spielte, 
fiel ich in einen Abgrund, und ich weifs nicht, wodurch ich gerettet wurde, 
wenn Gott es nicht war, der mich durch ein Wunder schützte. Nach- 
dem ich gerettet war, mafs ich jenen Abgrund mit einem langen Strick, 
und es fand sich, dafs er 25 Ellen und 1 Spanne hoch war. Ich aber 
erhob mich lebendig und ging zum Hause meines Lehrers, Gott preisend, 
der mich gerettet hatte. Und danach machte ich mich auf und ging, 
um die Auslegung der heiligen Schriften zu lernen; und in diesem 
Unterrichte verblieb ich zehn Jahre, und ich lernte, wie die Franken 
und auch wie die Gelehrten unseres Landes die Schriften auslegen. 
Ihre Auslegung stimmte aber oft nicht mit meiner Vernunft überein. 
Doch ich schwieg und verbarg alle meine Gedanken in meinem Herzen. 
Und danach kehrte ich um und wohnte wieder in meinem Lande 
in Aksum. Und dort lehrte ich die Schriften vier Jahre lang. Diese 
Zeit aber war eine böse Zeit; denn im 19. Jahre der Regierung des 
Susneos (1626) kam der Patriarch Alfons (Affonso Mendes) aus dem 
Lande der Franken, und nach zwei Jahren entstand eine grofse Ver- 
folgung im ganzen Lande Äthiopien ; denn der König hatte den Glauben 
der Franken angenommen, und deswegen verfolgte er alle, die diesen 
Glauben nicht annahmen. 

Und wie ich in meinem Lande die Schriften lehrte, halsten mich 
viele meiner Amtsgenossen. Denn die Nächstenliebe war in jener Zeit 
ausgestorben, und Neid hatte sie gepackt, da ich sie an Gelehrsamkeit 
und an Nächstenliebe überragte und mit allen Leuten, den Franken 
und den Kopten, übereinstimmte. Denn wenn ich lehrte und die 
Schriften auslegte, pflegte ich zu sagen: »So und so haben die Franken 
gesagt.« »So und so haben die Kopten gesagt.« Und ich sagte nicht: 
»Das ist gut, und das ist schlecht,« sondern ich sagte: »Das ist alles 
gut, wenn wir nur gut sind.« Und deswegen hafsten mich alle. 

Um den Verfolgungen zu entgehen, mufste er fliehen; er 
begab sich nach dem Süden des Landes und richtete sich eine 
Höhle in einsamer Gegend als Versteck und als Wohnung her. 
Hier blieb er erhalten durch die Mildtätigkeit der Menschen, zu 
denen er sich hin und wieder begab, zwei Jahre lang und bildete 
sich sein System aus. Er sagte sich: Wenn Gott der Hüter der 
Menschen ist, wie hat seine Schöpfung denn so verdorben werden 
können? Und ferner: Wie weifs Gott denn darum, und gibt es 



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— 256 — 

jemand im Himmel, der darum weifs? Zu dem Glauben an 
einen allgtitigen Schöpfer ringt er sich durch; doch in dem 
Streben nach Erkenntnis der Wahrheit verwirft er alle Menschen- 
satzung und läfst sich nur von der ihm durch Gott gegebenen 
Vernunft leiten. Menschensatzung aber ist das meiste, was die 
Menschen als Religion anerkennen: vieles aus der Lehre Mosis, 
aus der Lehre Mohammeds, einiges aus dem Evangelium, vor 
allem aber die Kirchengebote des Fastens, die Askese und die 
krasse Verehrung Maria. Nur das ist wahr, was die Vernunft 
als solches erkennt Im Verkehr mit den Menschen soll man 
eine liebevolle Gesinnung betätigen. Die Gröfse Gottes in der 
Natur beschreibt er mit folgenden Worten: 

Und die Bäume des Feldes, und die Blumen, die mit grofser Weis- 
heit geschaffen sind, die sprossen und grünen und blühen und bringen 
Früchte hervor mit ihrem Samen je nach ihrer Art ohne Fehl, und 
es scheint, als ob sie eine Seele hätten. Und dann auch die Berge 
und Täler, Ströme und Wasserquellen, alle deine Werke loben deinen 
Namen, o Herr, und gar sehr gepriesen ist dein Name überall auf 
Erden und im Himmel. Grofs sind die Werke deiner Hände! Die 
Sonne, der»Quell des Lichts und der Quell des Lebens der Welt, und 
auch der Mond und die Sterne, die du geschaffen hast, die von dem 
Wege, den du ihnen vorgeschrieben, nicht abweichen. Wer kennte die 
Zahl der Sterne und ihre Entfernung und Gröfse, während sie uns 
klein erscheinen wegen ihrer Ferne? Und die Wolken, die das Wasser 
herabströmen lassen, das die Kräuter sprossen macht! Alles ist grofs 
und wunderbar, und alles ist in Weisheit erschaffen. 

Nach dem Tode des Susneos kam Zar'a Yä'kob zu einem 
reichen Manne, Habtu, bei dem er als Schreiber und als Kinder- 
erzieher in Dienst trat. Eine von dessen Mägden wurde seine 
Frau ; als Habtu zu ihm sagte : »Von jetzt ab sei sie nicht mehr 
meine Magd, sondern deine Magd,c da antwortete er: »Sie soll 
nicht meine Magd sein, sondern meine Frau; denn Mann und 
Frau sind gleich in der Ehe, und wir müssen sie nicht Herr und 
Magd nennen, da sie ein Fleisch und ein Wesen sind,« worauf 
Habtu, der sich wohl nicht auf philosophische Erörterungen ver- 
stand, erwiderte: »Du bist ein Mann Gottes, mach du's, wie du's 
willst, c Einen Sohn des Habtu, Walda Heywat, weihte er ganz 
in seine Gedanken ein, und dieser berichtet uns dann auch, dafs 
Zar'a Yä'kob noch Urenkel gesehen hat und im Alter von 
93 Jahren gestorben ist« 



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— 257 — 

Die Schrift des Schülers entbehrt der Originalität des Meisters, 
aber sie ist durchaus von einer edlen Gesinnung getragen, und 
der Verfasser behandelt die Dinge dieser Welt in ruhiger und 
verständiger Weise. Er ist noch mehr Moralphilosoph als Meta- 
physiker oder Religionsphilosoph, Seine Lehren erläutert er hin 
und wieder durch kleine Erzählungen, von denen eine hier Platz 
finden möge. 

«Es war einmal ein Mann, der hatte eine träge und mifsmutige 
Frau. Ihr Mann hörte auf, sie zu lieben, und fing an, zu einer andern 
zu gehen, so dafs er die Eifersucht seiner Frau erregte. Sie aber 
machte sich auf und ging zu einem Zauberer und sprach zu ihm: 
,Mein Mann liebt mich nicht; mach du mir nun ein Mittel, auf dafs 
er mich liebe. 4 Und er sprach zu ihr: , Jawohl, aber geh du hin und 
reifs drei Haare aus der Stirnlocke eines Löwen und bring sie mir, 
denn die sind zu dem Mittel nötig. 4 Da ging sie fort und dachte nach, 
indem sie sprach: ,Wie kann ich einem Löwen nahen, ohne dafs er 
mich frifst? 4 Und sie nahm ein Lamm und ging aufs Feld, und wie 
der Löwe kam und auf sie lossprang, um sie zu fressen, gab sie ihm 
das Lamm und entfloh. Als der Löwe fand, was er fressen konnte, 
hörte er auf, ihr zu folgen. Und am nächsten Tage machte sie es 
ebenso, und sie fuhr noch manche Tage fort, es so zu machen, denn die 
Eifersucht um ihren Mann hatte sie gepackt. Als der Löwe nun sah, dafs 
diese Frau ihm Futter brachte, da war er ihr nicht mehr feind, sondern 
er gewann sie lieb, und wenn sie mit dem Lamme kam, dann kam er 
ihr mit Freude entgegen, indem er mit dem Schwänze wedelte, und 
leckte ihr die Hand wie ein Hund und spielte mit ihr. Da rifs sie drei 
Haare aus seiner Stirnlocke und brachte sie dem Zauberer und sprach 
zu ihm: ,Siehe, hier habe ich dir gebracht, was zu dem Mittel nötig 
ist. 4 Er aber sprach zu ihr: ,Wie war es dir möglich, sie auszureifsen ? 4 
Und sie erzählte ihm alles, was geschehen war. Da sprach er: ,Geh 
und tu deinem Manne ebenso, wie du dem Löwen getan, und dein 
Mann wird dich lieben. Glaubst du denn, dafs dein Mann schlimmer 
ist als ein Löwe? Und wie du dadurch, dafs du ihm Essen brachtest, 
die Liebe des Löwen gewonnen hast, so wirst du auch die Liebe 
deines Mannes gewinnen. 4 Und sie ging fort und begann nach dem 
Rate des Zauberers zu handeln, und sie suchte ihrem Mann in allem 
Freude zu bereiten und Geduld zu zeigen. Nach einigen Tagen dachte 
jener Mann in seinem Herzen und sprach: ,Warum sollte ich andere 
Frauen mehr lieben als meine eigene Frau, wo sie doch gut ist und 
besser zu mir als Jene? 4 Da kehrte er zu ihr zurück und gewann sie 
sehr lieb.« 

Aufser diesen beiden Männern hat es wohl nie einen Philo- 
sophen in Abessinien gegeben. Nur noch ein einziges anderes 

Litteraturen des Ostens. VIT, 2. 17 



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— 258 — 

Werk könnte man zur philosophischen Litteratur rechnen, die 
Sammlung der Aussprüche von berühmten Philosophen, das 
Masfoafa Faläsfä Tabibän, das aus dem Arabischen ins 
Ge c ez übersetzt wurde. Hierin finden sich Anekdoten und Bon- 
mots von griechischen und lateinischen Philosophen und berühmten 
Männern, aber auch von Personen aus dem Alten Testamente 
und der persisch-arabischen Geschichte: Pythagoras, Thaies, So- 
krates, Alexander, Cicero, Gregorius, David, Salomo, Haikar, 
Chosroes und manche andere sind hier vertreten. Der Verfasser 
des arabischen Originals war vielleicht ein ägyptischer Mönch; 
in ihren Anfängen geht diese Art Litteratur bis in die helleni- 
stische Zeit zurück. 

Die Philologie hat in Abessinien keine wirklichen Blüten 
gezeitigt, obgleich wir auch hier die Mühe der Leute, denen Vor- 
bilder aus der Wissenschaft der Griechen und Araber fehlten, 
nicht verkennen dürfen. Naturgemäfs stellte sich ein gewisses 
Bedürfnis nach philologischer Bildung heraus, wenn man die im 
täglichen Leben ganz ausgestorbene Ge c ez-Sprache sich künst- 
lich aneignen mufste. Die Mamherän oder Lehrer werden sich 
schon früher beim Unterricht einer Art von grammatischer Termino- 
logie bedient haben, wie sie es heute noch tun. Daneben aber 
kamen vor allem auch äthiopisch-amharische Wörterbücher auf, 
sogenannte Sawäsew, » Leitern c. Sogar auch ein amharisches 
Wörterbuch der Galla- Sprache (Nagara Gällä) ist verfalst 
worden. Die Sawäsew wurden dann erweitert und manchmal zu 
Kompendien des litterarischen Wissens der Zeit. Was die Leute 
an Kenntnissen besafsen — und das war leider nicht viel — , 
wurde gewissenhaft zusammengetragen und diente anderen zur 
Belehrung. So ging ja auch Zar'a Yä'kob hin, um »Hymnen- 
dichtung c (Ken£) und litterarische Bildung (Sawäsew) zu lernen. 
Von dem geistigen Horizont dieser Bildung geben uns Hand- 
schriften der Sawäsew Kunde; eine Pariser Handschrift enthält 
z. B. neben vielem anderen folgende Dinge: Namen von kost- 
baren Steinen, von Kleidern, Körperteilen, Tieren, Erklärungen 
und allegorische Auslegungen von Bibelstellen ; die Namen Jeru- 
salems, des Satans, der Idole; Pflanzen, Waffen, Flüsse, Jahres- 
zeiten, Länder, Gewichte ; eine Notiz über die hebräische und die 
syrische Sprache; Chronologie der jüdischen und äthiopischen 
Geschichte ; grammatische Bemerkungen ; Erklärungen der Namen 



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— 259 - 

Jesu, Gottes der Apostel, der Märtyrer, Engel; geistliche Genea- 
logie der Äbte von Dabra Libänos; Festkalender. 

Von einer eigentlichen äthiopischen Rechtslitteratur 
kann nicht die Rede sein. Das Ser'ata Mangest, »Reichs- 
ordnungc, ist, obgleich es einige Regeln über das Strafverfahren 
enthält, nur eine Art Hof- und Staatshandbuch. Das Masfcafa 
Berhän des Königs Zar'a Yä c kob ist, wie wir gesehen haben, 
eine Kirchenordnung. Endlich das als nationaler Kodex an- 
gesehene Fetfca Nagast ist aus dem Arabischen tibersetzt und 
enthält ein Gemisch von kirchlichen Kanones, von Vorschriften 
aus der Bibel und von römischen Gesetzen; der arabische Ver- 
fasser dieser Sammlung hat seine Sache leidlich verstanden, der 
äthiopische Übersetzer dagegen recht schlecht und hat dem- 
entsprechend viele Fehler gemacht. Das Verständnis und die 
Auslegung eines solchen Buches ist natürlich mit grofsen 
Schwierigkeiten verbunden; daher besagt auch ein amharisches 
Sprichwort: »Wer nach dem Fetfca Nagast urteilt und wer ein 
Meister der Chronologie ist, der lehre kein anderes BuchU Ver- 
schiedene abessinische Mamherän haben sich den Ruf kundiger 
Ausleger dieses Gesetzbuches erworben ; einer von ihnen pflegte, 
wenn er zur Interpretation des 48. Kapitels kam, das von der 
Unsittlichkeit handelt, in ehrlicher Selbsterkenntnis zu sagen: 
»Jetzt kommt mein Kapitel!« Das Fetfca Nagast zerfällt in 
51 Kapitel, von denen die ersten 22 das kirchliche und die folgen- 
den 29 das weltliche Recht behandeln. Aber gerade da alle 
diese Vorschriften von aufsen her stammen und vielfach auch 
gar nicht auf die abessinischen Verhältnisse passen, so lernen 
wir aus ihm nicht die Rechtsanschauungen der Abessinier kennen. 
Dazu kommt noch, dafs dieses Werk, obwohl es seit etwa 1600 
als das offizielle Gesetzbuch des königlichen Gerichtshofes dient, 
dennoch recht wenig unter das eigentliche Volk gedrungen ist. 
Das Volk hat ohne Frage sich ein nach Gegenden verschiedenes 
Gewohnheitsrecht herausgebildet, um die wichtigsten Lebens- 
fragen zu regeln. Dafs es so im modernen Abessinien aussieht, 
wissen wir aus den Arbeiten Munzingers und Conti Rossinis. 
Letzterem verdanken wir aber auch die Entdeckung und Er- 
klärung eines in seiner Art einzigen kurzen juristischen Doku- 
ments in der Tigrifia-Sprache : es enthält in kurzen Zügen eine 

17* 



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— 260 — 

Art Konstitution eines nordabessinischen Stammes, der Loggo, 
in ihrer Landessprache. 

Die gesetzlichen Bestimmungen dieses Dokuments beziehen 
sich auf das Eherecht, Erbrecht, Besitzrecht und Körperverletzung. 
Interessant für ein solches Stammesrecht ist die Bestimmung: 

Ein Fremder, der inmitten der Nachkommenschaft der Loggo 
wohnt, kann kein privates Erbeigentum erwerben. 

6. Volkslitteratur. 

Dafs bei der Geistesrichtung der abessinischen Litteraten 
die schlichte Volksdichtung nicht zu ihrem Rechte kam, ist ganz 
natürlich. Aber wie wir im heutigen Abessinien sehen, dafs das 
Volk grofsen Gefallen an den Liedern seiner Barden, an Fabeln 
und an Sprichwörtern hat und demgemäfs auch einen reichen 
Schatz von solcher mündlichen Litteratur besitzt, so müssen wir 
annehmen, dafs es auch in älterer Zeit nicht anders gewesen ist. 
Und doch sind uns aus früherer Zeit nur einige wenige Sprich- 
wörter in der Ge'ez-Sprache und die altamharischen Königslieder 
bekannt. Etwas aufserhalb dieses Kreises steht eine Sammlung 
von Hochzeitsliedern in der Harari- Sprache, die zwar mit dem 
Amharischen eng verwandt, aber seit mehreren Jahrhunderten ihre 
eigenen Wege gegangen ist, da die Einwohner Mohammedaner 
geworden sind; diese Lieder sind etwa um 1700 mit arabischen 
Buchstaben aufgezeichnet worden. In neuerer Zeit jedoch sind, 
hauptsächlich durch die Bemühungen von europäischen Gelehrten 
und Missionaren, Sprichwörter, Rätsel, Märchen, Fabeln und 
Lieder aller Art in den drei Hauptsprachen Abessiniens auf- 
gezeichnet worden; einmal hat auch ein Abessinier seine Reise 
von Massaua nach Neapel in seiner Muttersprache, dem Tigrifia, 
beschrieben. Ob nun ein Sprichwort oder Lied aus dem Süden 
oder dem Norden Abessiniens stammt, ob es ursprünglich in 
amharischer, tigrinischer oder tigrischer Sprache abgefafst ist, 
überall zeigt sich derselbe frohe Sinn, dieselbe humorvolle und 
öfter satirische Beobachtung des Lebens in der Natur oder in der 
menschlichen Gesellschaft, vor allem aber dieselbe Kampfeslust, 
Freude an blutigen Schlachten und Bewunderung kriegerischer 
Tugenden; hin und wieder kommen Bettellieder vor, die von 
der neunten Klasse der iGeschichte der Gallac gesungen werden 
(oben S. 253), manchmal auch Liebeslieder oder erotische An- 



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— 261 — 

spielungen, in denen eine kräftige und zuweilen recht derbe Sinn- 
lichkeit herrscht, die aber wohl nie so roh wird wie in den 
Liedern der Galla und Somali. 

Unter den abessinischen Sprichwörtern treten zunächst, 
wie bei allen Völkern, die noch in engerem Zusammenhange mit 
der Natur leben, solche hervor, die sich mit der Tierwelt be- 
schäftigen, in ihr allgemeine Wahrheiten erfassen, aus ihr Ver- 
gleiche mit dem Tun und Treiben der Menschen ziehen oder auch 
nur in behaglichem Zuschauen die Eigenarten der Tiere dar- 
stellen. Der Hase mufs, wie auch anderswo, als Bild der Feig- 
heit herhalten, und so sagt man: 

Ein kleiner Hase vor eigner Tür 

Senkt den Kopf zum Kampfe gegen den Stier. 

Ein flüchtendes Schaf, das in seiner kopflosen Angst nicht 
mehr aufzuhalten ist, wird mit einem jähzornigen Menschen ver- 
glichen; daher stammt das Sprichwort: 

»Ein Schaf, das fortgerannt — 
Ein Mensch, in Wut entbrannt.« 

Vom kräftigen abessinischen Buckelochsen ist das geflügelte 
Wort »Der Buckel dem Starken c hergenommen; Professor Guidi 
vergleicht es mit dem französischen Sprichwort »ä tout seigneur 
tout honneur.c Recht bezeichnend ist das amharische Pendant 
zum deutschen »Eulen nach Athen tragen t oder dem englischen 
»carry coals to Newcastlec; es heilst: 

»Zum Klugen viel zu reden braucht man nicht; 

Dem Löwen das Fleisch zu hacken braucht man nicht.« 

Auch die gute Freundschaft zwischen dem Löwen und dem 
schlauen Reinecke Fuchs ist in Abessinien bekannt, wie aus 
einem Ge c ez-Sprichwort hervorgeht: 

»Geht wohl der Löwe in des Fuchsen Höhle 
Oder der Fuchs wohl in des Löwen Höhle?« 

Es war zu erwarten, dafs das Sprichwort, wo es sich mit 
den Verhältnissen im menschlichen Leben befafst, sich das Treiben 
der Mönche und der Priester nicht entgehen liefs, die ja gerade 
dortzulande so zahlreich wie nur möglich sind. Den Mönchen 
sagte man nach: 

»Ein Murmeltierfell, zu betrügen das Land; 
Den Herrn zu spielen, ein feines Gewand.« 



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— 262 — 

Über seine eigenen Standesgenossen machte sich der Priester 
Kefla Johannes, der vor etwa 200 Jahren gelebt haben soll, in 
folgendem Epigramm lustig: 

»Dafs unser Aug 1 den schönen Himmel nicht erblicke, 
Das hinderte mit ihrem Flügel eine Mücke.« 

Hier wird auf die in und um die Kirche ziehenden Priester 
angespielt, die ihre Arme mit den weifsen Ärmeln erheben und 
so einem Adler, der die Flügel entfaltet, ähnlich sehen; doch 
eines Vergleiches mit ihm werden sie nicht einmal für würdig 
geachtet, sie sind nur Mücken. Und diese Mücken hindern uns, 
den Himmel, die wahre Religiosität, zu sehen. 

Auf die königlichen Erlasse, die durch Boten gesandt oder 
durch Herolde unter Trommelwirbel bekannt gegeben werden, 
geht das Sprichwort: 

»Zu den Fernen Botschaft tragen, 
Für die Nahen Trommel schlagen.« 

Die sittlichen Zustände und das Eheleben sind in Abessinien 
sehr lax ; darum erklärt es sich, wenn man sagt : i Besser als ein 
Sohn deiner (ledigen) Tochter ist ein Sohn deiner Kuhle Es ist 
natürlich, dafs sich hier auch allgemeine Weisheitsregeln vorfinden, 
wie überall auf der ganzen Erde. So heifst es: 

»Mit dem Alten pflege Rat, 
Mit dem Starken geh zur Tat!« 

Die negative Seite desselben Gedankens spricht eine Ge'ez- 
Regel aus: 

»Über Krieg berate dich nicht mit dem Furchtsamen, über Almosen 
nicht mit dem Geizigen, über Arbeit nicht mit dem Faulen, über 
Keuschheit nicht mit dem Ehebrecher!« 

Die Form, in der diese Sprichwörter auftreten, ist meist eine 
epigrammatische : zwei oder drei kleine unter sich gereimte Vers- 
zeilen, öfters aber auch nur ein kurzer Satz. Häufig finden sich 
in beiden Arten Wortspiele. Sehr beliebt ist im Amharischen 
das Spiel mit allegorischen Bedeutungen ; man hat zweierlei, auch 
besonders benannte, Redefiguren: wo die erste angewandt ist, 
findet sich wirklicher und allegorischer Sinn in einem Spruche; 
die zweite gestaltet den ganzen Spruch allegorisch, und man mufs 



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— 263 — 

den wirklichen Sinn erst suchen, was meist durch ein bestimmtes 
Wort im Satze erleichtert wird. 

Eigentliche Märchen, so wie wir sie mit dem Orient zu 
verbinden pflegen, hat Abessinien kaum aufzuweisen ; die indisch- 
persisch-arabische Märchenlitteratur ist nicht nach dort gedrungen 
ungeachtet der Übersetzung der Erzählung von Barlaam und 
Josaphat und der Zustutzung des Alexanderromans. Eigene 
Märchen haben die Abessinier auch nicht hervorgebracht; deren 
Stelle wird durch Stammessagen und Tierfabeln eingenommen. 
Sagen über die älteste Geschichte des Landes, in dem der Drache 
geherrscht haben soll, der von den neun Heiligen getötet wurde 
Legenden über den Ursprung und die Wanderungen der einzelnen 
Stämme finden sich vielfach. Und die Tierfabeln sind bei Semiten 
und Kuschiten weit verbreitet; unter ihnen finden wir manche 
alte Bekannte. Zwei dieser Geschichtchen aus Guidis Sammlung 
mögen als Illustration dieser Litteratur dienen. 

»Die Mäuse versammelten sich einst und sprachen: ,Was sollen 
wir mit der Katze tun, die immer heimlich, ungehört herankommt und 
uns fortschleppt? 4 Man sagte: ,Es wäre das beste, wenn wir ihr eine 
Glocke umhängen. Wenn sie dann heimlich kommt, läutet die Glocke, 
und wir können entfliehen. 4 Der Antrag wurde angenommen. Da kam 
eine schlaue Maus, die an der Beratung nicht teilgenommen hatte, und 
fragte: ,Wie ist die Versammlung gewesen? 4 Man sagte ihr: ,Dafs 
wir der Katze eine Glocke umbinden, ist bestimmt. 4 Sie sagte: ,Der 
Plan ist gut. Doch wer soll sie ihr umbinden? 4 ,Du, du! 4 riefen alle 
einander zu. ,Ich nicht! Ich nicht! 4 riefen alle einander zu. Auf diese 
Weise zerschlug sich der Plan. — So erzählt man.« 

'Einmal ging ein Hund bei Nacht aus dem Hause seines Herrn; 
da traf er eine Hyäne. Die wollte ihn fangen und bewirkte, dafs er 
weglief. Als der Hund in die Tür seines Herrn hineinkroch , packte 
die Hyäne seinen Schwanz, bifs ihn ab und behielt ihn im Maule 
Nachdem der Hund nun hineingekommen war, drehte er sich um und 
stellte sich ihr gegenüber. Die Hyäne rief ihm zu: ,Komm doch heraus 
und hole deinen Schwanz ! 4 Der Hund antwortete: ,Er gefiel mir doch 
gar nicht; er diente zu nichts, und ich will gar nicht, dafs er immer so 
steil hinter mir steht; nimm ihn nur mit! — So erzählt man.» 

Unter den Volksliedern stehen die altamharischen Königs- 
lieder oben an, nicht nur, weil sie so einzigartig in der schriftlich 
überlieferten äthiopischen Litteratur sind, sondern auch, weil einige 
von ihnen in der Tat wahre dichterische Gestaltungskraft zeigen. 
Die wichtigsten von ihnen sind zu Ehren der Könige 'Amda 



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— 264 — 

Sion, Isaak und Galäudeos gedichtet Eins der Lieder auf c Amda 
Sion ist später dem Zar'a Yä'kob zugeschrieben worden, was viel- 
leicht darauf hindeutet, dafs unter letzterem diese Lieder zum 
ersten Male gesammelt wurden; die letzte Sammlung fand wohl 
unter Malak Sagad statt 

Ein Lied auf Isaak nimmt den ersten Rang ein an Tiefe der 
poetischen Empfindung und an Wirksamkeit der dramatischen 
Darstellung. Charakteristisch ist hier die lose Aneinanderreihung 
von mehreren scheinbar nicht zusammenhängenden Szenen. Aber 
gerade dadurch, dals die Übergänge fehlen, wie so oft bei den 
Reden der alttestamentlichen Propheten, wird das Ganze um so 
plastischer und eindrucksvoller. Das Lied behandelt den Kampf 
des Königs gegen die Rebellen, ein altes Thema, das sich in 
Wirklichkeit und im Liede dortzulande immer wiederholt Vers 1 
bis 16 sind an einen der Rebellen, mit Namen Sohn Bismärs, ge- 
richtet; sie machen ihm Vorwürfe und raten ihm zu entfliehen. 
Vers 17—22 zeigen mit wenig Worten den Kaiser bei der Mahl- 
zeit, wie ihm der Bericht von dem Aufstande tiberbracht wird. 
Sofort zieht er gegen die Empörer; doch das wird nicht erst be- 
sonders erwähnt Die Pause zwischen Aufbruch und Ankunft 
wird durch eine kurze Aufzählung der Rebellen ausgefüllt Dann 
aber fällt der König plötzlich mit voller Wucht über den Feind 
her, und nun beginnen die völlig Besiegten um Gnade zu betteln 

Du Sohn Bismärs! 
Warum hast du unsere Liebe mifsachtet? 
Zur Frau gaben wir dir eine Prinzessin, 
Ein starken Rotfuchs gaben wir dir, 
Ein weites Land gaben wir dir. 
Warum hast du unsere Liebe mifsachtet? 
Flieh, entweich 
Aus deinem Vaterlande, 
Wenn die Kriegszeit beginnt, 
Mit dem Rufe: Isaak ist gekommen, 
Wie eine Antilope flüchte! 
Wie ein Rabe entfleuch! 
Fülle deinen Sack mit Wegzehrung, 
Schicke Kind und Weib fort! 
Flieh, entweich 
Aus deinem Vaterlande. — 

Der Kaiser nun, der die Taten hörte, 
Der Löwe Davids, der Beharrliche, 
Er afs — doch das Essen mundete ihm nicht; 



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— 265 — 

Er trank — doch der Trunk mundete ihm nicht. 

Mächtig ward, sagte man, der Rebell, 

In Sendscha, sagte man, hat er sich gelagert. — 

Wie viele soll ich aufzählen? 
Den Rebell von Haläbä, 
Den Rebell von Täyto, 
Den Rebell von Läbolä, 
Wie viel soll ich aufzählen? 
Der Rebell von Guedelä, 
Wenn er sich brüstet: 
»Lafs doch die Affenherde von Amhara! 
»Wenn der Himmel einstürzt, 
»Wollen wir ihn, sagen sie, aufrichten mit Lanzen!« 
Wenn sie sich brüsten. — 

Vernichtet hat er sie bis auf den letzten Mann, 
Als er ankam im Lager von Sendscha, 
Vernichtet hat er sie bis auf den letzten Mann! 
Im Feuer verbrannte er ihre Leichen. 
Löwe Davids, Beharrlicher, 
Sie sprachen zu dir: »Wir werden Tribut zahlen, 
Der deinen Vätern gezahlt wurde. 
Deine Pferde werden wir liefern, 
Deine Maultiere werden wir liefern, 
Lafs uns nicht gänzlich umkommen! 
Löwe Davids, Beharrlicher, 
Bei deines Zeltes Hoheit, 
Bei deines Pferdes Hoheit, 
Bei deiner Lanze Hoheit, 
Bei deines Weibes Hoheit, 
Bei deiner Kinder Hoheit, 
Vernichte uns nicht völlig! 
Wir sind ja bereit, 

Deinen königlichen Tribut zu zahlen: 
Rosse, erprobten Schlages, 
Gold, gewogener Reinheit 
Mit der Losung »vollkarätig«, 
Werden wir dir als königlichen Tribut bringen. 
Vernichte uns nicht völlig!« 

Über den Kampf zwischen Galäudeos, der uns in der Ge- 
schichte und in der Litteratur begegnet ist, wollen wir nun auch 
den Sänger hören. Der wendet sich zu Anfang mit einer kurzen 
Apostrophe an den König selbst, um dann zu schildern, wie es 
zur Zeit seiner Thronbesteigung in Abessinien aussah. Darauf 
werden uns in rascher Folge packende Bilder aus den Feldzügen 



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— 266 — 

des Galäudeos gegen die feindlichen Feldherren vorgeführt Dann 
kommt der Entscheidungskampf mit Graft selbst. Von ihm 
scheiden wir mit dem Bilde der flüchtigen Del Wambarä, der Frau 
des Gräfi. 

Held, Asnäf Sagad, Held, 
Herr des Silberrosses, Herr der Waffen von jenseits des Meeres, 
Fürwahr, du zogest aus für uns zum Kampfe! 

Gräfi beherrschte Abessinien, 
Er raubte die heiligen Geräte, 
Er sang zu Mohammed, 
Verachtete die Liebe Marias, 
Er schnitt die Christenbänder ab, 
Er zerbrach die Altäre, 
Als dich Gott zum König einsetzte 
Auf Davids Thron. 

Da ward er trunken von Zorn wie von Wein, 
Eherne Lanzen schleuderte er wie Holzstäbe 
Nach Trophäen dürstend. 
Den Krieg begann er gegen Ismän, 
Den Krieg verfolgte er gegen Emar, 
Nach Schoa sich wendend, 
Verblieb er den Winter im Schema-Lande. 
Wie ein Stier zum Angriffe bereit, 
Wie ein brüllender Löwe 
Eilte er, bis ihm das Land trocken ward. 
Im Monat Teljemt griff er Kogat an. 
Nasraddin, von Maria verachtet, 
Kam prahlerisch an: 
Da warf er ihn fort wie einen Haufen Dreck. 

Als er nach Dembeyä zog. 
Begann er mit Gräfi zu kämpfen. 
Er zerstreute seine Schar wie Spreu! 
Über das Siegeszeichen freuten sich Kirchenbauer. 

Kleider anzulegen war zu spät, 
Als DelWambarä ward aufgeschreckt! 
Nach Makatar kehrte sie zurück, 
In ihrer Väter Land. 

Aus neuerer Zeit stammen die Sammlungen von Tigrifia- und 
TigrC- Liedern. Diese sind aus allen Lebenslagen heraus ge- 
dichtet; doch den gröfsten Raum nehmen die Kriegs- und Helden- 
lieder ein. Vor der Schlacht werden die Gegner prahlerisch 
herausgefordert, indem man die Vorzüge der eigenen Heimat 



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— 267 — 

die Kraft des eigenen Stammes preist, oder indem man dem 
Feinde droht und ihn verhöhnt. Nach der Schlacht werden die 
siegreichen Helden mit Lobliedern empfangen, die Gefallenen 
werden beklagt. Eine grofse Anzahl kleiner Liebeslieder in der 
Tigrifta- Sprache, meist nur Zwei-, Drei- oder Vierzeiler, hat 
Dr. Conti Rossini gesammelt. Da heilst es z. B.: 

»Ist's denn wirklich all, das in der Liebe liegt, 
Dafs sie schärfer als ein spitzer Dorn uns sticht, 
Dafs sie schwerer als ein Sack von Bleistaub wiegt? 
Wenn sie dich getroffen, läfst ihr Gift dich nicht!« 

Ein anderer träumender Liebhaber singt: 

»Da ich dich nicht gefunden, kam ich zu deinem Haus, 
Nur Tränen waren mir, kein Brot mein Abendschmaus.« 

Von der Schönheit, die alle andere vergessen macht, wird 
gesungen : 

»Der Mond ist aufgegangen, ihm folgt der Abendstern: 
Ein Mädchen kam — die Schönheit hält uns dem Mahle fern!« 

Wie ein Held, der aus der Schlacht heimkehrt, so wird der 
begrüfst, der einen Löwen oder Elefanten getötet hat. Der glück- 
liche Jäger, mit dem Löwenfelle oder mit dem Ohre und dem 
Schwänze des Elefanten, zieht tanzend im Dorfe umher, von 
seinen Freunden begleitet, und wird bewundert und beschenkt. 
Seine Freunde singen in zwei Chören. 

(Erster Chor) : Getötet, zerrissen hat er ihn! 
(Zweiter Chor): Wohin ging er, als er tötete ihn? 
(Erster Chor): Als er hinging, sah ich etwa ihn? 

(Alle): Vielleicht am Ufer des Wassers hat er ihn erschlagen. — 
Zerreifser nennt man dich und Töter, 
Hurra, Hurra, zweifacher Töter. 

Der Häuptling eines der TigrE-Stämme wurde bei der Heim- 
kehr von einem Plünderungszuge von einem Sänger folgender- 
mafsen begrüfst: 

Was für ein furchtloser Mann ist dies? Wie ein Leu bekämpft er 

der Feinde Heer! 
Und was für eine Leopardin ist dies? Die Weifen im Leibe, geht sie einher. 
Was für ein Krieger ist dies? Er wacht, während Pulver und Lunte 

bereit er hält 
Und was für ein Donnerrofs ist dies? Vernichtend zieht es durch Hof 

und Feld. 



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— 268 — 

Einer der Habäbstämme, die nördlich von Massaua wohnen, 
wurde einst tiberfallen und verlor seine tapfersten Männer in der 
Schlacht. Als ihre tiberlebenden Frauen und Kinder sie be- 
weinten, da sang einer der Barden von der Tapferkeit ihrer 
Männer und Väter ein Lied, in dem sich ein prächtiges Schlachten- 
bild findet: 

Es kämpfte Hemad, der Sohn Dschamils; er warf sich mitten ins 

Kampf getümmel; 
Ein Standhafter, Sohn eines Standhaften; was er sagte, das führte 

_ er aus. 

Es kämpfte Elos, der Sohn Derärs, ein Habicht, der die Herzen aus- 
reifst ; 
Den einen tötete er, und den andern verwundete er. 
Es kämpfte Fedel, der Sohn Dschamils, der Sohn des Häuptlingsthrones. 
Das war ein gewaltiger Kampf, er stürzte sich auf die Räuberschar. 
Es kämpfte Eschfcafc, der Sohn Arbads; er schlug die Räuberschar 

mitten entzwei. 
Sein Mut wich nicht dem Rosse, ob es gleich mit Panzer und Harnisch 

bekleidet war. 
Sein Mut wich nicht dem Gewehre mit seinem heifsen, knisternden 

Pulver. 
Sein Mut wich nicht den Menschen, die sich Haufe auf Haufe dahin- 

wälzten. 
Das war ein Geschnaube von Elefanten; man warf nach ihm, er aber 

ergrimmte gewaltig. 

Dem Eschbak, der in diesem Kampfe fiel, widmet ein anderer 
Sänger ein eigenes Lied ; von seinem Reichtum und seiner Grofs- 
mut singt er: 

Sohn eines gewaltigen Geschlechts, das fest wie Ketten zusammenhält, 

Sohn eines Mannes, der viele kraushaarige Sklavinnen von Bäryä hat ! 

Tausend Sklavinnen hast du und tausend Sklaven hast du, 

Stiefeln und Gewehr hast du wie ein tapferer Soldat. 

Der Schall der Trompete und der Ton der Flöte, 

Das Klingen der Leier empfängt Gaben von dir und teilt sie aus. 

Besonders plastisch schildert er Eschfcaks Tapferkeit durch 
den Vergleich mit einem Löwen: 

Er ist ein Jungleu, der bei Nacht plötzlich in die Hürden einbricht: 
Hoch ist sein Sprung, und er macht einen prasselnden Laut. 
Er frifst gierig und zermalmt die Knochen; 

Die Zähne schlägt er tief ein und reifst die Muskeln von den Knochen. 
Heftig ist sein Schlingen, ohne dafs er erstickt oder seinen Rachen 

schliefst 



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— 269 — 

In der Form unterscheidet sich die moderne Poesie von den 
alten Königsliedern dadurch, dafs sie feste Metren hat. Die 
Königslieder gleichen in gewisser Weise den Ken 5, die oben 
S. 230 besprochen sind. Sie haben wie diese einen durchgehenden 
Reim, aber die einzelnen Verse sind von verschiedener Länge; 
nur sind die Verse der Volkslieder im allgemeinen kürzer als die 
der geistlichen Poesie. In den Tigrifta- und Tigrg-Liedern jedoch 
scheinen feste metrische Systeme zu herrschen; auch scheinen, 
wie sich aus Refrainversen ergibt, Strophenbildungen vorzu- 
kommen. Wie sich diese Metrik im einzelnen darstellt, und wie sie 
sich vor allem zur arabischen Metrik verhält, das aufzuklären 
mufs künftiger Forschung vorbehalten beiben. 

Nachtrag zu S. 203. 

In diese älteste Zeit gehört auch die äthiopische Übersetzung des 
Buches vom Naturkundigen (Physiologus), jener merkwürdigen 
heidnisch-christlichen Sammlung von orientalischen Tiersagen und 
Beschreibungen von Kräften und Eigenschaften gewisser Tiere, 
Steine und Pflanzen, Wie Hommel in seiner Ausgabe und Über- 
setzung dieses Buches gezeigt hat, ist es aus dem Griechischen 
übersetzt. 



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Die im zweiten Teile gegebenen Übersetztingen sind nach 
folgenden Ausgaben angefertigt: 

S. 229 nach Guidi, »Qeng« o inni abissini, Roma 1901, No. X. 

S. 230 nach Turaiev, SelläsS za-negus Nä'od (Virschi Tsarya 
NaodaX St.-Petersburg 1904, No. II, XXII, XXIV. 

S. 239 nach Litt mann, The Princeton Ethiopic Magic Scroll, in 
Princeton University Bulletin 1904, S. 34. 

S. 239 nach Litt mann, Arde'et: The Magic Book of the Discipies, 
Journal of the American Oriental Society, 1904, S. 13 u. 18. 

S. 242 nach Turaiev, Monumenta Aethiopiae Hagiologica, Fasci- 
culus I, Lipsiae 1902, S. 9 und 12/13. 

S. 245 nach Conti Rossini, I manoscritti etiopici della Missione 
Cattolica di Cheren, Roma 1904, No. 34. 

S. 246 ff. Inhaltsangabe nach Bezold, Kebra Nagast, München 1905. 

S. 249 nach Turaiev, Bogatstvo Tsarey, St Petersburg 1901. 

S. 25 1 f. nach dem Original bei B a s s e t , fitudes sur THistoire d'fethiopie, 
Paris 1882, verglichen mit BSguinot, La Cronaca abbreviata 
d'Abissinia, Roma 1901, S. 117—119. 

S. 252 f. nach Schleicher, Geschichte der Galla, Berlin 1893, S. 5/6 
u. S. 33—37, verglichen mit Littmann, Zu A.W. Schleichers 
Geschichte der Galla, in Zeitschrift für Assyrioiogie, Bd. XI, 
S. 398/399. 

S. 254 ff. nach Littmann, Philosophi Abessini, Parisiis 1904, S- 3/4, 
20, 57/58. 

S. 261 ff. Sprichwörter und Fabeln nach Ludolf , Ad suam Historiam 
Aethiopicam Commentarius, Francofurti 1691 ; Guidi, Proverbi, 
strofe e racconti abissini, Roma 1894; Mondon-Vidailhet, 
Proverbes Abyssins, Journal- Asiatique, 1904, S. 487 ff. 

S. 264 ff. nach Guidi, Le canzoni geez-amarifta, Roma 1889; die Über- 
setzung beruht auf den mündlichen Erklärungen des abessini- 
sehen Gelehrten Kefla Giorgis in Jerusalem; verglichen wurde 
Pereira, Cancäo de Galavdevos (Lisboa) 1898. 

S. 267 nach Conti Rossini, Canti popolari tigrai, Zeitschrift für 
Assyrioiogie XVII, S. 23 ff.; XVIII, S. 320 ff., No. 5, 6, 20, 115. 

S. 267 f. nach Tigrg-Handschriften, die mir vom schwedischen Missionar 
R. Sundström in Gheleb geschickt wurden. 



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Register. 



C. Brockelmann, Die syrische und die christl.-arab. Litteratur. 



Abdischo 63. 

Abgarbrief 7. 

Abul-Barakat ibn Kibr 72. 

Addais Lehre 31. 

Afrahat 15. 

Agapius von Mabbug 69. 

Anaron bar Madani 60. 

Ahiqar 4. 

Ahrens 40. 

Alezanderlied 26. 

Amr ibn Mattai 70. 

Antonius Rhetor 53. 

Arendzen 68. 

Athir addin al-Abhari 61. 

Avicenna 61. 

Balai 19, 22. 
Bardaisan 10. 
Barhebräus 60, 69. 
Bäthgen 57. 
Bedjan 26. 
Belfour 72. 
Benfey 45. 
Bert 16. 
Bickell 22, 45. 
Bousset 5. 
Braun 54. 
Bruns 40. 
Budge 54. 62. 
Burkitt 10, 15, 16, 66. 
Butrus al-Bistani 73. 
Butrus ibn al-Rahib 72. 

Chabot 59, 64. 
Chronik, anonyme 51. 
Chronik, edessenische 7, 37. 
Conybeare o. 
Cynllonas 22. 

Damianus 65. 
Dionysius bar Salibi 58. 
Dionysius von Tellmachre 53. 



Elias bar Schinaja 56, 69. 

Elias von Tirhan 56. 

Ephraem 16 

Erkenntnis der Wahrheit 56. 

Eusebius 6. 

Eutychius 71. 

Fabeln 58. 

Gabriel Farhat 73. 
Gennadius von Marseille 16. 
Georg der Araberbischof 50. 
Gesetze der Kaiser 40. 
Gesetze der Länder 11. 
Giwargis Warda von Arbel 63. 
Gomperz 7. 
Goussen 51. 

Gregor der Erleuchter 16. 
Grimme 19. 

Hallier 38. 

Hananischo bar Seroschewai 55 

Harmonius 11. 

Harnack 7. 

Harris 5. 

Hierotheos 29. 

Hochfeld 58. 

Hoffmann 15, 33. 

Horst 56. 

Hunain ibn Ishaq 54. 

Hunnius 26. 

Hymnus von der Seele 12. 

Ibn Salah al-Armeni 72. 
Isa ibn Ishaq 68. 
Isaak von Antiochia 23. 
Ischo bar Ali 54. 
Ischo bar Bahlul 55. 
Israel von Alkosch 65. 

Jaballah 64. 

Jakob von Edessa 25, 47. 



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akob von Nisibis 16. 

akob von Sarug 25, 29. 

akob bar Schakko 59. 
Jausip von Tellkef 65. 
Jeschu bar Schuschan 55. 

esuiten in Bairut 74. 

'ohannes von Ephesus 35. 

ohannes von Mawana 65. 

ohannes bar Zubi 59. 

oseph Huzaya 49. 

osephsgeschichte 19. 
Josua Stylites 37. 

ulianus Apostata 17, 38. 

Kalilag und Damnag 44, 57. 
Kayser 57. 
Krüger 40. 



Land 36. 
Lebedew 72/73. 
Lidzbarski 5. 
Lipsius 31. 
Lukian 6. 

Macarius von Antiochia 72. 

Macke 15. 

al-Makin ibn al-Amid 72. 

Ma ( nä 40. 

Mann Gottes 34. 

Mara bar Sarapion 6. 

Marc 5. 

Mari ibn Sulaiman 70. 

Marquart 7, 10. 

Martyrologien 31. 

Marutha von Maiperkat 32. 

Merx 10, 30. 

Michael 58. 

Mikirditsch al-Qasih 73. 

Moses von Aggel 39. 

Moses bar Kefa 54. 

Narses 24, 49. 
Nasif al-Jazidschi 73. 
Naturgegenstände, Buch der 44. 
Nau II. 

Nikolaus Sä'ig 73. 
Nilliturgie 66. 
Nisibenische Hymnen 17. 
Nöldeke 35, 39, 45, 51. 

Palladius 51. 

Paulus von Aleppo 72. 



272 — 



Paulus von Derschahr 41. 
Paulus von Ragqa 40. 
Paulus von Telia 46. 
Peschitta 9. 
Philippos 11. 
Philoxenos 27. 
Physiologus 44. 
Preuschen 10. 
Probus 41. 
Prym 66. 
Pseudokallisthenes 45. 

Rabbula 8, 33. 

Sachau 40. 65. 

Sahdona 50. 

Said ibn Batriq 71. 

Saliba bar Johannan 70. 

Salomo von Basra 62. 

Schönfelder 37. 

Schulthess 6. 

Sergius von Resaina 42. 

Sergius Wahban 64. 

Severus von Antiochia 6. 

Severus von Aschmunain 71. 

Severus von Edessa 17. 

Severus Sebocht 46. 

Simeon von Beth Arscham 39. 

Simeon Schanqelawaja 59. 

Sindban 57. 

Smith Lewis 5, 8. 

Socin 66. 

Stephan bar Sudaili 29, 

Tabari 39. 
Tatian 8. 
Tenzonen 65. 
Theodor bar Choni 55. 
Theodor von Marw 41. 
Theodor abu Qarra 68. 
Theophilus 52. 
Thomas von Heraklea 46. 
Thomas von Marga 54. 
Thomas Singari 65. 
Titus von Bostra 6. 

Vasiljew 69. 
Violet 67. 



Weber 26. 
Westphal 71 
Wright 31. 

Zacharias Rhetor 39* 



Berichtigungen. 

S. 59 Anm. 1. £ditee .... traduite par J. B. Chabot 
S. 88 Z. 9 Philosophe Esnik dem 1. Philologe Esnik den 



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— 273 — 



F. N. Finck, Geschichte der armenischen Litteratur. 



Agathangelos 89 f. 
Alanen 78. 
Albanier 105. 
Alexios 1 14. 
Alp-Arslan 111. 
Amalrich 112. 
Amir Dowlath 127. 
Ananias v. Narek 107. 
Ananias v. Schirak 103 f. 
- Andreas 103. 
Ani 111. 

Aphthartodoketen 106. 
Apirat 113. 
Araber 78. 

Aristakes v. Lastiwert 111. 
Artaschat 86, 97. 
Artasches II. 78, 79. 
Aschot I. 107. 
Aschot II. 107. 

Aschot III. d. Barmherzige 119. 
Athanasios v. Alexandria 84. 

Bagratiden 106 f. 
Barbarossa 111. 
Bartholomäus v. Bologna 126. 
Basilios v. Caesarea 83, 84. 
Basilios, Katholikos llo. 
Bela 115. 
Bibelübersetzung 83 ff. 

Chalcecfbn 78. 

Chasaren 105. 

Chosrow III. d. Arsakide 82. 

Chosrow d. Gr., Bischof 107. 

Chosrow IL Parves 104. 

Coelestinus III. 112. 

David d. Unbesiegte 96 f. 
Diodor v. Tarsos 88. 
Diokletian 100. 
Dionysios Areopagites 1 14. 
Dionysios Thrax 125. 
Dvin 106. 

Edessa 117. 

Elisäus 97 ff. 

Emed-ed-din Zenghi 117. 

Ephesus 86. 

Ephraim d. Syrer 84. 

Epikuräer 87. 

Epiphanios v. Konstantia 103. 

Esnik v. Kolb 85 ff. 

Faustus v. Byzanz 90. 
Friedrich Barbarossa 111. 

Litteraturen des Ostens. VII, 2. 



Gagik I. 107, 110, 111. 

Gagik IL 111. 

Gnostiker 87 f. 

Gregor VI. 112. 

Gregor v. Aghthamar 127 f. 

Gregor d. Erleuchter 90, 91, 117, 

126. 
Gregor d. Kind 119. 
Gregor II. d. Märtyrerfreund 113. 
Gregor Magistros 110 f., 1 13, 1 16. 
Gregor v. Narek 107 ff. 
Gregor v. Nazianz 84. 
Gregor v. Nyssa 84. 
Gregor III. d. Pahlawunier 113, 

lf5. 
Gregor v. Tathew 126. 
Griechen 80. 
Griechentum 84 ff. 

Heidnische Dichtungen 77 f. 

Heinrich VI. 112. 

Heinrich, Kön. v. Cypern 112. 

Herakleios 104. 

Herakles 77. 

Hethum I. 123. 

Hethum d. Geschichtschreiber 126. 

Hippolytus v. Rom 103, 

Hunnen 105. 

Hymnarium 117. 

Ignatios v. Schwarzberg 118. 
Isabella 112. 

Jakob v. Nisibis 108. 
Jesdegerd II. 98. 
Johann VI. 106 f. 
Johannes d. Diakon 117. 
Johannes Chrysostomos 84, 115. 

118. 
Johannes v. Ersnka 124. 
Johannes d. Mandakunier 97. 
Johannes v. Narek 107. 
Johannes v. Odsup 105 f. 
Johannes v. Tavusch 122. 
Johannes v. Thlkuran 127. 
Josselin v. Cortenay 113. 
Julian v. Halikarnass 106. 
Justinian 91. 

Kanones 106. 
Kilikien 80. 
Kirchenrecht 106. 
Klemens XL 130. 
Komitas 100 ff. 
Konrad, Kardinal 112. 

18 



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— 274 — 



Konstantinos Monomachos 110. 
Konstantin v. Ersnka 126. 
Koriun 88 f. 

Ky riakos v. Gandsak 123. 
Kyrillos v. Jerusalem 84. 

Lazar v. Pharpi 99. 
Leontios 106. 
Lewon IL 111. 124. 
Lewon III. 112. 
Lewon IV. 112. 
Liturgie 83. 
Lusignan 112. 

Mambre 96. 

Mamelucken 112. 

Manuel 114. 

Manuk v. Sebaste 129. 

Manuscheh 110. 

Marcion 87 f. 

Matthäus v. Edessa 118. 

Mechithar v. Airiwankh 126. 

Mechithar Gösch 120, 122, 124. 

Mechithar v. Her 120. 

Mechithar v. Sebaste 129. 

Mechitharisten 81, 129. 

Melikh-el-Aschraf Schabar 112. 

Mesrop 82 ff. 

Michael 115. 

Mihrakan 105. 

Mihr-Nerseh 98. 

Mkrtitsch d. Maler 127. 

Moses v. Chorene 77, 90 ff., 103. 

107, 118. 
Moses v. Kalankatukh 104 f. 
Muawija 104. 
Mythen 77 f. 

Nahapet Kutschak 127 ff. 

Narek 107 ff. 

Nerses I. 82. 

Nerses v. Lambron 108, 121. 

Nerses Schnorhali 113 ff. 

Paulikianer 106. 
Peripatetiker 87. 
Peros 104. 
Perser 87. 
Peschito 84. 



Phantasiasten 106. 
Platoniker 87. 
Pythagoräer 87, 
Pyrrho v. Elis 96. 
Rhipsime 100 ff. 
Rom-Klah 113, 121. 
Rüben 111. 

Sagen 77 f. 

Sahak d. Bagratide 91. 
Sahak d. Grofse 82 f. 
Sajath-Nova 129. 
Samosata 115. 
Sathinik 78. 
Samuel v. Ani 118. 
Sebeos 104, 106. 
Seldschuken 111. 
Sergius Schnorhali 118. 
S. Lazzaro 130. 
Smbat I. 107. 
Smbat, Kronfeldherr 123 ff. 
Sokrates Scholasticus 91. 
Sonnensöhne 115. 
Stephan d. Gelehrte 113. 
Stephan d. Orbelier 126. 
Stephan v. Taron 109 f. 
Stoiker 87. 
Sylvester 91. 

Tarson 112. 

Theodor v. Mopsuestia 88. 
Thomas d. Artsrunier 106 f. 
Thomas v. Medsoph 126 # 
Trdat 90, 91, 100. 

Unitoren 126. 

Wahagn 77. 

Wahan 97. 

Wanakan 122. 

Wardan d. Grofse, 122, 124. 

Wardan d. Mamikonier 98. 

Waspurakan 107. 

Wassag d. Pahlawunier 110. 

Wassag v. Siunikh 98. 

Wramschapuh 82. 

Zervaniten 87. 



J. Leipoldt, Geschichte der koptischen Litteratur. 



Abgar 140, 173. 
Abvdus 154. 

Achmim 145 ff., 150, 152, 154 ff., 
163, 180. 



Adam 170. 
Adambuch 155. 
Aethiopien 142, 166. 
Afrem s. Ephraim. 



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- 275 — 



Agrippas 172. 

Alchemie 171. 

Alexander d. Grofse 133. 

Alexander v. Alexandria 180. 

Alexanderroman 159. 

Alexandria 133, 140 ff., 149, 177 ff. 

Alloe 174. 

Altachmimisch 147. 

Amnion 160. 

Amphilochius v. Ikonium 180. 

Amun 160. 

Anaphora 149. 

Anastasius 182. 

Andreas, Apostel 144. 

Anna, heilige 176. 

Antiochia 140, 149. 

Apis 160. 

Apostelgeschichten 142 ff. 

Apries 160. 

Araber 133, 137, 142, 144 ff., 151, 

154, 156 f., 161 f., 174 f., 178 ff., 

182 
Archellites 167 ff. 
Archylides 167. 
Armenien 179. 
Aswan 147. 
Assyrer 133, 159. 
Athanasius 141, 165, 180. 
Athen 133, 169. 
Atripe 181. 

Babylonier 159. 

Bacchus 134. 

Baruch 155. 

Baschmurisch 155. 

Basilius der Grofse 141, 149, 180. 

Benofer 181. 

Berytus 169. 

Bes 150. 

Besä 153 f. 

Bibel 139, 145, 152 f, 155, 161 f., 

176, 179, 181. 
Blemyer 157. 

Bohairisch 144, 151, 154 f., 178 ff. 
Bothor 160. 
Byzanz 157. 

Caesarea Palaestinae s. Eusebius. 
Canones ecclesiastici 142. 
Chalzedon (Konzil 451) 140, 178. 
Chemmis 145. 
Cherubin 164, 170. 
Chrysostomus s. Johannes. 
Cynll v. Alexandra 141, 165, 180. 
Cyrus (Erzbischof) 158. 

Dadianos 182. 
Damianus 144. 



David 163, 170. 

Demotisch 137. 

Der elabiad 146. 

Der elachmar 147. 

Dezius 134, 136. 

Diodor 161. 

Diokletian 136, 164, 167, 180. 

Dionysius 158, 162. 

Dioskur v. Alexandria 165, 180. 

Bdessa 137. 

Edom 160. 

Egoosch 157, 166. 

ERas 170. 

Elisabet 181. 

Emmanuel 170. 

Ephesus 133, 142, 178. 

Ephraim der Syrer 141. 

Epiphanius v. Konstantia (Sala- 
mis) 141, 145. 

Ese s. Isis. 

Esne 147. 

Esrabuch, viertes 140. 

Euchodius v. Rom 180. 

Eusebia 182. 

EuseShis v. Caesarea Palaestinae 
149, 154. 

Eusignius 167. 

Evangelien 142 f. 

Faijum 155 f., 179. 

Gabala s. Severian. 

Gallien 160. 

Georg, heiliger 144, 181 f. 

Gnostiker 140, 145. 

Gomorrha 178. 

Gregor v. Nazianz 141, 180. 

Gregor v. Nyssa 180. 

Griechen 133 ff. 

Hape 160. 

Heiligenlegenden 142 ff. 
Hellenen s. Griechen. 
Herakles 134. 
Hermas 140. 
Hermopolis 178. 
Herodot 133, 161. 
Hesychius lo9. 
Hethiter 160. 
Hierakas 145. 

Hieroglyphen 134, 137, 145. 
Hieronymus 145. 
Hophra 160. 
Hör 172. 
Horsiese 144. 
Horus 172. 
Humisi 169. 

18* 



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276 — 



Ignatius 140, 180. 
Ikonium s. Amphilochius. 
Inder 141. 
Inkubation 151. 
Irenäus von Lyon 137. 
Ischariot s. Judas. 
Isis 134, 144, 172. 

Jakobusprotevangelium 140. 

Jambres 176. 

Jannes 176. 

Jesaba 166. 

Jeu 140. 

Johannes, Apostel 144. 

Johannes Chrysostomus 141, 169, 

180. 
Johannes von Schmun 178. 
Joseph 143. 

Judas Ischariot 144, 156. 
Juden 156. 
Julian d. Abtrünnige 136. 

Kairo 178. 

Kambysesroman 159 ff. 
Kappadozien 149. 
Kelten 137. 

Klemensbrief, erster 145. 
Kolluthus 144. 
Konstantin d. Grofse 166. 
Konstantinopel 158, 169. 
Korinth 133. 
Kosmas 144. 
Kronos 150. 
Kusch 166. 

Latein 137, 145. 
Lausiakum 180. 
Leontopolis 145. 
Liberius v. Rom 141, 165. 
Litotes 149. 
Liturgien 142, 180. 
Lykopolis 134. 
Lyon 137. 

Märtyrerakten 142 ff., 151, 180. 

Makarius 180. 

Maria 143, 170, 176, 181. 

Matthäus d. Arme 154. 

Mazedonien 133. 

Meder 160. 

Medizin 171 ff. 

Memphis 160. 

Memphi tisch 155, 178. 

Menfe 160. 

Metastasis des Johannes 144. 

Michael 172. 

Mittelägyptisch 155. 



Moab 160. 
Monophysiten 180. 
Moses 154. 
Mosesapokalypse 155. 

Nabuchodonosor 159. 
Nazianz s. Gregor. 
Nebukadnezar 159. 
Nereiden 134. 
Nero 176. 

Neuachmimisch 147. 
Nicäa (Konzil 325) 140, 178. 
Nubier 157, 166. 
Nyssa s. Gregor. 

Ogb 160. 

Pachom 144 ff., 153, 176, 180. 

Palästina 167. 

Palamon 176. 

Palladius v. Helenopolis 180. 

Panopolis 145, 177. 

Panos (= Panopolis) 177. 

Paradies 164. 

Paulus, Apostel 144, 176. 

Paulus v. Theben 180. 

Paulusakten 145, 147. 

Pbow 144. 

Perser 133, 156 f., 159 ff. 

Petrus, Apostel 164, 176, 180. 

Petrus v. Alexandria 140, 180. 

Pgol 146. 

Pharao 134, 160 f. 

Phönix 177. 

Phoibamon 176. 

Physiologus 173 f. 

Pilatus ß6. 

Pistis Sophia 140. 

Plato 135. 

Plotin 134. 

Poimandres 135. 

Polykarp von Smyrna 180. 

Porzia 156. 

Pschaj 147. 

Pseudokallisthenes 159. 

Ptah 150. 

Ptolemäer 134. 

Pythagoras 135. 

Rabsake 161. 

Rakote 177. 

Raphael 158. 

Rom 134 f., 141, 161, 180. 

Romanus 167 f., 176. 

Rotes Kloster 147. 

Saba 165 f. 
Saidisch 138 ff. 



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— 277 - 



Salamis s. Epiphanius. 

Salomo 162 ff., 170. 

Sarapis 134. 

Satan 173. 

Schenute 136, 139, 144, 146 ff., 

156 f., 163, 165, 171, 181. 
Schmin 145. 
Schmun 178. 
Sebastea 144, 173. 
Seleuziden 134. 
Semiten 134, 138. 
Severian v. Gabala 141, 180. 
Severus v. Antiochia 180. 
Siebenschläfer 144. 
Sinai tikus, Kodex 139. 
Sjut 134. 
Sodom 178. 

Sozomenus Scholastikus 144. 
Symeon (Säulenheiliger) 181. 
Synaxar 168. 
Synkletike 167 f. 
Syrien 134, 137, 139, 141, 159. 

Tabennese 144, 176, 181. 
Taphnas 160 f. 



Tartarus 173. 

Textkritik 155. 

Thebais 136, 138, 144 f., 147, 176, 

180. 
Theben 180. 

Theodor v. Tabennese 144, 181. 
Theodosius III. (Kaiser) 158, 162. 
Theophilus v Alexandria 141, 180. 
Theopista 167. 
Theotokia 181. 
Triadon 175 ff. 
Trishagion 170. 

TJntersaVdisch 145. 

Vatikanus, Kodex 139. 
Viktor, Märtyrer 176. 

Waphre (Hophra) 160. 

Weifses Kloster 146, 152, 154, 

159. 
Weisheitslitteratur 163. 

Xenophon 161. 

Zauberei 172 f. 



E. Littmann, Geschichte der äthiopischen Litteratur. 

(Die Heiligenleben sind zum Teil unter Gadla..., zum Teil unter den Namen 
der betreffenden Heiligen verzeichnet.) 



Abbä Salämä 194. 

Abu Schäkir 2J6, 254. 

Adal 198. 

Adam und Eva, Legende von 228. 

Adonai 237. 

Aguryos 237. 

Aidesios 194. 

«Aizana 193, 196. 

Aksum 191, 193, 221, 254, 255. 

Alexanderroman 217, 233, 263. 

Amäda Mestir 222. 

Amata Iyasus 252. 

Ambä 190. 

«Amda Mikä'el 244. 

«Amda Sion 197, 198, 206, 207, 

211, 213, 239, 244, 250, 263. 
Amhara 265. 
amharisch 192, 219, 221, 222, 223, 

260; vgl. Königslieder. 
Ankasa Amin 216. 
Anoreos 211, 241. 
Antiochien 194, 223. 
Antiphonien (Antiphonarium) 211, 

214, 231; vgl. Mawäse'et. 
Apamea 223. 



Apokalypsen 212, 233. 
Apostelakten (Gadla Hawaryät) 

206, 228. 
arabisch 204, 205, 225, 226. 
Aragäwi 211, 244. 
Aragäwi Manfasäwi 213. 
Arbad 268. 
Arde'et 238, 239. 
Ar^anöna Dengel (Weddäse") 212, 

Aron der Wundertäter 244. 

Asmäta Egzi'ena 238. 

Asnäf Sagad (Claudius) 266; vgl. 

Galäudeos. 
Asrät 252. 
Atenäteos 219. 
Atne 252. 
Azäryäs 248. 

Ba'eda Märyäm 213. 
Bährey (General) 252. 
Bährey (Mönch) 219, 252. 
Baina-lebkem 247; vgl. Menilek 1. 
Bakäffä 218, 250, 251. 
Barlaam und Josaphat 216, 217, 
233, 263. 



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— 278 — 



Barreto, Nunez de 199. 

Baruch 227, 234. 

Bäryä 268. 

Basalota Mikä'el 241, 244. 

Basset 187. 

Be'la Nagastät 249. 

Belätenge*tä 251. 

Bete 252. 

Bernä'el 234. 

Bersäbehelyos 238. 

Besu'a Amläk 244. 

Bezold 187. 

Bibel 205, 223 ff.; vgl. Testament 

Bismär 264. 

Bitwaddad 251, 252. 

Brancaleone 208. 

Brevier 220. 

budä 236. 

Charles 187. 

Christentum in Abessinien 194; 

vgl. 228. 
Chronik, abgekürzte 218, 220, 250. 
Chroniken 207, 212, 213, 250; 

vgl. Geschichtschreibung und 

Abu Schäkir. 
Chrysostomos 213, 232. 
Confessio Claudii 215; vgl. Ga- 

läudeos. 
Conti Rossini 187, 218, 259, 267. 

Dabra Berhän 251, 252. 
Dabra Bizan 212. 
Dabra Libänos 211, 216, 217, 259. 
Dabra Metmäk 230. 
Daggäfotsch 253. 
David 247, 248. 
David I. 207. 
Debterä 253. 
Degguä 214, 231. 
Del Wambarä 266; vgl. 241. 
Dembeyä 266. 
Derär 268. 

Dideskelyä (Didascalia) 214, 228. 
Dillmann 188. 

Dionysios, Bischof des Morgenlan- 
des 213. 
Domitius 246, 248. 
Dschamil 268. 
Dschän tfasanä 253. 
Dschän Ma'asere 253. 

Egzi'abtier Nagsa 209, 212, 231. 
El, Elöhe, Elohim 237. 
Ela-«Amida 193. ^ 
Elesbaas 243. 
Elias 234, 238. 



Elos 268. 
Emar 266. 
«Enbäkom 216, 217. 
Eostäteos 212; vgl. Eustathios. 
Eosie" vgl. l£ue"dsari. 
Erbauungsliteratur 233. 
Eschtiakl268. 
Eskender 197. 
Esra 208, 227, 234. 
Eustathios 204, 244 ; vgl. Eostäteos 
Eustathianer 232, 244. 
Evangelien 203, 223, 225. 

Fabeln 222, 263. 

Falascha 191, 197, 226,233; vgl. 

Juden. 
Fäsil 252. 

Fäsiladas 200, 246, 252. 
Faus Manfasäwi 221. 
Fedel 268. 
Fekkäre" Iyasus 208. 
Fekkäre* Malaköt 215. 
Fetba Nagast 218, 231, 259. 
Fitfpos von Dabra Bizan 212, 241, 

Filtpos von Dabra Libänos 211, 

239, 241, 242, 243, 244. 
Frumentios 194. 

Gabra Manfas Keddus 207. 
Gabra Masfcal 2*49. 
Gadla Fittpos 243; vgl. Filipos. 
Gadla Giorgis 213. 
Gadla tJawäry ät 206 ; vgl. Apostel- 
akten. 
Gadla Samä'etät 207, 210, 243. 
Galäudeos (Claudius) 198, 199, 

200, 215, 216, 218, 245, 264, 

265, 266. 
Galla 192, 200, 215, 219, 222, 

245, 253; Geschichte der Galla 

252; vgl. Zenähu. 
Gama, Christoph da 199. 
Gannat 211. 
Garimä 211. 
Gebet im Lande der Parther 210, 

238 
Gebet* auf Golgatha 210. 
Gebet in Ägypten 210 ; vgl. Zauber- 

litteratur. 
Ge<ez 189. 191, 204, 212, 213, 260. 
Georgios 217. 
Geschichtschreibung 206, 218, 220 ; 

vgl. Chroniken. 
Giorgis walda Amid 213, 216, 254. 
Gnosis 237. 
Goa 199. 



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— 279 — 



Gondar 200, 252. 

Graft 198, 199, 215, 216, 222, 

245, 266. 
Gregorius 234, 246, 248. 
Guedelä 265. 
Guidi 187, 226, 230, 244. 

Habäb 268. 

Habtu 256. 

Haläbä 265. 

Halevy 187, 234. 

Hamiten 190, 197, 235. 

Harar 198. 

Harari 260. 

Hasäb Retu< 220. 

Hatatä 221. 

Häymänota Abau 215. 

Heiligenleben 205, 210, 21 1, 241 ff. 

Hemad 268. 

Henoch 227. 

Hermas, Hirt des 227. 

Hesych 224. 

Heyling, Peter 200, 221. 

Homilien 205, 209, 210, 211, 213. 

Hommel 269. 

Hymnen 209, 212, 214, 228 ff., 

258; vgl. Kens. — Biblische 

Hymnen 229. 

Ibn al-<Assäl 218. 

Inschriften 193, 194, 249. 

Isaak 208, 264. 

Isaiae, Himmelfahrt 227. 

Ismän 266. 

Israel 249. 

Isu'u Elmasi 238. 

Iyo'äs 240. 



Jerusalem 204, 223, 247, 248, 249. 

Jesuiten 215, 219, 220, 221, 245. 

Johannes I. 245. 

Johannes IV. 200. 

] ohannes (Heiliger) 244. 

Johannes v. Nikiu 219, 254. 

Johannes, Priester 198. 

Johannes, Prior 217. 

Johannes Saba 213. 

Jubiläenbuch 227. 

Juden 196, 225, 233 ; vgl. Falascha. 

Justinus 249. 

Justus 197. 



Kairo 204. 

Käle-b 214, 243, 244, 249. 

Käsä (Theodor II.) 200, 208. 



Keberyäl 219. 

Kebra Nagast 196, 206, 233, 246 ff. 

Kefla Johannes 262. 

Kefcdata Saytän 209. 

Keng 212, 229, 230, 258, 269; 

vgl. Hymnen. 
KeTilos 203. 
Khailu 220. 
Khedär 252. 

Kirchengeschichte 240, 241. 
Kiros 237. 
Kogat 266. 
Königslieder 222, 260, 263 ff., 269; 

vgl. 206. 
Kopten und koptische Kirche 195, 

245, 255. 
Koptische Sprache und Litteratur 

204, 205. 
Kuedsari Eoste 252. 
Kutscho 251, 252. 

Labartu 239. 

Läbolä 265. 

Lälibalä 204, 207, 244. 

Lamia 239. 

Lebna Dengel 198, 213, 218, 222, 

245, 250. 
Lefäfa Sedek 210. 
Lesäna tärik 213. 
Lilith 239. 
Lima, de 198. 
Liturgien 205, 228. 
Loggo 260. 
Lucian 224. 

Mabä'a $ion 244. 

Mahadschum 238. 

Mahrem 249. 

Makatar 266. 

Mäkedä 247. 

Mäkhbara Me'emanän 231. 

Makkabäerbücher 228. 

Malak Sagad vgl. Sarsa Dengel. 

Malke» 212, 231. 

Malke'a Märyäm 212. 

Malke'a Takla Häymänot 217. 

Märchen 263. 

Markos 252. 

Martyrien 205. 

Märyäm Bäryä 252. 

Märyäm Sennä 219. 

Mashafa Bährey 209, 232. 

Mashafa Berhän (Buch des Lichts) 

2Ö9, 232, 239, 259. 
Masfrafa Faläsfä Jabibän 258. 
Mashafa Genzat 206, 231. 
Masfiafa Häwi 216. 



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— 280 — 



Mashafa Kandil 216. 

Mashafa Kedr 232. 

Mashafa Kidäna Egzi'ena 214. 

Mashafa Kufäfe 227. 

Mashafa Mestfr 208. 

Mashafa Miläd 209. 

Mashafa Nessefcä 216, 232. 

Mashafa Sä'atät 206. 

Maskarram 251. 

Massaua 268. 

Mäsyäs 237. 

Mathaeus 198. 

Mawäse'et 214, 231; vgl. Anti- 

phonien. 
Mazmüra Krestos 217. 
Mekka 195. 

Mendes, Affonso 199, 255. 
Menilek I. 201, 213, 247, 248. 
Menilek II. 200, 223. 
Me'räf 214, 231. 
Meropios 194. 
Michael 230, 234, 248. 
Minäs 218. 

Mönche 190, 216, 253. 
Mönchsleben(Mönchtum)203, 205, 

213. 
Munzinger 259. 

Na'akueto la-Ab 211, 244. 
Nagara Gälla 258. 
Nagran, Leute von 243. 
Namen, abessinische 241; vgl. 

Zaubernamen. 
Nä'od 212, 213, 229, 230, 250. 
Nasraddin 266. 
Natscho 252. 
Neger 190, 197, 235. 
Negranni Semeka 238. 
Nöldeke 188. 
Nubien 195. 



Octateuch 225. 
Origenes 224. 
Oviedo, Andr6 de 199. 

Pachomius 203, 244. 

Pantaleon 211. 

Pereira 187. 

Philologie 258. 

Philosophie 254 ff. 

Physiologus 269. 

Praetorius 188. 

Profanhistorie 210, 249 ff.; vgl. 
Chroniken, Geschichtschrei- 
bung. 

Psalter 229. 



Rä>eya Sinodä 208. 
Ritual 220, 231. 
Rodriguez 199. 
Rom 208, 233, 247, 249. 
Rüppel 220. 

Saadia Gaon 226. 

Saba. Königin von 193, 195, 196, 

20i. 
Sabä'ot 237. 
Sadok 247. 
Saläm 231. 
Salämä, Abbä 194. 
Salämä, Metropolit 205, 207, 225. 
Sälik 217. 

Salomo 193, 196, 201, 247, 248. 
Salomoniden (salomonisches Haus) 

197, 200, 204, 206, 246, 249. 
Samälyäl 249. 
Saragalä Elyäs 238. 
Sarsa Dengel (Malak Sagad) 216, 

217, 218, 219, 264. 

tawana Nafs 215. 
awäsew 258. 
Scheme 266. 
Schenuti 208. 
Schoa 196, 200, 211, 266. 
Schrift, äthiopische 194. 
Sekut 251, 252. 
Seiläse 212, 229, 230. 
Semiten 191, 192. 
Sendscha 265. 
Senkesar vgl. Synaxar. 
Senodos 214, 231. 
Septuaginta 223. 
Sei^ata Mangest 207, 259. 

tirusäydän 228. 
prichwörter 222, 261, 262. 
Stammessagen 263. 
Stefaniten 232. 
Streitschriften (theologische) 220 ; 

vgl. 216. 
Susneos (König) 199, 200, 219, 

220, 221, 240, 255, 256. 
Susneos (Heiliger) 239. 
Synaxar 210, 212, 245. 

Ta'äkbo Mestir 209, 232. 
Ta'ämra Giorgis 213. 
Ta'ämra Märyäm 209. 
Ta'ämra Märyäm wa-Iyasus 209, 

233. 
Tabiba Tabibän 231. 
Täkhsäs 252 
Takla Häymänot 196, 197, 211, 

244, 249. 
Talmid 217. 
Tamrin 247. 



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— 281 — 



Tärika Malak Sagad 218. 
Tasfä Iyasus 251. 
Tazana 194. 
Te>ezäza Sanbat 234. 
Tefcäken Belätenggtä 252. 
Tekemt 251, 252, 266. 
Terguäme Mal'ekt 213: vgl. 232. 
Terguämg Wangglät 213. 
Testament, Altes und Neues 203, 

223 ff.; vgl. Bibel. 
Theodor 1. 207. 208. 244. 
Theodor IL 200, 208, 222. 
Tigre (tigrisch) 192, 223, 260, 266, 

267, 269. 
Tigrifia (tigrinisch) 192, 223, 260, 

266, 267; 269. 
Tomära Tesbe'et 210. 
Tscherkin 252. 
Turaiev 187, 244. 

«Useft 252. 

Visionen 233. 
Volkslieder 222. 263 ff. 
Volkslitteratur 222, 260 ff. 
Vulgata 220, 225. 

Wakhni 252. 
Walatta Mangest 252. 
Walatta Pgtros 245. 
Walatta SeUäsS 252. 
Walda Heywat 254, 256 f. 
Wark Sakalä 251. 



Warkie" 254. 

Weddäsg Märyäm 205, 206, 212, 

222, 229, 231. 
Werzelyä 239. 
Wörterverzeichnisse 222. 
Wundererzählungen 209,233 ; vgl. 

Ta'ämra. 

Yahwe, Yäu 237. 
Yakätit 252. 
Yä'kob 254. 
Yäre-d 211, 244. 

Yekuno Amläk 196, 213, 218, 
224, 249, 250. 

Zägue" 196, 204, 211, 244, 249. 

Zar'a Berük 245. 

Zar'a Yä«kob (König) 193, 197, 

206, 208, 209, 212, 213, 214, 
218, 228, 231, 232, 233, 239, 
240, 244, 250, 259. 

Zar'a Yä'kob (Keligionsphilosoph) 
193, 202, 220, 221, 254, 256, 
258. 

Zauberei und Zauberlitteratur 209, 
210, 214, 234 ff. 

Zaubernamen 210, 237. 

Zeila 198. 

Zenä Ayhud (Geschichte der Juden) 

207, 254. 

Z5nähomu la-Abau Keburan 211. 
Zenähu la-Gällä (Geschichte der 
Galla) 219, 252 ff. 



18* < 



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Altenburg. 

Pierersche Hofbuchdruekerci 

Stephan Geibel & Co. 



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